Neue Studie zum Journalismus im Internet: Blogger erbringen punktuell journalistische Leistung und ergänzen den professionellen Journalismus
20. Mai 2009 at 11:43 | In Internet, Journalismusforschung, Journalisten, Kapitel_4, Kapitel_6, Kapitel_7 | 2 CommentsZwischen bezahltem – also profesionellem – Journalismus, Bloggern und Nachrichten-Suchmaschinen besteht weniger ein Konkurrenzverhältnis, sondern vielmehr eine vielschichtige, sich gegenseitig ergänzende Beziehung. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie, welche die „Vermittlungsakteure, -strukturen und -leistungen der aktuellen Internetöffentlichkeit“ drei Jahre lang untersucht hat. Die Autoren Christoph Neuberger, Christian Nuernbergk und Melanie Rischke haben dazu ein Buch veröffentlicht sowie einen kostenlos zugänglichen Beitrag für die Zeitschrift Media Perspektiven. Das Buch besteht aus mehreren Einzelbeiträgen, welche über die DFG-finanzierte empirische Studie hinaus gehen; so ist dort z.B. auch ein Beitrag des australischen Forschers Axel Bruns veröffentlicht („Vom Gatekeeping zum Gatewatching“).
Empirisches Kernstück der Studie war eine Befragung von 503 journalistischen Internet-Angeboten, der eine Vollerhebung vorausgegangen war. Blogger erbringen demnach punktuell journalistische Leistungen und sie sind für die journalistische Recherche wichtig geworden.
„Durch die wechselseitige Thematisierung und Kommentierung beeinflussen sich journalistisch-professionelle und partizipative Angebote. Die Nutzerbeteiligung auf journalistischen Websites erscheint allerdings noch als Experimentierfeld. Die eigentliche Bedrohung des Internets für den professionellen Journalismus wird nicht auf dem Publikums-, sondern auf dem Werbemarkt gesehen: Neue Werbeträger im Internet stellen die Querfinanzierung des Journalismus durch Werbeerlöse infrage.“
nachrichten.de geht im Juni online: eine Bündelung der News-Ströme im Web
20. Mai 2009 at 11:08 | In Internet, Kapitel_4, Kapitel_7 | 1 CommentIm Juni will focus.de mit dem neuen Angebot nachrichten.de auf den Markt kommen. Zunächst hatte man mit einem Projektstart im April gerechnet (vgl. BDZV-Mitteilung). Chefredakteur Jochen Wegner erzählte am Samstag am Rande des Süddeutschen Journalistentags, dass zurzeit noch ein paar Dinge optimiert würden, und zeigte die aktuelle Version auf seinem iPhone in die Runde: nachrichten.de sieht ein wenig so aus wie focus.de – arbeitet aber ganz anders und bietet einen ganz anderen Service. Die Plattform wird ohne Journalisten auskommen: Eine Maschine bündelt aktuelle Nachrichten aus vielen journalitischen Websites – also ein wenig so wie news.google.de, aber noch viel mehr: Es werden z.B. auch Themendossiers gebündelt oder Themenkarrieren können verfolgt werden. Es ist – wie Jochen Wegner früher schon mal sagte – ein „Durchlauferhitzer für Journalismus, von dem alle Nachrichtenangebote gleichermaßen profitieren“. Die Beiträge selbst sind ja nur verlinkt. Traffic wird durch nachrichten.de also auf die ursprünglichen Websites gelenkt.
Focus.de hat sich bei der Entwicklung nicht nur von news.google.de inspirieren lassen, sondern auch von daylife.com. Ich bin sehr gespannt, wie der Algorithmus funktoniert, ob die Entwickler die Nachrichtenströme des Webs richtig eingeschätzt und die Relevanzkriterien sinnvoll definieren konnten (Wegner: „Wir haben beim Programmieren sehr viel über Nachrichten und Journalismus gelernt.“) Vielleicht wird man anhand des Angebots dann noch stärker transparent nachvollziehen können, wie Dutzende Redaktionen voneinander abschreiben und wie journalistische Hypes entstehen und vergehen (wie z.B. jüngst die Schweinegrippe).
Redaktionelle Konvergenz in der Schweiz
20. Mai 2009 at 10:24 | In Internet, Kapitel_4, Kapitel_7, Newsroom, Qualität, Redaktion, Zeitung, Öffentlich-rechtliche | Leave a CommentRedaktionen werden auch in der Schweiz immer mehr plattform-übergreifend organisiert. Ein Beispiel ist das „Bieler Taglatt“ (ein vergleichsweise kleines Medienhaus), das vor kurzem unter Chefredakteurin Catherine Duttweiler in einem Newsroom/an einem Newsdesk die Tageszeitungen „Bieler Tagblatt“ und „Journal du Jura“, das Lokalradio Canal3, das Regionalfernsehen Telebielingue sowie sechs Online-Plattformen zusammengeführt hat.
Der Verband Schweizer Presse hat die aktuellen Trends aufgegriffen und vor einer Woche das Dossier „Newsroom. Redaktionsorganisation im Wandel“ veröffentlicht, in dem neben grundsätzlichen Informationen z.B. von Dietmar Schantin (IFRA – Newsplex) und mir auch Daten und Fallbeispiele aus der Schweizer Medienlandschaft analysiert und vorgestellt werden.
Auch die öffentlich-rechtliche Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft SRG hat das Thema Medienkonvergenz ganz oben auf der Agenda, nachdem der nationale Verwaltungsrat der SRG im März die Zusammenlegung von Radio, Fersehen und Online beschlossen hat. Im Grundsatz aus ökonomischen Gründen, weil die Gebührengelder und Werbeeinnahmen die Kosten nicht mehr decken. Doch wie diese beschlossene Zusammenlegung im Detail in den Redaktionen verwirklicht werden soll – „darüber gibt es fast täglich Konferenzen“, erzählten SRG-Journalisten gestern beim Seminar „Medienkonvergenz: Schock oder Chance?“ in Zürich. Wir konnten die SRG-Multimedia-Redaktion besuchen, die gerade mit der TV-Tagesschau-Redaktion zusammengelegt wird. In den Gesprächen wurde wieder einmal deutlich, dass eben nicht nur ökonische Gründe und Sparzwang zu konvergenten Redaktionen führen – sondern auch und vor allem das geänderte Nutzungsverhalten: Hansjörg Wilhelm, Leiter der Tagesschau-Multimedia-Redaktion sagte: „Das lineare Fernsehen ist ein Auslaufmodell.“ Immer mehr Journalisten – und vor allem alle künftigen – müssten für die TV-Sendung Tagesschau und für das Web arbeiten. Nur so können Sie in Zukunft ein breites (und junges) Publikum erreichen.
Fehlerkorrektur im Journalismus: sueddeutsche.de zeigt, wie man’s nicht macht
18. Mai 2009 at 15:14 | In Ethik, Internet, Kapitel_7, Qualität, Redaktion, Zeitung | Leave a CommentFehler offensiv zu korrigieren und zu erklären – das müssen Redaktionen in Deutschland erst lernen. Im Gegensatz zum Journalismus in den USA und in Großbritannien. Weil immer wieder Fehler beim Korrigieren von Fehlern passieren, hier einmal eine kleine Studie, aus der man lernen kann, wie man’s nicht macht. SZ-Autor Willi Winkler hat am 13. Mai auf der Medienseite der Printausgabe darüber gelästert, dass beim Spiegel-Shop auch Nazi-Literatur bestellt werden kann. Dass auch die Süddeutsche Zeitung und andere Verlagshäuser Bücher verkaufen und damit alle in Deutschland gehandelte Literatur, war dem Autor entgangen. Der Beitrag wurde auch auf sueddeutsche.de veröffentlicht.
- In der Printausgabe wurde der peinliche Lapsus offensiv und mustergültig am nächsten Tag korrigiert (SZ vom 14.5., S. 15).
- Auf der Website sueddeutsche.de wurde dagegen der Winkler-Beitrag einfach ohne Erklärung gelöscht.
- Dafür wurde die Print-Korrektur online veröffentlicht – also zu einem Artikel, der ja gar nicht mehr online stehen sollte.
- Im Jugendangebot der Süddeutschen Zeitung ist dagegen der urspüngliche Beitrag noch online. Es fehlt allerdings ein Link zur Korrekturseite.
- Vorbildlich: Die „jetzt.de“-Redaktion hat die Nutzer-Kommentare unter dem Beitrag nicht gelöscht. Dort passiert dann die Transparenz, die man sich eigentlich von der Redaktion erwartet hätte.
Was wir daraus lernen? Transparenz ist ein Qualitätskriterium des Journalismus, das gerade im Internet zunehmend wichtiger wird. Redaktionen sollten Fehler offensiv korrigieren, Nutzerkommentare dazu dankbar aufgreifen und auch auf Kritiker verlinken. Transparenz schafft Glaubwürdigkeit – nicht nur in Politik und Wirtschaft, sondern auch im Journalismus.
SZ-Magazin: Fackelzüge zur Zukunft der Zeitung
7. Mai 2009 at 13:27 | In Internet, Journalisten, Kapitel_4, Kapitel_7, Qualität, Zeitung | Leave a CommentQuerverweis auf meinen Beitrag im Journalismus-Darmstadt-Blog: Das aktuelle SZ-Magazin ruft unter der Schlagzeile „Wozu Zeitung?“ zu „Fackelzügen von Journalisten und Druckern“ auf. Das hat uns wieder einmal zu einer kleinen Bastelanleitung inspiriert, wie man journalistisch mit Fragen zur Zukunft des Journalismus umgeht. Mein Kollege Thomas Pleil betrachtet das Ganze unter dem PR-Aspekt, wünscht sich aber lieber guten Journalismus statt eine PR-Kampagne.
Journalismus in Zeiten der Wirtschaftskrise
31. März 2009 at 16:50 | In Internet, Journalismusforschung, Kapitel_4, Kapitel_7, Medienökonomie, Qualität, Zeitung | Leave a CommentUnter dem Titel „Journalismus und Wirtschaft“ ist gerade die Ausgabe 1/09 des „Journalistik Journal“ erschienen. Darin u.a. Beiträge von Horst Pöttker („Ökonomisierung des Journalismus?„), Susanne Fengler („Der Journalist als Homo oeconomicus„), Klaus Arnold („Mit Qualität aus der Krise?„) und mir („Journalismus in Zeiten der Wirtschaftskrise„). Es ist nicht leicht, zwischen der derzeitigen Wirtschafts- und Anzeigenkrise und dem langfristigen strukturellen Medienwandel zu unterscheiden – vor allem auch weil die aktuelle Krise den Strukturwandel beschleunigt. Die genannten Beiträge können bei dieser Unterscheidung helfen.
Nachtrag (2.4.): Bayern 2 Radio hat ein Dossier zu diesem Thema zusammengestellt: „Ende der vierten Gewalt?“ Und die Drehscheibe hat einen sehr guten Beitrag von Jeff Jarvis übersetzt, welcher Ideen und Visionen vor allem für den Lokaljournalismus zusammenfasst. Das ist eine prima Ergänzung zu meiner Krisenanalyse.
Neue Impressionen und Fakten zum Untergang der gedruckten Tageszeitung in den USA
20. März 2009 at 20:50 | In Internet, Kapitel_4, Kapitel_7, Zeitung | 3 CommentsDie Meldungen und Analysen aus den USA zum Untergang der gedruckten Tageszeitung verdichten sich immer mehr. „Newspaper death watch“ listet aktuell zwölf Großstadtzeitungen auf, welche die Printausgabe eingestellt haben. Beim 1863 gegründeten Seattle Post-Intelligencer zum Beispiel verloren mit der letzten Ausgabe am 17. März 150 von 170 Mitarbeitern ihren Job – nun will der Verlag „fully online“ weitermachen (hier eine Slideshow vom letzten Print-Arbeitstag). Die Redaktion der Rocky Mountain News (Denver) hat ein anrührendes Video zum Tod der gedruckten Ausgabe am 27. Februar (die letzte Frontpage) produziert – zwei Monate vor dem 150. Geburtstag der Zeitung. Das Video gibt auch allgemein anschauliche Einblicke in den Zustand des Zeitungsjournalismus in den USA.
Von amerikanischen Zeitungsjournalisten lernen – das heißt ab jetzt lernen, die Zeitung würdevoll zu Grabe zu tragen.
Fakten und Hintergründe über den Zustand der Nachrichtenmedien in den USA liefert der jährliche Bericht „state of the media“ des „Projects for Excellence in Journalism“ (finanziert vom Pew Research Center). Der sechste Bericht liegt seit dieser Woche vor. Demnach haben seit 2001 20 Prozent der Zeitungsjournalisten ihren Job verloren. Das Nachrichten-Publikum wandert zum Internet ab:
„[…] the audience migration to the Internet is now accelerating. The number of Americans who regularly go online for news, by one survey, jumped 19% in the last two years; in 2008 alone traffic to the top 50 news sites rose 27%.“
Mit dem Publikum sind allerdings nicht die Anzeigenerlöse zu den Online-News-Angeboten gewandert:
„Online advertising over all began to slow down, and display advertising in particular, the primary ad-revenue source for news, appeared to actually decline.“
Hinter der Finanzierung des Journalismus steht im 21. Jahrhundert ein ganz großes Fragezeichen – zumindest in den USA.
Zeitungssterben auch in Deutschland?
Kann man die US-Situation auf die ganze Welt und auch auf Deutschland übertragen? Ist die USA ein Vorreiter in Sachen Zeitungssterben? –
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Neuer Newsroom: Auch der Guardian arbeitet jetzt „integrated“
9. März 2009 at 13:17 | In Internet, Kapitel_4, Newsroom, Redaktion | Leave a Comment„We are organised by subject rather than by platform“, sagt Chefredakteur Alan Rusbridger über den neuen „integrated newsroom“ des Guardian. Und: „We have multimedia facilities that are as good as anything that the BBC has.“ London hat seit einigen Wochen zwei moderne Vorzeige-Redaktionen: Nach dem Vorreiter Daily Telegraph im Januar 2007 ist jetzt auch der Konkurrent Guardian mit 730 Journalisten in ein völlig neues Redaktionsgebäude gezogen. Die Fachzeitschrift „Press Gazette“ zeigt die neuen Räume und das redaktionelle Konzept des Guardian in einer Audio-Slideshow – in der gedruckten „Press Gazette“ (Feb. 2009) ist ein Interview mit Rusbridger zu lesen (leider noch nicht online, aber schon im Mai hat er sein neues Konzept vorgestellt: „pods in a matrix“). Integriert ist nicht nur print und online der Tageszeitung, sondern auch der Sonntagszeitung Observer: Die Thementeams (Ressortteams) bedienen also drei Plattformen mit jeweils ganz unterschiedlichen Anforderungen.
Der neue integrierte Newsroom der Frankfurter Rundschau
20. Februar 2009 at 17:06 | In Internet, Kapitel_4, Newsroom, Redaktion, Zeitung | Leave a CommentEs gibt einen neuen „modernsten Newsroom“ in Deutschland: Dieses Mal nicht in Berlin oder München, sondern in Frankfurt: Die „Frankfurter Rundschau“ ist am Wochenende in ein ehemaliges Straßenbahn-Depot in Sachsenhausen gezogen. Kernstück des neuen Gebäudes ist ein Newsroom mit 90 Arbeitsplätzen und einem großen runden Tisch in der Mitte. Chefredakteur Uwe Vorkötter erklärt stolz die strategischen Ziele der völlig neuen redaktionellen Strukturen – Redakteure sind im FR-Video mal begeistert, mal skeptisch. Typisch FR :-). Vorkötter: „Es gibt dort keine Trennung zwischen Print und Online mehr. Es gibt nur noch eine Redaktion. Aus ihrem Material wird die Doppelseite in der Zeitung gestaltet, ebenso wie die Kurznachricht auf dem Handy. Es ist eine Redaktion, die multimedial denkt und arbeitet. Und die sich dafür neu organisieren muss.“
Der Newsdesk (man nennt ihn übrigens „Brücke“) ist rund – sieht fast so aus wie beim „Daily Telegraph“ in London oder wie bei der Tageszeitung „Österreich“ in Wien. An ihm sitzen neben den Chefredakteuren die Ressortleiter, die gleichzeitig für Print und für online zuständig sind. Die Redaktionsstrukturen sind stark angelehnt an den Telegraph; die FR wurde ebenso wie das Vorbild in London von der IFRA in Darmstadt beraten (Joachim Blum).
Morgen (Samstag) wird eine Print-Beilage zum neuen Newsroom erscheinen. Einen Vorgeschmack mit Text von Vorkötter und prima Video-Interviews gibt’s online.
Die Krise
20. November 2008 at 19:14 | In Internet, Journalisten, Kapitel_4, Kapitel_7, Medienökonomie, Zeitung | 1 CommentSehr viele Menschen aus Journalismus und Medienunternehmen reden zurzeit über die Krise. Die dunklen Wolken am Horizont des Arbeitsmarkts für Journalisten haben sich verdichtet. Wieder einmal wird deutlich, wie stark die Medien aufgrund ihrer Anzeigenfinanzierung von den Konjunkturzyklen abhängig sind: Der Konjunkturabschwung und die weltweiten Rezessionsängste schlagen auf die Redaktionsetats durch, wenn zum Beispiel die Banken-, Auto- oder Stellenanzeigen ausbleiben. Aktuelle Krisenbeispiele aus dem Verlagswesen sind die Süddeutsche Zeitung (1,2), die F.A.Z. (1,2), die WAZ-Gruppe in NRW (1,2) und Gruner+Jahr, wo die Zeitschrift „Park Avenue“ eingestellt wird und die Redaktionen von FTD, Capital, Impulse und Börse online zusammengelegt werden sollen (1,2).
Nach aktuellen Angaben von Nielsen Media Research sind die Werbeeinnahmen vor allem der Printmedien im Jahresdurchschnitt mittlerweile zurückgegangen (Jan. bis Okt. Zeitschriften -4,3% und Tageszeitungen -0,2%). In einer Pressemitteilung vom 13. Oktober war noch von einem Wachstum im dritten Quartal die Rede – insgesamt und vor allem bei Fernsehen und Tageszeitungen (Jan. bis Sept. Zeitschriften -3,8% und Tageszeitungen +0,5 %). Der Einbruch im Oktober muss schon massiv gewesen sein. Bei der Online-Werbung zeichnet sich der Rückgang schon seit Jahresbeginn ab – auch wenn die Wachstumszahlen vergleichsweise groß bleiben: Die Zuwächse lagen im ersten Quartal bei 44%, im zweiten bei 39% und im dritten bei 30%. Im Internet bleiben die Aussichten rosig: „Trotz der abflachenden Wachstumsraten ist ein Ende des Online-Werbebooms noch lange nicht in Sicht“, so Nielsen Media Research. Der Online-Werbemarkt hat inzwischen den Radiomarkt überholt und macht schon rund ein Viertel des Zeitungs-Werbemarkts aus.
Wir erinnern uns noch gut an die letzte Krise, als z.B. die Tageszeitungen zwischen 2000 und 2004 fast ein Drittel der gesamten Anzeigeneinnahmen verloren. Die Jahre 2001 bis 2004 waren düstere Zeiten auf dem journalistischen Arbeitsmarkt. Die Redaktionen sind inzwischen so stark verdichtet, dass eine weitere Sparwelle schmerzhafte Qualitätseinbußen mit sich bringen wird.
Wer im nächsten Jahr seine Journalistenausbildung abschließt, wird es nicht leicht haben, gleich einen guten Job zu bekommen. Man muss wohl mit noch mehr Einstellungstops in weiteren Redaktionen rechnen. Die aktuelle Krise wird den Wandel des Journalismus beschleunigen: Mehr plattform-übergreifendes redaktionelles Arbeiten, mehr journalistische Ressourcen fürs Internet und weniger für Print. Wer schon in der Ausbildung auf den Online-Journalismus baut, setzt nach wie vor auf einen Boombereich (auch wenn mir dies auf dem Fachjournalistenkongress nicht alle geglaubt haben). Der Geschäftsführer des Verbands Deutscher Zeitschriftenverleger VDZ, Wolfgang Fürstner, zum Beispiel sagte turi-tv: “Wir haben ein Defizit an technik- und internetaffinen, jungen Fachleuten und der Markt bildet noch nicht genügend aus.“
Nachtrag (25.11.): Das TV-Medienmagazin „Zapp“ des NDR bringt einen Beitrag zur Medienkrise (morgen Abend) und hat im Internet ein Dossier zu diesem Thema zusammengestellt – mit weiteren Interviews und Beiträgen aus den ARD-Anstalten.
SZ und FR: überregionale Zeitungen bauen Print-online-Integration aus – mit unterschiedlichen Ansätzen
12. November 2008 at 22:10 | In Allgemein, Internet, Kapitel_4, Kapitel_7, Newsroom, Redaktion, Zeitung | Leave a CommentSeit Anfang November arbeitet die Redaktion der Süddeutschen Zeitung in einem neuen Gebäude am Stadtrand: Ein Hochhaus, das keiner mag und kaum für redaktionelles Arbeiten geplant wurde – schon gar nicht für die Anforderungen eines großen crossmedialen Newsrooms. Im Zentrum des Gebäudes schlägt nicht das Herz der Redaktion, sondern es rumpeln Aufzüge und plätzschern Toiletten. (Genau das hasste die APA-Redaktion und deshalb hat die APA in Wien ein neues Redaktionsgebäude gebaut, in dem seit 2005 das Herz in der Mitte schlägt – vgl. meine Studie dazu).
Doch die SZ-Redaktion hat versucht, das Beste aus der ungeeigneten Architektur zu machen: Im 22. Stockwerk ist ein Newsroom mit 40 Arbeitsplätzen und einem zentralen Newsdesk eingerichtet. Dort arbeiten 30 Print- und zehn Online-Redakteure überwiegend aus den Ressorts Innenpolitik, Außenpolitik und Panorama. Die restlichen Online-Journalisten sitzen zwei Stockwerke darunter. Die Printressorts sind auf die Etagen 15 bis 25 verteilt. Online-Chefredakteur Hans-Jürgen Jakobs ist trotz dieser Verteilung optimistisch nun „Zeitung und Internet aus einem Guss“ produzieren zu können: „Die Zusammenarbeit von sueddeutsche.de und SZ-Redaktion soll am neuen Standort intensiviert werden.“
Ganz anders plant die Frankfurter Rundschau: Das neue Gebäude im Kultviertel Sachsenhausen wird um einen großen Newsroom mit ca. 700 Quadratmetern herum gebaut (Fotos und Video von der Baustelle). Das Rundschau-Haus soll im Februar/März 2009 bezogen werden. Chefredakteur Uwe Vorkötter will dann die Online-Redaktion auflösen (im Video-Interview mit Peter Turi): Die Online-Journalisten werden auf die Ressorts verteilt und sollen dort die Motivation für online unter allen FR-Journalisten fördern; jeder Ressortleiter wird für Print und Online zuständig sein. Alle 150 Printredakteure sollen dann zu Online-Redakteuren werden. „Die gesamte jetzige Printredaktion muss ihren Tages- und Arbeitsablauf umstellen“, so Uwe Vorkötter. Man folgt dem Idealbild der „konvergenten Redaktion“ (so nennt es Vorkötter) – nach dem Vorbild des britischen Daily Telegraph. Problematisch ist aus meiner Sicht, dass die Online-Kompetenz untergehen könnte – zumindest so lange, bis die Print-Redakteure tatsächlich Online-Know-How erworben haben und umsetzen können. Intensive Weiterbildung und viel Geduld (vor allem auch der jetzigen Online-Spezialisten) wird wohl nötig sein.
Fernsehen und Internet
3. Juni 2008 at 10:49 | In Internet, Kapitel_3, Kapitel_4, Kapitel_7, Publikumsforschung, Qualität, Öffentlich-rechtliche | Leave a CommentDie Zeichen verdichten sich, dass nicht nur Print-Leser ins Internet abwandern, sondern dass auch das klassische Fernsehen Zuschauer ans Internet und andere digitale Plattformen verliert. Zwei Beispiele:
- Die durchschnittliche Sehdauer der Deutschen ist nach Angaben der AGF 2007 erstmals seit Aufzeichnung der Fernsehnutzungsdaten um vier Minuten pro Tag zurückgegangen (von 212 im Jahr 2006 auf 208).
- Die Beratungsfirma Accenture berichtet nun in einer Pressemitteilung von einer Studie („Broadcast Consumer“-Umfrage unter 1.109 deutsche Internetnutzern), die ergab, dass sich junge Zuschauer zunehmend vom Antennen-, Kabel- und Satelliten-Fernsehen abwenden. “Jugendliche und junge Erwachsene leben in einer ‘On-demand’-Umgebung – in der ihnen dank Internet jederzeit alles zur Verfügung steht“, sagt Veit Siegenheim, Geschäftsführer im Bereich Communications & High Tech bei Accenture. „Auch auf das Fernsehen übertragen sie zunehmend Nutzungsmuster aus dem Internet.“
Den Fernsehveranstaltern sind solche Hinweise auf eine sich ändernde Mediennutzung natürlich hinlänglich bekannt. Deshalb ist die politische Auseinandersetzung um das, was öffentlich-rechtliche und privat-kommerzielle Rundfunkanstalten im Internet dürfen, sollen und was sie unterscheidet, derzeit so heftig. Da demnächst die Ministerpräsidenten über die Änderung des Rundfunkstaatsvertrags entscheiden müssen, blühen die Aktivitäten der Lobbyisten und PR-Strategen. Ein PR-Stück für mehr Präsenz von ARD und ZDF im Internet hat zum Beispiel Dr. Thomas Leif, Vorsitzender des Netzwerks Recherche und Chefreporter Fernsehen beim SWR in Mainz, für die ARD produziert (und dabei der ARD eher einen Bärendienst erwiesen, weil das Stück so offensichtlich werbend und einseitig recherchiert ist). Die Friedrich-Ebert-Stiftung legte dagegen eine Kurz-Studie vor, die mit etwas mehr Distanz zu ARD und ZDF Forderungen zu den „Öffentlich-rechtlichen Online-Angeboten der nächsten Generation“ aufstellt – dies jedoch überwiegend aus ökonomischen Erwägungen heraus und mit Hinweis auf die „Public Value“-Strategie der BBC.
Die Politiker werden wohl eher den Argumenten der privat-wirtschaftlichen Medienunternehmen folgen: Zeitungs- und Zeitschriftenverlage sowie privat-kommerzielle Rundfunkveranstalter sagen, dass sie selbst Vielfalt und qualitativ hochwertigen Journalismus im Internet anbieten könnten und dass man dafür öffentlich-rechtliche Angebote nur in stark begrenztem Umfang brauche. Dabei können gebührenfinanzierte öffentlich-rechtliche Angebote doch eine sinnvolle und wertvolle Alternative zur „Kostenloskultur“ des Internet und zu einer nahezu kompletten Werbefinanzierung sein. Oder etwa nicht? Wie viel Öffentlich-rechtliches brauchen wir im Internet? Jetzt und in Zukunft, wenn das Internet der zentrale Vertriebskanal für „Radio“ und „Fernsehen“ werden sollte?
PS: Aktuelle Infos und Hintergründe zu journalistischen Videoformaten im Internet liefert das Magazin websehen.net, das von Absolventen des Studiengangs Online-Journalismus (Hochschule Darmstadt) betrieben wird.
Der Multimedia Newsroom der BBC
17. April 2008 at 10:38 | In Internet, Kapitel_4, Kapitel_7, Newsroom, Redaktion, Öffentlich-rechtliche | 1 CommentBeim Thema „crossmediale Redaktionen“ reden wir zurzeit häufig über die Verbindung von Print und Online – vor allem bei Tageszeitungen. Doch auch bei den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten in Deutschland werden Strategie-Papiere erarbeitet, einzelne Projekte umgesetzt oder sogar Newsrooms und Rundfunkhäuser komplett neu strukturiert (wie z.B. beim ZDF, beim Saarländischen Rundfunk oder bei Radio Bremen).
Dass die deutschen Rundfunkanstalten erst am Anfang stehen, zeigt das Beispiel der BBC: Mit dem Programm „Creative Future“ hat die traditionsreiche britische Anstalt vor etwa einem Jahr der on demand-Strategie und den Online-Diensten (24/7-Diensten) den Vorrang eingeräumt. Im neuen Multimedia Newsroom sitzen nun alle drei Plattformen Internet, Fernsehen und Radio um den „editorial hotspot“. Reporter und Korrespondenten kommen mit ihren Themen besser durch, wenn sie mindestens für zwei Plattformen arbeiten. Die Ressorts und Themengebiete sind schon organisatorisch weitgehend integriert. Es gibt zum Beispiel nur noch ein Wirtschaftsressort, das die Online-Wirtschaft genauso macht wie die Radio- und Fernseh-Sendungen zu Wirtschaftsthemen.
Über dieses „360 degree commissioning & cross trailing“ berichtet zurzeit der leitende BBC-Wirtschaftsredakteur Dr. Tim Weber auf vielen Tagungen in Deutschland – unter anderem am 8. April in der Akademie für politischen Bildung in Tutzing (er ist Deutscher und hat in München studiert und beim BR gearbeitet). Webers Folien sind auf dem apb-tutzing-Server dokumentiert – und sicher empfehlenswert für alle, die sich mit dem Thema crossmedialer Journalismus beschäftigen.
Videovortrag: Multimediale Newsrooms in Europa
12. März 2008 at 16:26 | In Internet, Kapitel_4, Newsroom, Redaktion, Zeitung, Öffentlich-rechtliche | 1 CommentDer Hessische Rundfunk hat die Vorträge auf dem „Frankfurter Tag des Online-Journalismus“ (6. März) als Videos aufgezeichnet und komplett in guter Qualität ins Netz gestellt. Mit dabei ist mein Vortrag zum Thema „Multimediale Newsrooms in Europa“ (35 Min.) und der Vortrag „Audio-Bilder-Galerien – Video für Arme oder neuer Standard?“ (22 Min.) von Fabian Schweyher, dessen spannende Diplomarbeit zu diesem Thema ich im letzten Sommer betreuen durfte.
Empirisch geprüft: Internet verdrängt Tageszeitung
20. Dezember 2007 at 15:48 | In Internet, Journalismusforschung, Kapitel_3, Kapitel_4, Kapitel_7, Publikumsforschung, Zeitung | 2 CommentsErgänzend zu meinem Beitrag Auslaufmodell Tageszeitung ein aktueller Hinweis auf eine Studie, die jetzt in der Zeitschrift “Medien & Kommunikationswissenschaft” erschienen ist. Der Beitrag erhärtet empirisch die These der zunehmenden Verdrängung der Tageszeitung durch Nachrichtensites im Internet. Castulus Kolo und Robin Meyer-Lucht haben in Zeitreihenanalysen die Daten aus zwei großen Mediennutzungsstudien (ACTA und AWA) zwischen 2000 und 2006 ausgewertet. Dies ist zwar nicht unproblematisch, weil diese Befragungen eigentlich für einen anderen Zweck erhoben wurden und sich Schlussfolgerungen zum Verhältnis zwischen Tageszeitung und Nachrichtensites nur indirekt ziehen lassen. Allerdings sind die Indizien so eindeutig, dass eine starke Verdrängung insbesondere bei nachrichteninteressierten Nutzern („News-Junkies“) als erwiesen gelten kann. Dramatisch ist nicht nur der Rückgang des gesamten Leserkreises, sondern vor allem die Erosion der Intensivleserschaft bei Tageszeitungen.
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