Fernsehen und Internet

3. Juni 2008 at 10:49 | In Internet, Kapitel_3, Kapitel_4, Kapitel_7, Publikumsforschung, Qualität, Öffentlich-rechtliche | No Comments

Die Zeichen verdichten sich, dass  nicht nur Print-Leser ins Internet abwandern, sondern dass auch das klassische Fernsehen Zuschauer ans Internet und andere digitale Plattformen verliert. Zwei Beispiele:

  • Die durchschnittliche Sehdauer der Deutschen ist nach Angaben der AGF 2007 erstmals seit Aufzeichnung der Fernsehnutzungsdaten um vier Minuten pro Tag zurückgegangen (von 212 im Jahr 2006 auf 208). 
  • Die Beratungsfirma Accenture berichtet nun in einer Pressemitteilung von einer Studie (”Broadcast Consumer”-Umfrage unter 1.109 deutsche Internetnutzern), die ergab, dass sich junge Zuschauer zunehmend vom Antennen-, Kabel- und Satelliten-Fernsehen abwenden. ”Jugendliche und junge Erwachsene leben in einer ‘On-demand’-Umgebung - in der ihnen dank Internet jederzeit alles zur Verfügung steht”, sagt Veit Siegenheim, Geschäftsführer im Bereich Communications & High Tech bei Accenture. “Auch auf das Fernsehen übertragen sie zunehmend Nutzungsmuster aus dem Internet.”

Den Fernsehveranstaltern sind solche Hinweise auf eine sich ändernde Mediennutzung natürlich hinlänglich bekannt. Deshalb ist die politische Auseinandersetzung um das, was öffentlich-rechtliche und privat-kommerzielle Rundfunkanstalten im Internet dürfen, sollen und was sie unterscheidet, derzeit so heftig. Da demnächst die Ministerpräsidenten über die Änderung des Rundfunkstaatsvertrags entscheiden müssen, blühen die Aktivitäten der Lobbyisten und PR-Strategen. Ein PR-Stück für mehr Präsenz von ARD und ZDF im Internet hat zum Beispiel Dr. Thomas Leif, Vorsitzender des Netzwerks Recherche und Chefreporter Fernsehen beim SWR in Mainz, für die ARD produziert (und dabei der ARD eher einen Bärendienst erwiesen, weil das Stück so offensichtlich werbend und einseitig recherchiert ist). Die Friedrich-Ebert-Stiftung legte dagegen eine Kurz-Studie vor, die mit etwas mehr Distanz zu ARD und ZDF Forderungen zu den “Öffentlich-rechtlichen Online-Angeboten der nächsten Generation” aufstellt - dies jedoch überwiegend aus ökonomischen Erwägungen heraus und mit Hinweis auf die “Public Value”-Strategie der BBC.

Die Politiker werden wohl eher den Argumenten der privat-wirtschaftlichen Medienunternehmen folgen: Zeitungs- und Zeitschriftenverlage sowie privat-kommerzielle Rundfunkveranstalter sagen, dass sie selbst Vielfalt und qualitativ hochwertigen Journalismus im Internet anbieten könnten und dass man dafür öffentlich-rechtliche Angebote nur in stark begrenztem Umfang brauche. Dabei können gebührenfinanzierte öffentlich-rechtliche Angebote doch eine sinnvolle und wertvolle Alternative zur “Kostenloskultur” des Internet und zu einer nahezu kompletten Werbefinanzierung sein. Oder etwa nicht? Wie viel Öffentlich-rechtliches brauchen wir im Internet? Jetzt und in Zukunft, wenn das Internet der zentrale Vertriebskanal für “Radio” und “Fernsehen” werden sollte?

PS: Aktuelle Infos und Hintergründe zu journalistischen Videoformaten im Internet liefert das Magazin websehen.net, das von Absolventen des Studiengangs Online-Journalismus (Hochschule Darmstadt) betrieben wird.

Der Multimedia Newsroom der BBC

17. April 2008 at 10:38 | In Internet, Kapitel_4, Kapitel_7, Newsroom, Redaktion, Öffentlich-rechtliche | 1 Comment

Beim Thema “crossmediale Redaktionen” reden wir zurzeit häufig über die Verbindung von Print und Online - vor allem bei Tageszeitungen. Doch auch bei den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten in Deutschland werden Strategie-Papiere erarbeitet, einzelne Projekte umgesetzt oder sogar Newsrooms und Rundfunkhäuser komplett neu strukturiert (wie z.B. beim ZDF, beim Saarländischen Rundfunk oder bei Radio Bremen).

Dass die deutschen Rundfunkanstalten erst am Anfang stehen, zeigt das Beispiel der BBC: Mit dem Programm “Creative Future” hat die traditionsreiche britische Anstalt vor etwa einem Jahr der on demand-Strategie und den Online-Diensten (24/7-Diensten) den Vorrang eingeräumt. Im neuen Multimedia Newsroom sitzen nun alle drei Plattformen Internet, Fernsehen und Radio um den “editorial hotspot”. Reporter und Korrespondenten kommen mit ihren Themen besser durch, wenn sie mindestens für zwei Plattformen arbeiten. Die Ressorts und Themengebiete sind schon organisatorisch weitgehend integriert. Es gibt zum Beispiel nur noch ein Wirtschaftsressort, das die Online-Wirtschaft genauso macht wie die Radio- und Fernseh-Sendungen zu Wirtschaftsthemen.

Über dieses “360 degree commissioning & cross trailing” berichtet zurzeit der leitende BBC-Wirtschaftsredakteur Dr. Tim Weber auf vielen Tagungen in Deutschland - unter anderem am 8. April in der Akademie für politischen Bildung in Tutzing (er ist Deutscher und hat in München studiert und beim BR gearbeitet). Webers Folien sind auf dem apb-tutzing-Server dokumentiert - und sicher empfehlenswert für alle, die sich mit dem Thema crossmedialer Journalismus beschäftigen.

Continue reading Der Multimedia Newsroom der BBC…

Empirisch geprüft: Internet verdrängt Tageszeitung

20. Dezember 2007 at 15:48 | In Internet, Journalismusforschung, Kapitel_3, Kapitel_4, Kapitel_7, Publikumsforschung, Zeitung | 2 Comments

Ergänzend zu meinem Beitrag Auslaufmodell Tageszeitung ein aktueller Hinweis auf eine Studie, die jetzt in der Zeitschrift “Medien & Kommunikationswissenschaft” erschienen ist. Der Beitrag erhärtet empirisch die These der zunehmenden Verdrängung der Tageszeitung durch Nachrichtensites im Internet. Castulus Kolo und Robin Meyer-Lucht haben in Zeitreihenanalysen die Daten aus zwei großen Mediennutzungsstudien (ACTA und AWA) zwischen 2000 und 2006 ausgewertet. Dies ist zwar nicht unproblematisch, weil diese Befragungen eigentlich für einen anderen Zweck erhoben wurden und sich Schlussfolgerungen zum Verhältnis zwischen Tageszeitung und Nachrichtensites nur indirekt ziehen lassen. Allerdings sind die Indizien so eindeutig, dass eine starke Verdrängung insbesondere bei nachrichteninteressierten Nutzern (”News-Junkies”) als erwiesen gelten kann. Dramatisch ist nicht nur der Rückgang des gesamten Leserkreises, sondern vor allem die Erosion der Intensivleserschaft bei Tageszeitungen.

Continue reading Empirisch geprüft: Internet verdrängt Tageszeitung…

Auslaufmodell Tageszeitung?

12. Dezember 2007 at 10:57 | In Kapitel_4, Kapitel_7, Zeitung | 2 Comments

Die Prognosen über die Zukunft der Tageszeitung sind extrem bunt. Ein Bericht aus der Schweiz - wo die Gratiszeitungen boomen - fasst einige schillernde Stellungnahmen aus Praxis und Wissenschaft zusammen. Wird das Internet zunehmend zum “Leitmedium” vor allem der jungen Generation? Oder wollen junge Menschen Zeitung lesen, aber nur nicht dafür bezahlen - wie mir letzte Woche ein österreichischer Medienmanager sagte? Wird es in 5, in 10 oder in 20 Jahren keine Printzeitung mehr geben? - Auf fünf Jahre Galgenfrist setzt so mancher US-amerikanischer Medienmanager; 20 Jahre ist die zentraleuropäische Perspektive (die z.B. der Wissenschaftler Klaus Schönbach vertritt). Der Abgesang auf täglich neu bedrucktes Papier kommt vor allem aus den anglo-amerikanischen Ländern. „Druckerschwärze auf toten Bäumen“ nennt Andrew Gowers, Ex-Chefredakteur der Financial Times, die klassische Zeitung auf Papier. Und der Verleger der New York Times, Arthur Ochs Sulzberger Jr., wird mit den Worten zitiert: “I really don’t know whether we’ll be printing The Times in five years, and you know what? I don’t care.” Das soll optimistisch klingen. Und in der Tat: Die großen Medienkonzerne in aller Welt haben nun endgültig das Internet für sich entdeckt: Es soll nicht mehr Konkurrenz und Bedrohung für die traditionellen medialen Plattformen sein, sondern ein Wachstumsmotor.

Hat die gedruckte Zeitung eine Zukunft? - Diskussionsbeiträge willkommen.

Transparenz im Journalismus durch Leseranwälte und Redaktionsblogs

16. November 2007 at 16:12 | In Ethik, Kapitel_7, Qualität, Redaktion | No Comments

“Transparenz” ist ein Qualitätskriterium des Journalismus, das hierzulande noch nicht lange diskutiert wird und noch keinen großen Stellenwert hat. Es geht darum, dem “Publikum reinen Wein einzuschenken” - wie es Stephan Ruß-Mohl einmal formuliert hat. Journalisten und Redaktionen sollen die Berichterstattungsbedingungen offenlegen und offensiv Fehler eingestehen und korrigieren - was letztlich der Glaubwürdigkeit dient und die Vertrauensbasis zwischen Journalismus und Publikum erweitert. Vor dem Hintergrund der Kommunikationsexplosion durch Internet und digitale Medien kommt dem Qualitätskriterium der Transparenz wachsende Bedeutung zu: “Ist wirklich dort (guter) Journalismus drin, wo Journalismus draufsteht?”, fragt sich das geneigte Publikum.

Aus den vielen Möglichkeiten, die Transparenz zu verbessern (vgl. z.B. die in Deutschland häufig vernachlässigte Correction Corner), möchte ich hier zwei herausgreifen bzw. verlinken, die durch Online-Kommunikation profitieren oder erst ermöglicht wurden: das Modell der Leseranwälte und das der Redaktionsblogs.

Continue reading Transparenz im Journalismus durch Leseranwälte und Redaktionsblogs…

Bildmanipulation leicht gemacht

12. September 2007 at 21:50 | In Ethik, Kapitel_7 | 2 Comments

Im Kapitel zur journalistischen Ethik habe ich als Beispiel für die Gefahr des Gefälligkeitsjournalismus die Entfernung des Schweißflecks am Kleid von Angela Merkel erwähnt. Ein ähnlicher Fall ist die Entfernung des Bauchspecks des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy in der Zeitschrift “Paris-Match”.

Die Digitalisierung bringt uns ganz neue und einfache Möglichkeiten der Bildmanipulation. Ein YouTube-Video zeigt dies  anschaulich:

Bloggen Sie auf WordPress.com. | Theme: Pool by Borja Fernandez.
Entries and comments feeds.