Wen sich die Süddeutsche Zeitung als obersten Ausbilder leistet. Eine Erwiderung auf Detlef Esslingers Kritik an der Journalistik

25. August 2009 um 12:58 | Veröffentlicht in Ethik, Journalistik, Kapitel_6, Qualität | 37 Kommentare

Joseph Pulitzer würde sich im Grabe umdrehen, könnte er die Süddeutsche Zeitung lesen. Denn dort leistet man sich einen Detlef Esslinger als obersten Ausbilder. Der ewig-gestrige Redakteur und Volontariatsbeauftragte hat ganz tief in der Mottenkiste der Vorurteile gekramt und ohne zu recherchieren einen hasserfüllten polemischen Artikel gegen die Journalistik als akademische Disziplin veröffentlicht.

Der Zeitungsverleger Joseph Pulitzer musste sich schon 1904 mit solchen Kleingeistern herumschlagen, als er zwei Millionen Dollar der Columbia University in New York vermachte und damit das Fundament für die Gründung eines Journalistik-Studiengangs und eines Journalistenpreises legte. In seinem Kampf gegen vielerlei Widerstände verglich Pulitzer den Journalismus mit der Medizin und der Rechtswissenschaft:

„Before the century closes schools of journalism will be generally accepted as a feature of specialized higher education, like schools of law or of medicine.“

Die Visionen Pulitzers wurden in den USA zunehmend verwirklicht. Inzwischen ist ein Abschluss in Journalistik oder Kommunikationswissenschaft nahezu die Bedingung für den Einstieg in den Journalismus: Mehr als drei Viertel der Anfänger in den 1990er Jahren hatten diesen Abschluss. Obwohl die Journalistik-Studiengänge in Deutschland noch recht jung sind und es bei weitem weniger gibt als in den USA, hat schon ein Drittel der deutschen Journalisten entweder Journalistik oder Publizistik, Kommunikations- oder Medienwissenschaft studiert.

Die amerikanische „school of journalism“ ist ein Studiengang an einer Hochschule. Volontariate oder verlagseigene Journalistenschulen (wie sie Esslinger absolviert hat, dem dort offensichtlich schlechte Manieren beigebracht wurden) sind in den USA nicht denkbar. Schon Pulitzer hat die einschlägigen Argumente gegen eine reine Ausbildung im Redaktionsbetrieb genannt:

„In journalism at present the newspaper offices are the hospitals, but the students come to them knowing nothing of principles or theories. The newspaper hospital is extremely accommodating. It furnishes the patients for its young men to practise on, puts dissecting-knives into the hands of beginners who do not know an artery from a vermiform appendix, and pays them for the blunders by which they gradually teach themselves their profession.“

Das Studiengangmodell Journalistik begann in Deutschland in den 1970er Jahren mit einigen wenigen Standorten als Antwort auf allenthalben kritisierte Missstände der Journalistenausbildung. Dafür setzten sich u.a. die Journalistengewerkschaften, die Verlegerverbände und der Presserat ein. Nach mehr als drei Jahrzehnten Erfahrung mit der Journalistik muss man bilanzieren, dass das ursprüngliche Ziel, die Hochschulausbildung als Regelzugang zum Journalismus ähnlich wie in den USA zu etablieren, (bislang) nicht verwirklicht wurde. Es wurden allerdings verschiedene Studiengangmodelle und viele unterschiedliche didaktische Konzepte der Integration von Theorie und Praxis entwickelt – zum Beispiel das Modell der Lehrredaktion mit der Produktion von periodischen Campusmedien oder mit innovativen journalistischen Einzelprodukten, die marktfähig sind und zum Teil mit Partnern aus der Medienwirtschaft realisiert werden.

Nicht zu vernachlässigen ist indes der Aspekt, dass Journalistenausbildung an Hochschulen nicht dem ökonomischen und zeitlichen Druck der redaktionellen Routine und den Verwertungsinteressen der Medienindustrie unterworfen ist, sondern Nachdenken und Reflexion fördert und Freiraum zum Experimentieren lässt: Es kann kreativ gespielt und getestet werden, neue Formen und Formate können überlegt und verbessert werden. Schon Pulitzer hatte betont:

„The School of Journalism is to be, in my conception, not only not commercial, but anti-commercial.“

Pulitzers Diktum gilt gerade heute – im umfassenden Wandel, in dem sich die Medienbranche befindet. Denn damit erweitern sich die Kompetenzen, die Journalisten brauchen. Es ist nicht mehr nur das „Handwerk“ wichtig, sondern zunehmend auch das „Kopfwerk“ – also nicht nur Recherchieren und Schreiben, sondern auch das Nachdenken und Wissen über Qualität und Ethik, über die Bedingungen des Journalistenberufs und die Wirkungen des journalistischen Arbeitens und nicht zuletzt über neuen Formen und Formate für sich rasant ändernde Medienbedingungen. Nicht nur das praktische Tun im redaktionellen Korsett, sondern auch das Nachdenken mit Hilfe wissenschaftlicher Methoden und Erkenntnisse im akademischen Freiraum – kurzum: Pioniergeist und der Wille zum Experimentieren.

Nun also Detlef Esslinger. Ist das nicht jener Herr, der uns vor Leitz-Ordnern aus seinem Buch „Die Überschrift“ vorliest?

Die SZ hat etliche Kommentare und Leserbriefe von Studierenden, Absolventen und Professoren erhalten (u.a. von Holger Wormer, Dortmund, Klaus-Dieter Altmeppen, Eichstätt, Michael Haller, Leipzig, und Karl N. Renner, Mainz). Die SZ-Online-Redaktion schreibt zur Leserbriefseite: „Der Tenor der Leserbriefe ist eindeutig: Das Studium der Journalistik ist keine Zeitverschwendung.“

In einer Mail als Antwort an einen Journalistik-Professor ignoriert Esslinger dieses Feedback. Er freut sich stattdessen „endlich mal eine seit langem überfällige Debatte angestoßen zu haben“.

Ach ja. Um diese Debatte anzustoßen braucht es keinen Detlef Esslinger – denn sie ist längst geführt und alle Argumente sind ausgetauscht. In den USA und andernorts. Man braucht eigentlich nur die SZ-Volontäre zu fragen, unter denen sich zurzeit einige Journalistik-Absolventen befinden.

Wenn Sie nur ein kleines bisschen recherchieren würden, Fairness und die Prinzipien des Gegenchecks beachten würden, könnten wir Sie auch in der Gegenwart begrüßen, lieber Herr Esslinger. Um eine Debatte anzustoßen, sind Sie leider 100 Jahre zu spät dran.

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  1. Auf den wesentlichen Kritikpunkt des Original-Artikels wird aber nicht eingegangen: Das Journalisten Ahnung haben sollten wovon sie schreiben. Das Argument klingt schon sinnvoll, dass ein Wirtschaftsjournalist Wirtschaft studiert haben sollte und ein Gerichtsreporter Jura studiert haben sollte, damit sie wissen worüber sie schreiben und Zusammenhänge besser erkennen können. Außerdem hilft es sicher bei recherchen, und gute Journalisten sollten investigativ sein und nicht nur DPA-Meldungen umschreiben oder aus Wikipedia kopieren. Ich vermisse hier nun eine Erwiderung auf dieses zentrale Argument.

    • Zuersteinmal: man kann auch bei bester Allgemeinbildung nicht von allem Ahnung haben. Dann muss man aber zumindest bei den richtigen Stellen recherchieren und die erhaltenen Informationen verständlich transportieren können.
      Sowas lernt man dann zum Beispiel in den angeblich ach so unsinnigen Seminaren eines Journalistik-Studiengangs.

      Nun mal konkret zu der Forderung nach Spezialisierung auf Fachgebiete:
      angenommen, man ist Redakteur/Nachrichtensprecher eines Radiosenders, und damit per Definition Journalist. Welchen Vorteil soll man als solcher haben, anstatt Journalistik beispielsweise Wirtschaft studiert zu haben? Wie viele Wirtschaftsnachrichten habe ich denn pro Sendung?

      Um also korrekt zu arbeiten, müsste jede Meldung einer Nachrichtensendung demnach von Experten verlesen, zumindest aber von Experten geschrieben werden, um dem Thema gerecht zu werden. Die Realität sieht bekanntlich anders aus, und das ist ja auch völlig nachvollziehbar. Es braucht auch die Allrounder, und die müssen -platt gesagt – nicht dümmer sein.

      Um Spezialist/Fachjournalist zu werden, ist eine intensive Ausbildung im Fachgebiet sicher hilfreich, manchmal sogar unumgänglich.

      Um aber z.B. Sport-oder Musikjournalist zu sein, muss ich nicht Sport bzw. Musik studiert haben. Ich muss Interesse am Thema haben, Leidenschaft dafür haben, mich – auch ohne universitären Hintergrund – ständig damit beschäftigen. Auch dann kann ich Experte sein, ohne im Fachgebiet einen Master oder ein Diplom zu besitzen.

      Dieser ganze Pro/Contra-Journalistikstudium- Glaubenskrieg bringt nix. Den absolut sicheren Weg zum Erfolg gibt es nämlich sowieso nicht (mehr). Ich bin zwar überzeugt, dass das Journalistik-Studium (ich beziehe mich auf Dortmund) kein Nachteil ist. Die Lehrredaktionen, das integrierte Volontariat, Pflichtpraktika bei etablierten, angesehenen Rundfunkanstalten…das sind Dinge, die praxisnaher nicht sein könnten. Und den theoretischen, wissenschaftlichen Part gibts noch dazu. Nicht zu vergessen das Pflicht-Nebenfach, dass ja die geforderte Spezialisierung in einem Gebiet automatisch mit sich bringt.

      Wenn ich aber ein Vollhonk wäre, würde mir das alles nichts helfen. Wenn die Konkurrenz zu groß ist, ist der Bessere des Guten Feind. Wenn es immer weniger Stellen gibt, bringt das beste Studium nix. Wenn der Kollege – vielleicht sogar unstudiert – durch Vitamin B an die Stelle kommt, guck ich am Ende doch in die Röhre.

      Auf in die nächsten 10 Jahre Journalismus. Abgerechnet wird am Ende. Und selbst dann wird der eine Lebenslauf nicht vergleichbar sein mit dem anderen. Zum Glück wollen viele der Karriere eines Herrn Esslinger gar nicht nacheifern, sondern haben eigene Pläne.

      „Den“ Journalisten – den gibt es doch gar nicht. Zu vielfältig ist die Truppe. Zu unterschiedlich die Maßstäbe. Nicht vergleichbar die einzelnen Anforderungen – je nach Art des Jobs, Medium, Darstellungsform etc.

      Das Journalistik-Studium als Grundlage ist sicher ein Pfeiler des möglichen beruflichen Erfolgs. Es sollte sicher nicht überbewertet werden. Aber eine Schmähung wie durch Herrn Esslinger sollte einen auch nicht zu sehr beunruhigen – denn das alles ist einfach noch lange nicht die ganze Wahrheit. ;)

  2. Wenn Sie ein Diplomstudium in Deutschland (und nur darum kann es Ihnen gehen, wenn Sie von den Erfolgen des Journalistikstudiums in der Vergangenheit schreiben) mit einem Bachelor- oder auch Masterstudiengang amerikanischer Prägung vergleichen, ist das ein wenig unfair, finde ich. An amerikanischen Unversitäten, gerade an den renommierten Fakultäten wie der Columbia School of Journalism, wird in Kleinstgruppen eng an der praktischen Ausbildung gearbeitet.

    Das Master of Science-Programm der Columbia School, wie auch das Master of Arts-Programm sind von ihrer Ausrichtung (praktisches Schreiben, Recherchieren, etc.) und ihrer Dauer (9 bzw. 10 Monate) her eher mit dem Curriculum der verschiedenen deutschen Journalistenschulen vergleichbar, als mit einem vierjährigen Diplomstudiengang an einer deutschen Universität.

    So wie ich die Aufgabe der Universität verstehe, bzw. so wie ein Diplomstudiengang an einer deutschen Universität bis zu den durch den Bologna-Prozess ausgelösten Veränderungen aussah, integriert sie die Lehre in einem Fachgebiet mit dem Einfordern eigenständiger wissenschaftlicher Arbeit der Studenten. Demgegenüber ist die Abschlussarbeit an der Columbia School für den Master of Science z. B. „a substantial piece of journalism“. Damit würde man an einer deutschen Universität (hoffentlich) kaum ein Diplom verliehen bekommen.

    • Lieber Herr Müller, lieber Herr Ballwieser,
      vielen Dank für Ihre Einwände und Ergänzungen. Ich möchte hier gleich Ihnen beiden Antworten:
      Der Beitrag von Herrn Esslinger argumentiert ja nicht nur für „irgendein Studium“, sondern vor allem gegen ein Journalistik-Studium und damit für eine betriebliche Ausbildung (Journalistenschulen sind auch betriebliche Ausbildungsstätten, die zu einem großen Teil aus Praktika bestehen). Dagegen habe ich mich unter Verweis auf Joseph Pulitzers Argumentationen aus dem Jahr 1904 gewandt.
      Was Sie in meiner Widerrede vermissen, hat u.a. Michael Haller bereits in einem Leserbrief geschrieben: Es reicht eben nicht aus, irgendein Sachgebiet möglichst lange zu studieren und anschließend das Handwerk in der Redaktion gezeigt zu bekommen. Bei der Konzeption und Gründung des Studiengangs Wissenschaftsjournalismus an der Hochschule Darmstadt habe ich mich intensiv auch in umfassenden Journalistenbefragungen mit der Frage des journalistischen Sachwissens beschäftigt. Nahezu alle befragte Wissenschaftsjournalisten sagten, dass ein breites Grundlagenwissen vor allem in Chemie, Biologie, Biotechnologie und Medizin (kombiniert mit Hintergründen zu Wissenschaftspolitik und den Finanzströmen, die Forschung beeinflussen) viel wichtiger ist als das Spezialwissen, das man mit einem langen singulären Studium z.B. der Chemie oder der Physik erwirbt und das schnell veraltet. Deshalb haben wir den Studiengang Wissenschaftsjournalismus gegründet, der journalistische Fachkompetenz mit vielfältigem naturwissenschaftlichen Sachwissen kombiniert. Jeder Journalistik-Studiengang kombiniert Fach- mit Sachkompetenz. In Dortmund z.B. (wohin ich am 1.9. wechseln werde) gibt es das „Komplementfach“ – also ein Sachstudium, das die Studierenden wählen (u.a. Politik oder Wirtschaft).
      Ich habe schon immer gesagt, dass viele Wege in den Journalismus führen. Und ein Weg ist natürlich der von Esslinger propagierte. Nur hat dieser Weg eben auch viele Nachteile – und die Journalistik viel Vorteile. Esslinger verschweigt das alles und ist extrem einseitig polemisch. Das hat mich aufgeregt und zu dieser Erwiderung geführt.
      Ich habe die deutsche Journalistik nicht mit der us-amerikanischen Journalistik verglichen, sondern nur auf den gemeinsamen Gründungsvater verwiesen. Es würde hier zu weit führen, einen solchen Vergleich fundiert durchzuziehen. Aber Sie haben Recht, dass die amerikanische Journalistik in gewisser Weise den deutschen Journalistenschulen ähnelt. Im übrigen auch das deutsche Journalistik-Studium, das in Kleingruppen viele praktische Kurse, Praktika und in Dortmund und Leipzig auch ein Volontariat integriert hat. Aber die deutsche Journalistik geht weit über eine Journalistenschule bzw. ein isoliertes Volontariat hinaus, weil sie eben nicht (nur) das Handwerk lehrt, so wie man es schon immer in einer einzelnen Redaktion gemacht hat – sondern reflektiert, wissenschaftlich einordnet und experimentiert. Und z.B. so auch Innovationen ermöglicht.
      Dies spiegelt sich auch in Abschlussarbeiten wider. Schauen Sie sich z.B. die Abschlussarbeit von Bernhard Böth an, der im Studiengang Online-Journalismus an der Hochschule Darmstadt in Zusammenarbeit mit der F.A.Z. und faz.net ein crossmediales Dossier (zum Thema Sport) produziert hat und der damit als „herausragende Leistung“ beim Axel-Springer-Preis für junge Journalisten geehrt wurde. Er hat nicht nur „a substantial piece of journalism” vorgelegt, sondern auch ein vorbildliches Konzept erarbeitet, wie Print und Internet miteinander verzahnt werden können, das in der FAZ-Redaktion sicherlich ganz hilfreich verwendet werden kann. Innovation kommt eben im Nachwuchsbereich vor allem von außen – und nicht durch Gezeigtbekommen, wie man es schon immer gemacht hat.
      Und eine letzte Bemerkung: Ich beziehe mich keineswegs nur auf die Diplomstudiengänge. Auch die Bachelor- und Masterkonzepte der Journalistik sind auf gutem Wege.

  3. man schaue sich vielleicht auch mal die besten journalisten deutschlands an und dann wird man schnell sehen, dass 90 prozent von ihnen eben nicht journalistik studiert haben, sondern – wie von hans müller oben erwähnt – ein fach, welches spezialkenntnisse vermittelt, welche auch für das leben ausserhalb der medienwelt relevant sind.

  4. Ich als Redakteur eines Wissenschaftsmagazins muß mich täglich mit dem herumschlagen, was mir sogenannte Journalisten als sogenannte Artikel abliefern:

    Schlecht bis grottenschlecht recherchierte, krumme bzw. falsche Fakten enthaltende, einen roten Faden vermissende, bis zum Einschlafen langweilige und bar jedes kritischen Gedankens daherkommende Texte (und als Zugabe zumeist verwackelte Langweiler-Fotos).

    Schickt man derlei Ergüsse dann zurück an den Autor mit der – ganz konkrete(!) Punkte betreffenden – Bitte, den Text doch nochmal in Ruhe(!) zu überarbeiten, dann erhält man meistens verschlimmbesserte Versionen zurück, die man irgendwann dann zähneknirschend redaktionsintern nachbearbeiten muß (und zwar nicht mit der Nagelfeile, sondern mit der Waldaxt).

    Subjektiv empfunden (ich habe bisher keine redaktionsinterne Statistik angefertigt) habe und hatte ich die o.g. Erlebnisse sowohl mit Autoren, die Journalistik studiert haben…

    …als auch mit Autoren, die das gemacht haben, was SZ-Autor Detlev Esslinger empfiehlt:

    Irgendwas Vernünftiges studieren (NICHT aber Journalistik) und anschließend ein Voluntariat machen.

    Insofern erschließt sich mir die ganze Debatte nicht so ganz, auch wenn ich Esslingers Argumente sehr gut verstehen und ihnen auch größtenteils zustimmen kann.

    Mir kommt es eher so vor, als ob heutige Journalisten mehrheitlich einfach nicht mehr das sind oder sein wollen, was ich mir in meiner Naivität darunter vorstelle:

    Kritische Zeitgenossen mit Biss, die selbstständig zu einem Thema recherchieren und hinterher einen spannenden Text verfassen können.

    Sowas findet man irgendwie kaum noch. Schade eigentlich. Oder war das schon immer so?

    Winfried Köppelle
    Laborjournal

  5. (Nachtrag)
    Es ist nur allzu menschlich, wenn in dieser Diskussion bisher fast ausschließlich die Gescholtenen (sprich: Hochschulprofessoren wie M. Haller und Studierende wie B. Straub) empört „Autsch!“ schreien und auf SZ-Autor Esslinger einprügeln.

    Logisch, denn die können ja schlecht zugeben: „Was wir treiben, das taugt – zumindest für die Praxis – nichts.“

    Um ein repräsentatives Bild zu bekommen:

    Wo sind die Leute vor Ort; wo sind die (leidenden und leitenden) Redakteure, die ja wohl sehr viel objektiver beurteilen könnten, welcher Weg für ihre (freien und angestellten) Mitarbeiter/Kollegen der empfehlenswertere ist?

    W. Köppelle

    • Lieber Herr Köppelle,

      zu Ihrer Frage („repräsentatives Bild“): Wir wissen aus einer Vielzahl von Berufsstudien, dass die meisten Menschen (egal, ob Journalisten, Juristen, Mediziner etc.) den Ausbildungs- und Studienweg empfehlen, den sie selbst gegangen sind. Detlef Esslinger also das Politik- und Wirtschaftsstudium. Journalistik-Absolventen das Journalistik-Studium (von den Darmstädter Absolventen, die wir 2008 befragt haben, würden 73 Prozent wieder Online-Journalismus an der Hochschule Darmstadt studieren).

      • Dass die meisten den Berufsweg empfehlen, den sie selbst gegangen sind, mag sein („Was der Bauer nicht kennt…“). Das ist hier aber nicht von Belang.

        Wie bereits angesprochen, würde mich die Einschätzung der Praktiker vor Ort weit mehr interessieren als die durchaus nachvollziehbare Empörung von zwangsweise befangenen Theoretikern (sprich: Hochschullehrern und deren Studenten).

        Warum? Ganz einfach: Letztere müssen ihren Lebensunterhalt ganz bestimmt nicht (mehr) damit bestreiten, Artikel bzw. Themen zu recherchieren, zu schreiben, zu redigieren und an Medien zu verkaufen bzw. ins Blatt zu setzen. Denn letztere sitzen ja nicht (mehr) an einem konkreten Schreibtisch in einer konkreten Redaktion, sondern an einer Uni, an der viel Zeit darauf verwendet wird, mehr oder weniger praxisfremde Dinge zu vermitteln.

        Kann so jemand wirklich einen ungetrübten und realistischen Blick dafür haben, was vor Ort abgeht? Ich meine: nein.

    • Hallo Herr Köppelle,
      Sie stellen zu Recht die Qualitätsfrage. Die gilt aber nicht nur für den Journalismus sondern auch für die PR. Der selbstgesetzte Anspruch lautet daher in der Pressearbeit: Wir schreiben keinen Satz auf, den wir nicht verstehen. Klingt harmlos, hat aber Konsequenzen, den die Experten müssen uns erklären, was sie tun und wir müssen nachfragen, vergleichen, abwägen, etc. Und weil das – wie bei Journalisten – in vielen Themenfeldern, die darüber hinaus miteinander vernetzt sind (man kann Gentechnik aus der wirtschaftlichen, rechtlichen, ethischen, sozialen, etc. Perspektive betrachten), geschieht, ist die beste Ausbildung die, die handwerkliche Grundlagen schafft, um sich professionell Themen zu erschließen. Das kann in vielen Studiengängen „passieren“. Ich bin überzeugt, dass das Ergebnis entscheidend von der Neugier der Studierenden abhängt. Die, die früh aufhören zu fragen, werden keine publizistische Qualität herstellen können.

      Davon losgelöst sind die Klagen über die Defizite der Anderen (auch ich tue es gelegentlich) anscheinend eine anthropologische Konstante. Wenn ich all diese Klagen zusammenrechne, müssten wir a) ein Volk von komplett Unfähigen sein und b) sollten wir uns wundern, warum wir dennoch soviel hinbekommen.

      • Lieber Herr Stoltenow,
        Sie schreiben:

        „Die, die früh aufhören zu fragen, werden keine publizistische Qualität herstellen können.“

        Sehe ich ganz genauso.

        Weiter vorne schreiben Sie:

        „Der selbstgesetzte Anspruch lautet daher in der Pressearbeit: Wir schreiben keinen Satz auf, den wir nicht verstehen.“

        Schön wäre es. Zwei willkürlich aus fast beliebigen Pressemitteilungen deutscher Firmen herausgegriffene Zitate, die so oder noch schlimmer tagtäglich versandt werden (mit der Bitte um Abdruck):

        „Das Portfolio des Joint Ventures bietet den Kunden kostenoptimierte, integrierte Komplettlösungen aus einer Hand entlang der Patientenprozesskette von der Notfallmedizin über den OP und die Anästhesie bis hin zur Intensivmedizin und Home Care.“ (gebastelt von der Presseabteilung eines deutschen Technologie-Konzerns)

        oder

        „[…] ist eine patentierte Testtechnologie, die in einem erweiterten Format signifikant längere Sequenzen bestimmen und im hochparallelen Auslesemodus eingesetzt werden kann, und so die Anforderungen an hohe Datengenerierung z.B. bei der Sequenzierung ganzer Genome adressiert.“ (gedichtet bei einer deutschen Biotechfirma)

        Sie können mir glauben: Den Sinn hinter derlei Phrasengedresche (sofern einer dahinter steckt) kapiert selbst ein Fachmann nur nach intensivster Nachrecherche.

        Die Schöpfer derartiger Dichtkunst sind übrigens verdächtig oft gelernte Journalisten. Was soll man dazu noch sagen?

        Sie schreiben am Ende:
        „[…] Klagen über die Defizite der Anderen […] Wenn ich all diese Klagen zusammenrechne, müssten wir a) ein Volk von komplett Unfähigen sein und b) sollten wir uns wundern, warum wir dennoch soviel hinbekommen.“

        Einerseits haben Sie schon recht damit, aber könnte es zumindest manchmal nicht auch so sein, dass gewisse Leute eben sehr viel mehr voranbringen als andere, die’s nicht können oder einfach nicht wollen?

  6. @ Angus Shiley
    Sehr geehrter Herr Shiley,
    sie schreiben: „man schaue sich vielleicht auch mal die besten journalisten deutschlands an und dann wird man schnell sehen, dass 90 prozent von ihnen eben nicht journalistik studiert haben, sondern (…) ein fach, welches spezialkenntnisse vermittelt…“
    Wo sind die Belege für diese Behauptung? Gibt es diese oder sind Ihre 90 Prozent wie so oft in dieser Debatte wieder einmal nur eine „gefühlte“ Zahl?

  7. Sehr geehrter Herr Müller,

    Sie schreiben:

    „Das Argument klingt schon sinnvoll, dass ein Wirtschaftsjournalist Wirtschaft studiert haben sollte und ein Gerichtsreporter Jura studiert haben sollte, damit sie wissen worüber sie schreiben und Zusammenhänge besser erkennen können.“

    Ich stimme Ihnen zu, Journalisten sollten wissen, worüber sie schreiben, und auch Zusammenhänge zu erkennen sollte eine ihrer Kernkompetenzen sein.

    Allerdings: Ein Jurist, der als Journalist arbeiten will, muss auch schreiben können – und zwar eine Sprache möglichst fern vom komplizierten Juristendeutsch und möglichst nah am Leser. Ähnliches gilt für Wirtschaftswissenschaftler: Was nützt Ihnen einer, der mühelos 200-Wörter-Sätze über hochkomplexe wirtschaftliche Themen in den PC hackt – der Leser diesen aber nicht versteht?

    Meiner Ansicht nach müssen Journalisten vor allem folgendes gut können: Recherchieren. Wissen aneignen. Expertenmeinungen verständlich und doch differenziert an den Leser weitergeben. Kurz: Die Funktion eines MEDIUMS erfüllen.
    (Ich spare hier weitere wichtige Funktionen des Journalismus aus, Kritikfunktion etc., Sie wissen schon…)

    Vielleicht wäre ein Jurist mit journalistischem Know How und Medienkompetenz nicht das schlechteste, was passieren könnte.

    Ein Jurastudium und dann noch eines der Journalistik – das wär’s doch. Und dann nach 10 Jahren an der Uni noch ein wenig praktische Erfahrung gesammelt und so mit 40 dann erste journalistische Arbeit.

    Ich halte es für wichtig, im Rahmen eines Journalistik-Studiums praktische Erfahrungen zu sammeln – sowohl innerhalb als auch außerhalb des Stundenplans. Grundwissen in einem anderen Fachbereich halte ich für durchaus sinnvoll (s. Studienordnung in Dortmund) – alles weitere ist METHODENKOMPETENZ.

    • Die meisten Nachwuchsjournalisten, die ich kenne, beginnen mit der journalistischen Arbeit nicht erst, wenn sie all ihre Ausbildungs- und Studiengänge abgeschlossen haben, sondern bereits währenddessen. Wenn sie nicht schon während der Schulzeit begonnen haben mit der journalistischen Arbeit. Und da sich ja alle einig zu sein scheinen, dass Schreibenkönnen, Recherche, eine kritische Einstellung zur Materie Grundvoraussetzungen für Journalisten ist: Wo ist dann das grundsätzliche Problem, wenn jemand, der schreiben (sprechen, Beiträge bauen, etc.) kann, ein Fachstudium absolviert? Es sollte dem Verständnis fachspezifischer Hintergründe guttun. Und dass nicht jeder, der gemischte Nachrichten schreibt oder spricht, ein Experte für Molekularbiologie oder Staatsrecht sein muss – geschenkt.

      • Sorry, die Markierung war nicht so gemeint, die ist mir reingerutscht.

      • Ich habe mich ja nicht prinzipiell GEGEN ein Fachstudium ausgesprochen. Soll jeder halten, wie er will, wie er es braucht. Ich habe nur argumentiert, dass manchmal kein Fachstudium nötig ist…dass es auch andere Wege gibt, um „Experte“ zu werden. Lehre und Lernen findet schließlich nicht nur an Universitäten statt. Im Endeffekt ist entscheidend, wo man hinwill. Ein Jounalistik-Studium per se als Einbahnstraße zu klassifizieren, halte ich für undifferenzierte Polemik.

  8. Ich habe an einer großen deutschen Universität ein Publizistik-Studium begonnen, und dann im Rahmen eines Auslandsstudiums an einer amerikanischen Journalism School eher ungeplant mein Studium abgeschlossen.

    Mir war vor Beginn meines (deutschen) Studiums klar, dass ich Journalist werden wollte, mir war aber auch klar, dass ich das sicher nicht im Rahmen eines Publizistik-/Kommunikationswissenschaftsstudiums lernen würde. Allerdings hat mich damals schlicht das Lernen über das „Fachgebiet“ Medien mehr gereizt als die (1990 noch recht dünn gesäten) Journalismus-Studiengänge in Deutschland. Nebenbei musste ich mir im Rahmen des Magister-Studiums ja auch noch zwei Nebenfächer aussuchen, die (so hoffe ich wenigstens) auch noch zu etwas „Fachwissen“ jenseits der Medienbranche beitragen konnten.

    Nichtsdestotrotz gab es im Rahmen des Publizistik-Studiums die Möglichkeit zu umfangreicher Praxis-Erfahrung in allen Mediengattungen – von der Agentur über Tages- und Wochenzeitungen bis hin zu TV und PR. Dass diese Praxis-Seminare nicht mit einem Volontariat vergleichbar sind, liegt auf der Hand, aber dennoch konnte man hier einiges an journalistischem Rüstzeug von erfahrenen Praktikern mitnehmen.

    Viele wichtiger aber am Hochschulstudium fand ich die Einführung ins wissenschaftliche Arbeiten, in saubere Recherche und korrektes Zitieren – Handwerkszeug, das jeder Journalist benötigt und jenseits des Uni-Betriebs vielleicht nicht in dieser Präzision mitbekommt.

    Beim anschließenden einjährigen Aufenthalt in den USA sah das Programm natürlich anders aus. Hier stand tatsächlich das praktische journalistische Arbeiten im Vordergrund, plus etwas Medientheorie am Rande. Ob jeder Volontär eine solch intensive Betreuung genießt, wie der (antürlich zahlende) Journalimus-Student in Amerika sei einmal dahingestellt. Wenn aktuelle deutsche Journalismus-Studiengänge annähernd ähnlich aufgestellt sind, können sie so schlecht nicht sein.

    Ich würde heute jedem Nachwuchs-Journalisten raten, ein Studienfach zu wählen, das ihn interessiert und an dem er aller Voraussicht Spaß hat. Und wenn’s denn „was mit Medien“ ist, warum nicht auch Publizistik?

    Bei mir hat das Kommunikations-Studium übrigens dank eines Gastdozenten aus der Praxis zum ersten Job geführt.

  9. Dazu fällt mir noch etwas ein. Ich habe keine Zahlen (recherchiert) und kann deshalb (aus Faulheit) nur meinen persönlichen Erfahrungshorizont zitieren: Die überwiegende Mehrheit der Volontäre und Journalistenschüler scheint mir entweder ein Hochschulstudium abgeschlossen oder unter-/abgebrochen zu haben. Insofern geht es vielleicht nicht um den vermeintlichen Glaubenskampf zwischen Universität und betrieblicher Ausbildung. Vielleicht geht es eher um die allgemein gestiegenen Anforderungen an Journalisten (Hochschulstudium), und damit ist dieser Beruf dann ja nicht alleine.

    • Für alle, die es interessiert: Hier einige statistische Angaben zur Ausbildung von Journalisten in D, CH, A und USA (die Tabelle entnehme ich meinem Lehrbuch „Journalistik“, das dieses Blog hier ergänzen soll, S. 218):

  10. „Man braucht eigentlich nur die SZ-Volontäre zu fragen, unter denen sich zurzeit einige Journalistik-Absolventen befinden“ – ist nicht dies der alles entlarvende Satz? Universitäten wie Dortmund und Leipzig werben damit, ein „integriertes Volotariat“ zu bieten – um ihre Absolventen dann erneut in ein Volontariat zu entlassen. Interessanter Aspekt. Und der Pulitzer-Eloge weiter oben, lieber Gott… Bemerkenswert, wie kleinlich die Gescholtenen reagieren.

    • Sorry, lieber H.H.H., man kann in der Kürze nicht alles ausführlich beschreiben und jegliches Missverständnis ausräumen: Natürlich macht kein Dortmund- oder Leipzig-Absolvent nochmal ein Volontariat. Es handelt sich bei den genannten um Eichstätt-Absolventen. Dortmunder Studenten absolvieren derweil ihr Volontariat (während des Studiums) z.B. bei WDR, ZDF, WAZ oder in anderen Redaktionen. Alles klar? – Manchmal muss man halt dann doch kleinlich sein ;-).

      • „Natürlich macht kein Dortmund- oder Leipzig-Absolvent nochmal ein Volontariat.“ – sehr viele sogar, lieber Herr Professor Meier. Alle, die ich je kennen gelernt habe. Aber merken Sie´s? Es ist eine irre Debatte.

        Ein Fachstudium ist viel mehr als die bloße Wissensvermittlung. Es ist das Eintauchen in eine Disziplin, das Erahnen ihrer Dimension, die schrittweise Annäherung an ein anfangs für unentwirrbar gehaltenes System aus Methode und Wissen.

        Der Journalist, der Wirtschaft, Recht oder Fremdsprachen studiert hat, wird über die Jahre seiner Ausbildung Zeuge und oft auch Akteur in einer eigenen Wissenswelt, die ihn im Kleinen große Zusammenhänge erklärbar macht. Und nicht zuletzt kann ein Fachstudium eine geradezu persönlichkeitsbildende Dimension haben: denn dem Wirtschaftsabsolventen etwa eröffnet seine Ausbildung die Gelegenheit, den Journalismus als Job mit der Distanz zu betrachten, die sich nur dem eröffnet, der eine berufliche Alternative hat.

        Das Zuschneiden eines Curriculums an den journalistischen Fakultäten ist es, was mich stört. Es ist eine mehrsemestriges Vorbereiten auf den späteren Job. Gerade dieses Bereitmachen aber, dieses Orientieren am Gewünschten, überzeugt mich nicht. Das „Trotzdem“ hat für mich einen unwiderstehlichen Reiz. Ich habe es als ungemein angenehm empfunden, während meines Studiums nicht mit dem Journalismus konfrontiert zu werden. Es war ein medienfreier, geschützter Raum, in dem Portionierung, die Geisel der Allgemeinverständlichkeit und das Simplifizieren keine Rolle gespielt habe.

        Eins noch: Das ist doch eine interessante Debatte, die Herr Esslinger angestoßen hat. Er hat sich dabei wunderbar polarisierender Stilmittel bedient. Und den Opponenten fällt nichts anderes ein, als seine schlechte Kinderstube zu bemängeln. Das ist ein müdes Maß an Diskurskultur.

  11. Letztendlich geht es bei dieser Debatte doch um die Frage: Was macht einen guten Journalisten aus? Und: Wie bringe ich junge Menschen dahin, gute Journalisten zu werden? Beides greift ineinander.

    Gute Journalisten bringen bestimmte Merkmale mit: Rückgrat, Hartnäckigkeit, Präzision, Leidenschaft, Kommunikationsfähigkeit. Sie haben weniger etwas mit fachlicher Ausbildung als mit einer reifenden Persönlichkeit zu tun. Mitunter bilden sich diese Eigenschaften mit der Zeit und während der Ausbildung heraus; nur ein kleiner Teil bringt sie bereits zu Beginn seines beruflichen Weges mit. Ein anderer Teil hat sie einfach nicht, das sind dann die mittelmäßigen (oder gar schlechten) Vertreter ihres Standes, von denen es wie in allen Berufen genug gibt – unabhängig vom Ausbildungsweg.

    Die genannten Merkmale genügen jedoch nicht; es braucht auch handwerkliche Fähigkeiten in gedruckten wie in elektronischen Medien und schlichtes Wissen – Sachwissen über den Gegenstand der Berichterstattung und Sachwissen über die Berichterstattung selbst, zum Beispiel medienrechtliche Kenntnisse.

    Letzteres sowie das Handwerk vermitteln Journalistik-Studiengänge systematisch, kompetent und umfassend – und lassen zudem Raum für Experimente, Weiterentwicklungen und Reflexion sowohl des eigenen journalistischen Handelns als auch das der Kollegen; ein großer Gewinn für die Branche und das Publikum.

    Wissen über das, worüber man berichtet, ist eine Frage sorgfältiger Recherche, intensiven Nachfragens, Sich-Kundig-Machens. Auch das wird in Journalistik-Studiengängen vermittelt. Zweifelsohne hilft ein Fachstudium mitunter, aber auch hier ersetzt es nicht das Einarbeiten in die konkrete Materie, sondern bietet allenfalls eine bessere Voraussetzung. Dortmunder Journalistik-Studierende belegen deshalb ein Komplementfach.

    Im Übrigen gibt es auch Journalisten, die überhaupt nicht studiert haben. Und es sind nicht immer die schlechtesten. Eine Schwarz-Weiß-Debatte scheint mir deshalb unangebracht, engstirnig und vor allem: entbehrlich. Viel wichtiger ist vor den Entwicklungen in den elektronischen wie auch in den Print-Medien eine generelle Qualitätsdebatte – und zu dieser hat die akademische, nicht-kommerzielle Fachwelt Etliches beizutragen.

  12. Ich kenne niemanden, der so viele Freiheiten in seinem Studium genießt wie ich in meinem Journalistik-Studium. Journalistik zu studieren bedeutet für mich vor allem, dass es sehr viele Angebote gibt, die über einen strengen Lehrplan hinaus gehen; das eröffnet Perspektiven und schafft Raum für neue Ideen.

    Wer will, kann bis Mitternacht und darüber hinaus an Sendungen fürs Campusradio feilen, Interviews machen, auf Instituskosten durch das Land reisen und Leute treffen, Fragen stellen, vor Ort aktiv recherchieren. Professionelles Equipment, Recherche-Beratung und journalistisches Redigieren rund um die Uhr gibt es kostenlos dazu. Seminare, gesponserte Studienreisen, Volontariatsplatz. Nur Motivation und Optimismus muss man schon selbst mitbringen.

    Manche Menschen meinen, man brauche eine 40-Wochenstunde nach Lehrplan, um später sagen zu können, man habe etwas „Vernünftiges“ studiert. Was ich aber in meinem Freundeskreis sehe, sind meine Super-Abi-Freunde, die vor lauter Stress und Frustration über Jura, BWL und Informatik den Spaß am Dazulernen verloren haben.

    Bei der Journalistik liegt die größte Herausforderung darin, aus einer Vielzahl von möglichen Optionen zu wählen. Freiheit ist nicht für jeden das Richtige – viele Studenten brauchen den Zwang. Meine Freunde jedenfalls wählen in ihrem Studium gar nichts mehr. Die retten sich ins Wochenende, wenn ich mich wieder auf die Arbeit am Montag freue. Oder mein Studium, wie manche es nennen. :)

  13. Ich frage mich gerade, wie eine 40-Wochenstunde aussehen soll… ;)

  14. Also, ich bin eher zufällig auf diese Debatte gestoßen, finde sie aber und auch die Diskussion darüber sehr spannend. Ich habe selber mal mit dem Gedanken gespielt ins Medianfach zu gehen, habe mich aber für eine „Spezialistenausbildung“ entschieden und bin letztlich – bisher – nicht zurückgekehrt.

    Ich denke die Frage, was der richtige Weg sein soll etwas grauselich. Mir graut es vor Artikeln von Physikern für Physiker und von Volkswirten für Volkswirte, ebenso wie vor Artikeln von Allroundern über Quantenphysik und Deficitspending.

    Der mix machts! Zentral ist die Fähigkeit schwieriges einfach auszudrücken. Voraussetzung dafür ist natürlich erst einmal zu verstehen worüber man schreibt. Deshalb sollten Beiträge zu komplexen Themen teamwork sein!

    Ich habe selber oft erlebt, dass freie Journalisten meine Expertise wollten und es einfach nicht gerafft haben. Genauso oft habe ich derbstes Technogebrabbel gelesen das ensthaft als PM herausgegeben werden sollte.

    Fazit: Qualität braucht mehrere Eltern. Allrounder mit großer Expertise sind selten – und ich bin mir nicht sicher ob sich das nicht eigentlich völlig gegenseitig ausschließt?

    • Lieber Jan Vollmer,
      der zweiten Hälfte Ihres Beitrags kann ich uneingeschränkt zustimmen – und seien Sie versichert: Die eierlegende Wollmilchsau existiert im Journalismus durchaus – aber eben leider in viel zu geringer Zahl (mittlerweile als vom Aussterben bedrohte Art). Wäre toll, wenn diese ganze Debatte dazu führen würde, dass sich das schleunigst ändert. Ich sehe da allerdings eher schwarz.

  15. Also „Polemik“ kann ich nur in diesem Beitrag, nicht aber im Artikel von Herrn Esslinger entdecken. Da hat sich wohl jemand ganz schön aufgeregt…dabei hat Esslinger in manchen Punkten einfach recht. Und in vielen weiteren Punkten kann man geteilter Meinung sein.

  16. Dieser Streit ist ein Glaubenskrieg. Glaube deshalb, weil niemand mit Bestimmtheit sagen kann, welcher der befehdeten Wege, denn nur DER richtige sei, um den Segen eines journalistischen Auskommens zu erlangen. Das liegt wohl auch daran, dass es in Wirklichkeit gar nicht darauf ankommt, was man studiert, welche Journalistenschule man durchläuft und welcherart Expertise man sich auf dem Weg erwirbt. Das alles ist zweitrangig (insofern, als dass hinter dem Schreibtisch, auf dem Bewerbungen eingehen, ein Glaubenskrieger sitzen könnte). Erstrangig hingegen ist, wie sehr man für der Beruf brennt, ob man den für sich richtigen Weg findet und zu nicht geringem Anteil auch, wohin einen das Schicksal zu tragen vermag. Darauf kommt es an.
    Krieg ist dieser Streit insofern, als dass hier zwei Parteien miteinander streiten und wenigstens eine den Anspruch erhebt, ihr Gegenüber sei unnütz, nichtig und obendrein noch missbrauchend – mithin gehört besser getilgt oder wenigstens unschädlich gemacht. Hier stoßen in Wirklichkeit zwei Wahrheiten aufeinander, die miteinander gut leben könnten. Denn Journalismus braucht beides: Den Allrounder, der womöglich ein reflektiertes Bild seines Arbeitsumfeldes erworben hat (und in Wirklichkeit auch spezialisierter Schreib/Bild/Ton-Profi sein muss), und den Fachspezialisten, der das Handwerk nur in der Redaktion gelernt hat (und in Wirklichkeit auch reflektierter Allrounder sein muss).
    Zu guter Letzt braucht es neben Allroundern und Spezialisten auch jede Menge Allrounderinnen und Spezialistinnen, aber hoffentlich nicht auch noch Glaubenskriegerinnen.

    Ein PS zu Ausgangstext von Herrn Esslinger kann ich mir nicht ersparen: Der Autor beschreibt Beispielfälle, in denen ein Fachstudium von Vorteil sei: „Volkswirtschaft zum Beispiel; weil man dann versteht, wie aus Leistungsbilanzdefiziten eine Weltwirtschaftskrise werden kann. Oder Jura, weil ein Absolvent dieses Studiengangs später garantiert nicht Festnahme und Verhaftung miteinander verwechseln wird. Oder Biologie, weil es wunderbar ist, wenn jemand die Schweinegrippe erklärt, dem die Grundlagen der Virologie geläufig sind.“ Hierzu sei gesagt: Ersteres hat mir zuletzt eine Schülerzeitungsredakteurin so fulminant erklärt, wie ich es selten gelesen habe. Die Frau hat sich interessiert… Zweiteres habe ich im ersten Semester meines „unnützen“ Studiums in Dortmund gelernt. Mit Letzterem befasse ich mich in meinem Nebenfach Biowissenschaften/Medizin.

  17. Super Blog, große Klasse.

  18. Ich möchte an dieser Stelle kurz daran erinnern, dass besagter Professor der TU-Dortmund, den Esslinger in seinem Beitrag so nett als Paradebeispiel zitiert, sich in seiner Redakteurszeit u.a. auch im medizinisch ethischen Bereich engagierte (siehe etwa: hier).

    Nach Martin Balle, auf dessen Argumentation sich Esslinger stützt, wäre für diese Berichterstattung vermutlich ein fünfjähriger Master in Medizinethik von Nöten gewesen. Eben um das Fach „wirklich zu durchdringen“.

    Doch was hat der damalige SZ-Redakteur noch einmal studiert? Chemie.

    Na bitte. Thematisches Einarbeiten funktioniert also auch bei der SZ.

  19. […] Überblick über die verschiedenen Wege geben, die in den Journalismus führen. Denn auch meine Antwort auf Essingers Text war ein scharf formuliertes Plädoyer für die Journalistik – und kaum geeignet, Schülerinnen […]

  20. […] Wen sich die Süddeutsche Zeitung als obersten Ausbilder leistet. Eine Erwiderung auf Detlef Ess… zur Esslinger-Debatte (tags: Journalismus Journalistik Wissenschaft) […]

  21. Ich hab den Springerpreis gewonnen, aber vorher in Dortmund Journalistik studiert. Muss ich ihn jetzt zurückgeben?

  22. Hallo,
    wo finde ich den Artikel von Herrn Esslinger?
    Besten Dank und schöne Grüße.
    J. Heidersdorf

    • Der Esslinger-Artikel ist in diesem Blog-Beitrag ganz oben verlinkt (4./5. Zeile).

  23. Also ich denke das ist eh nur ne Mode


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