Empirisch geprüft: Internet verdrängt Tageszeitung

20. Dezember 2007 um 15:48 | Veröffentlicht in Internet, Journalismusforschung, Kapitel_3, Kapitel_4, Kapitel_7, Publikumsforschung, Zeitung | 3 Kommentare

Ergänzend zu meinem Beitrag Auslaufmodell Tageszeitung ein aktueller Hinweis auf eine Studie, die jetzt in der Zeitschrift “Medien & Kommunikationswissenschaft” erschienen ist. Der Beitrag erhärtet empirisch die These der zunehmenden Verdrängung der Tageszeitung durch Nachrichtensites im Internet. Castulus Kolo und Robin Meyer-Lucht haben in Zeitreihenanalysen die Daten aus zwei großen Mediennutzungsstudien (ACTA und AWA) zwischen 2000 und 2006 ausgewertet. Dies ist zwar nicht unproblematisch, weil diese Befragungen eigentlich für einen anderen Zweck erhoben wurden und sich Schlussfolgerungen zum Verhältnis zwischen Tageszeitung und Nachrichtensites nur indirekt ziehen lassen. Allerdings sind die Indizien so eindeutig, dass eine starke Verdrängung insbesondere bei nachrichteninteressierten Nutzern (“News-Junkies”) als erwiesen gelten kann. Dramatisch ist nicht nur der Rückgang des gesamten Leserkreises, sondern vor allem die Erosion der Intensivleserschaft bei Tageszeitungen.

So verlieren Regionalzeitungen im Schnitt pro Jahr 1,4 Prozent ihrer Gesamtleserschaft und 3,8 Prozent der Intensivleser. Bei den überregionalen Zeitungen sind es -0,6 bzw. -4,8 Prozent. Gleichzeitig wächst der Leserkreis von Nachrichtensites sehr stark: Regionale Nachrichtenangebote im Internet haben pro Jahr 16 Prozent mehr Nutzer – und 21,1 Prozent mehr Intensivnutzer. Bei überregionalen Nachrichtensites sind es 13,9 Prozent im Jahr mehr Gesamtnutzer und sogar 33,1 Prozent mehr Intensivnutzer.

In absoluten Zahlen heißt dies zum Beispiel: Anstieg der Intensivnutzer von überregionalen Nachrichtensites von 0,22 auf 0,98 Mio. in den letzten sechs Jahren – und Abnahme der Intensivleser von regionalen Tageszeitungen von 23,08 auf 19,00 Mio.

Wer nun denkt, diese Verschiebungen lägen in erster Linie an den Jugendlichen und jungen Erwachsenen – der täuscht sich: Die detaillierteren Untersuchungen zeigen, dass die Tageszeitungen vor allem in den Alterssegmenten zwischen 25 und 44 Jahren ans Internet verlieren.

Nun ist auch für den deutschen Markt belegt, was Studien in den USA und in Großbritannien schön länger feststellen. Die Verschiebung zwischen Print und online betrifft dort sehr viel breitere Bevölkerungssegmente als nur die digitalen Trendsetter. In Deutschland schützt bislang (?) das weitgehende Abomodell die Tageszeitungen vor noch größeren Auflageverlusten. Allerdings: Die vorliegende Studie zeigt, dass auch unter Abonnenten die Intensivleser zurückgehen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich die schleichende Entwöhnung vom Zeitungslesen in der Abokündigung niederschlägt.

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3 Kommentare »

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  1. [...] 3. Juni 2008 at 10:49 | In Allgemein | Die Zeichen verdichten sich, dass  nicht nur Print-Leser ins Internet abwandern, sondern dass auch das klassische Fernsehen Zuschauer ans Internet und andere digitale Plattformen [...]

  2. [...] eine ähnliche  (aber etwas weiter gefasste) Definition, wie bei einer anderen Studie, die ich hier zitiert [...]

  3. [...] und 2008 von 20,6 % auf 19,0 % verringert. Fernseh-Zuseher wandern ins Internet ab, genauso wie Zeitungsleser ins Internet [...]


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