Und wieder ein massiver Verstoß gegen die Ethik: Zeitungen veröffentlichen Fotos von toten Kindern

16. März 2012 um 19:09 | Veröffentlicht in Ethik, Kapitel_7 | 6 Kommentare

Es ist drei Jahre her: Nach dem Amoklauf von Winnenden gab es einen Aufschrei über die massiven Verstöße gegen die journalistische Ethik. U.a. wurde angeprangert, dass in vielen Zeitungen und Zeitschriften Fotos von jugendlichen Opfern abgebildet wurden – oft gestohlen aus sozialen Netzwerken. Was haben wir daraus gelernt? – Nichts. Wieder werden Fotos von Kindern, die bei einem schrecklichen Unfall ums Leben kamen, auf der Titelseite ganz groß veröffentlicht (Text: „Die toten Kinder aus dem Reisebus“). Doch halt – eines hat zumindest „Bild” gelernt: Man will einen „Shitstorm” vermeiden. Laut turi2 versichert ganz schnell „Bild”-Sprecher Tobias Fröhlich,

die Redaktion habe die Bilder nicht von einer Website geklaut und „definitiv die Genehmigung zum Abdruck der Bilder gehabt“. Jedoch will Fröhlich nicht sagen, von wem „Bild“ die Genehmigung hatte – das seien „Redaktionsinterna“.

Bei „Bild” steht auf der Titelseite: „Auf Wunsch der Eltern bleiben die Namen der Kinder ungenannt.” Was für eine Heuchelei. Ich kann mir keine Eltern vorstellen, die nicht auch und noch viel mehr folgenden Satz unterschreiben würden: „Auf Wunsch der Eltern bleiben die Fotos der Kinder ungedruckt.”

Welchen Informationswert haben die Fotos? Wodurch ist es zu rechtfertigen, sie auf der Titelseite abzudrucken? Es geht einzig und allein um die Sensationsgeilheit von Redakteuren und Lesen. Warum solche Fotos nicht veröffentlicht werden dürfen, steht im Pressekodex, wird bei Unglücken immer wieder diskutiert und ist auch jetzt wieder Thema (vgl. z.B. die ausführliche Darlegung bei der NZZ).

Just heute schickte der Deutsche Presserat eine Pressemitteilung ins Land: „Opfer genießen besonderen Schutz – Drei Rügen wegen Verstößen gegen Persönlichkeitsrechte“. Es geht um die „Identifizierende Darstellungen von Opfern“ – u.a. in „B.Z.“, „Bild” und „Dresdner Morgenpost” in den vergangenen Monaten. Effekt? – Null. Es ist so traurig.

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6 Kommentare »

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  1. Gelernt? Die Hetzpresse hat nur gelernt, dass solche Bilder die Auflage steigern.

    Und wird sie immer wieder bringen, solange das passiert. Moral spielt bei solchen Blättern keine Rolle – jedenfalls nicht solange es nicht ernsthafte wirtschaftliche Konsequenzen hat.

    Und all die „seriösen“ Journalisten, die selbst die Hetzpresse lesen, zitieren und verlinken, unterstützen solchen Journalismus.

    Hier steht, was wir tun können:
    http://direkteaktion.over-blog.de/article-aktion-die-hetz-blatter-verdecken-80444622.html

  2. Blick am Abend veröffentlicht sogar Bilder der von einem Amokfahrer überrollten Frau mit Blutlache: http://issuu.com/blickamabend/docs/14.03.2012_zh/1

  3. […] propos: Beim nächsten Aufreger mache ich mir die Verärgerung meines Kollegen Klaus Meier zu eigen, und zwar über die Berichterstattung in einigen Medien zu dem schrecklichen Busunglück […]

  4. […] Und wieder ein massiver Verstoß gegen die Ethik: Zeitungen … […]

  5. Verstoß gegen die Ethik: (Kinder) töten. Aber klar, die Medien sind an allem schuld… . ^^ Wie wärs mal mit: Mediale Tabuisierung des Todes neu denken?
    Zugegeben, bei einem solchen Unfall ist das eine Sache, aber diese ganze „saubere“ Darstellung von Kriegen halte ich für wesentlich unethischer als sich – auch visuell – mit der (oft auch blutigen) Realität auseinanderzusetzen. Journalisten, die sich als Verharmloser von Ereignissen missbrauchen lassen, erfüllen alles andere als ihre Informationspflicht.

  6. Bullshit!
    Die Reporter können auch Berichten ohne zu verharmlosen, es geht um den Bericht, also wi man einen Bericht schreibt und nicht um die Fotos!

    Somit wäre auch die, wie Du es nennst Informationspflicht geregelt.
    Ich muss nicht noch Fotos haben in dem mit die armen Kinder gezeigt werden, ein Foto vom Bus, ist OK aber wozu die Fotos der Kinder?

    Ja ist mir klar, wie einige Vorredner schon gut bemerkten, es steigert die Auflage und sowas ist zum….


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