Neue Studie zum Journalismus im Internet: Blogger erbringen punktuell journalistische Leistung und ergänzen den professionellen Journalismus
20. Mai 2009 at 11:43 | In Internet, Journalismusforschung, Journalisten, Kapitel_4, Kapitel_6, Kapitel_7 | 2 CommentsZwischen bezahltem – also profesionellem – Journalismus, Bloggern und Nachrichten-Suchmaschinen besteht weniger ein Konkurrenzverhältnis, sondern vielmehr eine vielschichtige, sich gegenseitig ergänzende Beziehung. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie, welche die „Vermittlungsakteure, -strukturen und -leistungen der aktuellen Internetöffentlichkeit“ drei Jahre lang untersucht hat. Die Autoren Christoph Neuberger, Christian Nuernbergk und Melanie Rischke haben dazu ein Buch veröffentlicht sowie einen kostenlos zugänglichen Beitrag für die Zeitschrift Media Perspektiven. Das Buch besteht aus mehreren Einzelbeiträgen, welche über die DFG-finanzierte empirische Studie hinaus gehen; so ist dort z.B. auch ein Beitrag des australischen Forschers Axel Bruns veröffentlicht („Vom Gatekeeping zum Gatewatching“).
Empirisches Kernstück der Studie war eine Befragung von 503 journalistischen Internet-Angeboten, der eine Vollerhebung vorausgegangen war. Blogger erbringen demnach punktuell journalistische Leistungen und sie sind für die journalistische Recherche wichtig geworden.
„Durch die wechselseitige Thematisierung und Kommentierung beeinflussen sich journalistisch-professionelle und partizipative Angebote. Die Nutzerbeteiligung auf journalistischen Websites erscheint allerdings noch als Experimentierfeld. Die eigentliche Bedrohung des Internets für den professionellen Journalismus wird nicht auf dem Publikums-, sondern auf dem Werbemarkt gesehen: Neue Werbeträger im Internet stellen die Querfinanzierung des Journalismus durch Werbeerlöse infrage.“
nachrichten.de geht im Juni online: eine Bündelung der News-Ströme im Web
20. Mai 2009 at 11:08 | In Internet, Kapitel_4, Kapitel_7 | 1 CommentIm Juni will focus.de mit dem neuen Angebot nachrichten.de auf den Markt kommen. Zunächst hatte man mit einem Projektstart im April gerechnet (vgl. BDZV-Mitteilung). Chefredakteur Jochen Wegner erzählte am Samstag am Rande des Süddeutschen Journalistentags, dass zurzeit noch ein paar Dinge optimiert würden, und zeigte die aktuelle Version auf seinem iPhone in die Runde: nachrichten.de sieht ein wenig so aus wie focus.de – arbeitet aber ganz anders und bietet einen ganz anderen Service. Die Plattform wird ohne Journalisten auskommen: Eine Maschine bündelt aktuelle Nachrichten aus vielen journalitischen Websites – also ein wenig so wie news.google.de, aber noch viel mehr: Es werden z.B. auch Themendossiers gebündelt oder Themenkarrieren können verfolgt werden. Es ist – wie Jochen Wegner früher schon mal sagte – ein „Durchlauferhitzer für Journalismus, von dem alle Nachrichtenangebote gleichermaßen profitieren“. Die Beiträge selbst sind ja nur verlinkt. Traffic wird durch nachrichten.de also auf die ursprünglichen Websites gelenkt.
Focus.de hat sich bei der Entwicklung nicht nur von news.google.de inspirieren lassen, sondern auch von daylife.com. Ich bin sehr gespannt, wie der Algorithmus funktoniert, ob die Entwickler die Nachrichtenströme des Webs richtig eingeschätzt und die Relevanzkriterien sinnvoll definieren konnten (Wegner: „Wir haben beim Programmieren sehr viel über Nachrichten und Journalismus gelernt.“) Vielleicht wird man anhand des Angebots dann noch stärker transparent nachvollziehen können, wie Dutzende Redaktionen voneinander abschreiben und wie journalistische Hypes entstehen und vergehen (wie z.B. jüngst die Schweinegrippe).
Redaktionelle Konvergenz in der Schweiz
20. Mai 2009 at 10:24 | In Internet, Kapitel_4, Kapitel_7, Newsroom, Qualität, Redaktion, Zeitung, Öffentlich-rechtliche | Leave a CommentRedaktionen werden auch in der Schweiz immer mehr plattform-übergreifend organisiert. Ein Beispiel ist das „Bieler Taglatt“ (ein vergleichsweise kleines Medienhaus), das vor kurzem unter Chefredakteurin Catherine Duttweiler in einem Newsroom/an einem Newsdesk die Tageszeitungen „Bieler Tagblatt“ und „Journal du Jura“, das Lokalradio Canal3, das Regionalfernsehen Telebielingue sowie sechs Online-Plattformen zusammengeführt hat.
Der Verband Schweizer Presse hat die aktuellen Trends aufgegriffen und vor einer Woche das Dossier „Newsroom. Redaktionsorganisation im Wandel“ veröffentlicht, in dem neben grundsätzlichen Informationen z.B. von Dietmar Schantin (IFRA – Newsplex) und mir auch Daten und Fallbeispiele aus der Schweizer Medienlandschaft analysiert und vorgestellt werden.
Auch die öffentlich-rechtliche Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft SRG hat das Thema Medienkonvergenz ganz oben auf der Agenda, nachdem der nationale Verwaltungsrat der SRG im März die Zusammenlegung von Radio, Fersehen und Online beschlossen hat. Im Grundsatz aus ökonomischen Gründen, weil die Gebührengelder und Werbeeinnahmen die Kosten nicht mehr decken. Doch wie diese beschlossene Zusammenlegung im Detail in den Redaktionen verwirklicht werden soll – „darüber gibt es fast täglich Konferenzen“, erzählten SRG-Journalisten gestern beim Seminar „Medienkonvergenz: Schock oder Chance?“ in Zürich. Wir konnten die SRG-Multimedia-Redaktion besuchen, die gerade mit der TV-Tagesschau-Redaktion zusammengelegt wird. In den Gesprächen wurde wieder einmal deutlich, dass eben nicht nur ökonische Gründe und Sparzwang zu konvergenten Redaktionen führen – sondern auch und vor allem das geänderte Nutzungsverhalten: Hansjörg Wilhelm, Leiter der Tagesschau-Multimedia-Redaktion sagte: „Das lineare Fernsehen ist ein Auslaufmodell.“ Immer mehr Journalisten – und vor allem alle künftigen – müssten für die TV-Sendung Tagesschau und für das Web arbeiten. Nur so können Sie in Zukunft ein breites (und junges) Publikum erreichen.
Fehlerkorrektur im Journalismus: sueddeutsche.de zeigt, wie man’s nicht macht
18. Mai 2009 at 15:14 | In Ethik, Internet, Kapitel_7, Qualität, Redaktion, Zeitung | Leave a CommentFehler offensiv zu korrigieren und zu erklären – das müssen Redaktionen in Deutschland erst lernen. Im Gegensatz zum Journalismus in den USA und in Großbritannien. Weil immer wieder Fehler beim Korrigieren von Fehlern passieren, hier einmal eine kleine Studie, aus der man lernen kann, wie man’s nicht macht. SZ-Autor Willi Winkler hat am 13. Mai auf der Medienseite der Printausgabe darüber gelästert, dass beim Spiegel-Shop auch Nazi-Literatur bestellt werden kann. Dass auch die Süddeutsche Zeitung und andere Verlagshäuser Bücher verkaufen und damit alle in Deutschland gehandelte Literatur, war dem Autor entgangen. Der Beitrag wurde auch auf sueddeutsche.de veröffentlicht.
- In der Printausgabe wurde der peinliche Lapsus offensiv und mustergültig am nächsten Tag korrigiert (SZ vom 14.5., S. 15).
- Auf der Website sueddeutsche.de wurde dagegen der Winkler-Beitrag einfach ohne Erklärung gelöscht.
- Dafür wurde die Print-Korrektur online veröffentlicht – also zu einem Artikel, der ja gar nicht mehr online stehen sollte.
- Im Jugendangebot der Süddeutschen Zeitung ist dagegen der urspüngliche Beitrag noch online. Es fehlt allerdings ein Link zur Korrekturseite.
- Vorbildlich: Die „jetzt.de“-Redaktion hat die Nutzer-Kommentare unter dem Beitrag nicht gelöscht. Dort passiert dann die Transparenz, die man sich eigentlich von der Redaktion erwartet hätte.
Was wir daraus lernen? Transparenz ist ein Qualitätskriterium des Journalismus, das gerade im Internet zunehmend wichtiger wird. Redaktionen sollten Fehler offensiv korrigieren, Nutzerkommentare dazu dankbar aufgreifen und auch auf Kritiker verlinken. Transparenz schafft Glaubwürdigkeit – nicht nur in Politik und Wirtschaft, sondern auch im Journalismus.
SZ-Magazin: Fackelzüge zur Zukunft der Zeitung
7. Mai 2009 at 13:27 | In Internet, Journalisten, Kapitel_4, Kapitel_7, Qualität, Zeitung | Leave a CommentQuerverweis auf meinen Beitrag im Journalismus-Darmstadt-Blog: Das aktuelle SZ-Magazin ruft unter der Schlagzeile „Wozu Zeitung?“ zu „Fackelzügen von Journalisten und Druckern“ auf. Das hat uns wieder einmal zu einer kleinen Bastelanleitung inspiriert, wie man journalistisch mit Fragen zur Zukunft des Journalismus umgeht. Mein Kollege Thomas Pleil betrachtet das Ganze unter dem PR-Aspekt, wünscht sich aber lieber guten Journalismus statt eine PR-Kampagne.
Bildblog will ab morgen alle Medien kritisieren
5. April 2009 at 18:43 | In Ethik, Kapitel_7, Qualität | Leave a CommentAls „Bildblog für alle“ will das Team von Bildblog.de künftig antreten. Nach fast fünf Jahren Kritik an Europas größter Tageszeitung weitet sich nun der Fokus. „[…] es ging uns nie nur um die „Bild“-Zeitung, sondern um ihre Macht als viel gelesenes und für wichtig genommenes Leitmedium”, schreiben die Macher des Bildblog. „Es gibt viele Beispiele dafür, wie deutsche Medien ihrer Verantwortung nicht gerecht werden. Oft fehlt es schon an der schlichten Bereitschaft, eigene Fehler zu korrigieren. Sinkende Werbeerlöse und der Medienumbruch bedrohen gerade die Qualität.“ Nach dem Abschied von Bildblog-Mitbegründer Christoph Schultheis ergänzt der Ex-Zeitungs- und Fernsehjournalist Christian Jakubetz die beiden Medien-Kritiker Stefan Niggemeier und Lukas Heinser.
Journalismus in Zeiten der Wirtschaftskrise
31. März 2009 at 16:50 | In Internet, Journalismusforschung, Kapitel_4, Kapitel_7, Medienökonomie, Qualität, Zeitung | Leave a CommentUnter dem Titel „Journalismus und Wirtschaft“ ist gerade die Ausgabe 1/09 des „Journalistik Journal“ erschienen. Darin u.a. Beiträge von Horst Pöttker („Ökonomisierung des Journalismus?„), Susanne Fengler („Der Journalist als Homo oeconomicus„), Klaus Arnold („Mit Qualität aus der Krise?„) und mir („Journalismus in Zeiten der Wirtschaftskrise„). Es ist nicht leicht, zwischen der derzeitigen Wirtschafts- und Anzeigenkrise und dem langfristigen strukturellen Medienwandel zu unterscheiden – vor allem auch weil die aktuelle Krise den Strukturwandel beschleunigt. Die genannten Beiträge können bei dieser Unterscheidung helfen.
Nachtrag (2.4.): Bayern 2 Radio hat ein Dossier zu diesem Thema zusammengestellt: „Ende der vierten Gewalt?“ Und die Drehscheibe hat einen sehr guten Beitrag von Jeff Jarvis übersetzt, welcher Ideen und Visionen vor allem für den Lokaljournalismus zusammenfasst. Das ist eine prima Ergänzung zu meiner Krisenanalyse.
Nach dem Amoklauf: Massive Verstöße gegen die journalistische Ethik
30. März 2009 at 15:15 | In Ethik, Journalisten, Kapitel_7, Qualität | 1 CommentZu den „prekären Konstellationen bei der journalistischen Arbeit“ gehören Zeit- und Produktionsdruck, die individuelle Sehnsucht nach dem Scoop, der exklusiven Story, oder ein hoher Konkurrenzdruck – stellte Siegfried Weischenberg in seinem Buch „Journalistik“ schon Anfang der 1990er Jahre fest (S. 205). Hinzu kommen unausgereifte redaktionelle Konzepte im Umgang mit neuen technischen Möglichkeiten und schlicht Sensationsgeilheit. Man kann die schlimmsten journalistischen Verfehlungen immer wieder beobachten, reflektieren, im Medienjournalismus, in Blogs oder in Wissenschaft und Ausbildung thematisieren – und doch lassen sie sich nicht ausrotten.
Wer mit etwas Abstand die Berichterstattung über den Amoklauf in Winnenden reflektiert, blickt wütend und ratlos auf massive Verletzungen der journalistischen Ethik. Hier einige Beispiele mit Links zur Vertiefung und Diskussion (Dank vor allem an Stefan Niggemeier, der zusammen mit seiner Community auch hier wieder akribisch protokolliert und treffend kommentiert hat):
- Zwei Mitarbeiter von Focus online scheiterten kläglich beim Versuch während der Anreise zum Tatort zu twittern: aufgezeichnet von Stefan Niggemeier.
- Live-Berichterstattung: Stundenlange Sondersendungen, wo doch über das schlimme Ereignis in drei Minuten berichtet wäre, erzeugen hilflose Reporter vor Ort. Wenn dann noch Erfahrungslosigkeit und Naivität hinzu kommen, dann wird das auf RTL gesendet. Reporterin Sarah Jovanovic: „…es ist Wahsinn. Hier blinken die Lichter um uns herum. … es ist Wahnsinn. Es heißt sogar, dass der Täter hier vor Ort noch um sich springen könnte … eine solche Größenordnung… ein Chaos vom Feinsten.“
- Die Belagerung der Kleinstadt Winnenden in den Stunden und Tagen danach: Jugendliche werden vor die Kameras gezerrt. Wütende Botschaften von Schülern an Journalisten: „Lasst uns in Ruhe trauern“, „Keine Presse“. Die NDR-Sendung ZAPP dokumentiert das unfassbare Fehlverhalten von Journalisten aus aller Welt.
- Die Heroisierung des Täters und der Tat: Tim K. wird zum Spiegel-Titel, Bild setzt den Amoklauf mit schwarzer Kampfuniform und Heldenpose in Szene. “Kurze Sachinformation hätte gereicht. Die Gefahr des Nachahmereffekts ist ein riesiges Problem“, sagt die Kriminologin Britta Bannenberg im Chat nach der Anne Will-Sendung.
- In vielen Magazinen und Zeitungen – unter anderem Bild, Bild am Sonntag, Focus, Stern – sind Fotos von (jugendlichen) Opfern zu sehen. Zum einen wurde dabei eklatant gegen den Pressekodex verstoßen, der in der Richtlinie 8.1 fordert, dass weder Opfer noch Täter in Wort und Bild genannt und gezeigt werden. Zum anderen wurden die meisten dieser Fotos aus sozialen Netzwerken im Internet (u.a. Schüler VZ) einfach kopiert, ohne die Angehörigen der Opfer zu fragen. Die ARD-Sendung Panorama hat in einem Beitrag den Foto-Raubzug von Journalisten im Internet – auch zu anderen Themen – angeprangert (vgl. den Beitrag von Niggemeier dazu).
- Wer ist schuld an der schmutzigen Berichterstattung? Findige Journalisten machen das Web 2.0 und die Möglichkeit, dass jetzt alle mitreden und mitdiskutieren können, dafür verantwortlich. So zum Beispiel der Chefredakteur von Welt und Welt am Sonntag Thomas Schmid: „Letztlich aber sind es nicht einmal, wie die linke Kulturkritik meint, „die“ Medien, die dem Täter zum Ruhm verhelfen. Es sind Krethi und Plethi, die das (oft mit medialer Hilfestellung) besorgen. Und das ist, wenn man will, ein Demokratisierungserfolg. Konnten früher medial nur die Privilegierten, also die journalistischen Fachleute, mithalten, hat das weltweite Netz, das alle mit allen verbinden kann, im Prinzip jeden Einzelnen zum Wirklichkeitsdeuter und -bildner gemacht. Dass Tim K. heute eine populäre, in der ganzen Welt bekannte Gestalt ist, ist auch eine Folge von user generated content.“ Der Herr Chefredakteur übersieht dabei die Verfehlungen der eigenen Zunft, der eigenen Redaktion und des eigenen Verlags (Springer). Das große Aufmacherfoto, mit dem sein Beitrag in der Welt am Sonntag geschmückt war, zeigte einen namenlosen trauernden Jugendlichen – fotografiert bei der Trauerfeier. Direkt daneben die Überschrift: „Die Unsterblichkeit des Amok-Täters“. Es ist unglaublich, mit welcher Dreistigkeit angebliche Qualitätsmedien (hier: ein Chefredakteur!) agieren. Den treffenden Analysen von Stefan Niggemeier und Thomas Wanhoff ist nichts hinzuzufügen.
Das alles macht wütend und ratlos. Warum können Journalisten und Redaktionen so selten schweigen? Oder über das eigene Tun nachdenken?
Nachtrag (4.4.09): Der Sender RTL hat den TV-Ausschnitt aus seiner Nachrichtensendung bei You Tube sperren lassen. Stefan Niggemeier hat nachgehakt und das Video erneut bei Sevenload platziert. Sein Blogbeitrag und die Diskussionen der Nutzer dazu sind sehr interessant: Muss es sein, dass ein Watch-Blog so hartnäckig mit einer einzelnen journalistischen Fehlleistung umgeht und die junge unerfahrene Reporterin nochmals vorführt (deren journalistische Laufbahn damit vermutlich zerstört ist)? Oder ist es durchaus angemessen, darauf herumzureiten, weil die Dokumentation des Videos zeigt, dass ja eigentlich die RTL-Redaktion und die Redaktionsleitung für die desaströse Berichterstattung verantwortlich sind, weil sie auf keinen Fall ein junge, unerfahrene Kollegin mit dieser schwierigen Live-Berichterstattung hätten beauftragen sollen? – Dass „Sarah Jovanovic“ seit einigen Tagen dasjenige Suchwort ist, mit dem dieses Blog hier am häufigsten gefunden wurde, macht mich sehr nachdenklich. Offenbar machen sich viele Internet-Nutzer über die junge Reporterin lustig. Vielleicht sollten auch Medienkritiker manchmal innehalten und länger überlegen, was man wie kritisiert (ich nehme mich hier gar nicht aus). Denn die eigentlichen Verantwortlichen hinter den Kulissen (hier: die RTL-Redaktionsleitung, auch Chefredakteur Peter Kloeppel) trifft man mit platter Kritik an einer Reporterin nicht. Da muss man schon intensiver analysieren und auf redaktionelle Zwänge und Hierarchien hinweisen. RTL bemüht sich inzwischen um Schadensbegrenzung und hat ein Video unter dem Titel „RTL-Reporterin Sarah Jovanovic in Winnenden“ im eigenen Web-Angebot platziert. Dort ist die Reporterin in einem unverfänglichen TV-Ausschnitt zu sehen.
Neue Impressionen und Fakten zum Untergang der gedruckten Tageszeitung in den USA
20. März 2009 at 20:50 | In Internet, Kapitel_4, Kapitel_7, Zeitung | 3 CommentsDie Meldungen und Analysen aus den USA zum Untergang der gedruckten Tageszeitung verdichten sich immer mehr. „Newspaper death watch“ listet aktuell zwölf Großstadtzeitungen auf, welche die Printausgabe eingestellt haben. Beim 1863 gegründeten Seattle Post-Intelligencer zum Beispiel verloren mit der letzten Ausgabe am 17. März 150 von 170 Mitarbeitern ihren Job – nun will der Verlag „fully online“ weitermachen (hier eine Slideshow vom letzten Print-Arbeitstag). Die Redaktion der Rocky Mountain News (Denver) hat ein anrührendes Video zum Tod der gedruckten Ausgabe am 27. Februar (die letzte Frontpage) produziert – zwei Monate vor dem 150. Geburtstag der Zeitung. Das Video gibt auch allgemein anschauliche Einblicke in den Zustand des Zeitungsjournalismus in den USA.
Von amerikanischen Zeitungsjournalisten lernen – das heißt ab jetzt lernen, die Zeitung würdevoll zu Grabe zu tragen.
Fakten und Hintergründe über den Zustand der Nachrichtenmedien in den USA liefert der jährliche Bericht „state of the media“ des „Projects for Excellence in Journalism“ (finanziert vom Pew Research Center). Der sechste Bericht liegt seit dieser Woche vor. Demnach haben seit 2001 20 Prozent der Zeitungsjournalisten ihren Job verloren. Das Nachrichten-Publikum wandert zum Internet ab:
„[…] the audience migration to the Internet is now accelerating. The number of Americans who regularly go online for news, by one survey, jumped 19% in the last two years; in 2008 alone traffic to the top 50 news sites rose 27%.“
Mit dem Publikum sind allerdings nicht die Anzeigenerlöse zu den Online-News-Angeboten gewandert:
„Online advertising over all began to slow down, and display advertising in particular, the primary ad-revenue source for news, appeared to actually decline.“
Hinter der Finanzierung des Journalismus steht im 21. Jahrhundert ein ganz großes Fragezeichen – zumindest in den USA.
Zeitungssterben auch in Deutschland?
Kann man die US-Situation auf die ganze Welt und auch auf Deutschland übertragen? Ist die USA ein Vorreiter in Sachen Zeitungssterben? –
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Umfassendes Gutachten zur Entwicklung der Medien in Deutschland
19. Dezember 2008 at 11:20 | In Journalismusforschung, Kapitel_4, Kapitel_7, Kommunikationsfreiheit, Medienökonomie, Qualität | 1 CommentDie Bundesregierung hat in dieser Woche einen neuen Medien- und Kommunikationsbericht in Berlin vorgestellt. Der letzte Bericht stammt aus dem Jahr 1998. Ziel dieser Berichte, die an den Bundestag gehen und öffentlich zur Verfügung stehen, ist es in erster Linie, die Medienpolitik in Deutschland darzulegen. Das ist bei den Aspekten, die mit Journalismus zu tun haben, dann nicht so richtig befriedigend: Häufig werden „Defizite festgestellt“ und es wird schön formuliert, dass die Bundesregierung einen „erheblichen Handlungsbedarf“ sieht (z.B. zur Aus- und Fortbildung von Journalisten, S. 85f.) – aber die Standardantwort ist meist, dass die Bundesregierung nur beschränkte Handlungsmöglichkeiten hat und andere gefordert sind (z.B. die Medienunternehmen, was die praktische Ausbildung betrifft, oder die Bundesländer, was die Hochschulausbildung angeht). Das ist zwar richtig, nur wahnsinnig erhellend ist der Bericht dann in dieser Hinsicht nicht – und erst recht nicht lösungsorientiert. Dieses Geschwurbel hätte man sich schenken können (jetzt hat es halt die Bundesregierung auch mal gesagt).
Aber: Für ein wissenschaftliches Fachpublikum ist vor allem das umfassende Gutachten, das dem Bericht zu Grunde lag, lesenswert: Das Hans-Bredow-Institut der Universität Hamburg hat auf 380 Seiten die Entwicklung der Medien in den vergangenen zehn Jahren zusammengefasst und analysiert – auf Basis einer intensiven Recherche in zahlreichen wissenschaftlichen Studien. Das Gutachten stammt vom 4. Juni 2008 und steht jetzt ebenfalls als pdf-Datei zur Verfügung. Ich empfehle die pdf-Datei für Journalistik-Studierende als Basis für wissenschaftliche Recherchen in Seminaren und Abschlussarbeiten. Vielleicht kann man ja auch über die Feiertage mal reinlesen…
Neue Forschungsergebnisse zum Wandel der Qualität im Journalismus
1. Dezember 2008 at 19:11 | In Journalismusforschung, Kapitel_1, Kapitel_4, Kapitel_7 | 4 CommentsBesonders in Krisenzeiten wird (wieder) über eine angeblich abnehmende Qualität im Journalismus geklagt. Die Belege sind meistens fallbezogen: Journalisten berichten aus eigenen Erfahrungen und verklären nicht selten die Vergangenheit. Doch wie hat sich die Qualität über Jahre und Jahrzehnte hinweg tatsächlich entwickelt? – Das ist eine Kernfrage, die auf der Tagung der European Communication Research and Education Association (ECREA) in der vergangenen Woche in Barcelona in mehreren Panels auf Basis neuer Ergebnisse der Journalismusforschung diskutiert wurde. Drei Beispiele:
- Eine britische Studie der Goldsmiths University war weitgehend skeptisch: Redaktionen würden mehr in Technologie und weniger in Journalisten investieren, insbesondere im Internet stelle sich die Grundfrage, ob das traditionelle Geschäftsmodell des Journalismus überhaupt noch funktioniere, die journalistischen Werte und Standards seien in Gefahr – und damit „the lifeblood of democracy“, wie es Panel-Moderatorin Natalie Fenton formulierte.
- Zu anderen Ergebnissen kommt die wohl größte Journalismus-Studie, die sich zurzeit in Deutschland im Feld und in der Auswertung befindet (vgl. meinen Blogeintrag dazu). Studienleiter Bernd Blöbaum von der Universität Münster meinte, man müsse den Wandel der journalistischen Qualität differenzierter sehen. Die überregionalen Qualitätszeitungen zum Beispiel seien auf jeden Fall besser geworden. Eine vergleichende Inhaltsanalyse mehrerer Medien zwischen 1990 und heute habe ergeben, dass die journalistische Berichterstattung aktiver und unabhängiger von Ereignissen und (Politiker-)Statements geworden sei. Die Themenbereiche seien breiter und vielfältiger geworden: weniger Politik, dafür umso mehr Gesundheit, Wissenschaft, Lifestyle, Wirtschaft und Sport. Die Redaktionen achteten mehr auf eine eigenständige Profilbildung – und kauten nicht mehr zwangsläufig das wieder, was die Nachrichtenagenturen und Leitmedien vorgeben. Das Abstract und die Präsentation waren die erste Veröffentlichung dieser groß angelegten Studie. Man darf auf weitere, tiefer gehende Veröffentlichungen gespannt sein – insbesondere auf das Buch, das für 2009/2010 angekündigt ist.
- Das Panel, an dem ich beteiligt war („Media Convergence in Europe“), hat sich mit den vielfältigen Aspekten und Auswirkungen der Medienkonvergenz auf den Journalismus beschäftigt. In der Diskussion ging es u.a. um die Frage, wie konvergente Redaktionen und redaktionelle Strategien die Kompetenzen und die Ausbildung der Journalisten verändern. Interessant zu sehen war für mich einmal mehr, dass Medienkonvergenz und redaktionelle Konvergenz aktuelle Phänomene sind, die in anderen europäischen Ländern zwar einerseits genauso intensiv, andererseits aber auch ganz anders diskutiert und redaktionell umgesetzt werden – aufgrund z.B. der anderen ökonomischen und rechtlichen Rahmenbedingungen oder der anderen traditionellen Redaktionsstrukturen. Das englische Wort „Convergence“ haben indes viele Vortragene in ganz unterschiedlichen Panels in den Mund genommen. Die Forschung dazu steht erst am Anfang – insbesondere die international vergleichende Forschung.
Die Krise
20. November 2008 at 19:14 | In Internet, Journalisten, Kapitel_4, Kapitel_7, Medienökonomie, Zeitung | 1 CommentSehr viele Menschen aus Journalismus und Medienunternehmen reden zurzeit über die Krise. Die dunklen Wolken am Horizont des Arbeitsmarkts für Journalisten haben sich verdichtet. Wieder einmal wird deutlich, wie stark die Medien aufgrund ihrer Anzeigenfinanzierung von den Konjunkturzyklen abhängig sind: Der Konjunkturabschwung und die weltweiten Rezessionsängste schlagen auf die Redaktionsetats durch, wenn zum Beispiel die Banken-, Auto- oder Stellenanzeigen ausbleiben. Aktuelle Krisenbeispiele aus dem Verlagswesen sind die Süddeutsche Zeitung (1,2), die F.A.Z. (1,2), die WAZ-Gruppe in NRW (1,2) und Gruner+Jahr, wo die Zeitschrift „Park Avenue“ eingestellt wird und die Redaktionen von FTD, Capital, Impulse und Börse online zusammengelegt werden sollen (1,2).
Nach aktuellen Angaben von Nielsen Media Research sind die Werbeeinnahmen vor allem der Printmedien im Jahresdurchschnitt mittlerweile zurückgegangen (Jan. bis Okt. Zeitschriften -4,3% und Tageszeitungen -0,2%). In einer Pressemitteilung vom 13. Oktober war noch von einem Wachstum im dritten Quartal die Rede – insgesamt und vor allem bei Fernsehen und Tageszeitungen (Jan. bis Sept. Zeitschriften -3,8% und Tageszeitungen +0,5 %). Der Einbruch im Oktober muss schon massiv gewesen sein. Bei der Online-Werbung zeichnet sich der Rückgang schon seit Jahresbeginn ab – auch wenn die Wachstumszahlen vergleichsweise groß bleiben: Die Zuwächse lagen im ersten Quartal bei 44%, im zweiten bei 39% und im dritten bei 30%. Im Internet bleiben die Aussichten rosig: „Trotz der abflachenden Wachstumsraten ist ein Ende des Online-Werbebooms noch lange nicht in Sicht“, so Nielsen Media Research. Der Online-Werbemarkt hat inzwischen den Radiomarkt überholt und macht schon rund ein Viertel des Zeitungs-Werbemarkts aus.
Wir erinnern uns noch gut an die letzte Krise, als z.B. die Tageszeitungen zwischen 2000 und 2004 fast ein Drittel der gesamten Anzeigeneinnahmen verloren. Die Jahre 2001 bis 2004 waren düstere Zeiten auf dem journalistischen Arbeitsmarkt. Die Redaktionen sind inzwischen so stark verdichtet, dass eine weitere Sparwelle schmerzhafte Qualitätseinbußen mit sich bringen wird.
Wer im nächsten Jahr seine Journalistenausbildung abschließt, wird es nicht leicht haben, gleich einen guten Job zu bekommen. Man muss wohl mit noch mehr Einstellungstops in weiteren Redaktionen rechnen. Die aktuelle Krise wird den Wandel des Journalismus beschleunigen: Mehr plattform-übergreifendes redaktionelles Arbeiten, mehr journalistische Ressourcen fürs Internet und weniger für Print. Wer schon in der Ausbildung auf den Online-Journalismus baut, setzt nach wie vor auf einen Boombereich (auch wenn mir dies auf dem Fachjournalistenkongress nicht alle geglaubt haben). Der Geschäftsführer des Verbands Deutscher Zeitschriftenverleger VDZ, Wolfgang Fürstner, zum Beispiel sagte turi-tv: “Wir haben ein Defizit an technik- und internetaffinen, jungen Fachleuten und der Markt bildet noch nicht genügend aus.“
Nachtrag (25.11.): Das TV-Medienmagazin „Zapp“ des NDR bringt einen Beitrag zur Medienkrise (morgen Abend) und hat im Internet ein Dossier zu diesem Thema zusammengestellt – mit weiteren Interviews und Beiträgen aus den ARD-Anstalten.
SZ und FR: überregionale Zeitungen bauen Print-online-Integration aus – mit unterschiedlichen Ansätzen
12. November 2008 at 22:10 | In Allgemein, Internet, Kapitel_4, Kapitel_7, Newsroom, Redaktion, Zeitung | Leave a CommentSeit Anfang November arbeitet die Redaktion der Süddeutschen Zeitung in einem neuen Gebäude am Stadtrand: Ein Hochhaus, das keiner mag und kaum für redaktionelles Arbeiten geplant wurde – schon gar nicht für die Anforderungen eines großen crossmedialen Newsrooms. Im Zentrum des Gebäudes schlägt nicht das Herz der Redaktion, sondern es rumpeln Aufzüge und plätzschern Toiletten. (Genau das hasste die APA-Redaktion und deshalb hat die APA in Wien ein neues Redaktionsgebäude gebaut, in dem seit 2005 das Herz in der Mitte schlägt – vgl. meine Studie dazu).
Doch die SZ-Redaktion hat versucht, das Beste aus der ungeeigneten Architektur zu machen: Im 22. Stockwerk ist ein Newsroom mit 40 Arbeitsplätzen und einem zentralen Newsdesk eingerichtet. Dort arbeiten 30 Print- und zehn Online-Redakteure überwiegend aus den Ressorts Innenpolitik, Außenpolitik und Panorama. Die restlichen Online-Journalisten sitzen zwei Stockwerke darunter. Die Printressorts sind auf die Etagen 15 bis 25 verteilt. Online-Chefredakteur Hans-Jürgen Jakobs ist trotz dieser Verteilung optimistisch nun „Zeitung und Internet aus einem Guss“ produzieren zu können: „Die Zusammenarbeit von sueddeutsche.de und SZ-Redaktion soll am neuen Standort intensiviert werden.“
Ganz anders plant die Frankfurter Rundschau: Das neue Gebäude im Kultviertel Sachsenhausen wird um einen großen Newsroom mit ca. 700 Quadratmetern herum gebaut (Fotos und Video von der Baustelle). Das Rundschau-Haus soll im Februar/März 2009 bezogen werden. Chefredakteur Uwe Vorkötter will dann die Online-Redaktion auflösen (im Video-Interview mit Peter Turi): Die Online-Journalisten werden auf die Ressorts verteilt und sollen dort die Motivation für online unter allen FR-Journalisten fördern; jeder Ressortleiter wird für Print und Online zuständig sein. Alle 150 Printredakteure sollen dann zu Online-Redakteuren werden. „Die gesamte jetzige Printredaktion muss ihren Tages- und Arbeitsablauf umstellen“, so Uwe Vorkötter. Man folgt dem Idealbild der „konvergenten Redaktion“ (so nennt es Vorkötter) – nach dem Vorbild des britischen Daily Telegraph. Problematisch ist aus meiner Sicht, dass die Online-Kompetenz untergehen könnte – zumindest so lange, bis die Print-Redakteure tatsächlich Online-Know-How erworben haben und umsetzen können. Intensive Weiterbildung und viel Geduld (vor allem auch der jetzigen Online-Spezialisten) wird wohl nötig sein.
Redaktionelle Transparenz als PR-Gag: Vizekanzler darf Bild-Zeitung im Newsroom „kritisieren“
22. September 2008 at 18:05 | In Ethik, Kapitel_7, Redaktion, Zeitung | 4 CommentsNachtrag zu meinem Beitrag vom 8. September: Wie „redaktionelle Transparenz“ zu einem PR-Gag verkommen kann, zeigt beispielhaft die Bild-Zeitung: Die tägliche Blattkritik soll ab heute öffentlich von einem Prominenten übernommen werden. Sie wird als Video aufgezeichnet und ist ab 12 Uhr im Web zu sehen. Begonnen hat heute Bundesaußenminister und Vize-Kanzler Frank-Walter Steinmeier. Er ging sehr moderat und oberflächlich mit den Bild-Redakteuren um. Sogar Chefredakteur Kai Diekmann meinte: „Sie hätten ruhig noch viel strenger mit uns sein können.“ Wie wahr. Einerseits ist eine „öffentliche Blattkritik“ eine gute Idee, die redaktionelle Transparenz fördern kann, andererseits wird es wohl schwierig, in einem kurzen Videoclip kritisch in die Tiefe zu gehen und zu diskutieren – zumal wenn der Kritiker nicht als griesgrämiger Oberlehrer dastehen, sondern in einem Jahr den Bundestagswahlkampf gewinnen will.
Blogger sprechen heute von „unbezahlter Werbung“ (gemeint ist von Steinmeier für Bild, könnte man auch umgekehrt sehen), Journalisten von „Wattebäuschchen“ und der „üblichen Berliner Heuchelei“ (Hans Leyendecker, SZ).
Was wir daraus lernen? – Bild hat sich massiv gewandelt. Von der redaktionellen Festung (gegen Angriffe a la Wallraff) zur redaktionellen Marketing- und PR-Maschine mit ethischem Anstrich (vgl. Leserbeirat, Korrekturspalte, öffentliche Blattkritik).
Nachtrag I (4.12.08): Heute startet Bild die nächste PR-Staffel (genannt „Leserreporter“): Bei Lidl werden mehrere zehntausend Bild.de-Videokameras verkauft – zum Schnäppchenpreis von 70,- Euro. Das gedrehte Material wird beim Anschluss der Kamera an einen PC auf den bild.de-Videoserver übertragen. Chefredakteur Kai Diekmann hat die Kamera bei der Bambiverleihung ausprobiert und die gedrehten Videoschnipsel professionell schneiden lassen. Das Ergebnis ist technisch gesehen ziemlicher Schrott (Bildauflösung und vor allem der Ton!) – inhaltlich aber ganz unterhaltsam (vor allem weil das Material professionell geschnitten und untertitelt wurde). Reaktionen aus der Branche auf den PR-Gag: Der DJV erwartet (wieder einmal) den Untergang des professionellen Journalismus. Die Online-Chefredakteurin des Tagesspiegel, Mercedes Bunz, dagegen leuchtet die Hintergründe der Diekmann-Strategie aus und fordert zum Nachmachen auf. Die Süddeutsche regt sich dagegen auf: „Die Menschen beschweren sich derzeit, dass durch das BKA-Gesetz der nächste Schritt zum Überwachungsstaat getan wird und sich keiner mehr seiner Privatsphäre sicher sein kann. Über den Volksjournalismus à la Bild echauffiert sich kaum jemand. Und doch: Es ist der erste Schritt zur Überwachungszeitung.“
Nachtrag II (4.12.08): Bild hat mal wieder eine öffentliche Rüge vom Presserat kassiert – und Kai Diekmann regt sich fürchterlich auf. Sein Kronzeuge: Die betreffende Bild-Ausgabe hat ausgerechnet der Intendant des DeutschlandRadio, Ernst Elitz, in der öffentlichen Blattkritik besprochen – und sich damals gar nicht über die Berichterstattung beklagt. Im Gegenteil: Er lobt im Großen und Ganzen, kritisiert eher Kleinigkeiten; zur vom Presserat gerügten Geschichte sagt Elitz: „…eine textlich und fotomäßig sehr gut, bestens recherchierte Geschichte…sicher eine tolle Teamleistung”. Der Presserat sieht dagegen eine „unangemessen sensationelle Darstellung von Gewalt und Brutalität“. Elitz kontra Presserat also – und das alles aufgrund der Promi-Blattkritik.
Neuer Presserat für Österreich? – Dringend nötig.
17. September 2008 at 9:53 | In Ethik, Kapitel_7, Qualität | Leave a CommentNachdem der Presserat in Österreich 2002 gescheitert war, hat es immer wieder Initiativen gegeben, ihn wieder zu beleben. Im Herbst soll es zu einer Neugründung eines Trägervereins kommen – auf Initiative des Verbands Österreichischer Zeitungen und der Journalistengewerkschaft unter Einbindung des Vereins der Chefredakteure (vgl. Pressemitteilung vom 2. Juli). Im Entwurf finden sich viele Elemente der Medienselbstkontrolle: zwei Senate als Spruchkammern bei Verstößen gegen den Kodex, ein ehrenamtlicher Leserbeirat und ein Ombudsmann.
Wollen wir hoffen, dass dieses Mal von Österreich eine Innovation in Sachen journalistischer Ethik ausgeht. Man könnte meinen, dass das Land eine solche Initiative nötiger hat denn je (wenn man das aus deutscher Perspektive so sagen darf). Die journalistischen Skandale der letzten Monate und Jahre waren schwer zu ertragen (z.B. Umgang mit Opfern und deren Privatsphäre in den Fällen Amstetten und Kampusch – vgl. den Beitrag dazu in der Zeit). Ob sich die entfesselte österreichische Boulevardpresse allerdings an die ethischen Ketten legen lässt, darf bezweifelt werden.
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