30 Jahre „taz“: Erinnerungen an Haschischduft aus der Dunkelkammer und dilettantische Amateur-Journalisten

16. April 2009 at 9:54 | In Kapitel_4, Medienökonomie, Zeitung | Leave a Comment

Es gibt in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten nur zwei Zeitungsgründungen, die längerfristig überlebten: die „taz“ (1979) und die „FTD“ (2000). Beide nutzten den Zeitgeist der Gründungsphase: die „FTD“ den Börsenboom der Jahrtausendwende und die „taz“ die links-alternative Szene der späten 70er Jahre, aus der auch die Grünen hervorgegangen sind. Am 17. April 1979 ist die erste Ausgabe der „taz“ erschienen. Was vor genau 30 Jahren begann, wird heute als Zukunftsmodell der Tageszeitung im Internet-Zeitalter beschrieben: Die „taz“ gehört keinem Verleger oder Medienkonzern, sondern einer Genossenschaft aus Leserinnen und Lesern. Und sie wurde damals von politisch motivierten Amateuren gemacht – heute würde man sie wohl „Blogger“ nennen.

Michael Sontheimer war mit dabei. Er erinnert sich an die ersten Tage, an den Haschischduft aus der Dunkelkammer und die Selbstausbeutung der Laien, die sich als Journalisten versuchten, und dabei „genial dilettantisch“ arbeiteten:

„Es hat funktioniert. Es hat deshalb funktioniert, weil wir keine Journalisten waren, sondern politisch motivierte Amateure. Die „taz“ wandelte sich, ganz anders als wir uns das gedacht hatten, von einem radikalen Szeneblatt zum Medium des neuen alternativen Bürgertums – ihr Weg ähnelte dem der Grünen. Die „taz“ wurde auch zur erfolgreichsten Journalistenschule der Nation – keine wichtige Redaktion ohne ehemalige „taz“-Redakteure.“

Inzwischen hat sich die „taz“ – mit Ausnahme einzelner Provokationen, die man auch als ethische Entgleisungen bezeichnen kann – der Berliner Medienszene angepasst: Den 30. feiert man mit einer Gala und einem Kongress und ab Samstag mit neuem Layout (von der Agentur KircherBurckhardt, die seit einigen Jahren das Erscheinungsbild der deutschen Tageszeitungen prägt und vereinheitlicht).

Bildblog will ab morgen alle Medien kritisieren

5. April 2009 at 18:43 | In Ethik, Kapitel_7, Qualität | Leave a Comment

Als „Bildblog für alle“ will das Team von Bildblog.de künftig antreten. Nach fast fünf Jahren Kritik an Europas größter Tageszeitung weitet sich nun der Fokus. „[…] es ging uns nie nur um die „Bild“-Zeitung, sondern um ihre Macht als viel gelesenes und für wichtig genommenes Leitmedium”, schreiben die Macher des Bildblog. „Es gibt viele Beispiele dafür, wie deutsche Medien ihrer Verantwortung nicht gerecht werden. Oft fehlt es schon an der schlichten Bereitschaft, eigene Fehler zu korrigieren. Sinkende Werbeerlöse und der Medienumbruch bedrohen gerade die Qualität.“ Nach dem Abschied von Bildblog-Mitbegründer Christoph Schultheis ergänzt der Ex-Zeitungs- und Fernsehjournalist Christian Jakubetz die beiden Medien-Kritiker Stefan Niggemeier und Lukas Heinser.

Wie man sich eine Journalismus-Studie bastelt. Sieben Tipps anhand des Fallbeispiels „Journalismus 2009“

2. April 2009 at 16:02 | In Journalismusforschung, Kapitel_1 | 7 Comments

Eine Pressemitteilung (hier oder hier) der „Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation“ und des Marktforschungsinstituts „YouGovPsychonomics“ hat uns zu folgender Bastelanleitung inspiriert. Geeignet sind die Tipps vor allem für junge aufstrebende, privat-kommerzielle Hochschulen und Marktforschungsinstitute, die offenbar beide darunter leiden, dass man sie (noch) nicht genug kennt und schätzt. Auch wer sonst mal gerne zum Thema Journalismus forschen möchte, möge sich bitte hier ein paar Ratschläge holen:

  • (1) Man suche sich einen griffigen Titel: „Journalismus + Jahreszahl“ funktioniert vor allem in der ersten Jahreshälfte. Gut macht sich ein Untertitel, der Großes verspricht (einlösen muss man das Versprechen ja nicht). „Zum Status des deutschen Journalismus“ ist knackig und hat etwas Wichtiges, ja Staatstragendes.
  • (2) Man denke sich ein paar Fragen aus, die man in einen Online-Fragebogen gieße. Eine theoretische Basis ist dafür nicht nötig. Hauptsache es fallen Schlagwörter wie „Wahrheit“, „Unabhängigkeit“, „Glaubwürdigkeit“, „gesellschaftliches Ansehen“ oder noch besser: „Manipulation“.
  • (3) Mindestens 1000 Menschen sollten sich den Fragebogen antun. Damit man mit dem Adjektiv „repräsentativ“ prahlen kann, sollte die Zusammensetzung altersmäßig so sein, wie sich die Bevölkerung zusammensetzt. Das reicht. Andere Kriterien für Repräsentativität sind völlig irrelevant, z.B. dass ein Drittel der Bevölkerung mit einem Online-Fragebogen gar nicht erreicht werden kann. Die Zahl, wie viele Menschen man mit diesem Fragebogen belästigen musste und wie viele davon ihn letztlich ausfüllten, interessiert in der Veröffentlichung der Studie nicht (mit „Rücklauf“ beschäftigen sich nur wissenschaftliche Erbsenzähler).
  • (4) Ganz wichtig ist, dass man die Ergebnisse der Befragung nicht im wissenschaftlichen Kontext, wie z.B. einer Fachzeitschrift, veröffentlicht, sondern sofort per Pressemitteilung in die Welt bläst. Wer liest schon Fachzeitschriften, die obendrein noch auf wissenschaftliche Qualitätssicherung achten und an der „Studie“ herummosern könnten?
  • (5) In der Pressemitteilung werfe man mit Prozentzahlen um sich, die zwar für sich überhaupt keinen Sinn ergeben, aber in dramatischen Formulierungen mit Sicherheit von Journalisten zitiert werden (z.B. hier oder hier oder hier). Was will uns z.B. sagen, dass „lediglich 46 Prozent der Bundesbürger“ „glauben“, „dass Journalisten an einer wahrheitsgemäßen Berichterstattung interessiert sind“? Oder: „Dass Journalisten objektiv berichten, glauben immerhin 52 Prozent.“ – Was hat das Eine mit dem Anderen zu tun? Ist das viel oder wenig? Waren das früher mehr? Sind es in anderen Ländern mehr? – Oder: Wissen wir nun mehr, wenn wir durch die „Studie“ erfahren, dass – nach Meinung der Befragten – Ärzte einen stressigeren Beruf haben als Journalisten? (So ganz nebenbei: Glauben an Gott oder an andere Transzendenzen war gestern – heute glauben wir an den Journalismus. Zitat: „Lediglich die 20 bis 29-Jährigen glauben an Unabhängigkeit.“)
  • (6) Es ist auch völlig egal, wenn sich die Zahlen widersprechen – weil das ja nur daran liegt, dass die Fragestellungen zu pauschal sind und so nicht funktionieren. Ein Beispiel: Nur 16 Prozent geben an, dass sie „Online-Magazinen“ „vertrauen“. Konkret angegebene Websites wie Spiegel-online, Focus-online oder Zeit-online erhalten dagegen genauso hohe Vertrauenswerte (zwischen 67 und 75 Prozent) wie überregionale Tageszeitungen oder Nachrichtenmagazine (und sogar mehr als das Printmagazin „Stern“).
  • (7) Man überrasche in der Pressemitteilung. Das macht den Text spannend und weist keineswegs auf innere Widersprüche der Fragestellungen hin. Ein Beispiel: „Was nun die Recherchearbeit der Journalisten betrifft, zeigen sich die Befragten aber erstaunlicherweise zufrieden.“ Und: „Allerdings halten es 74 Prozent der Befragten für wahrscheinlich, dass Journalisten im Rahmen der Recherche auch „über Leichen gehen“.“

Erstaunlich, erstaunlich. Da wir jetzt wissen, wie es um den „Status des deutschen Journalismus“ bestellt ist, beschäftigen wir uns demnächst mit der Frage, was ein „Online-Ausleger“ ist. Am schönsten gefällt mir die Wikipedia-Beschreibung aus dem Bereich der Luftbetankung: „Der Ausleger ist ein langes, innerhalb enger Grenzen horizontal und vertikal bewegliches Rohr…“ Das lässt sich doch sicher auf den „Online-Ausleger des Magazins „Focus““ (vgl. Seite 3 der Pressemitteilung) übertragen.

Nachtrag (20.4.09): Einer der Autoren der Studie, Martin Welker, hat in seinem Blog die Methodik der Befragung erläutert („Repräsentativität“) und angekündigt, die Ergebnisse einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift zur Prüfung und Veröffentlichung anzubieten.

Bloggen Sie auf WordPress.com. | Theme: Pool by Borja Fernandez.
Entries and comments feeds.