Wen sich die Süddeutsche Zeitung als obersten Ausbilder leistet. Eine Erwiderung auf Detlef Esslingers Kritik an der Journalistik
25. August 2009 at 12:58 | In Ethik, Journalistik, Kapitel_6, Qualität | 36 CommentsJoseph Pulitzer würde sich im Grabe umdrehen, könnte er die Süddeutsche Zeitung lesen. Denn dort leistet man sich einen Detlef Esslinger als obersten Ausbilder. Der ewig-gestrige Redakteur und Volontariatsbeauftragte hat ganz tief in der Mottenkiste der Vorurteile gekramt und ohne zu recherchieren einen hasserfüllten polemischen Artikel gegen die Journalistik als akademische Disziplin veröffentlicht.
Der Zeitungsverleger Joseph Pulitzer musste sich schon 1904 mit solchen Kleingeistern herumschlagen, als er zwei Millionen Dollar der Columbia University in New York vermachte und damit das Fundament für die Gründung eines Journalistik-Studiengangs und eines Journalistenpreises legte. In seinem Kampf gegen vielerlei Widerstände verglich Pulitzer den Journalismus mit der Medizin und der Rechtswissenschaft: Continue reading Wen sich die Süddeutsche Zeitung als obersten Ausbilder leistet. Eine Erwiderung auf Detlef Esslingers Kritik an der Journalistik…
Redaktionelle Konvergenz in der Schweiz
20. Mai 2009 at 10:24 | In Internet, Kapitel_4, Kapitel_7, Newsroom, Qualität, Redaktion, Zeitung, Öffentlich-rechtliche | Leave a CommentRedaktionen werden auch in der Schweiz immer mehr plattform-übergreifend organisiert. Ein Beispiel ist das „Bieler Taglatt“ (ein vergleichsweise kleines Medienhaus), das vor kurzem unter Chefredakteurin Catherine Duttweiler in einem Newsroom/an einem Newsdesk die Tageszeitungen „Bieler Tagblatt“ und „Journal du Jura“, das Lokalradio Canal3, das Regionalfernsehen Telebielingue sowie sechs Online-Plattformen zusammengeführt hat.
Der Verband Schweizer Presse hat die aktuellen Trends aufgegriffen und vor einer Woche das Dossier „Newsroom. Redaktionsorganisation im Wandel“ veröffentlicht, in dem neben grundsätzlichen Informationen z.B. von Dietmar Schantin (IFRA – Newsplex) und mir auch Daten und Fallbeispiele aus der Schweizer Medienlandschaft analysiert und vorgestellt werden.
Auch die öffentlich-rechtliche Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft SRG hat das Thema Medienkonvergenz ganz oben auf der Agenda, nachdem der nationale Verwaltungsrat der SRG im März die Zusammenlegung von Radio, Fersehen und Online beschlossen hat. Im Grundsatz aus ökonomischen Gründen, weil die Gebührengelder und Werbeeinnahmen die Kosten nicht mehr decken. Doch wie diese beschlossene Zusammenlegung im Detail in den Redaktionen verwirklicht werden soll – „darüber gibt es fast täglich Konferenzen“, erzählten SRG-Journalisten gestern beim Seminar „Medienkonvergenz: Schock oder Chance?“ in Zürich. Wir konnten die SRG-Multimedia-Redaktion besuchen, die gerade mit der TV-Tagesschau-Redaktion zusammengelegt wird. In den Gesprächen wurde wieder einmal deutlich, dass eben nicht nur ökonische Gründe und Sparzwang zu konvergenten Redaktionen führen – sondern auch und vor allem das geänderte Nutzungsverhalten: Hansjörg Wilhelm, Leiter der Tagesschau-Multimedia-Redaktion sagte: „Das lineare Fernsehen ist ein Auslaufmodell.“ Immer mehr Journalisten – und vor allem alle künftigen – müssten für die TV-Sendung Tagesschau und für das Web arbeiten. Nur so können Sie in Zukunft ein breites (und junges) Publikum erreichen.
Fehlerkorrektur im Journalismus: sueddeutsche.de zeigt, wie man’s nicht macht
18. Mai 2009 at 15:14 | In Ethik, Internet, Kapitel_7, Qualität, Redaktion, Zeitung | Leave a CommentFehler offensiv zu korrigieren und zu erklären – das müssen Redaktionen in Deutschland erst lernen. Im Gegensatz zum Journalismus in den USA und in Großbritannien. Weil immer wieder Fehler beim Korrigieren von Fehlern passieren, hier einmal eine kleine Studie, aus der man lernen kann, wie man’s nicht macht. SZ-Autor Willi Winkler hat am 13. Mai auf der Medienseite der Printausgabe darüber gelästert, dass beim Spiegel-Shop auch Nazi-Literatur bestellt werden kann. Dass auch die Süddeutsche Zeitung und andere Verlagshäuser Bücher verkaufen und damit alle in Deutschland gehandelte Literatur, war dem Autor entgangen. Der Beitrag wurde auch auf sueddeutsche.de veröffentlicht.
- In der Printausgabe wurde der peinliche Lapsus offensiv und mustergültig am nächsten Tag korrigiert (SZ vom 14.5., S. 15).
- Auf der Website sueddeutsche.de wurde dagegen der Winkler-Beitrag einfach ohne Erklärung gelöscht.
- Dafür wurde die Print-Korrektur online veröffentlicht – also zu einem Artikel, der ja gar nicht mehr online stehen sollte.
- Im Jugendangebot der Süddeutschen Zeitung ist dagegen der urspüngliche Beitrag noch online. Es fehlt allerdings ein Link zur Korrekturseite.
- Vorbildlich: Die „jetzt.de“-Redaktion hat die Nutzer-Kommentare unter dem Beitrag nicht gelöscht. Dort passiert dann die Transparenz, die man sich eigentlich von der Redaktion erwartet hätte.
Was wir daraus lernen? Transparenz ist ein Qualitätskriterium des Journalismus, das gerade im Internet zunehmend wichtiger wird. Redaktionen sollten Fehler offensiv korrigieren, Nutzerkommentare dazu dankbar aufgreifen und auch auf Kritiker verlinken. Transparenz schafft Glaubwürdigkeit – nicht nur in Politik und Wirtschaft, sondern auch im Journalismus.
SZ-Magazin: Fackelzüge zur Zukunft der Zeitung
7. Mai 2009 at 13:27 | In Internet, Journalisten, Kapitel_4, Kapitel_7, Qualität, Zeitung | Leave a CommentQuerverweis auf meinen Beitrag im Journalismus-Darmstadt-Blog: Das aktuelle SZ-Magazin ruft unter der Schlagzeile „Wozu Zeitung?“ zu „Fackelzügen von Journalisten und Druckern“ auf. Das hat uns wieder einmal zu einer kleinen Bastelanleitung inspiriert, wie man journalistisch mit Fragen zur Zukunft des Journalismus umgeht. Mein Kollege Thomas Pleil betrachtet das Ganze unter dem PR-Aspekt, wünscht sich aber lieber guten Journalismus statt eine PR-Kampagne.
Bildblog will ab morgen alle Medien kritisieren
5. April 2009 at 18:43 | In Ethik, Kapitel_7, Qualität | Leave a CommentAls „Bildblog für alle“ will das Team von Bildblog.de künftig antreten. Nach fast fünf Jahren Kritik an Europas größter Tageszeitung weitet sich nun der Fokus. „[…] es ging uns nie nur um die „Bild“-Zeitung, sondern um ihre Macht als viel gelesenes und für wichtig genommenes Leitmedium”, schreiben die Macher des Bildblog. „Es gibt viele Beispiele dafür, wie deutsche Medien ihrer Verantwortung nicht gerecht werden. Oft fehlt es schon an der schlichten Bereitschaft, eigene Fehler zu korrigieren. Sinkende Werbeerlöse und der Medienumbruch bedrohen gerade die Qualität.“ Nach dem Abschied von Bildblog-Mitbegründer Christoph Schultheis ergänzt der Ex-Zeitungs- und Fernsehjournalist Christian Jakubetz die beiden Medien-Kritiker Stefan Niggemeier und Lukas Heinser.
Journalismus in Zeiten der Wirtschaftskrise
31. März 2009 at 16:50 | In Internet, Journalismusforschung, Kapitel_4, Kapitel_7, Medienökonomie, Qualität, Zeitung | Leave a CommentUnter dem Titel „Journalismus und Wirtschaft“ ist gerade die Ausgabe 1/09 des „Journalistik Journal“ erschienen. Darin u.a. Beiträge von Horst Pöttker („Ökonomisierung des Journalismus?„), Susanne Fengler („Der Journalist als Homo oeconomicus„), Klaus Arnold („Mit Qualität aus der Krise?„) und mir („Journalismus in Zeiten der Wirtschaftskrise„). Es ist nicht leicht, zwischen der derzeitigen Wirtschafts- und Anzeigenkrise und dem langfristigen strukturellen Medienwandel zu unterscheiden – vor allem auch weil die aktuelle Krise den Strukturwandel beschleunigt. Die genannten Beiträge können bei dieser Unterscheidung helfen.
Nachtrag (2.4.): Bayern 2 Radio hat ein Dossier zu diesem Thema zusammengestellt: „Ende der vierten Gewalt?“ Und die Drehscheibe hat einen sehr guten Beitrag von Jeff Jarvis übersetzt, welcher Ideen und Visionen vor allem für den Lokaljournalismus zusammenfasst. Das ist eine prima Ergänzung zu meiner Krisenanalyse.
Nach dem Amoklauf: Massive Verstöße gegen die journalistische Ethik
30. März 2009 at 15:15 | In Ethik, Journalisten, Kapitel_7, Qualität | 1 CommentZu den „prekären Konstellationen bei der journalistischen Arbeit“ gehören Zeit- und Produktionsdruck, die individuelle Sehnsucht nach dem Scoop, der exklusiven Story, oder ein hoher Konkurrenzdruck – stellte Siegfried Weischenberg in seinem Buch „Journalistik“ schon Anfang der 1990er Jahre fest (S. 205). Hinzu kommen unausgereifte redaktionelle Konzepte im Umgang mit neuen technischen Möglichkeiten und schlicht Sensationsgeilheit. Man kann die schlimmsten journalistischen Verfehlungen immer wieder beobachten, reflektieren, im Medienjournalismus, in Blogs oder in Wissenschaft und Ausbildung thematisieren – und doch lassen sie sich nicht ausrotten.
Wer mit etwas Abstand die Berichterstattung über den Amoklauf in Winnenden reflektiert, blickt wütend und ratlos auf massive Verletzungen der journalistischen Ethik. Hier einige Beispiele mit Links zur Vertiefung und Diskussion (Dank vor allem an Stefan Niggemeier, der zusammen mit seiner Community auch hier wieder akribisch protokolliert und treffend kommentiert hat):
- Zwei Mitarbeiter von Focus online scheiterten kläglich beim Versuch während der Anreise zum Tatort zu twittern: aufgezeichnet von Stefan Niggemeier.
- Live-Berichterstattung: Stundenlange Sondersendungen, wo doch über das schlimme Ereignis in drei Minuten berichtet wäre, erzeugen hilflose Reporter vor Ort. Wenn dann noch Erfahrungslosigkeit und Naivität hinzu kommen, dann wird das auf RTL gesendet. Reporterin Sarah Jovanovic: „…es ist Wahsinn. Hier blinken die Lichter um uns herum. … es ist Wahnsinn. Es heißt sogar, dass der Täter hier vor Ort noch um sich springen könnte … eine solche Größenordnung… ein Chaos vom Feinsten.“
- Die Belagerung der Kleinstadt Winnenden in den Stunden und Tagen danach: Jugendliche werden vor die Kameras gezerrt. Wütende Botschaften von Schülern an Journalisten: „Lasst uns in Ruhe trauern“, „Keine Presse“. Die NDR-Sendung ZAPP dokumentiert das unfassbare Fehlverhalten von Journalisten aus aller Welt.
- Die Heroisierung des Täters und der Tat: Tim K. wird zum Spiegel-Titel, Bild setzt den Amoklauf mit schwarzer Kampfuniform und Heldenpose in Szene. “Kurze Sachinformation hätte gereicht. Die Gefahr des Nachahmereffekts ist ein riesiges Problem“, sagt die Kriminologin Britta Bannenberg im Chat nach der Anne Will-Sendung.
- In vielen Magazinen und Zeitungen – unter anderem Bild, Bild am Sonntag, Focus, Stern – sind Fotos von (jugendlichen) Opfern zu sehen. Zum einen wurde dabei eklatant gegen den Pressekodex verstoßen, der in der Richtlinie 8.1 fordert, dass weder Opfer noch Täter in Wort und Bild genannt und gezeigt werden. Zum anderen wurden die meisten dieser Fotos aus sozialen Netzwerken im Internet (u.a. Schüler VZ) einfach kopiert, ohne die Angehörigen der Opfer zu fragen. Die ARD-Sendung Panorama hat in einem Beitrag den Foto-Raubzug von Journalisten im Internet – auch zu anderen Themen – angeprangert (vgl. den Beitrag von Niggemeier dazu).
- Wer ist schuld an der schmutzigen Berichterstattung? Findige Journalisten machen das Web 2.0 und die Möglichkeit, dass jetzt alle mitreden und mitdiskutieren können, dafür verantwortlich. So zum Beispiel der Chefredakteur von Welt und Welt am Sonntag Thomas Schmid: „Letztlich aber sind es nicht einmal, wie die linke Kulturkritik meint, „die“ Medien, die dem Täter zum Ruhm verhelfen. Es sind Krethi und Plethi, die das (oft mit medialer Hilfestellung) besorgen. Und das ist, wenn man will, ein Demokratisierungserfolg. Konnten früher medial nur die Privilegierten, also die journalistischen Fachleute, mithalten, hat das weltweite Netz, das alle mit allen verbinden kann, im Prinzip jeden Einzelnen zum Wirklichkeitsdeuter und -bildner gemacht. Dass Tim K. heute eine populäre, in der ganzen Welt bekannte Gestalt ist, ist auch eine Folge von user generated content.“ Der Herr Chefredakteur übersieht dabei die Verfehlungen der eigenen Zunft, der eigenen Redaktion und des eigenen Verlags (Springer). Das große Aufmacherfoto, mit dem sein Beitrag in der Welt am Sonntag geschmückt war, zeigte einen namenlosen trauernden Jugendlichen – fotografiert bei der Trauerfeier. Direkt daneben die Überschrift: „Die Unsterblichkeit des Amok-Täters“. Es ist unglaublich, mit welcher Dreistigkeit angebliche Qualitätsmedien (hier: ein Chefredakteur!) agieren. Den treffenden Analysen von Stefan Niggemeier und Thomas Wanhoff ist nichts hinzuzufügen.
Das alles macht wütend und ratlos. Warum können Journalisten und Redaktionen so selten schweigen? Oder über das eigene Tun nachdenken?
Nachtrag (4.4.09): Der Sender RTL hat den TV-Ausschnitt aus seiner Nachrichtensendung bei You Tube sperren lassen. Stefan Niggemeier hat nachgehakt und das Video erneut bei Sevenload platziert. Sein Blogbeitrag und die Diskussionen der Nutzer dazu sind sehr interessant: Muss es sein, dass ein Watch-Blog so hartnäckig mit einer einzelnen journalistischen Fehlleistung umgeht und die junge unerfahrene Reporterin nochmals vorführt (deren journalistische Laufbahn damit vermutlich zerstört ist)? Oder ist es durchaus angemessen, darauf herumzureiten, weil die Dokumentation des Videos zeigt, dass ja eigentlich die RTL-Redaktion und die Redaktionsleitung für die desaströse Berichterstattung verantwortlich sind, weil sie auf keinen Fall ein junge, unerfahrene Kollegin mit dieser schwierigen Live-Berichterstattung hätten beauftragen sollen? – Dass „Sarah Jovanovic“ seit einigen Tagen dasjenige Suchwort ist, mit dem dieses Blog hier am häufigsten gefunden wurde, macht mich sehr nachdenklich. Offenbar machen sich viele Internet-Nutzer über die junge Reporterin lustig. Vielleicht sollten auch Medienkritiker manchmal innehalten und länger überlegen, was man wie kritisiert (ich nehme mich hier gar nicht aus). Denn die eigentlichen Verantwortlichen hinter den Kulissen (hier: die RTL-Redaktionsleitung, auch Chefredakteur Peter Kloeppel) trifft man mit platter Kritik an einer Reporterin nicht. Da muss man schon intensiver analysieren und auf redaktionelle Zwänge und Hierarchien hinweisen. RTL bemüht sich inzwischen um Schadensbegrenzung und hat ein Video unter dem Titel „RTL-Reporterin Sarah Jovanovic in Winnenden“ im eigenen Web-Angebot platziert. Dort ist die Reporterin in einem unverfänglichen TV-Ausschnitt zu sehen.
Umfassendes Gutachten zur Entwicklung der Medien in Deutschland
19. Dezember 2008 at 11:20 | In Journalismusforschung, Kapitel_4, Kapitel_7, Kommunikationsfreiheit, Medienökonomie, Qualität | 1 CommentDie Bundesregierung hat in dieser Woche einen neuen Medien- und Kommunikationsbericht in Berlin vorgestellt. Der letzte Bericht stammt aus dem Jahr 1998. Ziel dieser Berichte, die an den Bundestag gehen und öffentlich zur Verfügung stehen, ist es in erster Linie, die Medienpolitik in Deutschland darzulegen. Das ist bei den Aspekten, die mit Journalismus zu tun haben, dann nicht so richtig befriedigend: Häufig werden „Defizite festgestellt“ und es wird schön formuliert, dass die Bundesregierung einen „erheblichen Handlungsbedarf“ sieht (z.B. zur Aus- und Fortbildung von Journalisten, S. 85f.) – aber die Standardantwort ist meist, dass die Bundesregierung nur beschränkte Handlungsmöglichkeiten hat und andere gefordert sind (z.B. die Medienunternehmen, was die praktische Ausbildung betrifft, oder die Bundesländer, was die Hochschulausbildung angeht). Das ist zwar richtig, nur wahnsinnig erhellend ist der Bericht dann in dieser Hinsicht nicht – und erst recht nicht lösungsorientiert. Dieses Geschwurbel hätte man sich schenken können (jetzt hat es halt die Bundesregierung auch mal gesagt).
Aber: Für ein wissenschaftliches Fachpublikum ist vor allem das umfassende Gutachten, das dem Bericht zu Grunde lag, lesenswert: Das Hans-Bredow-Institut der Universität Hamburg hat auf 380 Seiten die Entwicklung der Medien in den vergangenen zehn Jahren zusammengefasst und analysiert – auf Basis einer intensiven Recherche in zahlreichen wissenschaftlichen Studien. Das Gutachten stammt vom 4. Juni 2008 und steht jetzt ebenfalls als pdf-Datei zur Verfügung. Ich empfehle die pdf-Datei für Journalistik-Studierende als Basis für wissenschaftliche Recherchen in Seminaren und Abschlussarbeiten. Vielleicht kann man ja auch über die Feiertage mal reinlesen…
Neuer Presserat für Österreich? – Dringend nötig.
17. September 2008 at 9:53 | In Ethik, Kapitel_7, Qualität | Leave a CommentNachdem der Presserat in Österreich 2002 gescheitert war, hat es immer wieder Initiativen gegeben, ihn wieder zu beleben. Im Herbst soll es zu einer Neugründung eines Trägervereins kommen – auf Initiative des Verbands Österreichischer Zeitungen und der Journalistengewerkschaft unter Einbindung des Vereins der Chefredakteure (vgl. Pressemitteilung vom 2. Juli). Im Entwurf finden sich viele Elemente der Medienselbstkontrolle: zwei Senate als Spruchkammern bei Verstößen gegen den Kodex, ein ehrenamtlicher Leserbeirat und ein Ombudsmann.
Wollen wir hoffen, dass dieses Mal von Österreich eine Innovation in Sachen journalistischer Ethik ausgeht. Man könnte meinen, dass das Land eine solche Initiative nötiger hat denn je (wenn man das aus deutscher Perspektive so sagen darf). Die journalistischen Skandale der letzten Monate und Jahre waren schwer zu ertragen (z.B. Umgang mit Opfern und deren Privatsphäre in den Fällen Amstetten und Kampusch – vgl. den Beitrag dazu in der Zeit). Ob sich die entfesselte österreichische Boulevardpresse allerdings an die ethischen Ketten legen lässt, darf bezweifelt werden.
„Offene Redaktion“ und „Transparent newsroom“
8. September 2008 at 13:29 | In Ethik, Kapitel_7, Qualität, Redaktion | 2 CommentsLeider kann ich nicht schwedisch. Leider können die meisten Redakteure und Redaktionsleiter in Deutschland nicht schwedisch. Sonst könnten sie sich das Projekt „Öppen redaktion“ (Offene Redaktion) einmal näher ansehen: In der Redaktion der Nachrichtensendung „Aktuellt“ des schwedischen öffentlich-rechtlichen Senders SVT sind permament zwei Videoreporter unterwegs und filmen Konferenzen und Gespräche; die Videoclips werden sofort ins Web gestellt. Cristina Elia vom Schweizer European Journalism Observatory (EJO) hat in einem Beitrag für die NZZ die „Offene Redaktion“ beschrieben und Vor- und Nachteile herausgearbeitet. Die Redaktion will Transparenz herstellen und damit das Vertrauen und Verständnis des Fernsehpublikums (zurück)gewinnen.
In Zeiten des rapiden medialen Glaubwürdigkeitsverlusts ist das Projekt vorbildlich. Jede einzelne Redaktion muss um Vertrauen beim Publikum werben, um das diffuse Misstrauen zu durchbrechen, das sich auf alle Medienanbieter gelegt hat. Nur noch 31 Prozent der Deutschen vertrauen nach einer Studie der GfK der Berufsgruppe der Journalisten. Vertrauensbildung durch Transparenz: In einem Blogeintrag im November 2007 habe ich bereits auf Leseranwälte und Redaktionsblogs verwiesen. Das Redaktionsblog der Tagesschau z.B. geht ähnliche Wege wie „Aktuellt“ – aber bei weitem nicht so weit.
Ein weiteres Beispiel ist die Initiative „Transparent Newsroom“, welche die us-amerikanischen Tageszeitung „The Spokesman-Review“ schon 2005 ins Leben gerufen hat: Auf der „Spokesman“-Website werden nicht nur Blogger und andere Leser eingeladen, die Zeitung zu kritisieren, der Chefredakteur fasst zudem täglich die Ergebnisse der Redaktionskonferenz im Blog „Daily Briefing“ zusammen, redaktionelle Entscheidungen werden begründet und mit den Lesern diskutiert – und die beiden täglichen Redaktionskonferenzen werden um 10 Uhr und um 16.30 Uhr live per Webcast im Internet übertragen. Das Projekt „Transparent Newsroom“ solle die „Festung Redaktion“ („fortress newsroom“) niederreißen, meint Chefredakteur Steven A. Smith im Blog Pressthink. Im folgenden Videobeitrag – produziert vom „Spokesman“-multimedia producer Colin Mulvany – erklären Chefredakteur und Redakteure ihren „Transparent Newsroom“:
In einem Beitrag für das von Christian Schicha und Carsten Brosda herausgegebene Handbuch Medienethik fasse ich zurzeit ähnliche Initiativen zusammen, welche die Redaktion als Institution der Medienethik stärken. Das Handbuch soll im Sommer 2009 im VS-Verlag Wiesbaden erscheinen.
Nachtrag: Gerade erreicht mich eine Mail meines Kollegen Prof. Dr. José A. García Avilés. Er ist Professor für Journalistik an der Universidad Miguel Hernández in Elche (bei Alicante in Spanien). Ich kenne ihn aus einem gemeinsamen Forschungsprojekt zu „Newsroom Convergence“. Ab heute schreibt er das Blog „El Nautilus“ auf der Website des spanischen TV-Senders Telecinco. Er will Tendenzen im Fernsehen analysieren – und kann so vielleicht auch ein wenig zu Transparenz im Mediengeschäft beitragen. Beteiligt sich eigentlich ein deutscher Journalistik-Professor an einem Transparenz-Blog auf einer redaktionellen Website? – Ich weiß von keinem.
Fernsehen und Internet
3. Juni 2008 at 10:49 | In Internet, Kapitel_3, Kapitel_4, Kapitel_7, Publikumsforschung, Qualität, Öffentlich-rechtliche | Leave a CommentDie Zeichen verdichten sich, dass nicht nur Print-Leser ins Internet abwandern, sondern dass auch das klassische Fernsehen Zuschauer ans Internet und andere digitale Plattformen verliert. Zwei Beispiele:
- Die durchschnittliche Sehdauer der Deutschen ist nach Angaben der AGF 2007 erstmals seit Aufzeichnung der Fernsehnutzungsdaten um vier Minuten pro Tag zurückgegangen (von 212 im Jahr 2006 auf 208).
- Die Beratungsfirma Accenture berichtet nun in einer Pressemitteilung von einer Studie („Broadcast Consumer“-Umfrage unter 1.109 deutsche Internetnutzern), die ergab, dass sich junge Zuschauer zunehmend vom Antennen-, Kabel- und Satelliten-Fernsehen abwenden. “Jugendliche und junge Erwachsene leben in einer ‘On-demand’-Umgebung – in der ihnen dank Internet jederzeit alles zur Verfügung steht“, sagt Veit Siegenheim, Geschäftsführer im Bereich Communications & High Tech bei Accenture. „Auch auf das Fernsehen übertragen sie zunehmend Nutzungsmuster aus dem Internet.“
Den Fernsehveranstaltern sind solche Hinweise auf eine sich ändernde Mediennutzung natürlich hinlänglich bekannt. Deshalb ist die politische Auseinandersetzung um das, was öffentlich-rechtliche und privat-kommerzielle Rundfunkanstalten im Internet dürfen, sollen und was sie unterscheidet, derzeit so heftig. Da demnächst die Ministerpräsidenten über die Änderung des Rundfunkstaatsvertrags entscheiden müssen, blühen die Aktivitäten der Lobbyisten und PR-Strategen. Ein PR-Stück für mehr Präsenz von ARD und ZDF im Internet hat zum Beispiel Dr. Thomas Leif, Vorsitzender des Netzwerks Recherche und Chefreporter Fernsehen beim SWR in Mainz, für die ARD produziert (und dabei der ARD eher einen Bärendienst erwiesen, weil das Stück so offensichtlich werbend und einseitig recherchiert ist). Die Friedrich-Ebert-Stiftung legte dagegen eine Kurz-Studie vor, die mit etwas mehr Distanz zu ARD und ZDF Forderungen zu den „Öffentlich-rechtlichen Online-Angeboten der nächsten Generation“ aufstellt – dies jedoch überwiegend aus ökonomischen Erwägungen heraus und mit Hinweis auf die „Public Value“-Strategie der BBC.
Die Politiker werden wohl eher den Argumenten der privat-wirtschaftlichen Medienunternehmen folgen: Zeitungs- und Zeitschriftenverlage sowie privat-kommerzielle Rundfunkveranstalter sagen, dass sie selbst Vielfalt und qualitativ hochwertigen Journalismus im Internet anbieten könnten und dass man dafür öffentlich-rechtliche Angebote nur in stark begrenztem Umfang brauche. Dabei können gebührenfinanzierte öffentlich-rechtliche Angebote doch eine sinnvolle und wertvolle Alternative zur „Kostenloskultur“ des Internet und zu einer nahezu kompletten Werbefinanzierung sein. Oder etwa nicht? Wie viel Öffentlich-rechtliches brauchen wir im Internet? Jetzt und in Zukunft, wenn das Internet der zentrale Vertriebskanal für „Radio“ und „Fernsehen“ werden sollte?
PS: Aktuelle Infos und Hintergründe zu journalistischen Videoformaten im Internet liefert das Magazin websehen.net, das von Absolventen des Studiengangs Online-Journalismus (Hochschule Darmstadt) betrieben wird.
Transparenz im Journalismus durch Leseranwälte und Redaktionsblogs
16. November 2007 at 16:12 | In Ethik, Kapitel_7, Qualität, Redaktion | 6 Comments„Transparenz“ ist ein Qualitätskriterium des Journalismus, das hierzulande noch nicht lange diskutiert wird und noch keinen großen Stellenwert hat. Es geht darum, dem „Publikum reinen Wein einzuschenken“ – wie es Stephan Ruß-Mohl einmal formuliert hat. Journalisten und Redaktionen sollen die Berichterstattungsbedingungen offenlegen und offensiv Fehler eingestehen und korrigieren – was letztlich der Glaubwürdigkeit dient und die Vertrauensbasis zwischen Journalismus und Publikum erweitert. Vor dem Hintergrund der Kommunikationsexplosion durch Internet und digitale Medien kommt dem Qualitätskriterium der Transparenz wachsende Bedeutung zu: „Ist wirklich dort (guter) Journalismus drin, wo Journalismus draufsteht?“, fragt sich das geneigte Publikum.
Aus den vielen Möglichkeiten, die Transparenz zu verbessern (vgl. z.B. die in Deutschland häufig vernachlässigte Correction Corner), möchte ich hier zwei herausgreifen bzw. verlinken, die durch Online-Kommunikation profitieren oder erst ermöglicht wurden: das Modell der Leseranwälte und das der Redaktionsblogs.
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