Studie: Verzerrt der Journalismus die Realität und wie wirkt sich das aus?

30. Oktober 2014 um 14:13 | Veröffentlicht in Kapitel_3, Kapitel_5, Kapitel_7 | Hinterlasse einen Kommentar

Niklas Dummer von der Wirtschaftswoche hat mich gerade zu einer interessanten Studie interviewt: Eine Befragung in 14 Ländern zeigte, dass die Menschen die Realität der Gesellschaft ganz anders einschätzen, als sie tatsächlich statistisch berechnet ist. So denken die Deutschen zum Beispiel, dass 23 Prozent der in Deutschland lebenden Menschen Migranten sind – tatsächlich sind es nur 13 Prozent. Oder nur 6 Prozent der Menschen in Deutschland sind Muslime – die Einschätzung liegt bei 19 Prozent. Diese Wahrnehmungsverzerrungen gehen offenbar auf die Berichterstattung der Medien und deren Wirkung zurück. Journalismus stellt die Realität nicht 1:1 dar, wie sie ist, sondern wählt aus und setzt Schwerpunkte, betont die Veränderungen und mögliche Gefahren (das “Neue”) und nicht das “Normale”. Im Beitrag der Wirtschaftswoche wird das noch näher erläutert: Einerseits können wir eine “Skandalisierung” und einen “Negativismus” beklagen, andererseits müssen wir uns bewusst sein, dass Journalismus – zu Recht – ein Frühwarnsystem ist und auf nötige Veränderungen besonders stark hinweist.

Deutschland liegt übrigens im Vergleich von 14 Ländern an zweiter Stelle: Nur in Schweden klaffen die Statistik und die Wahrnehmung der Bevölkerung noch weniger auseinander; besonders stark ist der Unterschied in Italien und den USA. Mögliche Gründe dafür? Wir haben hier einen hochwertigen öffentlich-rechtlichen Rundfunk und im Vergleich zu Südeuropa und anderen Erdteilen traditionell eine hohe Verbreitung von Tageszeitungen. Zudem ist auch der Boulevard-Anteil und im Vergleich zu anderen Ländern offenbar auch die Skandalisierung und ein übertriebener Negativismus herzulande relativ gering.

Audio-Podcast zu Innovationen und zur Zukunft des Journalismus

2. Juni 2014 um 15:06 | Veröffentlicht in Kapitel_7, Qualität, Redaktion | Hinterlasse einen Kommentar

Vor sieben Jahren haben sie mit meinem Lehrbuch Journalistik das Studium an der Hochschule Darmstadt begonnen – vor kurzem haben sie mich an der Uni Eichstätt besucht: Mit Birte Frey, Jan-Kristian Jessen und Kersten A. Riechers von “Quäntchen und Glück” durfte ich ein intensives Gespräch zur Zukunft von Tageszeitungen und Verlagen, zu ihrer Bedeutung für die Demokratie und zur Reorganisation von (Lokal-)Redaktionen führen. Herausgekommen ist ein einstündiger Podcast, der vieles anspricht und vertieft, worüber sich Journalisten und Redaktionsmanager heute Gedanken machen. Anlass des Besuchs ist ein Projekt in unserem Masterstudiengang, bei dem wir mit “Quäntchen und Glück” und einem regionalen Zeitungsverlag kooperieren. Die drei ehemaligen Studierenden beraten und unterstützen den Verlag auf dem Weg zu einem modernen Medienhaus.

Zeitungsleser lieben auch lange Texte

4. Oktober 2013 um 17:50 | Veröffentlicht in Allgemein, Journalismusforschung, Kapitel_3, Zeitung | 2 Kommentare

Auch lange Texte werden gelesen: Das 3sat-Magazin “nano” berichtet über ein Projekt der Sächsischen Zeitung in Dresden, bei dem Leser mit einem Scanner markieren, was sie in der Zeitung lesen  - ähnlich den “ReaderScan”-Projekten bei anderen Zeitungen. Mit spannenden Erkenntnissen.

Zeitungsvielfalt nimmt weiter ab – weniger als 100 Vollredaktionen in Deutschland

4. Oktober 2013 um 17:27 | Veröffentlicht in Kapitel_4, Kapitel_7, Zeitung | 10 Kommentare

Die Mediengruppe Madsack, die am Montag erst die Harburger Anzeigen und Nachrichten einstellte, hat in dieser Woche eine Zentralredaktion für Regionalzeitungen angekündigt. Die drei bislang weitgehend eigenständigen Publizistischen Einheiten Märkische Allgemeine Zeitung (Potsdam), Leipziger Volkszeitung und Hannoversche Allgemeine Zeitung werden dann die überregionalen Inhalte aus einer Gemeinschaftsredaktion zugeliefert bekommen und selbst nur noch Regional- und Lokalberichterstattung machen.

Diese Entscheidung des Verlagsmanagements passt in den Trend zur Zeitungskonzentration. Beispiele für Zulieferungen aus Zentralredaktionen geben die Funke-Gruppe in Essen (für WAZ, NRZ, WP und die komplett ohne Redaktion produzierte WR) sowie die Südwestdeutsche Medien Holding, die für die ehemals eigenständigen Zeitungen Frankenpost, Freies Wort, Neue Presse und Südthüringer Zeitung einen gemeinsamen Mantel produzieren lässt, welcher von den ca. 300 Kilometer entfernten “Stuttgarter Nachrichten” zugeliefert wird [Nachtrag 6.10.: Quelle] [Nachtrag 7.10.: meine Darstellung hier ist missverständlich - bitte die Kommentare der Chefredakteure Johann Pirthauer und Walter Hörmann unten beachten, die die Situation bei den vier Zeitungen detailliert darstellen. Auch die genannte Quelle ist offensichtlich nicht korrekt.].

Alle hier in diesem Beitrag genannten Zeitungstitel (bis auf Neue Presse und Südthüringer Zeitung) werden statistisch zu den 130  “Publizistische Einheiten” gezählt. Es fehlt eine Statistik, welche die tatsächlich eigenständigen Vollredaktionen erhebt. Immerhin hat Walter J. Schütz, der in viel aufwändiger Kleinarbeit die Zeitungsstatistik über Jahrzehnte hinweg gemacht hat, in der vorerst letzten Statistik 2012 zwölf redaktionelle Kooperationen vermerkt, die insgesamt ca. 30 Publizistische Einheiten umfassten.

In der heute erschienenen dritten Auflage des Lehrbuchs “Journalistik” schätze ich vorsichtig, dass es weniger als 100 Vollredaktionen in Deutschland gibt (S. 150).

Die nächste Publizistische Einheit ist gestorben

30. September 2013 um 13:01 | Veröffentlicht in Kapitel_4, Kapitel_7, Zeitung | 1 Kommentar

Und wieder stirbt eine Publizistische Einheit in Deutschland: Heute sind die Harburger Anzeigen und Nachrichten zum letzten Mal erschienen. Die Lokalzeitung im Süden von Hamburg hatte zuletzt eine Auflage von ca. 12.000 Exemplaren. Schon seit 2004 gibt es eine Kooperation mit dem Hamburger Abendblatt für den überregionalen Teil – dennoch hatte die Zeitungsstatistik von Walter J. Schütz die  Harburger Anzeigen und Nachrichten, die erstmals am 5. Oktober 1844 erschienen sind, bis zuletzt als eigene Publizistische Einheit ausgewiesen. Haupteigentümer sind die Madsack-Gruppe aus Hannover und zu knapp einem Viertel der Axel-Springer-Verlag. In Hamburg gibt es jetzt nur noch zwei Publizistische Einheiten – von noch vier im Jahr 2012 (die zweite gestorbene ist die Financial Times Deutschland).

Beim NDR-Radio wird das Thema heute mehrfach erwähnt und analysiert. Das NDR-Info-Mittagsecho (13 bis 14 Uhr) wird u.a. ein Interview mit mir senden.

Dritte Auflage des Lehrbuchs „Journalistik“ ist in Druck

11. September 2013 um 13:40 | Veröffentlicht in Allgemein | Hinterlasse einen Kommentar

Im Oktober 2013 wird die dritte Auflage des Lehrbuchs „Journalistik“ erscheinen. Vor kurzem ist die komplett überarbeitete und aktualisierte Version in Druck gegangen. Die Neuauflage ist schon zwei Jahre nach der zweiten Auflage 2011 nötig, weil das Buch so viele Leserinnen und Leser fand und es jetzt schon vergriffen ist. Ich freue mich auch weiterhin über Leserinnen und Leser, die mich auf Fehler hinweisen und Tipps zur Überarbeitung geben (Feedback). Ich werde alles bis zur vierten Auflage sammeln.

Der Druck im Newsroom wächst

4. September 2013 um 16:59 | Veröffentlicht in Journalisten, Kapitel_4, Kapitel_7, Medienökonomie, Newsroom, Qualität, Redaktion, Zeitung | Hinterlasse einen Kommentar

Weil ich in diesem Blog häufig über Trends der Redaktionsorganisation und Redaktionsforschung berichte, verweise ich heute auf den Beitrag von Hans-Joachim Graubner, der vor ein paar Tagen von seiner Arbeit im Newsroom der Stuttgarter Zeitung erzählt hat. Der Druck sei stark gestiegen, immer mehr Seiten müssten von der gleichen Mannschaft betreut werden – plus neue Publikationskanäle wie Website, Facebook und Twitter. Ein eindrückliches Beispiel dafür, wie die Aufgaben am Newsdesk wachsen. Der Beitrag ist auf einem Streikblog erschienen, mit dem Redakteurinnen und Redakteure der Stuttgarter Zeitung und der Stuttgarter Nachrichten gegen Gehaltsabsenkung und für die Anerkennung journalistischer Arbeit durch die Arbeitgeber (also das Verlagsmanagement) kämpfen.

Statistisch belegt: starke Pressefreiheit und geringes Vertrauen in die Medien hängen zusammen

17. Mai 2013 um 16:06 | Veröffentlicht in Allgemein, Journalismusforschung, Kapitel_2, Kapitel_3, Kommunikationsfreiheit | Hinterlasse einen Kommentar

Eine Frage, die bislang meines Wissens nicht wissenschaftlich untersucht ist, treibt mich schon länger um: Hängt das Vertrauen, das die Menschen in die Medien und den Journalismus haben, mit dem Grad der Pressefreiheit in ihrem Land zusammen? Mir ist schon länger aufgefallen, dass Bevölkerungsumfragen immer wieder ergeben, dass in einzelnen Ländern mit hoher Pressefreiheit – wie Schweden (Platz 1 im Freedomhouse-Ranking), Deutschland (Platz 19) oder den USA (Platz 23) – das Vertrauen in Medien ausgesprochen niedrig ist: Das “Edelman-Trust-Barometer” zum Beispiel hat ergeben, dass in Deutschland nur 42 Prozent der Menschen den Medien vertrauen, in Schweden sind es 38 Prozent und in den USA 45 Prozent. In Italien dagegen wird die Pressefreiheit weniger stark eingeschätzt (Platz 68, nur “teilweise frei”) – das Vertrauen in die Medien ist dagegen recht hoch (57 Prozent). Ganz drastisch ist es in China und Indonesien, wo 79  bzw. 80 Prozent der Menschen den Medien vertrauen – es aber mit der Pressefreiheit nicht weit her ist (Plätze 179 und 96). Ähnliche Unterschiede hatten sich auch bei der Umfrage “Trust in the Media” von BBC und Reuters im Jahr 2006 ergeben.

Nun habe ich einen statistischen Beleg dafür gefunden, dass es tatsächlich einen Zusammenhang geben könnte. Wenn man zwischen den aktuellen Werten des Edelman-Trust-Barometers und des Freedomhouse-Rankings die Korrelation berechnet, liegt der Zusammenhang beider Variablen bei 0,51 (berechnet nach Spearman). Das ist eine mittlere Korrelation – und sie ist auf dem Niveau von 0,01 sehr signifikant. Das heißt, die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns mit der Annahme eines Zusammenhangs irren, liegt hier bei unter einem Prozent. Auf den Punkt gebracht: In einem Land mit starker Kommunikationsfreiheit ist grundsätzlich bei der Bevölkerung ein geringes Vertrauen in den Journalismus zu erwarten.

Diagramm-Trust-Pressfreedom.001Man muss natürlich einwenden, dass beide Variablen aus unterschiedlichen Studien stammen, und dass die Werte aus nur 25 Ländern vorliegen. Aber immerhin gehen Länder aus vier Kontinenten in die Berechnung ein (Afrika ist nicht vertreten). Wie gesagt: Das sind nun erste harte Indizien, die weiter wissenschaftlich untersucht werden müssen.

Woran könnte der Zusammenhang liegen?

Zwei Erklärungen liegen auf der Hand: Sägen Journalisten in freien Ländern an dem Ast, auf dem sie sitzen, weil sie mit dem Privileg der Pressefreiheit in einer Weise umgehen, der ihre eigene Glaubwürdigkeit ruiniert? – Oder liegt es nicht vielmehr daran, dass das Publikum in einer offenen Gesellschaft nicht mit einer veröffentlichten Meinung, sondern mit einer vielschichtigen, sich oft widersprechenden öffentlichen Debatte umgehen muss? Wem soll man da vertrauen? Eine pluralistische Öffentlichkeit würde dann grundsätzlich nicht das Vertrauen in den Journalismus fördern.

Die Ergebnisse und Begründungen machen nachdenklich: Wenn der Journalismus in Deutschland eine einheitlichere, eher regierungsnahe Öffentlichkeit herstellen würde, könnte das seine Glaubwürdigkeit stärken. Oder anders formuliert: Ein Journalismus, der nach Vertrauen giert, ist nicht unbedingt ein besserer Journalismus. Diskussionen dazu sind erwünscht.

Nachtrag: Geradezu unglaublich, wie schnell soziale Netzwerke reagieren. Björn Buß hat mich sofort auf Facebook darauf hingewiesen, dass sich Jan Müller in seiner Dissertation mit dieser Frage beschäftigt hat (gerade erschienen am 18.4.2013). Vielen Dank für diesen wertvollen Hinweis! Jan Müller kommt zu dem Ergebnis, “dass zwar in westlichen Demokratien ein ausgeprägter Vertrauensverlust in die Medien zu verzeichnen ist, Nachrichtenmedien in autoritären Regimen dagegen von der Bevölkerung als wesentlich glaubwürdiger eingeschätzt werden. Dieser Befund erklärt sich mit dem sogenannten emanzipativen Wertewandel: Je höher die Bildungsressourcen eines Volkes sind, desto ausgeprägter ist das Maß der kritischen Distanzierung von staatlichen und politischen Institutionen.”

In Erinnerung an Walther von La Roche: „Einführung in den praktischen Journalismus“ neu erschienen

6. Mai 2013 um 9:38 | Veröffentlicht in Journalistenausbildung, Kapitel_6 | Hinterlasse einen Kommentar

laroche_sw1_klein18 Auflagen hat er selbst geschrieben und aktualisiert. Nun ist die 19. Auflage des Buches „Einführung in den praktischen Journalismus“ von Walther vom La Roche erschienen. La Roche ist im Jahr 2010 gestorben. Vor 15 Jahren hatte er mich gebeten, an seiner „Einführung“ mitzuarbeiten – seit der 15. Auflage war ich daran beteiligt. Gabriele Hooffacker und ich haben nun das Buch in seinem Sinne aktualisiert und die 19. Auflage herausgebracht. Damit lebt die Arbeit von La Roche weiter. Und das beste Einführungsbuch für angehende Journalisten steht weiterhin zur Verfügung. Ein Team von Studierenden der Münchner Journalistenakademie hat eine Website zum Buch produziert. Darin auch ein Video, in dem La Roche selbst in Archivmaterial zu Wort kommt und Gabriele Hooffacker und ich erzählen, was alt und neu ist.

Innovativer Chefredakteur im Video-Porträt: Ralf Geisenhanslüke

25. April 2013 um 8:34 | Veröffentlicht in Kapitel_4, Kapitel_7, Qualität, Redaktion, Zeitung | 1 Kommentar

Sehr interessantes Video-Porträt eines innovativen Chefredakteurs: Ralf Geisenhanslüke von der Neuen Osnabrücker Zeitung. In dem Beitrag, den Roman Mischel produziert hat, wird das Idealbild eines Chefredakteurs gezeichnet: unaufgeregt, aber konsequent den Weg zum digitalen Journalismus aufzeigen und mit dem Team gehen. Chapeau!

Umfangreiches Dossier zum Lokaljournalismus

22. Februar 2013 um 11:02 | Veröffentlicht in Kapitel_4, Qualität, Redaktion, Zeitung | Hinterlasse einen Kommentar

Die Bundeszentrale für politische Bildung hat in Kooperation mit vielen Autoren ein umfassendes und empfehlenswertes Dossier zum Lokaljournalismus veröffentlicht. Analysen und Hintergrundinfos sind kombiniert mit Ratschlägen und Tipps für einen besseren Journalismus, der gerade im Lokalen so wichtig ist. Das Dossier ist aufwändig illustriert und in viele Unterbereiche gegliedert.

Ich durfte mit zwei Beiträgen beim Themenbereich Crossmedia mitwirken: “Crossmedial und lokal” erklärt die Auswirkungen der Medienkonvergenz auf die Arbeit in der Lokalredaktion; “Unter Strom: Der Newsroom” erläutert innovative Organisationsformen. Die bpb hat meine Texte in einer idealen Grafik visualisiert, die alle Anforderungen an den Newsdesk auf den Punkt bringt: das crossmediale Arbeiten, das ressortübergreifende Planen und die Integration des Leser-Feedbacks z.B. via Soziale Netzwerke.

Newsroom_bpb

Neues Buch zur Journalismusforschung

14. Dezember 2012 um 13:51 | Veröffentlicht in Allgemein, Journalismusforschung, Journalistik | Hinterlasse einen Kommentar

Cover-Journalismusforschung

Den Stand und die Perspektiven der Journalismusforschung beschreibt und analysiert ein neues Buch, das ich zusammen mit Christoph Neuberger im Verlag Nomos herausgegeben habe. Das Buch mit Erscheinungsjahr 2013 ist bereits jetzt lieferbar. 15 Autorinnen und Autoren aus Deutschland und der Schweiz haben dazu beigetragen. Die meisten sind Professoren für Journalistik und Journalismusforschung. In der Buchbeschreibung heißt es:

Der Journalismus befindet sich in einer Phase des Umbruchs. Gewissheiten schwinden, und vieles, was bisher selbstverständlich war, wird in Frage gestellt. Die Journalismusforschung sucht fundierte Antworten auf komplexe Fragen – auf der Basis wissenschaftlicher Theorien und empirischer Belege. Dieser Band liefert als Auftakt der Buchreihe „Aktuell. Studien zum Journalismus“ eine Standortbestimmung für die Journalismusforschung.

Die Autorinnen und Autoren sind ausgewiesene Kenner der Forschungsbereiche, deren zentrale Fragen, Theorien und Ergebnisse sie kompakt präsentieren. Außerdem entwickeln sie Perspektiven für die künftige Forschung. Dabei haben sie den vielschichtigen Wandel des Journalismus in Gegenwart und Zukunft im Blick. Als Grundlagenwerk richtet sich der Band sowohl an Wissenschaftler und Studierende als auch an Journalisten, die Einblick in die Forschung gewinnen wollen.

Die neue Buchreihe “Aktuell. Studien zum Journalismus” wird von Andrea Czepek (Wilhelmshaven), Ralf Hohlfeld (Passau), Frank Lobigs (Dortmund), Wiebke Loosen (Hamburg), Klaus Meier (Eichstätt) und Christoph Neuberger (München) herausgegeben. Demnächst werden einige interessante Dissertationen in den Buchreihe erscheinen: u.a. von Daniel Nölleke (Uni Münster) zu “Experten im Journalismus” und von Annika Sehl (TU Dortmund) zu Partizipativem Journalismus in Tageszeitungen.

Wenn der Markt versagt: Wie Journalismus finanziert werden kann

23. November 2012 um 21:45 | Veröffentlicht in Internet, Journalismusforschung, Journalistik, Kapitel_7, Kommunikationsfreiheit, Qualität, Zeitung | 4 Kommentare

Nach dem Ende der Financial Times Deutschland (FTD), der Nürnberger Abendzeitung und der Insolvenz der Frankfurter Rundschau wird nun wieder mehr darüber diskutiert, wie tagesaktueller Journalismus – außerhalb der öffentlich-rechtlichen trimedialen Rundfunkanstalten – langfristig finanziell überleben kann (vgl. den Beitrag in der heutigen ARD-Web-Tagesschau mit einem Interview von mir). Dabei geht es auch um die Frage nach der Zukunft des lokalen und regionalen Journalismus. Der NRW-Medienstaatssekretär Marc Jan Eumann hat einen interessanten Diskussionsbeitrag gemacht, über den u.a. Spiegel online berichtet und den er selbst ausführlich darstellt (“Wie wir in Zukunft Öffentlichkeit finanzieren”): Eine Stiftung zur Förderung von journalistischer Vielfalt könnte Recherche-Stipendien für Journalisten und Redaktionen vergeben.

Der Medienredakteur der F.A.Z., Michael Hanfeld, sieht das kritisch, aber er ist auch bekannt für seinen Konfrontationen gegen die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten und eine eher plumpe schwarz-weiß-Darstellung; er kann sich offenbar nur marktfinanzierten Journalismus vorstellen.

Der Schweizer Journalistik-Professor Vinzenz Wyss hat in einem Facebook-Beitrag auf verschiedene kommunikationswissenschaftliche Ansätze verwiesen. Diese Links möchte ich hier dokumentieren:

In der Medienwissenschaft hat Marie Luise Kiefer interessante Finanzierungsmodelle angetippt:  Das sollte man mal gelesen haben. In der Schweiz hat sich insbesondere Manuel Puppis vom IPMZ mit den Fragen beschäftigt. Seine Gedanken sind publiziert, z.B. in dem jüngst erschienenen Buch “Gehen den Leuchttürmen die Lichter aus?”  Und seine Gedanken wurden auch an einem Parlamentarieranlass vom Verein Medienkritik Schweiz diskutiert. Dazu das Papier hier. Man sollte bei der Diskussion wissen, dass keine – also auch keine medienwissenschaftlich ernst zu nehmende – Position vorschlägt, dass der Staat da irgendwas finanzieren soll. Staatsferne ist selbstverständlich gesetzt. Dennoch muss der Staat hier an der Organisation solcher Modell mitwirken. Es gibt hier also nicht plumpes Schwarz/Weiss.

Auf der Facebook-Seite von Vinzenz Wyss kommentiert Marc Jan Eumann:

Wir müssen streiten! Wieviel Vielfalt wollen wir? Wieviel Geld soll wer und warum in die Hand nehmen? Wie sichern wir Unabhängigkeit? Wie gelingt Transparenz? Fragen über Fragen. Es stellen sich noch mehr. Wichtig ist: Der Streit lohnt. Es geht um ein wichtiges Gut: Die Herstellung von Öffentlichkeit durch Journalistinnen und Journalisten, ohne die Demokratie nicht funktioniert. Nebenbei: Es gibt doch viele Beispiele, wo der Staat finanziert, aber die Unabhängigkeit gewährleistet ist: Die Deutsche Forschungsgemeinschaft, Max-Planck-Institute sind nur zwei. Lasst uns gute Argumente sammeln. Und klar ist auch: Es gibt keinen Königsweg…

Ich finde es wert, diese Punkte öffentlich zu diskutieren. Deshalb habe ich diese Aussagen, die ja bei Facebook nur einen begrenztes Publikum erreichen und vergänglich sind, hier dokumentiert. Aber natürlich ist das alles noch nicht zu Ende diskutiert. Unsere Gesellschaft ist erst am Anfang einer wertvollen Debatte, welchen Journalismus wir uns leisten wollen.

Nachtrag (24.11.): Die Schweizer Kommunikationswissenschaftler Cédric Wermuth und Kurt Imhof im Interview.

Korrektur (24.11. abends): Cédric Wermuth ist Politiker. Er sitzt für die SP im Schweizerischen Nationalrat (vgl. Kommentare). Prof. Dr. Kurt Imhof ist Professor für Publizistikwissenschaft und Soziologie an der Uni Zürich; er leitet den Forschungsbereich Öffentlichkeit und Gesellschaft, in dem regelmäßig das Jahrbuch “Qualität der Medien” herausgegeben wird.

Interview zum „Zeitungssterben“

22. November 2012 um 12:07 | Veröffentlicht in Kapitel_4, Kapitel_7, Qualität, Zeitung | Hinterlasse einen Kommentar

Heute ist ein Interview mit mir in der Main-Post, Würzburg, zum „Zeitungssterben“ erschienen: „Medienwissenschaftler Klaus Meier sieht keinesfalls schwarz für die Tageszeitung”, heißt es. Meier: „… Wenn der Markt hier versagt, für eine für die Demokratie so wichtige Institution wie den Journalismus, da müssen wir überlegen, wie der Staat eingreifen kann. Ich plädiere nicht dafür, die Verlage direkt zu unterstützen. Wir müssen aber Wege finden, wie wir qualitätsvollen Journalismus öffentlich unterstützen können – mit politischer Unabhängigkeit. In Nordrhein-Westfalen gibt es Pläne für eine NRW-Journalismus-Stiftung zur Förderung journalistischer Vielfalt, die an recherchierende Journalisten Stipendien vergibt oder Redaktionen eine Recherche ermöglicht, die andernfalls nicht finanzierbar wäre. Das ist natürlich noch Zukunftsmusik. Aber es wird das große Thema sein in den nächsten Jahren. Darüber muss unsere Gesellschaft sprechen.“ Der Leitartikel von Chefredakteur Michael Reinhard zum gleichen Thema ist lesenswert: „Die Tageszeitung ist gut und stark”.

Nebenaspekt der CSU-Pressesprecher-Affäre: Kumpanei zwischen Bayerischem Rundfunk und CSU

24. Oktober 2012 um 21:02 | Veröffentlicht in Allgemein, Öffentlich-rechtliche, Ethik, Kapitel_7, Kommunikationsfreiheit, Qualität | 6 Kommentare

In der Berichterstattung heute über die Affäre um den Anruf des CSU-Pressesprechers Hans Michael Strepp beim ZDF gibt es einen Nebenaspekt, der ziemlich unterging, den ich aber für bedenklich halte, weil der den Umgang zwischen Journalisten des Bayerischen Rundfunks und der CSU offenlegt. Der Bayerische Rundfunk berichtet (Audio von Nikolaus Neumaier, Leiter der Redaktion Landespolitik im Hörfunk):

Strepp schickte dem BR-Korrespondenten Oliver Mayer-Rüth (ARD-Fernsehen) eine SMS und fragte: “Wissen Sie eigentlich, ob ARD heute was macht zu Ude in Nürnberg? Danke für Info”. Daraufhin bekam er als Antwort: Die ARD mache nichts, vielleicht mache der BR was.

Erstens: Dass ein Parteipressesprecher am Sonntag um 9.41 Uhr eine derartige SMS schreibt, zeugt davon, dass ein enges Verhältnis zwischen ihm und dem Fernsehjournalisten herrscht und solche Anfragen offenbar ganz normal sind.

Zweitens: Die einzige richtige Antwort des Journalisten müsste sein: “Das geht Sie gar nichts, aber schon rein gar nichts an.”

Stattdessen plaudert der Journalist redaktionsinterne Planungen über die Berichterstattung über den SPD-Parteitag an den CSU-Mann aus. Es gibt ganz offensichtlich eine Kumpanei zwischen dem BR-Fernsehen und der CSU – zumindest zwischen dem BR-Korrespondenten im ARD-Hauptstadtstudio und der CSU-Pressestelle.

Dies wird in der Berichterstattung über die ganze Affäre sonst nicht thematisiert (vgl. z.B. 1, 2, 3, 4, auch nicht im ARD-Tagesschau-Beitrag zur Affäre). Oder ist mir was entgangen?

Wenigstens stimmte dann die Berichterstattung am Ende (entgegen der Auskunft des BR-Journalisten): Beide öffentlich-rechtlichen Sender, ARD und ZDF, berichteten in ihren Nachrichtensendungen sowohl über den CSU- als auch über den SPD-Landesparteitag. Wer weiß: Vielleicht hat die Tagesschau-Redaktion in Hamburg ja am Ende anders entschieden, als die BR-Journalisten im ARD-Hauptstadtstudio wollten?

Nachtrag (26.10.2012): Ich habe heute mit dem BR-Korrespondenten Oliver Mayer-Rüth telefoniert. Er sagte, die SMS von Strepp an ihn sei “unüblich” gewesen und seine sofortige Antwort eine “höfliche Geste”. Er wehrt sich gegen den Vorwurf der Kumpanei; schließlich habe er von sich aus dazu beigetragen, die Sache zu veröffentlichen und damit transparent zu machen (via den oben erwähnten Audio-Beitrag von B5-aktuell). Da gebe ich ihm Recht: Wenn er tatsächlich ein Kumpan des CSU-Pressesprechers wäre, hätte er geschwiegen.

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