Innovativer Chefredakteur im Video-Porträt: Ralf Geisenhanslüke

25. April 2013 um 8:34 | Veröffentlicht in Kapitel_4, Kapitel_7, Qualität, Redaktion, Zeitung | 1 Kommentar

Sehr interessantes Video-Porträt eines innovativen Chefredakteurs: Ralf Geisenhanslüke von der Neuen Osnabrücker Zeitung. In dem Beitrag, den Roman Mischel produziert hat, wird das Idealbild eines Chefredakteurs gezeichnet: unaufgeregt, aber konsequent den Weg zum digitalen Journalismus aufzeigen und mit dem Team gehen. Chapeau!

Wenn der Markt versagt: Wie Journalismus finanziert werden kann

23. November 2012 um 21:45 | Veröffentlicht in Internet, Journalismusforschung, Journalistik, Kapitel_7, Kommunikationsfreiheit, Qualität, Zeitung | 4 Kommentare

Nach dem Ende der Financial Times Deutschland (FTD), der Nürnberger Abendzeitung und der Insolvenz der Frankfurter Rundschau wird nun wieder mehr darüber diskutiert, wie tagesaktueller Journalismus – außerhalb der öffentlich-rechtlichen trimedialen Rundfunkanstalten – langfristig finanziell überleben kann (vgl. den Beitrag in der heutigen ARD-Web-Tagesschau mit einem Interview von mir). Dabei geht es auch um die Frage nach der Zukunft des lokalen und regionalen Journalismus. Der NRW-Medienstaatssekretär Marc Jan Eumann hat einen interessanten Diskussionsbeitrag gemacht, über den u.a. Spiegel online berichtet und den er selbst ausführlich darstellt (“Wie wir in Zukunft Öffentlichkeit finanzieren”): Eine Stiftung zur Förderung von journalistischer Vielfalt könnte Recherche-Stipendien für Journalisten und Redaktionen vergeben.

Der Medienredakteur der F.A.Z., Michael Hanfeld, sieht das kritisch, aber er ist auch bekannt für seinen Konfrontationen gegen die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten und eine eher plumpe schwarz-weiß-Darstellung; er kann sich offenbar nur marktfinanzierten Journalismus vorstellen.

Der Schweizer Journalistik-Professor Vinzenz Wyss hat in einem Facebook-Beitrag auf verschiedene kommunikationswissenschaftliche Ansätze verwiesen. Diese Links möchte ich hier dokumentieren:

In der Medienwissenschaft hat Marie Luise Kiefer interessante Finanzierungsmodelle angetippt:  Das sollte man mal gelesen haben. In der Schweiz hat sich insbesondere Manuel Puppis vom IPMZ mit den Fragen beschäftigt. Seine Gedanken sind publiziert, z.B. in dem jüngst erschienenen Buch “Gehen den Leuchttürmen die Lichter aus?”  Und seine Gedanken wurden auch an einem Parlamentarieranlass vom Verein Medienkritik Schweiz diskutiert. Dazu das Papier hier. Man sollte bei der Diskussion wissen, dass keine – also auch keine medienwissenschaftlich ernst zu nehmende – Position vorschlägt, dass der Staat da irgendwas finanzieren soll. Staatsferne ist selbstverständlich gesetzt. Dennoch muss der Staat hier an der Organisation solcher Modell mitwirken. Es gibt hier also nicht plumpes Schwarz/Weiss.

Auf der Facebook-Seite von Vinzenz Wyss kommentiert Marc Jan Eumann:

Wir müssen streiten! Wieviel Vielfalt wollen wir? Wieviel Geld soll wer und warum in die Hand nehmen? Wie sichern wir Unabhängigkeit? Wie gelingt Transparenz? Fragen über Fragen. Es stellen sich noch mehr. Wichtig ist: Der Streit lohnt. Es geht um ein wichtiges Gut: Die Herstellung von Öffentlichkeit durch Journalistinnen und Journalisten, ohne die Demokratie nicht funktioniert. Nebenbei: Es gibt doch viele Beispiele, wo der Staat finanziert, aber die Unabhängigkeit gewährleistet ist: Die Deutsche Forschungsgemeinschaft, Max-Planck-Institute sind nur zwei. Lasst uns gute Argumente sammeln. Und klar ist auch: Es gibt keinen Königsweg…

Ich finde es wert, diese Punkte öffentlich zu diskutieren. Deshalb habe ich diese Aussagen, die ja bei Facebook nur einen begrenztes Publikum erreichen und vergänglich sind, hier dokumentiert. Aber natürlich ist das alles noch nicht zu Ende diskutiert. Unsere Gesellschaft ist erst am Anfang einer wertvollen Debatte, welchen Journalismus wir uns leisten wollen.

Nachtrag (24.11.): Die Schweizer Kommunikationswissenschaftler Cédric Wermuth und Kurt Imhof im Interview.

Korrektur (24.11. abends): Cédric Wermuth ist Politiker. Er sitzt für die SP im Schweizerischen Nationalrat (vgl. Kommentare). Prof. Dr. Kurt Imhof ist Professor für Publizistikwissenschaft und Soziologie an der Uni Zürich; er leitet den Forschungsbereich Öffentlichkeit und Gesellschaft, in dem regelmäßig das Jahrbuch “Qualität der Medien” herausgegeben wird.

Interview zum „Zeitungssterben“

22. November 2012 um 12:07 | Veröffentlicht in Kapitel_4, Kapitel_7, Qualität, Zeitung | Hinterlasse einen Kommentar

Heute ist ein Interview mit mir in der Main-Post, Würzburg, zum „Zeitungssterben“ erschienen: „Medienwissenschaftler Klaus Meier sieht keinesfalls schwarz für die Tageszeitung”, heißt es. Meier: „… Wenn der Markt hier versagt, für eine für die Demokratie so wichtige Institution wie den Journalismus, da müssen wir überlegen, wie der Staat eingreifen kann. Ich plädiere nicht dafür, die Verlage direkt zu unterstützen. Wir müssen aber Wege finden, wie wir qualitätsvollen Journalismus öffentlich unterstützen können – mit politischer Unabhängigkeit. In Nordrhein-Westfalen gibt es Pläne für eine NRW-Journalismus-Stiftung zur Förderung journalistischer Vielfalt, die an recherchierende Journalisten Stipendien vergibt oder Redaktionen eine Recherche ermöglicht, die andernfalls nicht finanzierbar wäre. Das ist natürlich noch Zukunftsmusik. Aber es wird das große Thema sein in den nächsten Jahren. Darüber muss unsere Gesellschaft sprechen.“ Der Leitartikel von Chefredakteur Michael Reinhard zum gleichen Thema ist lesenswert: „Die Tageszeitung ist gut und stark”.

Nebenaspekt der CSU-Pressesprecher-Affäre: Kumpanei zwischen Bayerischem Rundfunk und CSU

24. Oktober 2012 um 21:02 | Veröffentlicht in Allgemein, Öffentlich-rechtliche, Ethik, Kapitel_7, Kommunikationsfreiheit, Qualität | 6 Kommentare

In der Berichterstattung heute über die Affäre um den Anruf des CSU-Pressesprechers Hans Michael Strepp beim ZDF gibt es einen Nebenaspekt, der ziemlich unterging, den ich aber für bedenklich halte, weil der den Umgang zwischen Journalisten des Bayerischen Rundfunks und der CSU offenlegt. Der Bayerische Rundfunk berichtet (Audio von Nikolaus Neumaier, Leiter der Redaktion Landespolitik im Hörfunk):

Strepp schickte dem BR-Korrespondenten Oliver Mayer-Rüth (ARD-Fernsehen) eine SMS und fragte: “Wissen Sie eigentlich, ob ARD heute was macht zu Ude in Nürnberg? Danke für Info”. Daraufhin bekam er als Antwort: Die ARD mache nichts, vielleicht mache der BR was.

Erstens: Dass ein Parteipressesprecher am Sonntag um 9.41 Uhr eine derartige SMS schreibt, zeugt davon, dass ein enges Verhältnis zwischen ihm und dem Fernsehjournalisten herrscht und solche Anfragen offenbar ganz normal sind.

Zweitens: Die einzige richtige Antwort des Journalisten müsste sein: “Das geht Sie gar nichts, aber schon rein gar nichts an.”

Stattdessen plaudert der Journalist redaktionsinterne Planungen über die Berichterstattung über den SPD-Parteitag an den CSU-Mann aus. Es gibt ganz offensichtlich eine Kumpanei zwischen dem BR-Fernsehen und der CSU – zumindest zwischen dem BR-Korrespondenten im ARD-Hauptstadtstudio und der CSU-Pressestelle.

Dies wird in der Berichterstattung über die ganze Affäre sonst nicht thematisiert (vgl. z.B. 1, 2, 3, 4, auch nicht im ARD-Tagesschau-Beitrag zur Affäre). Oder ist mir was entgangen?

Wenigstens stimmte dann die Berichterstattung am Ende (entgegen der Auskunft des BR-Journalisten): Beide öffentlich-rechtlichen Sender, ARD und ZDF, berichteten in ihren Nachrichtensendungen sowohl über den CSU- als auch über den SPD-Landesparteitag. Wer weiß: Vielleicht hat die Tagesschau-Redaktion in Hamburg ja am Ende anders entschieden, als die BR-Journalisten im ARD-Hauptstadtstudio wollten?

Nachtrag (26.10.2012): Ich habe heute mit dem BR-Korrespondenten Oliver Mayer-Rüth telefoniert. Er sagte, die SMS von Strepp an ihn sei “unüblich” gewesen und seine sofortige Antwort eine “höfliche Geste”. Er wehrt sich gegen den Vorwurf der Kumpanei; schließlich habe er von sich aus dazu beigetragen, die Sache zu veröffentlichen und damit transparent zu machen (via den oben erwähnten Audio-Beitrag von B5-aktuell). Da gebe ich ihm Recht: Wenn er tatsächlich ein Kumpan des CSU-Pressesprechers wäre, hätte er geschwiegen.

Neue Nachrichten und Prognosen zur Krise der gedruckten Tageszeitung

1. Oktober 2012 um 11:33 | Veröffentlicht in Kapitel_4, Kapitel_7, Zeitung | 8 Kommentare

Der 1. Oktober 2012 markiert einen neuen Höhepunkt in der Seismographie der Krise der täglich gedruckten Nachrichten: Die Nürnberger “Abendzeitung” ist gestorben und erscheint ab heute nicht mehr. Und die “Nürnberger Zeitung” produziert keinen eigenen Lokalteil mehr, sondern übernimmt diesen ab heute von der Schwesterzeitung “Nürnberger Nachrichten” Korrektur zur Situation bei der Nürnberger Zeitung (NZ) und den Nürnberger Nachrichten (NN) (Danke für den Hinweis an Klaus Schrage und sorry für den Fehler!): Es gibt in Nürnberg einen Zusatz-Lokalteil. Das waren bisher NZ Plus und NN Extra. Jetzt heißt es “Mehr Nürnberg” – und wird unter der Federführung der NN-Redaktion produziert; die eigentlichen Lokalteile, die bei NN und NZ in der Gesamtausgabe durchlaufen, gibt es aber weiterhin (vgl. zu beiden voneinander unabhänigen Ereignissen die Nachricht bei Newsroom.de). Und in New Orleans ist ab heute die erste US-Metroploe ohne tägliche Zeitung: Die “Times Picayune” erscheint nach 175 Jahren nur noch drei Mal in der Woche gedruckt – und permanent aktualisiert im Internet (vgl. die Nachricht im Deutschlandfunk oder bei onlinejournalismus.de).

In diesen Tagen habe ich mich für einen Buchbeitrag mit der Frage beschäftigt: “Wird es bald keine gedruckte Tageszeitung mehr geben?” Mein Text hier für Interessierte zur Info – und gerne auch zum Kommentieren: Weiterlesen Neue Nachrichten und Prognosen zur Krise der gedruckten Tageszeitung…

Interview zum neuen Spiegelblog und zur Reaktion der Tagesschau auf einen Facebook-Shitstorm

1. Oktober 2012 um 10:55 | Veröffentlicht in Ethik, Internet, Kapitel_7, Qualität, Redaktion | Hinterlasse einen Kommentar

Der Spiegel hat ein neues Redaktionsblog, in dem zum Beispiel der hauseigene Medienjournalist Stefan Niggemeier bei Kollegen kritisch nachfragt - und die Tagesschau müht sich im Redaktionsblog um Schadensbegrenzung, weil Facebook-Nutzer sich massiv darüber beschwert haben, dass die Proteste in Madrid am Dienstag, 25.9., nicht in die 20 Uhr-Ausgabe gekommen waren. Das sind zwei Anlässe für die Redaktion der Sendung “Markt und Medien” des Deutschlandfunk, das Thema Offenheit und Transparenz von Redaktionen und den Umgang mit einem kritischen Netz-Publikum zu thematisieren (Sendung vom 29.9.). Das Interview mit mir kann man hier nachhören.

Hintergrund: Das Thema begleitet mich schon länger, z.B.: Unsere Studie zu Transparenz und Vertrauen im Journalismus sowie weitere Infos zu Transparenz in anderen Redaktionen und ein früheres Interview 2009.

Katerstimmung nach der EM: Unterhaltungsindustrie und Party statt Sportjournalismus

2. Juli 2012 um 9:43 | Veröffentlicht in Öffentlich-rechtliche, Ethik, Kapitel_5, Kapitel_7, Qualität, Zeitung | 2 Kommentare

Was bleibt nach der Fußball-EM? – Vor allem eine riesige Katerstimmung nicht wegen der deutschen Mannschaft, sondern aufgrund der Berichterstattung, die man in weiten Teilen nicht mehr als Sportjournalismus bezeichnen kann, sondern als gigantische Unterhaltungsindustrie. Klassische journalistische Werte wie Fairness, Unparteilichkeit oder Transparenz gehen im Kult um „Reichweite durch Party“ unter. Es wurde in Blogs und Sozialen Netzwerken schon viel dazu geschrieben, weshalb ich mich hier darauf beschränke, die treffenden Analysen zu sammeln:

  • Arnd Zeigler bringt es in einem offenen Brief auf Facebook auf den Punkt: „Wer jetzt so tut als seien die deutschen Spieler nach der ersten Niederlage nach 16 Siegen hintereinander (oder wieviele waren es?) plötzlich alles Vollpfosten, Totalversager und Nullen und ihr Trainer ein Nichtskönner, der hat den Fußball nicht mal im Ansatz verstanden.“
  • Und Bildblog hat zusammengetragen, wie die „Bild“-Zeitung die deutschen Spieler zuerst wie Helden verehrt und dann in Grund und Boden geschrieben hat. Beides völlig maßlos, unmenschlich und ekelhaft.
  • Die Bilder, die wir im Fernsehen von den Spielen bekommen, werden nicht von journalistischen Redaktionen ausgewählt, sondern von den Veranstaltern selbst. Wir sehen unter dem Label von ARD und ZDF die PR-Unterhaltung der UEFA. Missliebige Szenen werden nicht gezeigt (Feuerwerke unter Zuschauern, Flitzer, leere Plätze), Bilder um der Unterhaltung Willen gefälscht (z.B. „Löw und der Balljunge“ oder „Tränen nach dem Tor“).
  • Die Berichterstattung hätte das ZDF nutzen können, um ein junges Publikum von der Qualität und Attraktivität seines Programms zu überzeugen. Statt dessen inszeniert man ein Strandstudio mit Liegestühlen an der Ostsee, für das die AOK Nordost exklusiver Partner war und das von der Süddeutschen Zeitung trefflich als „eine Art AOK-Kongress“ bezeichnet wurde. Nur noch peinlich war der Versuch, Twitter in die Sendung einzubinden – mit einem hilflosen Oliver Kahn.

Am Tag 1 nach der EM fassen wir uns an den Kopf – und können es inzwischen nur zu gut verstehen, wenn im Freundeskreis „über die Medien“ geschimpft wird. Normalerweise versuche ich, den Journalismus und die Journalisten zu verteidigen. Heute sind mir die Argumente ausgegangen.

Neue Zeitschrift zur angewandten Journalismusforschung: Die Kluft zwischen Forschung und Praxis überwinden

14. Mai 2012 um 9:14 | Veröffentlicht in Journalismusforschung, Kapitel_1, Kapitel_7, Qualität | Hinterlasse einen Kommentar

Eine neue wissenschaftliche Fachzeitschrift möchte die Kluft zwischen journalistischer Praxis und Forschung überbrücken. Das internationale „Journal of Applied Journalism & Media Studies“ hat sich zum Ziel gesetzt, „to bridge the gap between media and communication research and actors with a say in media production, i.e. broadcasters, newspapers, radios, Internet-based media outlets, etc.”. Die erste Nummer ist kostenlos. Den Aufmacher-Beitrag hat Daniel Perrin von der Zürcher Hochschule Winterthur geschrieben. Es handelt sich um die erweiterte Fassung seiner Antrittsvorlesung. Er nutzt die Aktionsforschung als theoretischen Rahmen für ein Forschungsprojekt, das er mit der öffentlich-rechtlichen „Idée suisse“ durchgeführt hat. Einen ähnlichen Ansatz verfolge ich mit meinen angewandten Forschungsprojekten. Ich habe diese „interaktive Innovationsforschung“ in einem Beitrag im Buch „Methoden der Journalismusforschung“ beschrieben.

In einem weiteren Beitrag in dem neuen Journal werden zehn Regeln für Nachrichtenmedien zum Gebrauch von Twitter begründet und ausgeführt.

Social TV: „rundshow“-Experiment des Bayerischen Rundfunks

4. Mai 2012 um 9:30 | Veröffentlicht in Internet, Kapitel_4, Kapitel_7, Qualität | Hinterlasse einen Kommentar

Über dieses Projekt ist schon viel gebloggt und erzählt worden (zuletzt zum Beispiel bei den Netzpiloten oder beim Organisator und Macher Richard Gutjahr selbst oder als Pressemitteilung des BR oder vor allem im rundshow-Blog). Ich möchte hier kurz darauf hinweisen, weil ich es für ein spannendes Experiment halte: Ab 14. Mai wird der Bayerische Rundfunk vier Wochen lang testen, wie das interaktive Internet mit dem linearen Fernsehen kombiniert werden kann. Die „rundshow“ will täglich 30 Minuten Live-Interaktion ausprobieren: von Montag bis Donnerstag um 23.15 Uhr.

Mitten in der heißen Vorbereitungsphase gibt Gutjahr am Dienstag, den 8. Mai, in einem 75minütigen Webinar des Forums für Journalismus und Medien Wien (Fjum) Einblick in das Innovationsprojekt. An dem Webinar kann jeder mitmachen und Fragen stellen (ab 17.30 Uhr) – mit vorheriger Anmeldung.

Und wieder ein massiver Verstoß gegen die Ethik: Zeitungen veröffentlichen Fotos von toten Kindern

16. März 2012 um 19:09 | Veröffentlicht in Ethik, Kapitel_7 | 6 Kommentare

Es ist drei Jahre her: Nach dem Amoklauf von Winnenden gab es einen Aufschrei über die massiven Verstöße gegen die journalistische Ethik. U.a. wurde angeprangert, dass in vielen Zeitungen und Zeitschriften Fotos von jugendlichen Opfern abgebildet wurden – oft gestohlen aus sozialen Netzwerken. Was haben wir daraus gelernt? – Nichts. Wieder werden Fotos von Kindern, die bei einem schrecklichen Unfall ums Leben kamen, auf der Titelseite ganz groß veröffentlicht (Text: “Die toten Kinder aus dem Reisebus”). Doch halt – eines hat zumindest „Bild” gelernt: Man will einen „Shitstorm” vermeiden. Laut turi2 versichert ganz schnell „Bild”-Sprecher Tobias Fröhlich,

die Redaktion habe die Bilder nicht von einer Website geklaut und „definitiv die Genehmigung zum Abdruck der Bilder gehabt“. Jedoch will Fröhlich nicht sagen, von wem “Bild” die Genehmigung hatte – das seien “Redaktionsinterna”.

Bei „Bild” steht auf der Titelseite: „Auf Wunsch der Eltern bleiben die Namen der Kinder ungenannt.” Was für eine Heuchelei. Ich kann mir keine Eltern vorstellen, die nicht auch und noch viel mehr folgenden Satz unterschreiben würden: „Auf Wunsch der Eltern bleiben die Fotos der Kinder ungedruckt.”

Welchen Informationswert haben die Fotos? Wodurch ist es zu rechtfertigen, sie auf der Titelseite abzudrucken? Es geht einzig und allein um die Sensationsgeilheit von Redakteuren und Lesen. Warum solche Fotos nicht veröffentlicht werden dürfen, steht im Pressekodex, wird bei Unglücken immer wieder diskutiert und ist auch jetzt wieder Thema (vgl. z.B. die ausführliche Darlegung bei der NZZ).

Just heute schickte der Deutsche Presserat eine Pressemitteilung ins Land: “Opfer genießen besonderen Schutz – Drei Rügen wegen Verstößen gegen Persönlichkeitsrechte”. Es geht um die “Identifizierende Darstellungen von Opfern” – u.a. in „B.Z.“, „Bild” und „Dresdner Morgenpost” in den vergangenen Monaten. Effekt? – Null. Es ist so traurig.

Statistisch berechnet: Im Jahr 2034 erscheint die letzte gedruckte Tageszeitung

6. März 2012 um 17:27 | Veröffentlicht in Journalismusforschung, Kapitel_4, Kapitel_7, Zeitung | 49 Kommentare

Für Vorträge in diesen Tagen habe ich die Auflagenzahlen der gedruckten Tageszeitungen in Deutschland der vergangenen 20 Jahre in eine einfache Trendberechnung geschickt. Das Ergebnis ist frappierend: Fast alle Werte liegen tatsächlich sehr genau auf einer Kurve, die sich langsam, aber immer stärker senkt. Im Jahr 1992 waren es noch 26 Millionen verkaufte Tageszeitungen, 2002 23,2 Millionen (minus 11%) und 2011 nur noch 18,8 Millionen (minus 19%). Die Statistik sagt uns voraus: 2022 werden noch ca. 11 Millionen Exemplare verkauft – und 2034 ist dann Schluss.

Statistiker mögen mich dafür steinigen, dass ich für diese schnelle Berechnung mit Excel gearbeitet habe. Mir geht es auch nicht darum, das Jahr des Untergangs exakt vorauszusagen. Denn wie immer bei Prognosen können sich die Randbedingungen massiv ändern. Wenn zum Beispiel ein neues elektronisches Trägermedium für tagesaktuellen, auf Text basierenden Journalismus billig produziert und massenhaft verkauft werden sollte – dann ist wohl früher Schluss mit der täglich gedruckten News und damit, dass wir jede Nacht Papier bedrucken, es mit Lastwägen durch die Gegend karren, von Austrägern in Briefkästen stecken lassen, es ca. 10 bis 40 Minuten zum Lesen benutzen, anschließend in die Tonne werfen, es wieder von Lastwägen abholen lassen, zu Altpapier verarbeiten, es wieder über Nacht…

Kurzum: Es lebe der Journalismus, aber wie lange noch täglich gedruckt – das wissen wir nicht.

Journalismus 3.0: Trend Datenjournalismus

9. September 2011 um 10:36 | Veröffentlicht in Internet, Kapitel_5, Kapitel_7, Qualität | 4 Kommentare

Was kommt nach dem Web 2.0? – Seit Jahren gibt es etliche Spekulationen, wie sich das Internet und der Online-Journalismus weiter entwickeln werden. Ein Trend zeichnet sich immer deutlicher ab: ein Journalismus, der Datensätze anschaulich visualisiert – nicht nur in zweidimensionalen Infografiken, die in den 90er Jahren entwickelt wurden, sondern vor allem in interaktiven Grafiken, in denen die Nutzer navigieren und sich die Daten auf eigene Weise erschließen können.

Im Lehrbuch “Journalistik” stelle ich die Berichterstattungsmuster des Journalismus vor. Der neue Datenjournalismus gehört zum Typus des Präzisionsjournalismus, der schon 1973 von Philip Meyer (University of North Carolina at Chapel Hill) im Buch “Precision Journalism” beschrieben wurde: Der Journalist bedient sich (sozial-)wissenschaftlicher Methoden, um auf Basis wissenschaftlich erhärteter Faktizität präziser berichten zu können. Das Rollenbild ist dann nicht der “Vermittler” (wie im “Objektiven Journalismus”) oder der “Wachhund” (wie im Investigativen Journalismus), sondern der “Forscher”. Neue Methoden erweitern die Möglichkeiten und beziehen zum Beispiel die Nutzer in die Datensammlung mit ein (Stichwort “Crowdsourcing”).

Wer sich näher damit beschäftigen und lernen möchte, was einen guten Datenjournalismus ausmacht, der findet inzwischen viele Ankerpunkte im Internet. Einige Beispiele:

Nachtrag (26.9.): Zeit online hat mit einem Datenjournalismusprojekt einen der renommierten Online Journalism Awards gewonnen. Herzlichen Glückwunsch!

Henri-Nannen-Preis aberkannt – Begründung: mangelnde Transparenz

10. Mai 2011 um 9:44 | Veröffentlicht in Ethik, Kapitel_7, Qualität | Hinterlasse einen Kommentar

Gestern noch habe ich von unserer neuen Studie zu “Transparenz und Vertrauen” berichtet. Nun ist das Thema plötzlich im Medienjournalismus aktuell geworden: Die Jury des Henri-Nannen-Preises hat dem Spiegel-Redakteur René Pfister den Preis für die beste Reportage (“Am Stellpult”) aberkannt. In der Einstiegspassage hatte der Autor eine szenische Rekonstruktion geschildert, die er selbst nicht beobachtet hat. Aus der Begründung der Jury:

“Nach der Jury-Entscheidung wurde durch eigene Bekundung Pfisters bekannt, dass die Eingangspassage der preisgekrönten Reportage, eine detaillierte Schilderung von Seehofers Umgang mit seiner Modelleisenbahn im Keller seines Ferienhauses, entgegen dem Eindruck der Leser und aller Juroren nicht auf der eigenen Wahrnehmung des Autors beruht. Die Glaubwürdigkeit einer Reportage erfordert aber, dass erkennbar ist, ob Schilderungen durch die eigene Beobachtung des Verfassers zustande gekommen sind, oder sich auf eine andere Quelle stützen, die dann benannt werden muss.”

Ein klarer Fall mangelnder Transparenz. Gerade im Print-Journalismus kann Quellentransparenz zu mehr Vertrauen und Glaubwürdigkeit führen – so das Ergebnis unserer Studie. Der Spiegel sieht das anders. Meedia fasst die Kritik in einer kommentierenden Analyse zusammen. Sollten der Spiegel – und im Grunde genommen alle Printmedien – das Jury-Urteil und die Ergebnisse unsere Studie ernst nehmen, dann muss künftig so manche szenische Schilderung, so mancher szenische Einstieg anders geschrieben werden. “Szenische Rekonstruktionen” sollten offen gelegt oder ganz vermieden werden. In unserer Studie verweisen wir z.B. darauf, dass ein Feature-Autor in einem „Methods Block“ oder in Fußnoten seinen Rechercheprozess erklären und die Quellenlage kritisch einordnen kann. Auch in Zeitung oder Zeitschrift können dafür Fußnoten verwendet werden – wie etwa bei der Serie „Enrique’s Journey“ der Los Angeles Times, die 2002 einen Pulitzer-Preis gewann.

Im Übrigen gibt es immer mehr Journalisten, die mehr Transparenz im Journalismus fordern – zum Beispiel neuerdings die Medienjournalistin Ulrike Langer in Ihren “5 Thesen zur Zukunft des Journalismus”, die sie bei der 20-Jahre-Feier von “B5 aktuell” als Keynote vorgetragen hat und bei denen sie sich stark auf Jeff Jarvis bezieht (vgl. z.B. (1) oder (2)).

Nachtrag I (13.5.): Eine Studie eines Forscherteams um Michael Haller (Uni Leipzig) bestätigt unsere Thesen: Sie legten 45 Lesern den betreffenden Spiegel-Artikel vor und fragten überwiegend nach der Glaubwürdigkeit der Geschichte. Michael Haller:

“[…] Rund vier von fünf Testlesern (38 von 45) gaben an, dass sie beim Lesen gern gewusst hätten, woher der Verfasser seine Informationen hat (»im Text sollte genannt werden, woher die Informationen stammen«); nur ein Viertel fand, dass der Verfasser vom Quellenschutz Gebrauch machen darf.

Fazit: Für die meisten Leser ist das Problem der vorgespielten Authentizität nicht entscheidend; wichtiger ist ihnen die Quellentransparenz: Sie wollen dem Autor nicht blind vertrauen.[…]“

Nachtrag II (13.5.): Der Autor René Pfister hat in einem Interview Stellung genommen und verteidigt den Spiegel-Standard, den man in vielen Spiegel-Texten findet: “Dass man aus Erfragtem, Erzähltem und Gelesenem eine Schilderung macht, ist absolut übliches journalistisches Handwerk.” Und er gibt zwar zu, dass man diskutieren kann, ob man im Einstieg mit einem Satz noch deutlicher hätte machen können, dass die Schilderung auf Recherche beruht. Er geht aber nicht so weit zu fordern, dass man alle Quellen offen legen sollte, aus denen die Informationen stammen. Es ist eben das alte Spiegel-Problem (und Problem auch anderer Medien), dem Publikum vorzuspielen, man wisse ja alles und habe auch alles überprüft – die siebte W-Frage “Woher?” wird dabei bewusst ignoriert. Dabei will es das Publikum wissen, sonst glaubt es der Geschichte weniger.

Mir scheint, es ist ein Problem der Systems. Der Autor hat sich konform verhalten und wird jetzt stellvertretend abgewatscht. Dass er das ungerecht findet, ist nachvollziehbar.

Neue Studie zu Transparenz und Vertrauen im Journalismus

9. Mai 2011 um 11:35 | Veröffentlicht in Ethik, Internet, Journalismusforschung, Kapitel_1, Kapitel_5, Kapitel_7, Qualität, Redaktion | 3 Kommentare

Wie können Journalisten Transparenz gegenüber ihrem Publikum herstellen? Und: Schafft Transparenz tatsächlich mehr Vertrauen in Redaktionen und journalistische Produkte? – Transparenz ist zu einem neuen “Buzzword” geworden und liegt im Trend der digitalen Öffentlichkeit, ist aber nicht eindeutig, sondern widersprüchlich und komplex zu bewerten. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die ich zusammen mit Julius Reimer und Studierenden am Institut für Journalistik der TU Dortmund zwischen Oktober 2009 und Juli 2010 durchgeführt habe. Die Forschungsergebnisse sind nun in einem Aufsatz in der Fachzeitschrift Publizistik erschienen. Der Beitrag ist an vielen Unis aus dem Campusnetz heraus kostenlos abrufbar (das Abstract für alle sichtbar).

Ich habe mich in diesem Blog schon häufig mit Transparenz beschäftigt und einige Möglichkeiten beschrieben, wie Journalisten transparenter mit ihren Nutzern umgehen können. Eine Möglichkeit ist z.B. die “Live-Reportage”, bei der Journalisten ihren gesamten Rechercheprozess offenlegen – noch vor der “eigentlichen” Veröffentlichung (ein Beispiel). Für den Aufsatz haben wir nun systematisch zusammengetragen, welche Chancen und Risiken es dabei gibt. Vor allem muss man unterscheiden zwischen Produkt und Prozess: Bei der Produkt-Transparenz benennen Journalisten die Quellen und deren Interessen (z.B. durch Links zu Quellen). Die redaktionelle Transparenz oder Prozess-Transparenz lässt das Publikum in die redaktionellen Abläufe und Entscheidungen blicken (z.B. in Blogs und Foren zum redaktionellen Arbeiten wie z.B. im Tagesschau-Blog) – man berichtet in gewisser Weise über sich selbst, was nicht unproblematisch ist. In der Studie denken wir über Qualitätsmaßstäbe für diese Selbstberichterstattung nach: Das Ideal der “Objektivität” wird ersetzt durch “offene Selbstreflexion”. In den Redaktionen ist ein Diskussionsprozess darüber nötig, was „gute“ und „schlechte“ Selbstberichterstattung ist.

Immer wieder wird behauptet, Transparenz führe zu mehr Vertrauen, weil sie Qualitätsbewertungen durch das Publikum ermöglicht. Dies haben wir in einer empirischen Studie erstmal überprüft. Es ist nicht möglich, hier alle Ergebnisse im Detail wiederzugeben, aber ein Ausschnitt aus dem Fazit soll die Erkenntnisse exemplarisch zeigen:

Bisher empirisch nicht belegte, aber vor allem in der Ratgeberliteratur immer wieder behauptete Annahmen müssen künftig deutlich vorsichtiger und differenzierter betrachtet werden: Links zu Quellen im Online-Journalismus zum Beispiel sind nicht grundsätzlich vertrauenswürdiger, sondern wirken vor allem in Kombination mit redaktioneller Offenheit. Im Print-Journalismus dagegen bringen Selbstdarstellung und die Nennung von Kontaktmöglichkeiten des Autors (vgl. Initiative Tageszeitung 2007) keinen Vertrauenszuwachs; vielmehr sollte in Beiträgen offen mit Quellen umgegangen werden.

Einschränkend ist allerdings zu sagen, dass die gefundenen Korrelationen in der Regel eher schwach ausgeprägt sind. Und es wurde auch nur der Effekt eines einmaligen Einsatzes von Transparenz-Elementen gemessen. Es ist jedoch plausibel anzunehmen, dass Vertrauen langsam über wiederholte positive Erfahrungen aufgebaut wird. Selbst-Transparenz von Redaktionen könnte so bei mehrfachem Gebrauch durchaus zu einem stärkeren Vertrauenszuwachs in ein journalistisches Produkt und in eine Redaktion führen – vor allem im Kontext eines umfassenden Qualitätsmanagements. Dafür haben wir erste Indizien gefunden; der Zusammenhang müsste indes mit einem anderen, eventuell längerfristigen Forschungsdesign nicht im Labor, sondern im Feld weiter untersucht werden.

Nachtrag (20. 3. 2012): Experimentelle Projekte zur transparenten Redaktion werden immer zahlreicher. Ein aktuelles Beispiel: Das ZEITmagazin startet die Aktion „Das Heft Ihrer Wahl“ und ruft seine Leserinnen und Leser in der kommenden Ausgabe Nr. 13 vom 22. März 2012 dazu auf, Themenvorschläge auf einer speziell entwickelten Website einzugeben, zu diskutieren und darüber abzustimmen. Die Redaktionskonferenz dazu am 7. Mai 2012 wird per Live-Stream übertragen. Das Heft erscheint am 21. Juni 2012.

Wolfgang Blau: „Dem Journalismus geht es erstaunlich gut”

17. Mai 2010 um 20:57 | Veröffentlicht in Internet, Journalisten, Kapitel_7 | Hinterlasse einen Kommentar

Heute nur ein Hinweis auf eine erstaunlich gute Analyse von Wolfgang Blau, Chefredakteur von Zeit online. Er schlägt in die gleichen Kerben wie immer wieder auch Alan Rusbridger (Guardian). „Man muss kein Idealist sein, um dem Journalismus ein goldenes Zeitalter vorauszusagen.”

Nächste Seite »

Bloggen Sie auf WordPress.com. | Theme: Customized Pool von Borja Fernandez.
Einträge und Kommentare feeds.

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.