Die Politik mischt sich wieder stärker in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ein
20. März 2009 at 21:33 | In Kapitel_4, Kommunikationsfreiheit, Öffentlich-rechtliche | Leave a CommentÜber die wirtschaftliche Abhängigkeit des privat-kommerziell organisierten Journalismus habe ich im Buch „Journalistik“ und in diesem Blog öfter geschrieben. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat ein ganz anderes Problem: Er ist von der Politik – vor allem von den Landesregierungen – abhängig. Der ehemalige ZDF-Chefredakteur Klaus Bresser hat das vor kurzem im Rückblick ungewöhnlich offen beschrieben:
„Dass eine Partei unbequeme Journalisten im öffentlich-rechtlichen Fernsehen kaltzustellen sucht und sich dafür Kollegen auswählt, die ihr besser in den Kram passen. […] Gerade weil die Parteien auf das Kommerzfernsehen keinen Einfluss haben, versuchen sie bei ARD und ZDF um so entschiedener durchzugreifen. Erst recht dann, wenn wie in diesem Jahr Bundestagswahlen bevorstehen. Es geht 2009 für die CDU/CSU um viel, beinahe um alles – um die Frage, wie die Union an der Macht bleibt, mit der FDP regieren kann oder weiterregieren muss mit der SPD […].“
Vor allem der hessische Ministerpräsident Roland Koch greift über die CDU-Rundfunkräte und die Räte, welche der CDU nahe stehen, in das ZDF und in den Hessischen Rundfunk ein. Die Anstalt in Frankfurt hat er schon weitgehend gefügig gemacht. Die Süddeutsche Zeitung beschreibt heute die Historie dieses Eingriffs in den HR („Roland Kochs Spielwiese„). In meinen Lehrveranstaltungen verweise ich des öfteren auf die völlig veraltete Zusammensetzung des HR-Rundfunkrats (27 Männer, 3 Frauen). Dabei ist es wichtig zu wissen, dass das Hessische Parlament unter Roland Koch 2000 und nochmals 2003 das Gesetz über die Zusammensetzung des Rundfunkrats geändert hat – mit der Begründung: Die in dem Gremium vertretenen Gruppen seien „nicht mehr als repräsentatives Abbild der Gesellschaft einzustufen“. Sicher sehr sinnvoll war es deshalb, zum Beispiel den Bund der Vertriebenen oder die Europa-Union in den Rundfunkrat zu holen. Die einzige Modernisierung dieses Gremiums bestand in der Ausweitung des parteipolitischen, konservativen Einflusses.
Die Koch-Strategie ist mit dem in der Zwischenzeit berufenen konservativen Intendanten Helmut Reitze (seit 2002) und dem konservativen Chefredakteur Alois Theisen (seit 2005) voll aufgegangen. Jetzt probiert es Koch mit dem ZDF: Er sägt am Stuhl des Chefredakteurs Nikolaus Brender (ohne Parteibuch). Noch ist ihm seine Abberufung nicht gelungen – der Gegenwind ist beim ZDF weitaus stärker als beim HR. Eine Unterschriftenliste gegen die Koch-Aktion wurde u.a. von Claus Kleber, Maybrit Illner, Marietta Slomka und Guido Knopp unterzeichnet. Wer mitmachen will: www.brender-muss-bleiben.de.
Heftige Diskussion um Nachdruck von Nazi-Zeitungen
26. Januar 2009 at 12:10 | In Ethik, Journalistik, Kapitel_2, Kommunikationsfreiheit, Zeitung | Leave a CommentMuss der Staat seine Bürger vor dem Nachdruck von NS-Dokumenten schützen? Oder haben wir 60 Jahre nach Kriegsende nahezu ausschließlich mündige Bürger, die sich offen mit diesen Dokumenten auseinandersetzen sollten? - Das Projekt „Zeitungszeugen“ hat die Diskussion um NS-Propagandamaterial erneut entflammt. Seit Anfang Januar werden Zeitungen aus der NS-Zeit nachgedruckt und in einem Umschlag mit kritischer Einordnung durch Historiker am Kiosk verkauft. Die bayerische Staatsregierung hat jetzt die Beschlagnahmung aller im Handel befindlichen Faksimiles desVölkischen Beobachters angeordnet. Wer sich noch ein Exemplar sichern will, muss schnell sein. Es gibt inzwischen viele Medienbeiträge und -diskussionen zu diesem Streit. Ich empfehle vor allem zwei Beiträge: Der westen.de berichtet über eine Diskussion am Institut für Journalistik in Dortmund, wo Professor Horst Pöttker das Projekt verteidigt (er ist im wissenschaftlichen Beirat der „Zeitungszeugen“). Ich kann seine Argumentation sehr nachvollziehen: „60 Jahre nach Kriegsende brauchen wir keinen pädagogischen oder paternalistischen Umgang mit dem NS-Propaganda-Material mehr“, meint Pöttker. Gerade in der Journalistenausbildung sollte Nazi-Propagandamaterial nicht tabuisiert werden. In der Süddeutschen Zeitung hat der Autor Marc Felix Serrao Stimmen aus dem In- und Ausland zur Frage gesammelt, ob sich die Deutschen noch vor ihrer Vergangenheit beschützen müssen.
Umfassendes Gutachten zur Entwicklung der Medien in Deutschland
19. Dezember 2008 at 11:20 | In Journalismusforschung, Kapitel_4, Kapitel_7, Kommunikationsfreiheit, Medienökonomie, Qualität | 1 CommentDie Bundesregierung hat in dieser Woche einen neuen Medien- und Kommunikationsbericht in Berlin vorgestellt. Der letzte Bericht stammt aus dem Jahr 1998. Ziel dieser Berichte, die an den Bundestag gehen und öffentlich zur Verfügung stehen, ist es in erster Linie, die Medienpolitik in Deutschland darzulegen. Das ist bei den Aspekten, die mit Journalismus zu tun haben, dann nicht so richtig befriedigend: Häufig werden „Defizite festgestellt“ und es wird schön formuliert, dass die Bundesregierung einen „erheblichen Handlungsbedarf“ sieht (z.B. zur Aus- und Fortbildung von Journalisten, S. 85f.) – aber die Standardantwort ist meist, dass die Bundesregierung nur beschränkte Handlungsmöglichkeiten hat und andere gefordert sind (z.B. die Medienunternehmen, was die praktische Ausbildung betrifft, oder die Bundesländer, was die Hochschulausbildung angeht). Das ist zwar richtig, nur wahnsinnig erhellend ist der Bericht dann in dieser Hinsicht nicht – und erst recht nicht lösungsorientiert. Dieses Geschwurbel hätte man sich schenken können (jetzt hat es halt die Bundesregierung auch mal gesagt).
Aber: Für ein wissenschaftliches Fachpublikum ist vor allem das umfassende Gutachten, das dem Bericht zu Grunde lag, lesenswert: Das Hans-Bredow-Institut der Universität Hamburg hat auf 380 Seiten die Entwicklung der Medien in den vergangenen zehn Jahren zusammengefasst und analysiert – auf Basis einer intensiven Recherche in zahlreichen wissenschaftlichen Studien. Das Gutachten stammt vom 4. Juni 2008 und steht jetzt ebenfalls als pdf-Datei zur Verfügung. Ich empfehle die pdf-Datei für Journalistik-Studierende als Basis für wissenschaftliche Recherchen in Seminaren und Abschlussarbeiten. Vielleicht kann man ja auch über die Feiertage mal reinlesen…
Reporter ohne Grenzen: Rangliste Pressefreiheit 2007
17. Oktober 2007 at 11:54 | In Kapitel_2, Kommunikationsfreiheit | Leave a CommentDer Verein „Reporter ohne Grenzen“ hat gestern die neueste Rangliste zur Pressefreiheit veröffentlicht. Wie schon im Ranking des Freedomhouse hat sich auch hier nicht viel verändert: Die Pressefreiheit stagniert weltweit. Deutschland ist auf Platz 20, die USA auf Platz 48. In Europa wird die Pressefreiheit am schlechtesten in Polen bewertet (Platz 56). Das Internet gewinnt zunehmende Bedeutung: Mehrere Länder sind auf der aktuellen Liste abgestiegen, da sie den freien Informationsfluss im Internet behindern und kritische Autoren verhaftet haben. Beispiele sind Malaysia (124.), Thailand (135.), Vietnam (162.) und Ägypten (146.). „Das Internet wird stärker zensiert“, so ROG. „Mehr und mehr Regierungen erkennen die Schlüsselrolle des Webs im Kampf für Demokratie und entwickeln immer ausgefeiltere Zensurmethoden. In repressiven Staaten sind Blogger und Internetjournalisten inzwischen genauso Zielscheibe von Repressionen wie schon die traditionellen Medien.“ Mindestens 64 Menschen sind derzeit weltweit wegen Veröffentlichungen im Internet im Gefängnis – alleine in China sind es 50. In Ägypten erhielt der Jurastudent und Blogger Kareem Amer vier Jahre Haft, da er Präsident Mubarak und den Einfluss des Islam an den Universitäten kritisiert hatte.
Innere Sicherheit contra Pressefreiheit
10. Oktober 2007 at 12:12 | In Kapitel_2, Kommunikationsfreiheit | Leave a CommentIn einer lesenswerten Kolumne der Zeitschrift „Publizistik“ (Heft 3/07, S. 303-307) reflektiert Heribert Prantl, Ressortleiter Innenpolitik der Süddeutschen Zeitung, die Kommunikationsfreiheit in Deutschland. „Die Regel lautet offenbar: Die Pressefreiheit muss beiseitespringen, wenn die Staatsgewalt mit Blaulicht daherkommt.“ Das Bundesverfassungsgericht hat zwar wiederholt die Sicherheitsbehörden (Polizei, Staatsanwälte, Gerichte, Innenminister) ermahnt, den Artikel 5 des Grundgesetzes zu achten – aber die Behörden verstoßen immer wieder dagegen. Es geht grundsätzlich darum, dass Journalisten Beihilfe zum „Geheimnisverrat“ vorgeworfen wird, wenn Informanten aus Behörden Unregelmäßigkeiten in Staat und Verwaltung aufdecken. Letztlich ist das der alte Streitpunkt seit dem Spiegel-Urteil, den ich in Kapitel 2 besprochen habe. Prantl bringt die aktuelle Situation auf den Punkt – und er fordert ein „Gesetz zur Sicherung der Pressefreiheit“. Der Beitrag ist zurzeit leider nicht online verfügbar. Man muss sich also in die Bibliothek begeben. Auch der BDZV zeigte sich (wie viele andere) jüngst „besorgt über Attacken gegen die Pressefreiheit“.
Bundesverfassungsgericht stärkt Öffentlich-rechtliche
12. September 2007 at 22:19 | In Kapitel_4, Kommunikationsfreiheit, Öffentlich-rechtliche | Leave a CommentDas Bundesverfassungsgericht hat in einem erneuten Rundfunkurteil zur Festsetzung der Rundfunkgebühren die öffentlich-rechtlichen Sender gestärkt (Zusammenfassung als Pressemitteilung). In der Entscheidung am 11. September stellten die Richter fest, dass die Ministerpräsidenten der Länder einen Verfassungsbruch begangen haben, als sie im Jahr 2005 die Rundfunkgebühren festlegten. Sie waren um 28 Cent unter dem Vorschlag der unabhängigen Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs (KEF) geblieben. Mit dem Urteil dürfte auch die Position gestärkt sein, dass die Öffentlich-rechtlichen ihre digitalen Angebote weiter ausbauen: Internet, digitales Fernsehen, digitales Radio, mobile Kommunikation.
Das Urteil passt in die Rechtsprechung der Verfassungsrichter seit mehr als 20 Jahren: Für eine freiheitlich-pluralistische Berichterstattung sind öffentlich-rechtliche Angebote unverzichtbar. Journalismus in Fernsehen, Radio und Internet darf nicht alleine dem Kommerz ausgeliefert sein.
Pressefreiheit weltweit stagniert
12. September 2007 at 22:04 | In Kapitel_2, Kommunikationsfreiheit | 3 CommentsDie New Yorker Stiftung Freedom House recherchiert jedes Jahr eine Studie zur Pressefreiheit in allen Kontinenten und Ländern. Die Studie 2007 bestätigte die Ergebnisse von 2006: Nach wie vor leben 43 Prozent der Weltbevölkerung in Ländern ohne Pressefreiheit, 39 Prozent haben teilweise freie Medien und nur 18 Prozent leben ohne signifikante Restriktionen. Während die Situation in westlichen Ländern – auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz – stagniert, sind Rückschläge in Asien, Lateinamerika und in der Ex-Sowjet-Region festzustellen.
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