Statistisch belegt: starke Pressefreiheit und geringes Vertrauen in die Medien hängen zusammen

17. Mai 2013 um 16:06 | Veröffentlicht in Allgemein, Journalismusforschung, Kapitel_2, Kapitel_3, Kommunikationsfreiheit | Hinterlasse einen Kommentar

Eine Frage, die bislang meines Wissens nicht wissenschaftlich untersucht ist, treibt mich schon länger um: Hängt das Vertrauen, das die Menschen in die Medien und den Journalismus haben, mit dem Grad der Pressefreiheit in ihrem Land zusammen? Mir ist schon länger aufgefallen, dass Bevölkerungsumfragen immer wieder ergeben, dass in einzelnen Ländern mit hoher Pressefreiheit – wie Schweden (Platz 1 im Freedomhouse-Ranking), Deutschland (Platz 19) oder den USA (Platz 23) – das Vertrauen in Medien ausgesprochen niedrig ist: Das “Edelman-Trust-Barometer” zum Beispiel hat ergeben, dass in Deutschland nur 42 Prozent der Menschen den Medien vertrauen, in Schweden sind es 38 Prozent und in den USA 45 Prozent. In Italien dagegen wird die Pressefreiheit weniger stark eingeschätzt (Platz 68, nur “teilweise frei”) – das Vertrauen in die Medien ist dagegen recht hoch (57 Prozent). Ganz drastisch ist es in China und Indonesien, wo 79  bzw. 80 Prozent der Menschen den Medien vertrauen – es aber mit der Pressefreiheit nicht weit her ist (Plätze 179 und 96). Ähnliche Unterschiede hatten sich auch bei der Umfrage “Trust in the Media” von BBC und Reuters im Jahr 2006 ergeben.

Nun habe ich einen statistischen Beleg dafür gefunden, dass es tatsächlich einen Zusammenhang geben könnte. Wenn man zwischen den aktuellen Werten des Edelman-Trust-Barometers und des Freedomhouse-Rankings die Korrelation berechnet, liegt der Zusammenhang beider Variablen bei 0,51 (berechnet nach Spearman). Das ist eine mittlere Korrelation – und sie ist auf dem Niveau von 0,01 sehr signifikant. Das heißt, die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns mit der Annahme eines Zusammenhangs irren, liegt hier bei unter einem Prozent. Auf den Punkt gebracht: In einem Land mit starker Kommunikationsfreiheit ist grundsätzlich bei der Bevölkerung ein geringes Vertrauen in den Journalismus zu erwarten.

Diagramm-Trust-Pressfreedom.001Man muss natürlich einwenden, dass beide Variablen aus unterschiedlichen Studien stammen, und dass die Werte aus nur 25 Ländern vorliegen. Aber immerhin gehen Länder aus vier Kontinenten in die Berechnung ein (Afrika ist nicht vertreten). Wie gesagt: Das sind nun erste harte Indizien, die weiter wissenschaftlich untersucht werden müssen.

Woran könnte der Zusammenhang liegen?

Zwei Erklärungen liegen auf der Hand: Sägen Journalisten in freien Ländern an dem Ast, auf dem sie sitzen, weil sie mit dem Privileg der Pressefreiheit in einer Weise umgehen, der ihre eigene Glaubwürdigkeit ruiniert? – Oder liegt es nicht vielmehr daran, dass das Publikum in einer offenen Gesellschaft nicht mit einer veröffentlichten Meinung, sondern mit einer vielschichtigen, sich oft widersprechenden öffentlichen Debatte umgehen muss? Wem soll man da vertrauen? Eine pluralistische Öffentlichkeit würde dann grundsätzlich nicht das Vertrauen in den Journalismus fördern.

Die Ergebnisse und Begründungen machen nachdenklich: Wenn der Journalismus in Deutschland eine einheitlichere, eher regierungsnahe Öffentlichkeit herstellen würde, könnte das seine Glaubwürdigkeit stärken. Oder anders formuliert: Ein Journalismus, der nach Vertrauen giert, ist nicht unbedingt ein besserer Journalismus. Diskussionen dazu sind erwünscht.

Nachtrag: Geradezu unglaublich, wie schnell soziale Netzwerke reagieren. Björn Buß hat mich sofort auf Facebook darauf hingewiesen, dass sich Jan Müller in seiner Dissertation mit dieser Frage beschäftigt hat (gerade erschienen am 18.4.2013). Vielen Dank für diesen wertvollen Hinweis! Jan Müller kommt zu dem Ergebnis, “dass zwar in westlichen Demokratien ein ausgeprägter Vertrauensverlust in die Medien zu verzeichnen ist, Nachrichtenmedien in autoritären Regimen dagegen von der Bevölkerung als wesentlich glaubwürdiger eingeschätzt werden. Dieser Befund erklärt sich mit dem sogenannten emanzipativen Wertewandel: Je höher die Bildungsressourcen eines Volkes sind, desto ausgeprägter ist das Maß der kritischen Distanzierung von staatlichen und politischen Institutionen.”

In Erinnerung an Walther von La Roche: „Einführung in den praktischen Journalismus“ neu erschienen

6. Mai 2013 um 9:38 | Veröffentlicht in Journalistenausbildung, Kapitel_6 | Hinterlasse einen Kommentar

laroche_sw1_klein18 Auflagen hat er selbst geschrieben und aktualisiert. Nun ist die 19. Auflage des Buches „Einführung in den praktischen Journalismus“ von Walther vom La Roche erschienen. La Roche ist im Jahr 2010 gestorben. Vor 15 Jahren hatte er mich gebeten, an seiner „Einführung“ mitzuarbeiten – seit der 15. Auflage war ich daran beteiligt. Gabriele Hooffacker und ich haben nun das Buch in seinem Sinne aktualisiert und die 19. Auflage herausgebracht. Damit lebt die Arbeit von La Roche weiter. Und das beste Einführungsbuch für angehende Journalisten steht weiterhin zur Verfügung. Ein Team von Studierenden der Münchner Journalistenakademie hat eine Website zum Buch produziert. Darin auch ein Video, in dem La Roche selbst in Archivmaterial zu Wort kommt und Gabriele Hooffacker und ich erzählen, was alt und neu ist.

Innovativer Chefredakteur im Video-Porträt: Ralf Geisenhanslüke

25. April 2013 um 8:34 | Veröffentlicht in Kapitel_4, Kapitel_7, Qualität, Redaktion, Zeitung | 1 Kommentar

Sehr interessantes Video-Porträt eines innovativen Chefredakteurs: Ralf Geisenhanslüke von der Neuen Osnabrücker Zeitung. In dem Beitrag, den Roman Mischel produziert hat, wird das Idealbild eines Chefredakteurs gezeichnet: unaufgeregt, aber konsequent den Weg zum digitalen Journalismus aufzeigen und mit dem Team gehen. Chapeau!

Umfangreiches Dossier zum Lokaljournalismus

22. Februar 2013 um 11:02 | Veröffentlicht in Kapitel_4, Qualität, Redaktion, Zeitung | Hinterlasse einen Kommentar

Die Bundeszentrale für politische Bildung hat in Kooperation mit vielen Autoren ein umfassendes und empfehlenswertes Dossier zum Lokaljournalismus veröffentlicht. Analysen und Hintergrundinfos sind kombiniert mit Ratschlägen und Tipps für einen besseren Journalismus, der gerade im Lokalen so wichtig ist. Das Dossier ist aufwändig illustriert und in viele Unterbereiche gegliedert.

Ich durfte mit zwei Beiträgen beim Themenbereich Crossmedia mitwirken: “Crossmedial und lokal” erklärt die Auswirkungen der Medienkonvergenz auf die Arbeit in der Lokalredaktion; “Unter Strom: Der Newsroom” erläutert innovative Organisationsformen. Die bpb hat meine Texte in einer idealen Grafik visualisiert, die alle Anforderungen an den Newsdesk auf den Punkt bringt: das crossmediale Arbeiten, das ressortübergreifende Planen und die Integration des Leser-Feedbacks z.B. via Soziale Netzwerke.

Newsroom_bpb

Neues Buch zur Journalismusforschung

14. Dezember 2012 um 13:51 | Veröffentlicht in Allgemein, Journalismusforschung, Journalistik | Hinterlasse einen Kommentar

Cover-Journalismusforschung

Den Stand und die Perspektiven der Journalismusforschung beschreibt und analysiert ein neues Buch, das ich zusammen mit Christoph Neuberger im Verlag Nomos herausgegeben habe. Das Buch mit Erscheinungsjahr 2013 ist bereits jetzt lieferbar. 15 Autorinnen und Autoren aus Deutschland und der Schweiz haben dazu beigetragen. Die meisten sind Professoren für Journalistik und Journalismusforschung. In der Buchbeschreibung heißt es:

Der Journalismus befindet sich in einer Phase des Umbruchs. Gewissheiten schwinden, und vieles, was bisher selbstverständlich war, wird in Frage gestellt. Die Journalismusforschung sucht fundierte Antworten auf komplexe Fragen – auf der Basis wissenschaftlicher Theorien und empirischer Belege. Dieser Band liefert als Auftakt der Buchreihe „Aktuell. Studien zum Journalismus“ eine Standortbestimmung für die Journalismusforschung.

Die Autorinnen und Autoren sind ausgewiesene Kenner der Forschungsbereiche, deren zentrale Fragen, Theorien und Ergebnisse sie kompakt präsentieren. Außerdem entwickeln sie Perspektiven für die künftige Forschung. Dabei haben sie den vielschichtigen Wandel des Journalismus in Gegenwart und Zukunft im Blick. Als Grundlagenwerk richtet sich der Band sowohl an Wissenschaftler und Studierende als auch an Journalisten, die Einblick in die Forschung gewinnen wollen.

Die neue Buchreihe “Aktuell. Studien zum Journalismus” wird von Andrea Czepek (Wilhelmshaven), Ralf Hohlfeld (Passau), Frank Lobigs (Dortmund), Wiebke Loosen (Hamburg), Klaus Meier (Eichstätt) und Christoph Neuberger (München) herausgegeben. Demnächst werden einige interessante Dissertationen in den Buchreihe erscheinen: u.a. von Daniel Nölleke (Uni Münster) zu “Experten im Journalismus” und von Annika Sehl (TU Dortmund) zu Partizipativem Journalismus in Tageszeitungen.

Wenn der Markt versagt: Wie Journalismus finanziert werden kann

23. November 2012 um 21:45 | Veröffentlicht in Internet, Journalismusforschung, Journalistik, Kapitel_7, Kommunikationsfreiheit, Qualität, Zeitung | 4 Kommentare

Nach dem Ende der Financial Times Deutschland (FTD), der Nürnberger Abendzeitung und der Insolvenz der Frankfurter Rundschau wird nun wieder mehr darüber diskutiert, wie tagesaktueller Journalismus – außerhalb der öffentlich-rechtlichen trimedialen Rundfunkanstalten – langfristig finanziell überleben kann (vgl. den Beitrag in der heutigen ARD-Web-Tagesschau mit einem Interview von mir). Dabei geht es auch um die Frage nach der Zukunft des lokalen und regionalen Journalismus. Der NRW-Medienstaatssekretär Marc Jan Eumann hat einen interessanten Diskussionsbeitrag gemacht, über den u.a. Spiegel online berichtet und den er selbst ausführlich darstellt (“Wie wir in Zukunft Öffentlichkeit finanzieren”): Eine Stiftung zur Förderung von journalistischer Vielfalt könnte Recherche-Stipendien für Journalisten und Redaktionen vergeben.

Der Medienredakteur der F.A.Z., Michael Hanfeld, sieht das kritisch, aber er ist auch bekannt für seinen Konfrontationen gegen die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten und eine eher plumpe schwarz-weiß-Darstellung; er kann sich offenbar nur marktfinanzierten Journalismus vorstellen.

Der Schweizer Journalistik-Professor Vinzenz Wyss hat in einem Facebook-Beitrag auf verschiedene kommunikationswissenschaftliche Ansätze verwiesen. Diese Links möchte ich hier dokumentieren:

In der Medienwissenschaft hat Marie Luise Kiefer interessante Finanzierungsmodelle angetippt:  Das sollte man mal gelesen haben. In der Schweiz hat sich insbesondere Manuel Puppis vom IPMZ mit den Fragen beschäftigt. Seine Gedanken sind publiziert, z.B. in dem jüngst erschienenen Buch “Gehen den Leuchttürmen die Lichter aus?”  Und seine Gedanken wurden auch an einem Parlamentarieranlass vom Verein Medienkritik Schweiz diskutiert. Dazu das Papier hier. Man sollte bei der Diskussion wissen, dass keine – also auch keine medienwissenschaftlich ernst zu nehmende – Position vorschlägt, dass der Staat da irgendwas finanzieren soll. Staatsferne ist selbstverständlich gesetzt. Dennoch muss der Staat hier an der Organisation solcher Modell mitwirken. Es gibt hier also nicht plumpes Schwarz/Weiss.

Auf der Facebook-Seite von Vinzenz Wyss kommentiert Marc Jan Eumann:

Wir müssen streiten! Wieviel Vielfalt wollen wir? Wieviel Geld soll wer und warum in die Hand nehmen? Wie sichern wir Unabhängigkeit? Wie gelingt Transparenz? Fragen über Fragen. Es stellen sich noch mehr. Wichtig ist: Der Streit lohnt. Es geht um ein wichtiges Gut: Die Herstellung von Öffentlichkeit durch Journalistinnen und Journalisten, ohne die Demokratie nicht funktioniert. Nebenbei: Es gibt doch viele Beispiele, wo der Staat finanziert, aber die Unabhängigkeit gewährleistet ist: Die Deutsche Forschungsgemeinschaft, Max-Planck-Institute sind nur zwei. Lasst uns gute Argumente sammeln. Und klar ist auch: Es gibt keinen Königsweg…

Ich finde es wert, diese Punkte öffentlich zu diskutieren. Deshalb habe ich diese Aussagen, die ja bei Facebook nur einen begrenztes Publikum erreichen und vergänglich sind, hier dokumentiert. Aber natürlich ist das alles noch nicht zu Ende diskutiert. Unsere Gesellschaft ist erst am Anfang einer wertvollen Debatte, welchen Journalismus wir uns leisten wollen.

Nachtrag (24.11.): Die Schweizer Kommunikationswissenschaftler Cédric Wermuth und Kurt Imhof im Interview.

Korrektur (24.11. abends): Cédric Wermuth ist Politiker. Er sitzt für die SP im Schweizerischen Nationalrat (vgl. Kommentare). Prof. Dr. Kurt Imhof ist Professor für Publizistikwissenschaft und Soziologie an der Uni Zürich; er leitet den Forschungsbereich Öffentlichkeit und Gesellschaft, in dem regelmäßig das Jahrbuch “Qualität der Medien” herausgegeben wird.

Interview zum „Zeitungssterben“

22. November 2012 um 12:07 | Veröffentlicht in Kapitel_4, Kapitel_7, Qualität, Zeitung | Hinterlasse einen Kommentar

Heute ist ein Interview mit mir in der Main-Post, Würzburg, zum „Zeitungssterben“ erschienen: „Medienwissenschaftler Klaus Meier sieht keinesfalls schwarz für die Tageszeitung”, heißt es. Meier: „… Wenn der Markt hier versagt, für eine für die Demokratie so wichtige Institution wie den Journalismus, da müssen wir überlegen, wie der Staat eingreifen kann. Ich plädiere nicht dafür, die Verlage direkt zu unterstützen. Wir müssen aber Wege finden, wie wir qualitätsvollen Journalismus öffentlich unterstützen können – mit politischer Unabhängigkeit. In Nordrhein-Westfalen gibt es Pläne für eine NRW-Journalismus-Stiftung zur Förderung journalistischer Vielfalt, die an recherchierende Journalisten Stipendien vergibt oder Redaktionen eine Recherche ermöglicht, die andernfalls nicht finanzierbar wäre. Das ist natürlich noch Zukunftsmusik. Aber es wird das große Thema sein in den nächsten Jahren. Darüber muss unsere Gesellschaft sprechen.“ Der Leitartikel von Chefredakteur Michael Reinhard zum gleichen Thema ist lesenswert: „Die Tageszeitung ist gut und stark”.

Nebenaspekt der CSU-Pressesprecher-Affäre: Kumpanei zwischen Bayerischem Rundfunk und CSU

24. Oktober 2012 um 21:02 | Veröffentlicht in Allgemein, Öffentlich-rechtliche, Ethik, Kapitel_7, Kommunikationsfreiheit, Qualität | 6 Kommentare

In der Berichterstattung heute über die Affäre um den Anruf des CSU-Pressesprechers Hans Michael Strepp beim ZDF gibt es einen Nebenaspekt, der ziemlich unterging, den ich aber für bedenklich halte, weil der den Umgang zwischen Journalisten des Bayerischen Rundfunks und der CSU offenlegt. Der Bayerische Rundfunk berichtet (Audio von Nikolaus Neumaier, Leiter der Redaktion Landespolitik im Hörfunk):

Strepp schickte dem BR-Korrespondenten Oliver Mayer-Rüth (ARD-Fernsehen) eine SMS und fragte: “Wissen Sie eigentlich, ob ARD heute was macht zu Ude in Nürnberg? Danke für Info”. Daraufhin bekam er als Antwort: Die ARD mache nichts, vielleicht mache der BR was.

Erstens: Dass ein Parteipressesprecher am Sonntag um 9.41 Uhr eine derartige SMS schreibt, zeugt davon, dass ein enges Verhältnis zwischen ihm und dem Fernsehjournalisten herrscht und solche Anfragen offenbar ganz normal sind.

Zweitens: Die einzige richtige Antwort des Journalisten müsste sein: “Das geht Sie gar nichts, aber schon rein gar nichts an.”

Stattdessen plaudert der Journalist redaktionsinterne Planungen über die Berichterstattung über den SPD-Parteitag an den CSU-Mann aus. Es gibt ganz offensichtlich eine Kumpanei zwischen dem BR-Fernsehen und der CSU – zumindest zwischen dem BR-Korrespondenten im ARD-Hauptstadtstudio und der CSU-Pressestelle.

Dies wird in der Berichterstattung über die ganze Affäre sonst nicht thematisiert (vgl. z.B. 1, 2, 3, 4, auch nicht im ARD-Tagesschau-Beitrag zur Affäre). Oder ist mir was entgangen?

Wenigstens stimmte dann die Berichterstattung am Ende (entgegen der Auskunft des BR-Journalisten): Beide öffentlich-rechtlichen Sender, ARD und ZDF, berichteten in ihren Nachrichtensendungen sowohl über den CSU- als auch über den SPD-Landesparteitag. Wer weiß: Vielleicht hat die Tagesschau-Redaktion in Hamburg ja am Ende anders entschieden, als die BR-Journalisten im ARD-Hauptstadtstudio wollten?

Nachtrag (26.10.2012): Ich habe heute mit dem BR-Korrespondenten Oliver Mayer-Rüth telefoniert. Er sagte, die SMS von Strepp an ihn sei “unüblich” gewesen und seine sofortige Antwort eine “höfliche Geste”. Er wehrt sich gegen den Vorwurf der Kumpanei; schließlich habe er von sich aus dazu beigetragen, die Sache zu veröffentlichen und damit transparent zu machen (via den oben erwähnten Audio-Beitrag von B5-aktuell). Da gebe ich ihm Recht: Wenn er tatsächlich ein Kumpan des CSU-Pressesprechers wäre, hätte er geschwiegen.

Neue Nachrichten und Prognosen zur Krise der gedruckten Tageszeitung

1. Oktober 2012 um 11:33 | Veröffentlicht in Kapitel_4, Kapitel_7, Zeitung | 8 Kommentare

Der 1. Oktober 2012 markiert einen neuen Höhepunkt in der Seismographie der Krise der täglich gedruckten Nachrichten: Die Nürnberger “Abendzeitung” ist gestorben und erscheint ab heute nicht mehr. Und die “Nürnberger Zeitung” produziert keinen eigenen Lokalteil mehr, sondern übernimmt diesen ab heute von der Schwesterzeitung “Nürnberger Nachrichten” Korrektur zur Situation bei der Nürnberger Zeitung (NZ) und den Nürnberger Nachrichten (NN) (Danke für den Hinweis an Klaus Schrage und sorry für den Fehler!): Es gibt in Nürnberg einen Zusatz-Lokalteil. Das waren bisher NZ Plus und NN Extra. Jetzt heißt es “Mehr Nürnberg” – und wird unter der Federführung der NN-Redaktion produziert; die eigentlichen Lokalteile, die bei NN und NZ in der Gesamtausgabe durchlaufen, gibt es aber weiterhin (vgl. zu beiden voneinander unabhänigen Ereignissen die Nachricht bei Newsroom.de). Und in New Orleans ist ab heute die erste US-Metroploe ohne tägliche Zeitung: Die “Times Picayune” erscheint nach 175 Jahren nur noch drei Mal in der Woche gedruckt – und permanent aktualisiert im Internet (vgl. die Nachricht im Deutschlandfunk oder bei onlinejournalismus.de).

In diesen Tagen habe ich mich für einen Buchbeitrag mit der Frage beschäftigt: “Wird es bald keine gedruckte Tageszeitung mehr geben?” Mein Text hier für Interessierte zur Info – und gerne auch zum Kommentieren: Weiterlesen Neue Nachrichten und Prognosen zur Krise der gedruckten Tageszeitung…

Interview zum neuen Spiegelblog und zur Reaktion der Tagesschau auf einen Facebook-Shitstorm

1. Oktober 2012 um 10:55 | Veröffentlicht in Ethik, Internet, Kapitel_7, Qualität, Redaktion | Hinterlasse einen Kommentar

Der Spiegel hat ein neues Redaktionsblog, in dem zum Beispiel der hauseigene Medienjournalist Stefan Niggemeier bei Kollegen kritisch nachfragt - und die Tagesschau müht sich im Redaktionsblog um Schadensbegrenzung, weil Facebook-Nutzer sich massiv darüber beschwert haben, dass die Proteste in Madrid am Dienstag, 25.9., nicht in die 20 Uhr-Ausgabe gekommen waren. Das sind zwei Anlässe für die Redaktion der Sendung “Markt und Medien” des Deutschlandfunk, das Thema Offenheit und Transparenz von Redaktionen und den Umgang mit einem kritischen Netz-Publikum zu thematisieren (Sendung vom 29.9.). Das Interview mit mir kann man hier nachhören.

Hintergrund: Das Thema begleitet mich schon länger, z.B.: Unsere Studie zu Transparenz und Vertrauen im Journalismus sowie weitere Infos zu Transparenz in anderen Redaktionen und ein früheres Interview 2009.

Katerstimmung nach der EM: Unterhaltungsindustrie und Party statt Sportjournalismus

2. Juli 2012 um 9:43 | Veröffentlicht in Öffentlich-rechtliche, Ethik, Kapitel_5, Kapitel_7, Qualität, Zeitung | 2 Kommentare

Was bleibt nach der Fußball-EM? – Vor allem eine riesige Katerstimmung nicht wegen der deutschen Mannschaft, sondern aufgrund der Berichterstattung, die man in weiten Teilen nicht mehr als Sportjournalismus bezeichnen kann, sondern als gigantische Unterhaltungsindustrie. Klassische journalistische Werte wie Fairness, Unparteilichkeit oder Transparenz gehen im Kult um „Reichweite durch Party“ unter. Es wurde in Blogs und Sozialen Netzwerken schon viel dazu geschrieben, weshalb ich mich hier darauf beschränke, die treffenden Analysen zu sammeln:

  • Arnd Zeigler bringt es in einem offenen Brief auf Facebook auf den Punkt: „Wer jetzt so tut als seien die deutschen Spieler nach der ersten Niederlage nach 16 Siegen hintereinander (oder wieviele waren es?) plötzlich alles Vollpfosten, Totalversager und Nullen und ihr Trainer ein Nichtskönner, der hat den Fußball nicht mal im Ansatz verstanden.“
  • Und Bildblog hat zusammengetragen, wie die „Bild“-Zeitung die deutschen Spieler zuerst wie Helden verehrt und dann in Grund und Boden geschrieben hat. Beides völlig maßlos, unmenschlich und ekelhaft.
  • Die Bilder, die wir im Fernsehen von den Spielen bekommen, werden nicht von journalistischen Redaktionen ausgewählt, sondern von den Veranstaltern selbst. Wir sehen unter dem Label von ARD und ZDF die PR-Unterhaltung der UEFA. Missliebige Szenen werden nicht gezeigt (Feuerwerke unter Zuschauern, Flitzer, leere Plätze), Bilder um der Unterhaltung Willen gefälscht (z.B. „Löw und der Balljunge“ oder „Tränen nach dem Tor“).
  • Die Berichterstattung hätte das ZDF nutzen können, um ein junges Publikum von der Qualität und Attraktivität seines Programms zu überzeugen. Statt dessen inszeniert man ein Strandstudio mit Liegestühlen an der Ostsee, für das die AOK Nordost exklusiver Partner war und das von der Süddeutschen Zeitung trefflich als „eine Art AOK-Kongress“ bezeichnet wurde. Nur noch peinlich war der Versuch, Twitter in die Sendung einzubinden – mit einem hilflosen Oliver Kahn.

Am Tag 1 nach der EM fassen wir uns an den Kopf – und können es inzwischen nur zu gut verstehen, wenn im Freundeskreis „über die Medien“ geschimpft wird. Normalerweise versuche ich, den Journalismus und die Journalisten zu verteidigen. Heute sind mir die Argumente ausgegangen.

Neue Zeitschrift zur angewandten Journalismusforschung: Die Kluft zwischen Forschung und Praxis überwinden

14. Mai 2012 um 9:14 | Veröffentlicht in Journalismusforschung, Kapitel_1, Kapitel_7, Qualität | Hinterlasse einen Kommentar

Eine neue wissenschaftliche Fachzeitschrift möchte die Kluft zwischen journalistischer Praxis und Forschung überbrücken. Das internationale „Journal of Applied Journalism & Media Studies“ hat sich zum Ziel gesetzt, „to bridge the gap between media and communication research and actors with a say in media production, i.e. broadcasters, newspapers, radios, Internet-based media outlets, etc.”. Die erste Nummer ist kostenlos. Den Aufmacher-Beitrag hat Daniel Perrin von der Zürcher Hochschule Winterthur geschrieben. Es handelt sich um die erweiterte Fassung seiner Antrittsvorlesung. Er nutzt die Aktionsforschung als theoretischen Rahmen für ein Forschungsprojekt, das er mit der öffentlich-rechtlichen „Idée suisse“ durchgeführt hat. Einen ähnlichen Ansatz verfolge ich mit meinen angewandten Forschungsprojekten. Ich habe diese „interaktive Innovationsforschung“ in einem Beitrag im Buch „Methoden der Journalismusforschung“ beschrieben.

In einem weiteren Beitrag in dem neuen Journal werden zehn Regeln für Nachrichtenmedien zum Gebrauch von Twitter begründet und ausgeführt.

Social TV: „rundshow“-Experiment des Bayerischen Rundfunks

4. Mai 2012 um 9:30 | Veröffentlicht in Internet, Kapitel_4, Kapitel_7, Qualität | Hinterlasse einen Kommentar

Über dieses Projekt ist schon viel gebloggt und erzählt worden (zuletzt zum Beispiel bei den Netzpiloten oder beim Organisator und Macher Richard Gutjahr selbst oder als Pressemitteilung des BR oder vor allem im rundshow-Blog). Ich möchte hier kurz darauf hinweisen, weil ich es für ein spannendes Experiment halte: Ab 14. Mai wird der Bayerische Rundfunk vier Wochen lang testen, wie das interaktive Internet mit dem linearen Fernsehen kombiniert werden kann. Die „rundshow“ will täglich 30 Minuten Live-Interaktion ausprobieren: von Montag bis Donnerstag um 23.15 Uhr.

Mitten in der heißen Vorbereitungsphase gibt Gutjahr am Dienstag, den 8. Mai, in einem 75minütigen Webinar des Forums für Journalismus und Medien Wien (Fjum) Einblick in das Innovationsprojekt. An dem Webinar kann jeder mitmachen und Fragen stellen (ab 17.30 Uhr) – mit vorheriger Anmeldung.

Auch die Schweiz berechnet Sterbedatum der Tageszeitung: 2045

26. März 2012 um 18:23 | Veröffentlicht in Kapitel_4, Medienökonomie, Zeitung | Hinterlasse einen Kommentar

Na, wer sagt’s denn: Auch wenn die statistisch berechnete Todesanzeige als „unwissenschaftlich“ angesehen wird, bleibt sie spannend und herausfordernd. Die Schweizer „Werbewoche“ hat es mir nachgemacht und den Abwärtstrend der gedruckten Tageszeitungen bis zum Untergang hochgerechnet: Dort kommt man auf das Jahr 2045. Und man ist froh, damit näher an der Vorhersage des us-amerikanischen Journalistikprofessors Philip Meyer (im Buch „The Vanishing Newspaper“ hat er 2043 berechnet) zu liegen als am deutschen Journalistikprofessor Klaus Meier mit dem Ergebnis 2034 ;-):

„Wir sind bei 2045 geblieben, weil dies nicht nur in der Nähe des amerikanischen Professors liegt, sondern auch hinreichend weit weg ist, um eine Panik in der Schweizer Medienbranche zu vermeiden.“

Projekt zum Datenjournalismus

20. März 2012 um 9:54 | Veröffentlicht in Internet, Journalistik, Kapitel_5 | Hinterlasse einen Kommentar

Stecken auch in einer kleinen Stadt journalistische Themen in Daten? Kann man auch in einer kleinen Stadt Daten bekommen, auswerten und journalistisch präsentieren? – Ja man kann. Eichstätter Journalistik-Studierende haben ein Projekt zum Datenjournalismus unter der Leitung von Jörg Pfeiffer abgeschlossen. Herausgekommen ist zum Beispiel ein interaktiver Szeneguide (mit z.B. Flirtfaktor, Bierpreis und Musikstil), eine Grafik zu den Studentenstädten in Deutschland oder eine Textwolke aus allen Reden und Predikten des Bischofs (das Wort “Kirche” wird neben “Gott” bzw. “Gottes” am häufigsten verwendet, danach kommen erst “Menschen”, “Liebe” und “Christus”). Der “Trend Datenjournalismus” ist vorbildlich umgesetzt. Es finden sich viele Beispiele, die man so oder ähnlich in jeder Lokalredaktion umsetzen könnte.

Nächste Seite »

Bloggen Sie auf WordPress.com. | Theme: Angepasst Pool von Borja Fernandez.
Einträge und Kommentare feeds.

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.