Neue Impressionen und Fakten zum Untergang der gedruckten Tageszeitung in den USA

20. März 2009 um 20:50 | Veröffentlicht in Internet, Kapitel_4, Kapitel_7, Zeitung | 3 Kommentare

Die Meldungen und Analysen aus den USA zum Untergang der gedruckten Tageszeitung verdichten sich immer mehr. „Newspaper death watch“ listet aktuell zwölf Großstadtzeitungen auf, welche die Printausgabe eingestellt haben. Beim 1863 gegründeten Seattle Post-Intelligencer zum Beispiel verloren mit der letzten Ausgabe am 17. März 150 von 170 Mitarbeitern ihren Job – nun will der Verlag „fully online“ weitermachen (hier eine Slideshow vom letzten Print-Arbeitstag). Die Redaktion der Rocky Mountain News (Denver) hat ein anrührendes Video zum Tod der gedruckten Ausgabe am 27. Februar (die letzte Frontpage) produziert – zwei Monate vor dem 150. Geburtstag der Zeitung. Das Video gibt auch allgemein anschauliche Einblicke in den Zustand des Zeitungsjournalismus in den USA.

Von amerikanischen Zeitungsjournalisten lernen – das heißt ab jetzt lernen, die Zeitung würdevoll zu Grabe zu tragen.

Fakten und Hintergründe über den Zustand der Nachrichtenmedien in den USA liefert der jährliche Bericht „state of the media“ des „Projects for Excellence in Journalism“ (finanziert vom Pew Research Center). Der sechste Bericht liegt seit dieser Woche vor. Demnach haben seit 2001 20 Prozent der Zeitungsjournalisten ihren Job verloren. Das Nachrichten-Publikum wandert zum Internet ab:

„[…] the audience migration to the Internet is now accelerating. The number of Americans who regularly go online for news, by one survey, jumped 19% in the last two years; in 2008 alone traffic to the top 50 news sites rose 27%.“

Mit dem Publikum sind allerdings nicht die Anzeigenerlöse zu den Online-News-Angeboten gewandert:

„Online advertising over all began to slow down, and display advertising in particular, the primary ad-revenue source for news, appeared to actually decline.“

Hinter der Finanzierung des Journalismus steht im 21. Jahrhundert ein ganz großes Fragezeichen – zumindest in den USA.

Zeitungssterben auch in Deutschland?

Kann man die US-Situation auf die ganze Welt und auch auf Deutschland übertragen? Ist die USA ein Vorreiter in Sachen Zeitungssterben? –

Man muss das sehr differenziert sehen: Die Zeitungsmärkte und vor allem die Fehler der großen Verlage sind weltweit ganz unterschiedlich. Während etwa in Asien und Lateinamerika die Auflagen der Tageszeitungen steigen, nehmen sie zwar in Deutschland kontinuierlich ab (1998: 25 Mio. verkaufte Auflage; 2008: 20 Mio.; beim 5-Mio.-Verlust geht mindestens eine Million auf das Konto der Bild-Zeitung) – aber die deutschen Verlage wirtschaften im Vergleich zu den USA sehr solide. Das Kernproblem der amerikanischen Zeitungen liegt in der Börsenabhängigkeit und in Managementfehlern. Der Wert der börsennotierten US-Verlage fiel 2008 um 83% – und das obwohl in der Breite Gewinne erwirtschaftet wurden. Wir sollten die US-Entwicklung nicht 1:1 auf den deutschen Markt übertragen und uns nicht zu steilen Thesen verleiten lassen – wie mein Kollege Stephan Weichert von der Macromedia-Schule in Hamburg, der dem Kress-Report gesagt hat: „Ich gebe den deutschen Zeitungsverlagen nicht mehr als vier, fünf Jahre, dann wird auch hier das große Zeitungssterben die ersten Titel dahinraffen.“ Weichert gründet seine These zwar auf einer Studie, die er zusammen mit Leif Kramp für die Friederich-Ebert-Stiftung gemacht hat, aber auch in dieser Studie rekurrieren die Autoren sehr stark (eigentlich zu stark) auf Entwicklungen in den USA.

Wir werden natürlich auch in Deutschland in den nächsten Jahren eine weitere Abwanderung von der Tageszeitung in Richtung Internet erleben – aber das führt so schnell nicht zum Zeitungssterben. Ich sehe andere Konsequenzen: Die Verlagskonzentration auf dem Zeitungsmarkt wird wachsen und die Zeitungsvielfalt wird abnehmen. Weitere Verlage werden bislang getrennt arbeitende Mantelteile und Lokalredaktionen zusammenlegen (wie z.B. aktuell die WAZ im Ruhrgebiet). Integrierte Newsrooms (Print/online) werden zunehmen. Print-Jobs werden abgebaut, Online-Jobs aufgebaut. Tageszeitungen werden weiterhin an Auflage verlieren und 2015 vielleicht nur mehr 15 Millionen drucken – aber sie werden weiterhin gedruckt und zunehmend an eine Elite verkauft, die fürs Abo mehr Geld ausgibt. Wo die Elite fehlt, wird die Tageszeitung vielleicht zur Wochenzeitung und nur mehr ein- oder zweimal pro Woche gedruckt.

Nachtrag (27.4.09): Das „Wall Street Journal“ dokumentiert auf einer interaktiven Karte das Zeitungssterben in den USA.

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3 Kommentare »

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  1. Zum oberen USA-Teil: Schöne Linkzusammenfassung, guter Überblick. Danke!

    Zum deutschen Teil: Zeitung mehr und mehr für Elite? Führt das nicht auch mehr und mehr zur Zweiklassengesellschaft? Genauso wie die Reichen in Deutschland immer reicher werden und die Armen immer ärmer (dieser Trend wurde ja bereits zunehmend festgestellt)?!

  2. Es bleibt zu hoffen, dass alle Bevölkerungsschichten frühzeitig lernen, sich aus anderen Medienplattformen – wie Internet oder mobile News oder eben dann doch aus dem (öffentlich-rechtlichen) Fernsehen und Radio – zu informieren. Absehbar ist jedenfalls, dass sich der Wissensstand über aktuelle Nachrichten und damit auch über die Entscheidungsprozesse der Demokratie weiter differenzieren wird. Das journalistsiche Angebot ist ja schon jetzt unglaublich zersplittert.
    Zur Zeitungsnutzung der „Elite“: Viele Zeitungsleser im jüngeren und mittleren Alter (bis vielleicht 45 oder 50) werden zunehmend Nachrichten aus dem Internet nutzen und Zeitungen vor allem aus Prestige-Gründen beziehen und nur noch ab und zu lesen, wenn sie dazukommen.
    Eine Konsequenz ist für mich, dass wir in Deutschland wieder mehr Wertschätzung für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk entwickeln sollten – und weder versuchen, ihn politisch zu gängeln, noch ihn in der Online-Entwicklung zu bremsen. Wir brauchen auch im Internet ein starkes und profiliertes öffentlich-rechtliches Angebot.

  3. Interessant zu diesem Thema sind m.E. die Diskussionen auf der kuerzlich geschaffenen website http://www.newspaperProject.org , auf der sich U.S. newspaper executives zur Zukunft von Zeitungen und Journalismus aeussern.

    Im Gegensatz zu Deutschland wird jede Krise in den USA eher als Chance begriffen: sollte z.B. der San Francisco Chronicle nicht ueberleben, steht schon ein online Projekt in den Startloechern, das die Luecke fuellen koennte http://www.public-press.org/


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