Neue Forschungsergebnisse zum Wandel der Qualität im Journalismus

1. Dezember 2008 um 19:11 | Veröffentlicht in Journalismusforschung, Kapitel_1, Kapitel_4, Kapitel_7 | 4 Kommentare

Besonders in Krisenzeiten wird (wieder) über eine angeblich abnehmende Qualität im Journalismus geklagt. Die Belege sind meistens fallbezogen: Journalisten berichten aus eigenen Erfahrungen und verklären nicht selten die Vergangenheit. Doch wie hat sich die Qualität über Jahre und Jahrzehnte hinweg tatsächlich entwickelt? – Das ist eine Kernfrage, die auf der Tagung der European Communication Research and Education Association (ECREA) in der vergangenen Woche in Barcelona in mehreren Panels auf Basis neuer Ergebnisse der Journalismusforschung diskutiert wurde. Drei Beispiele:

  • Eine britische Studie der Goldsmiths University war weitgehend skeptisch: Redaktionen würden mehr in Technologie und weniger in Journalisten investieren, insbesondere im Internet stelle sich die Grundfrage, ob das traditionelle Geschäftsmodell des Journalismus überhaupt noch funktioniere, die journalistischen Werte und Standards seien in Gefahr – und damit „the lifeblood of democracy“, wie es Panel-Moderatorin Natalie Fenton formulierte.
  • Zu anderen Ergebnissen kommt die wohl größte Journalismus-Studie, die sich zurzeit in Deutschland im Feld und in der Auswertung befindet (vgl. meinen Blogeintrag dazu). Studienleiter Bernd Blöbaum von der Universität Münster meinte, man müsse den Wandel der journalistischen Qualität differenzierter sehen. Die überregionalen Qualitätszeitungen zum Beispiel seien auf jeden Fall besser geworden. Eine vergleichende Inhaltsanalyse mehrerer Medien zwischen 1990 und heute habe ergeben, dass die journalistische Berichterstattung aktiver und unabhängiger von Ereignissen und (Politiker-)Statements geworden sei. Die Themenbereiche seien breiter und vielfältiger geworden: weniger Politik, dafür umso mehr Gesundheit, Wissenschaft, Lifestyle, Wirtschaft und Sport. Die Redaktionen achteten mehr auf eine eigenständige Profilbildung – und kauten nicht mehr zwangsläufig das wieder, was die Nachrichtenagenturen und Leitmedien vorgeben. Das Abstract und die Präsentation waren die erste Veröffentlichung dieser groß angelegten Studie. Man darf auf weitere, tiefer gehende Veröffentlichungen gespannt sein – insbesondere auf das Buch, das für 2009/2010 angekündigt ist.
  • Das Panel, an dem ich beteiligt war („Media Convergence in Europe“), hat sich mit den vielfältigen Aspekten und Auswirkungen der Medienkonvergenz auf den Journalismus beschäftigt. In der Diskussion ging es u.a. um die Frage, wie konvergente Redaktionen und redaktionelle Strategien die Kompetenzen und die Ausbildung der Journalisten verändern. Interessant zu sehen war für mich einmal mehr, dass Medienkonvergenz und redaktionelle Konvergenz aktuelle Phänomene sind, die in anderen europäischen Ländern zwar einerseits genauso intensiv, andererseits aber auch ganz anders diskutiert und redaktionell umgesetzt werden – aufgrund z.B. der anderen ökonomischen und rechtlichen Rahmenbedingungen oder der anderen traditionellen Redaktionsstrukturen. Das englische Wort „Convergence“ haben indes viele Vortragene in ganz unterschiedlichen Panels in den Mund genommen. Die Forschung dazu steht erst am Anfang – insbesondere die international vergleichende Forschung.
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4 Kommentare »

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  1. Was genau ist denn hier mit Medienkonvergenz gemeint? Wikipedie z.B. sagt: „Als Medienkonvergenz bezeichnet man in der Publizistik, im Rundfunkrecht und in der Kommunikationswissenschaft die Annäherung verschiedener Einzelmedien entweder in Bezug auf wirtschaftliche, technische oder inhaltliche Aspekte.“ – Bezieht es sich in diesem Fall nun auf den wirtschaftlichen, technischen oder inhaltlichen Bereich? Und: Wäre es im inhaltlichen Bereich vergleichbar mit crossmedia oder verwechsel ich da jetzt was?

  2. „Medienkonvergenz“ ist ein sehr komplexes Phänomen. Der von Ihnen zitierte Abschnitt aus Wikipedia ist als grobe Richtschnur schon OK (wenngleich der Beitrag insgesamt sehr einseitig ist und der Komplexität nicht gerecht wird). Zu den genannten drei Aspekten kommen – vor allem aus Perspektive des Journalismus – professionelle Aspekte hinzu, also die Veränderung des Berufsbilds und der Arbeitsweisen der Journalisten. Zur Analyse des Phänomens eignet sich die Betrachtung der „Wertschöpfungskette“ der Medien – hier zum Beispiel des Journalismus: Wir haben dann Konvergenzen bei der Recherche (wenn z.B. ein Reporter vor Ort nicht nur Textmaterial recherchiert, sondern auch ein Video dreht), bei der Produktion (wenn eine Redaktion crossmedial arbeitet), bei der Distribution (wenn Inhalte auf mehreren Kanälen veröffentlicht werden) und bei der Nutzung (wenn z.B. ein Nutzer auf seinem Handy nicht nur telefoniert, sondern auch im Web surft oder mobiles Fernsehen empfängt).

  3. Hier mal ein etwas chaotischer und „unprofessioneller“ (wenngleich er gar nicht diesen Anspruch hat) Blogeintrag, der evtl. ganz gut dazu passen dürfte: http://www.juiced.de/blog/2008/12/08/wenn-blogger-uber-blogger-bloggen…/ ;)


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