Redaktionelle Konvergenz in der Schweiz

20. Mai 2009 at 10:24 | In Internet, Kapitel_4, Kapitel_7, Newsroom, Qualität, Redaktion, Zeitung, Öffentlich-rechtliche | Leave a Comment

Redaktionen werden auch in der Schweiz immer mehr plattform-übergreifend organisiert. Ein Beispiel ist das „Bieler Taglatt“ (ein vergleichsweise kleines Medienhaus), das vor kurzem unter Chefredakteurin Catherine Duttweiler in einem Newsroom/an einem Newsdesk die Tageszeitungen „Bieler Tagblatt“ und „Journal du Jura“, das Lokalradio Canal3, das Regionalfernsehen Telebielingue sowie sechs Online-Plattformen zusammengeführt hat.

Der Verband Schweizer Presse hat die aktuellen Trends aufgegriffen und vor einer Woche das Dossier „Newsroom. Redaktionsorganisation im Wandel“ veröffentlicht, in dem neben grundsätzlichen Informationen z.B. von Dietmar Schantin (IFRA – Newsplex) und mir auch Daten und Fallbeispiele aus der Schweizer Medienlandschaft analysiert und vorgestellt werden.

Auch die öffentlich-rechtliche Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft SRG hat das Thema Medienkonvergenz ganz oben auf der Agenda, nachdem der nationale Verwaltungsrat der SRG im März die Zusammenlegung von Radio, Fersehen und Online beschlossen hat. Im Grundsatz aus ökonomischen Gründen, weil die Gebührengelder und Werbeeinnahmen die Kosten nicht mehr decken. Doch wie diese beschlossene Zusammenlegung im Detail in den Redaktionen verwirklicht werden soll – „darüber gibt es fast täglich Konferenzen“, erzählten SRG-Journalisten gestern beim Seminar „Medienkonvergenz: Schock oder Chance?“ in Zürich. Wir konnten die SRG-Multimedia-Redaktion besuchen, die gerade mit der TV-Tagesschau-Redaktion zusammengelegt wird. In den Gesprächen wurde wieder einmal deutlich, dass eben nicht nur ökonische Gründe und Sparzwang zu konvergenten Redaktionen führen – sondern auch und vor allem das geänderte Nutzungsverhalten: Hansjörg Wilhelm, Leiter der Tagesschau-Multimedia-Redaktion sagte: „Das lineare Fernsehen ist ein Auslaufmodell.“ Immer mehr Journalisten – und vor allem alle künftigen – müssten für die TV-Sendung Tagesschau und für das Web arbeiten. Nur so können Sie in Zukunft ein breites (und junges) Publikum erreichen.

Fehlerkorrektur im Journalismus: sueddeutsche.de zeigt, wie man’s nicht macht

18. Mai 2009 at 15:14 | In Ethik, Internet, Kapitel_7, Qualität, Redaktion, Zeitung | Leave a Comment

Fehler offensiv zu korrigieren und zu erklären – das müssen Redaktionen in Deutschland erst lernen. Im Gegensatz zum Journalismus in den USA und in Großbritannien. Weil immer wieder Fehler beim Korrigieren von Fehlern passieren, hier einmal eine kleine Studie, aus der man lernen kann, wie man’s nicht macht. SZ-Autor Willi Winkler hat am 13. Mai auf der Medienseite der Printausgabe darüber gelästert, dass beim Spiegel-Shop auch Nazi-Literatur bestellt werden kann. Dass auch die Süddeutsche Zeitung und andere Verlagshäuser Bücher verkaufen und damit alle in Deutschland gehandelte Literatur, war dem Autor entgangen. Der Beitrag wurde auch auf sueddeutsche.de veröffentlicht.

Was wir daraus lernen? Transparenz ist ein Qualitätskriterium des Journalismus, das gerade im Internet zunehmend wichtiger wird. Redaktionen sollten Fehler offensiv korrigieren, Nutzerkommentare dazu dankbar aufgreifen und auch auf Kritiker verlinken. Transparenz schafft Glaubwürdigkeit – nicht nur in Politik und Wirtschaft, sondern auch im Journalismus.

SZ-Magazin: Fackelzüge zur Zukunft der Zeitung

7. Mai 2009 at 13:27 | In Internet, Journalisten, Kapitel_4, Kapitel_7, Qualität, Zeitung | Leave a Comment

Querverweis auf meinen Beitrag im Journalismus-Darmstadt-Blog: Das aktuelle SZ-Magazin ruft unter der Schlagzeile „Wozu Zeitung?“ zu „Fackelzügen von Journalisten und Druckern“ auf. Das hat uns wieder einmal zu einer kleinen Bastelanleitung inspiriert, wie man journalistisch mit Fragen zur Zukunft des Journalismus umgeht. Mein Kollege Thomas Pleil betrachtet das Ganze unter dem PR-Aspekt, wünscht sich aber lieber guten Journalismus statt eine PR-Kampagne.

30 Jahre „taz“: Erinnerungen an Haschischduft aus der Dunkelkammer und dilettantische Amateur-Journalisten

16. April 2009 at 9:54 | In Kapitel_4, Medienökonomie, Zeitung | Leave a Comment

Es gibt in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten nur zwei Zeitungsgründungen, die längerfristig überlebten: die „taz“ (1979) und die „FTD“ (2000). Beide nutzten den Zeitgeist der Gründungsphase: die „FTD“ den Börsenboom der Jahrtausendwende und die „taz“ die links-alternative Szene der späten 70er Jahre, aus der auch die Grünen hervorgegangen sind. Am 17. April 1979 ist die erste Ausgabe der „taz“ erschienen. Was vor genau 30 Jahren begann, wird heute als Zukunftsmodell der Tageszeitung im Internet-Zeitalter beschrieben: Die „taz“ gehört keinem Verleger oder Medienkonzern, sondern einer Genossenschaft aus Leserinnen und Lesern. Und sie wurde damals von politisch motivierten Amateuren gemacht – heute würde man sie wohl „Blogger“ nennen.

Michael Sontheimer war mit dabei. Er erinnert sich an die ersten Tage, an den Haschischduft aus der Dunkelkammer und die Selbstausbeutung der Laien, die sich als Journalisten versuchten, und dabei „genial dilettantisch“ arbeiteten:

„Es hat funktioniert. Es hat deshalb funktioniert, weil wir keine Journalisten waren, sondern politisch motivierte Amateure. Die „taz“ wandelte sich, ganz anders als wir uns das gedacht hatten, von einem radikalen Szeneblatt zum Medium des neuen alternativen Bürgertums – ihr Weg ähnelte dem der Grünen. Die „taz“ wurde auch zur erfolgreichsten Journalistenschule der Nation – keine wichtige Redaktion ohne ehemalige „taz“-Redakteure.“

Inzwischen hat sich die „taz“ – mit Ausnahme einzelner Provokationen, die man auch als ethische Entgleisungen bezeichnen kann – der Berliner Medienszene angepasst: Den 30. feiert man mit einer Gala und einem Kongress und ab Samstag mit neuem Layout (von der Agentur KircherBurckhardt, die seit einigen Jahren das Erscheinungsbild der deutschen Tageszeitungen prägt und vereinheitlicht).

Journalismus in Zeiten der Wirtschaftskrise

31. März 2009 at 16:50 | In Internet, Journalismusforschung, Kapitel_4, Kapitel_7, Medienökonomie, Qualität, Zeitung | Leave a Comment

Unter dem Titel „Journalismus und Wirtschaft“ ist gerade die Ausgabe  1/09 des „Journalistik Journal“ erschienen. Darin u.a. Beiträge von Horst Pöttker („Ökonomisierung des Journalismus?„), Susanne Fengler („Der Journalist als Homo oeconomicus„), Klaus Arnold („Mit Qualität aus der Krise?„) und mir („Journalismus in Zeiten der Wirtschaftskrise„). Es ist nicht leicht, zwischen der derzeitigen Wirtschafts- und Anzeigenkrise und dem langfristigen strukturellen Medienwandel zu unterscheiden – vor allem auch weil die aktuelle Krise den Strukturwandel beschleunigt. Die genannten Beiträge können bei dieser Unterscheidung helfen.

Nachtrag (2.4.): Bayern 2 Radio hat ein Dossier zu diesem Thema zusammengestellt: „Ende der vierten Gewalt?“ Und die Drehscheibe hat einen sehr guten Beitrag von Jeff Jarvis übersetzt, welcher Ideen und Visionen vor allem für den Lokaljournalismus zusammenfasst. Das ist eine prima Ergänzung zu meiner Krisenanalyse.

Neue Impressionen und Fakten zum Untergang der gedruckten Tageszeitung in den USA

20. März 2009 at 20:50 | In Internet, Kapitel_4, Kapitel_7, Zeitung | 3 Comments

Die Meldungen und Analysen aus den USA zum Untergang der gedruckten Tageszeitung verdichten sich immer mehr. „Newspaper death watch“ listet aktuell zwölf Großstadtzeitungen auf, welche die Printausgabe eingestellt haben. Beim 1863 gegründeten Seattle Post-Intelligencer zum Beispiel verloren mit der letzten Ausgabe am 17. März 150 von 170 Mitarbeitern ihren Job – nun will der Verlag „fully online“ weitermachen (hier eine Slideshow vom letzten Print-Arbeitstag). Die Redaktion der Rocky Mountain News (Denver) hat ein anrührendes Video zum Tod der gedruckten Ausgabe am 27. Februar (die letzte Frontpage) produziert – zwei Monate vor dem 150. Geburtstag der Zeitung. Das Video gibt auch allgemein anschauliche Einblicke in den Zustand des Zeitungsjournalismus in den USA.

Von amerikanischen Zeitungsjournalisten lernen – das heißt ab jetzt lernen, die Zeitung würdevoll zu Grabe zu tragen.

Fakten und Hintergründe über den Zustand der Nachrichtenmedien in den USA liefert der jährliche Bericht „state of the media“ des „Projects for Excellence in Journalism“ (finanziert vom Pew Research Center). Der sechste Bericht liegt seit dieser Woche vor. Demnach haben seit 2001 20 Prozent der Zeitungsjournalisten ihren Job verloren. Das Nachrichten-Publikum wandert zum Internet ab:

„[…] the audience migration to the Internet is now accelerating. The number of Americans who regularly go online for news, by one survey, jumped 19% in the last two years; in 2008 alone traffic to the top 50 news sites rose 27%.“

Mit dem Publikum sind allerdings nicht die Anzeigenerlöse zu den Online-News-Angeboten gewandert:

„Online advertising over all began to slow down, and display advertising in particular, the primary ad-revenue source for news, appeared to actually decline.“

Hinter der Finanzierung des Journalismus steht im 21. Jahrhundert ein ganz großes Fragezeichen – zumindest in den USA.

Zeitungssterben auch in Deutschland?

Kann man die US-Situation auf die ganze Welt und auch auf Deutschland übertragen? Ist die USA ein Vorreiter in Sachen Zeitungssterben? –

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Der neue integrierte Newsroom der Frankfurter Rundschau

20. Februar 2009 at 17:06 | In Internet, Kapitel_4, Newsroom, Redaktion, Zeitung | Leave a Comment

Es gibt einen neuen „modernsten Newsroom“ in Deutschland: Dieses Mal nicht in Berlin oder München, sondern in Frankfurt: Die „Frankfurter Rundschau“ ist am Wochenende in ein ehemaliges Straßenbahn-Depot in Sachsenhausen gezogen. Kernstück des neuen Gebäudes ist ein Newsroom mit 90 Arbeitsplätzen und einem großen runden Tisch in der Mitte. Chefredakteur Uwe Vorkötter erklärt stolz die strategischen Ziele der völlig neuen redaktionellen Strukturen – Redakteure sind im FR-Video mal begeistert, mal skeptisch. Typisch FR :-). Vorkötter: „Es gibt dort keine Trennung zwischen Print und Online mehr. Es gibt nur noch eine Redaktion. Aus ihrem Material wird die Doppelseite in der Zeitung gestaltet, ebenso wie die Kurznachricht auf dem Handy. Es ist eine Redaktion, die multimedial denkt und arbeitet. Und die sich dafür neu organisieren muss.“ 

Der Newsdesk (man nennt ihn übrigens „Brücke“) ist rund – sieht fast so aus wie beim „Daily Telegraph“ in London oder wie bei der Tageszeitung „Österreich“ in Wien. An ihm sitzen neben den Chefredakteuren die Ressortleiter, die gleichzeitig für Print und für online zuständig sind. Die Redaktionsstrukturen sind stark angelehnt an den Telegraph; die FR wurde ebenso wie das Vorbild in London von der IFRA in Darmstadt beraten (Joachim Blum).

Morgen (Samstag) wird eine Print-Beilage zum neuen Newsroom erscheinen. Einen Vorgeschmack mit Text von Vorkötter und prima Video-Interviews gibt’s online.

Heftige Diskussion um Nachdruck von Nazi-Zeitungen

26. Januar 2009 at 12:10 | In Ethik, Journalistik, Kapitel_2, Kommunikationsfreiheit, Zeitung | Leave a Comment

Muss der Staat seine Bürger vor dem Nachdruck von NS-Dokumenten schützen? Oder haben wir 60 Jahre nach Kriegsende nahezu ausschließlich mündige Bürger, die sich offen mit diesen Dokumenten auseinandersetzen sollten? - Das Projekt „Zeitungszeugen“ hat die Diskussion um NS-Propagandamaterial erneut entflammt. Seit Anfang Januar werden Zeitungen aus der NS-Zeit nachgedruckt und in einem Umschlag mit kritischer Einordnung durch Historiker am Kiosk verkauft. Die bayerische Staatsregierung hat jetzt die Beschlagnahmung aller im Handel befindlichen Faksimiles desVölkischen Beobachters angeordnet. Wer sich noch ein Exemplar sichern will, muss schnell sein. Es gibt inzwischen viele Medienbeiträge und -diskussionen zu diesem Streit. Ich empfehle vor allem zwei Beiträge: Der westen.de berichtet über eine Diskussion am Institut für Journalistik in Dortmund, wo Professor Horst Pöttker das Projekt verteidigt (er ist im wissenschaftlichen Beirat der „Zeitungszeugen“). Ich kann seine Argumentation sehr nachvollziehen: „60 Jahre nach Kriegsende brauchen wir keinen pädagogischen oder paternalistischen Umgang mit dem NS-Propaganda-Material mehr“, meint Pöttker. Gerade in der Journalistenausbildung sollte Nazi-Propagandamaterial nicht tabuisiert werden. In der Süddeutschen Zeitung hat der Autor Marc Felix Serrao Stimmen aus dem In- und Ausland zur Frage gesammelt, ob sich die Deutschen noch vor ihrer Vergangenheit beschützen müssen.

Die Krise

20. November 2008 at 19:14 | In Internet, Journalisten, Kapitel_4, Kapitel_7, Medienökonomie, Zeitung | 1 Comment

Sehr viele Menschen aus Journalismus und Medienunternehmen reden zurzeit über die Krise. Die dunklen Wolken am Horizont des Arbeitsmarkts für Journalisten haben sich verdichtet. Wieder einmal wird deutlich, wie stark die Medien aufgrund ihrer Anzeigenfinanzierung von den Konjunkturzyklen abhängig sind: Der Konjunkturabschwung und die weltweiten Rezessionsängste schlagen auf die Redaktionsetats durch, wenn zum Beispiel die Banken-, Auto- oder Stellenanzeigen ausbleiben. Aktuelle Krisenbeispiele aus dem Verlagswesen sind die Süddeutsche Zeitung (1,2), die F.A.Z. (1,2), die WAZ-Gruppe in NRW (1,2) und Gruner+Jahr, wo die Zeitschrift „Park Avenue“ eingestellt wird und die Redaktionen von FTD, Capital, Impulse und Börse online zusammengelegt werden sollen (1,2).

Nach aktuellen Angaben von Nielsen Media Research sind die Werbeeinnahmen vor allem der Printmedien im Jahresdurchschnitt mittlerweile zurückgegangen (Jan. bis Okt. Zeitschriften -4,3% und Tageszeitungen -0,2%). In einer Pressemitteilung vom 13. Oktober war noch von einem Wachstum im dritten Quartal die Rede – insgesamt und vor allem bei Fernsehen und Tageszeitungen (Jan. bis Sept. Zeitschriften -3,8% und Tageszeitungen +0,5 %). Der Einbruch im Oktober muss schon massiv gewesen sein. Bei der Online-Werbung zeichnet sich der Rückgang schon seit Jahresbeginn ab – auch wenn die Wachstumszahlen vergleichsweise groß bleiben: Die Zuwächse lagen im ersten Quartal bei 44%, im zweiten bei 39% und im dritten bei 30%. Im Internet bleiben die Aussichten rosig: „Trotz der abflachenden Wachstumsraten ist ein Ende des Online-Werbebooms noch lange nicht in Sicht“, so Nielsen Media Research. Der Online-Werbemarkt hat inzwischen den Radiomarkt überholt und macht schon rund ein Viertel des Zeitungs-Werbemarkts aus.

Wir erinnern uns noch gut an die letzte Krise, als z.B. die Tageszeitungen zwischen 2000 und 2004 fast ein Drittel der gesamten Anzeigeneinnahmen verloren. Die Jahre 2001 bis 2004 waren düstere Zeiten auf dem journalistischen Arbeitsmarkt. Die Redaktionen sind inzwischen so stark verdichtet, dass eine weitere Sparwelle schmerzhafte Qualitätseinbußen mit sich bringen wird.

Wer im nächsten Jahr seine Journalistenausbildung abschließt, wird es nicht leicht haben, gleich einen guten Job zu bekommen. Man muss wohl mit noch mehr Einstellungstops in weiteren Redaktionen rechnen. Die aktuelle Krise wird den Wandel des Journalismus beschleunigen: Mehr plattform-übergreifendes redaktionelles Arbeiten, mehr journalistische Ressourcen fürs Internet und weniger für Print. Wer schon in der Ausbildung auf den Online-Journalismus baut, setzt nach wie vor auf einen Boombereich (auch wenn mir dies auf dem Fachjournalistenkongress nicht alle geglaubt haben). Der Geschäftsführer des Verbands Deutscher Zeitschriftenverleger VDZ, Wolfgang Fürstner, zum Beispiel sagte turi-tv: “Wir haben ein Defizit an technik- und internetaffinen, jungen Fachleuten und der Markt bildet noch nicht genügend aus.“

Nachtrag (25.11.): Das TV-Medienmagazin „Zapp“ des NDR bringt einen Beitrag zur Medienkrise (morgen Abend) und hat im Internet ein Dossier zu diesem Thema zusammengestellt – mit weiteren Interviews und Beiträgen aus den ARD-Anstalten.

SZ und FR: überregionale Zeitungen bauen Print-online-Integration aus – mit unterschiedlichen Ansätzen

12. November 2008 at 22:10 | In Allgemein, Internet, Kapitel_4, Kapitel_7, Newsroom, Redaktion, Zeitung | Leave a Comment

Seit Anfang November arbeitet die Redaktion der Süddeutschen Zeitung in einem neuen Gebäude am Stadtrand: Ein Hochhaus, das keiner mag und kaum für redaktionelles Arbeiten geplant wurde – schon gar nicht für die Anforderungen eines großen crossmedialen Newsrooms. Im Zentrum des Gebäudes schlägt nicht das Herz der Redaktion, sondern es rumpeln Aufzüge und plätzschern Toiletten. (Genau das hasste die APA-Redaktion und deshalb hat die APA in Wien ein neues Redaktionsgebäude gebaut, in dem seit 2005 das Herz in der Mitte schlägt – vgl. meine Studie dazu).

Doch die SZ-Redaktion hat versucht, das Beste aus der ungeeigneten Architektur zu machen: Im 22. Stockwerk ist ein Newsroom mit 40 Arbeitsplätzen und einem zentralen Newsdesk eingerichtet. Dort arbeiten 30 Print- und zehn Online-Redakteure überwiegend aus den Ressorts Innenpolitik, Außenpolitik und Panorama. Die restlichen Online-Journalisten sitzen zwei Stockwerke darunter. Die Printressorts sind auf die Etagen 15 bis 25 verteilt. Online-Chefredakteur Hans-Jürgen Jakobs ist trotz dieser Verteilung optimistisch nun „Zeitung und Internet aus einem Guss“ produzieren zu können: „Die Zusammenarbeit von sueddeutsche.de und SZ-Redaktion soll am neuen Standort intensiviert werden.“

Ganz anders plant die Frankfurter Rundschau: Das neue Gebäude im Kultviertel Sachsenhausen wird um einen großen Newsroom mit ca. 700 Quadratmetern herum gebaut (Fotos und Video von der Baustelle). Das Rundschau-Haus soll im Februar/März 2009 bezogen werden. Chefredakteur Uwe Vorkötter will dann die Online-Redaktion auflösen (im Video-Interview mit Peter Turi): Die Online-Journalisten werden auf die Ressorts verteilt und sollen dort die Motivation für online unter allen FR-Journalisten fördern; jeder Ressortleiter wird für Print und Online zuständig sein. Alle 150 Printredakteure sollen dann zu Online-Redakteuren werden. „Die gesamte jetzige Printredaktion muss ihren Tages- und Arbeitsablauf umstellen“, so Uwe Vorkötter. Man folgt dem Idealbild der „konvergenten Redaktion“ (so nennt es Vorkötter) – nach dem Vorbild des britischen Daily Telegraph. Problematisch ist aus meiner Sicht, dass die Online-Kompetenz untergehen könnte – zumindest so lange, bis die Print-Redakteure tatsächlich Online-Know-How erworben haben und umsetzen können. Intensive Weiterbildung und viel Geduld (vor allem auch der jetzigen Online-Spezialisten) wird wohl nötig sein.

Redaktionelle Transparenz als PR-Gag: Vizekanzler darf Bild-Zeitung im Newsroom „kritisieren“

22. September 2008 at 18:05 | In Ethik, Kapitel_7, Redaktion, Zeitung | 4 Comments

Nachtrag zu meinem Beitrag vom 8. September: Wie „redaktionelle Transparenz“ zu einem PR-Gag verkommen kann, zeigt beispielhaft die Bild-Zeitung: Die tägliche Blattkritik soll ab heute öffentlich von einem Prominenten übernommen werden. Sie wird als Video aufgezeichnet und ist ab 12 Uhr im Web zu sehen. Begonnen hat heute Bundesaußenminister und Vize-Kanzler Frank-Walter Steinmeier. Er ging sehr moderat und oberflächlich mit den Bild-Redakteuren um. Sogar Chefredakteur Kai Diekmann meinte: „Sie hätten ruhig noch viel strenger mit uns sein können.“ Wie wahr. Einerseits ist eine „öffentliche Blattkritik“ eine gute Idee, die redaktionelle Transparenz fördern kann, andererseits wird es wohl schwierig, in einem kurzen Videoclip kritisch in die Tiefe zu gehen und zu diskutieren – zumal wenn der Kritiker nicht als griesgrämiger Oberlehrer dastehen, sondern in einem Jahr den Bundestagswahlkampf gewinnen will.

Blogger sprechen heute von „unbezahlter Werbung“ (gemeint ist von Steinmeier für Bild, könnte man auch umgekehrt sehen), Journalisten von „Wattebäuschchen“ und der „üblichen Berliner Heuchelei“ (Hans Leyendecker, SZ).

Was wir daraus lernen? – Bild hat sich massiv gewandelt. Von der redaktionellen Festung (gegen Angriffe a la Wallraff) zur redaktionellen Marketing- und PR-Maschine mit ethischem Anstrich (vgl. Leserbeirat, Korrekturspalte, öffentliche Blattkritik).

Nachtrag I (4.12.08): Heute startet Bild die nächste PR-Staffel (genannt „Leserreporter“): Bei Lidl werden mehrere zehntausend Bild.de-Videokameras verkauft – zum Schnäppchenpreis von 70,- Euro. Das gedrehte Material wird beim Anschluss der Kamera an einen PC auf den bild.de-Videoserver übertragen. Chefredakteur Kai Diekmann hat die Kamera bei der Bambiverleihung ausprobiert und die gedrehten Videoschnipsel professionell schneiden lassen. Das Ergebnis ist technisch gesehen ziemlicher Schrott (Bildauflösung und vor allem der Ton!) – inhaltlich aber ganz unterhaltsam (vor allem weil das Material professionell geschnitten und untertitelt wurde). Reaktionen aus der Branche auf den PR-Gag: Der DJV erwartet (wieder einmal) den Untergang des professionellen Journalismus. Die Online-Chefredakteurin des Tagesspiegel, Mercedes Bunz, dagegen leuchtet die Hintergründe der Diekmann-Strategie aus und fordert zum Nachmachen auf. Die Süddeutsche regt sich dagegen auf: „Die Menschen beschweren sich derzeit, dass durch das BKA-Gesetz der nächste Schritt zum Überwachungsstaat getan wird und sich keiner mehr seiner Privatsphäre sicher sein kann. Über den Volksjournalismus à la Bild echauffiert sich kaum jemand. Und doch: Es ist der erste Schritt zur Überwachungszeitung.“

Nachtrag II (4.12.08): Bild hat mal wieder eine öffentliche Rüge vom Presserat kassiert – und Kai Diekmann regt sich fürchterlich auf. Sein Kronzeuge: Die betreffende Bild-Ausgabe hat ausgerechnet der Intendant des DeutschlandRadio, Ernst Elitz, in der öffentlichen Blattkritik besprochen – und sich damals gar nicht über die Berichterstattung beklagt. Im Gegenteil: Er lobt im Großen und Ganzen, kritisiert eher Kleinigkeiten; zur vom Presserat gerügten Geschichte sagt Elitz: „…eine textlich und fotomäßig sehr gut, bestens recherchierte Geschichte…sicher eine tolle Teamleistung”. Der Presserat sieht dagegen eine „unangemessen sensationelle Darstellung von Gewalt und Brutalität“. Elitz kontra Presserat also – und das alles aufgrund der Promi-Blattkritik.

Langfristige Nutzungstrends: „Unterschichtfernsehen“, Lesekultur und das „Aussterben der Zeitung“

26. Juni 2008 at 9:55 | In Kapitel_3, Publikumsforschung, Zeitung | Leave a Comment

„Und wenn’s knallt… dann schauen Akademiker Tagesschau und heute“ – so ist eine Kurzanalyse von Nutzerbefragungen zwischen 1987 und 1996 überschrieben. Gemeint ist, dass vor allem höher Gebildete ein gestiegenes Interesse an Fernsehnachrichten entwickeln, wenn ein Krieg die Themenlage beherrscht. Das ist zwar etwas flapsig formuliert, dahinter steckt aber solide wissenschaftliche Analyse: Das Medienwissenschaftliche Lehr- und Forschungszentrum (MLFZ) der Universität Köln untersucht die Daten der Media- und Leseranalyse im Hinblick auf langfristige Nutzungstrends und deren Zusammenhänge mit sozialem Wandel.

Die Ergebnisse werden in wissenschaftlichen Häppchen über einen E-Mail-Newsletter und auf der Website präsentiert. Die kurzen Texte sind mit Charts veranschaulicht. Die Analysen zeigen Nutzungstrends zwischen 1954 und 2005 – also vor und nach dem Internet-Zeitalter. Das sind interessante Schlaglichter. So ganz ohne theoretische Einbettung aber auch ziemlich isoliert. Wer sich in diese Thematik näher einlesen will, muss schon auf differenzierte Publikationen der Forschergruppe in Fachzeitschriften zurückgreifen (wie etwa zum „Unterschichtfernsehen“ in der Publizistik). Dennoch hier einige Beispiele der Häppchen:

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Videovortrag: Multimediale Newsrooms in Europa

12. März 2008 at 16:26 | In Internet, Kapitel_4, Newsroom, Redaktion, Zeitung, Öffentlich-rechtliche | 1 Comment

Der Hessische Rundfunk hat die Vorträge auf dem „Frankfurter Tag des Online-Journalismus“ (6. März) als Videos aufgezeichnet und komplett in guter Qualität ins Netz gestellt. Mit dabei ist mein Vortrag zum Thema „Multimediale Newsrooms in Europa“ (35 Min.) und der Vortrag „Audio-Bilder-Galerien – Video für Arme oder neuer Standard?“ (22 Min.) von Fabian Schweyher, dessen spannende Diplomarbeit zu diesem Thema ich im letzten Sommer betreuen durfte.

Empirisch geprüft: Internet verdrängt Tageszeitung

20. Dezember 2007 at 15:48 | In Internet, Journalismusforschung, Kapitel_3, Kapitel_4, Kapitel_7, Publikumsforschung, Zeitung | 2 Comments

Ergänzend zu meinem Beitrag Auslaufmodell Tageszeitung ein aktueller Hinweis auf eine Studie, die jetzt in der Zeitschrift “Medien & Kommunikationswissenschaft” erschienen ist. Der Beitrag erhärtet empirisch die These der zunehmenden Verdrängung der Tageszeitung durch Nachrichtensites im Internet. Castulus Kolo und Robin Meyer-Lucht haben in Zeitreihenanalysen die Daten aus zwei großen Mediennutzungsstudien (ACTA und AWA) zwischen 2000 und 2006 ausgewertet. Dies ist zwar nicht unproblematisch, weil diese Befragungen eigentlich für einen anderen Zweck erhoben wurden und sich Schlussfolgerungen zum Verhältnis zwischen Tageszeitung und Nachrichtensites nur indirekt ziehen lassen. Allerdings sind die Indizien so eindeutig, dass eine starke Verdrängung insbesondere bei nachrichteninteressierten Nutzern („News-Junkies“) als erwiesen gelten kann. Dramatisch ist nicht nur der Rückgang des gesamten Leserkreises, sondern vor allem die Erosion der Intensivleserschaft bei Tageszeitungen.

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Auslaufmodell Tageszeitung?

12. Dezember 2007 at 10:57 | In Kapitel_4, Kapitel_7, Zeitung | 2 Comments

Die Prognosen über die Zukunft der Tageszeitung sind extrem bunt. Ein Bericht aus der Schweiz – wo die Gratiszeitungen boomen – fasst einige schillernde Stellungnahmen aus Praxis und Wissenschaft zusammen. Wird das Internet zunehmend zum „Leitmedium“ vor allem der jungen Generation? Oder wollen junge Menschen Zeitung lesen, aber nur nicht dafür bezahlen – wie mir letzte Woche ein österreichischer Medienmanager sagte? Wird es in 5, in 10 oder in 20 Jahren keine Printzeitung mehr geben? – Auf fünf Jahre Galgenfrist setzt so mancher US-amerikanischer Medienmanager; 20 Jahre ist die zentraleuropäische Perspektive (die z.B. der Wissenschaftler Klaus Schönbach vertritt). Der Abgesang auf täglich neu bedrucktes Papier kommt vor allem aus den anglo-amerikanischen Ländern. „Druckerschwärze auf toten Bäumen“ nennt Andrew Gowers, Ex-Chefredakteur der Financial Times, die klassische Zeitung auf Papier. Und der Verleger der New York Times, Arthur Ochs Sulzberger Jr., wird mit den Worten zitiert: “I really don’t know whether we’ll be printing The Times in five years, and you know what? I don’t care.” Das soll optimistisch klingen. Und in der Tat: Die großen Medienkonzerne in aller Welt haben nun endgültig das Internet für sich entdeckt: Es soll nicht mehr Konkurrenz und Bedrohung für die traditionellen medialen Plattformen sein, sondern ein Wachstumsmotor.

Hat die gedruckte Zeitung eine Zukunft? – Diskussionsbeiträge willkommen.

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