Neue Nachrichten und Prognosen zur Krise der gedruckten Tageszeitung

1. Oktober 2012 um 11:33 | Veröffentlicht in Kapitel_4, Kapitel_7, Zeitung | 8 Kommentare

Der 1. Oktober 2012 markiert einen neuen Höhepunkt in der Seismographie der Krise der täglich gedruckten Nachrichten: Die Nürnberger „Abendzeitung“ ist gestorben und erscheint ab heute nicht mehr. Und die „Nürnberger Zeitung“ produziert keinen eigenen Lokalteil mehr, sondern übernimmt diesen ab heute von der Schwesterzeitung „Nürnberger Nachrichten“ Korrektur zur Situation bei der Nürnberger Zeitung (NZ) und den Nürnberger Nachrichten (NN) (Danke für den Hinweis an Klaus Schrage und sorry für den Fehler!): Es gibt in Nürnberg einen Zusatz-Lokalteil. Das waren bisher NZ Plus und NN Extra. Jetzt heißt es „Mehr Nürnberg“ – und wird unter der Federführung der NN-Redaktion produziert; die eigentlichen Lokalteile, die bei NN und NZ in der Gesamtausgabe durchlaufen, gibt es aber weiterhin (vgl. zu beiden voneinander unabhänigen Ereignissen die Nachricht bei Newsroom.de). Und in New Orleans ist ab heute die erste US-Metroploe ohne tägliche Zeitung: Die „Times Picayune“ erscheint nach 175 Jahren nur noch drei Mal in der Woche gedruckt – und permanent aktualisiert im Internet (vgl. die Nachricht im Deutschlandfunk oder bei onlinejournalismus.de).

In diesen Tagen habe ich mich für einen Buchbeitrag mit der Frage beschäftigt: „Wird es bald keine gedruckte Tageszeitung mehr geben?“ Mein Text hier für Interessierte zur Info – und gerne auch zum Kommentieren:

Schon seit zwei Jahrzehnten haben die Tageszeitungen ein Problem: 1992 wurden in Deutschland 26 Millionen Exemplare verkauft; 20 Jahre danach sind es noch 18 Millionen. In den 20 Jahren davor hatte sich die Auflage in der BRD kaum verändert. Die Reichweite der Tageszeitung lag Anfang der 90er Jahre bei weit über 80 Prozent der Bevölkerung, im Jahr 2012 immerhin noch bei 67 Prozent insgesamt, bei den Jugendlichen dagegen bei einem Drittel, bei den jungen Erwachsenen unter 30 Jahren bei der Hälfte.

Die gedruckte Tageszeitung gehört für die meisten Menschen zum Alltag dazu. Doch der Trend ist so eindeutig, dass sich die berechtigte Frage stellt, wie lange das noch so sein wird. Prognosen sind darauf angewiesen, lang anhaltende Trends in die Zukunft zu verlängern. Wertet man die Auflagenzahlen der letzten 20 Jahre statistisch aus, dann ergibt sich eine Trendlinie: Fast alle Werte liegen genau auf einer Kurve, die sich immer stärker senkt. Die Verlängerung der Kurve sagt uns voraus: 2022 werden noch ca. elf Millionen Exemplare verkauft – und 2034 durchbricht die Kurve die Nulllinie.

Die Wochenzeitung ist dagegen beliebt: „Die Zeit“ oder die „F.A.Z. Sonntagszeitung“ verkaufen Höchstauflagen. Das hat dazu geführt, dass einige Verlage in der Schweiz, in Großbritannien und in den USA die Zeitung nur noch wöchentlich drucken und aktuelle Nachrichten im Internet verbreiten. In anderen westlichen Ländern – wie in den USA oder in Großbritannien – ist der Niedergang der täglichen Zeitungsauflage weit dramatischer und hat sogar zu einem Zeitungssterben geführt. In Deutschland dagegen gibt es traditionell eine starke Bindung durch das Abonnement. Empirische Studien zeigen, dass die „Newspaper Loyalty“ – also die Verlängerung eines Abonnements statt einer Kündigung – kaum von der Qualität redaktioneller Inhalte beeinflusst wird, sondern von vielen anderen Faktoren. Das mag für Journalisten enttäuschend sein. In wirtschaftlich gesunden und wachsenden Regionen zum Beispiel wird sich die Zeitungsauflage länger halten als in stagnierenden Gegenden oder solchen mit hoher Arbeitslosigkeit und Abwanderung. Während in erst genannten Regionen die Redaktionen nicht viel falsch machen können, ist der Kampf um Qualität in letzteren nahezu aussichtslos, wenn man damit die Auflage halten oder gar steigern will.

Wesentlicher Faktor des Auflagenrückgangs ist mittlerweile die Abwanderung von Lesern und Anzeigenkunden ins Internet, was in Studien bewiesen ist. Das Internet ist als Konvergenzmedium eine Plattform für alle medialen Formen, die wir bislang kennen; es bedroht alle herkömmlichen Verbreitungswege. Hinzu kommen andere gesellschaftliche Faktoren wie eine höhere Mobilität, Zunahme von Single-Haushalten, eine geringere Ortsbindung oder individuellere Lebensstile.

Folgende Szenarien sind für die nächsten Jahre realistisch:

  • Die täglich gedruckte Zeitung wird zunehmend zu einem elitären Produkt mit weiter steigenden Abopreisen. Wer den täglichen, verlässlichen Überblick in seinen Alltag integriert hat, wird sie weiterhin lieben – auch wenn er sie sich nicht mehr leisten kann und vielleicht woanders mitliest. Die verkaufte Auflage wird weiter stärker sinken als die Reichweite (2,5 bis 3,5 Prozent bzw. ein bis zwei Prozent pro Jahr).
  • Die Verlagskonzentration wird weiter zunehmen. Große Verlage kaufen kleine und leisten sich nur noch eine überregionale Kernredaktion, die den anderen zuliefert. Die Zeitungsvielfalt nimmt ab.
  • Crossmediales Arbeiten wird ausgebaut. Redaktionen bedienen mehrere digitale Ausspielwege; Verlage werden zunehmend Reichweiten crossmedial ausweisen und Werbeflächen medienübergreifend vermarkten. Der Übergang des Journalismus (Redaktion) und des dahinterliegenden Geschäftsmodells (Verlag) zu digitalen Medien wird komplex und nicht ohne Widersprüche bleiben.
  • Die technische Entwicklung verspricht weiterhin neue Trägermedien für hochaktuellen Journalismus. Das iPad ist erst der Anfang einer mobilen Zukunft. Falls es wirklich einmal eine für jedermann erschwingliche Folie geben sollte, die Online-Inhalte brillant, multimedial, ortsunabhängig und permanent aktualisiert darstellen kann, hat sich das tägliche Drucken erübrigt.
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8 Kommentare »

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  1. Natürlich produziert die Nürnberger Zeitung weiterhin einen eigenen Lokalteil. Lediglich die vierseitige Beilage Nürnberg-plus wird durch sechs Seiten mehr-Nürnberg ersetzt. Letztere werden federführend von den NN produziert.

    • Danke für den Hinweis. Ich habe das gerade eben auch oben korrigiert. Sorry für den Fehler!

  2. Hallo Herr Meier, wo finden wir denn mehr über diese Studien hier: „Empirische Studien zeigen, dass die „Newspaper Loyalty“ – also die Verlängerung eines Abonnements statt einer Kündigung – kaum von der Qualität redaktioneller Inhalte beeinflusst wird, sondern von vielen anderen Faktoren.“

    • Studien der letzten 20 Jahre belegen immer wieder, dass die „Newspaper Loyalty“ sehr komplex ist und kaum durch einzelne Faktoren (wie die Veränderung der inhaltlichen Qualität alleine) beeinflusst wird. Wichtige Faktoren habe ich in dem Beitrag oben schon genannt.
      Eine aktuelle niederländische Studie von Leon de Wolff („Newspaper Loyalty. Why subscribers stay or leave“, 2012) kommt zu dem Schluss: „the content of a paper has no direct impact on newspaper loyalty.“ (S. 352)
      Klaus Schönbach hat in einer umfangreichen Studie mit 350 Tageszeitungen in Deutschland bereits Mitte der 90er Jahre festgestellt (vgl. „Zeitungen in den Neunzigern: Faktoren ihres Erfolgs“, 1997, S. 113ff.), dass die Routine des Zeitungslesens im Alltag erstaunlich wichtig ist, dass die Bevölkerung starr am Lesen oder Nicht-Lesen festhält. Da ist es beinahe schon egal, was die Zeitungen tun: Die Veränderung des inhaltlichen Angebots fand in der Studie nur 9 % Erklärungskraft für die Veränderung der verkauften Auflage. Etwas wichtiger (aber auch noch relativ gering) war die Veränderung der Zeitungsgestaltung mit 13 % Erklärungskraft.
      Einige empirische Studien, die eine Abwanderung von Zeitungslesern ins Internet nachweisen, listet Christoph Neuberger in dem Buch „Journalismus im Internet. Profession – Partizipation – Technisierung“ (2009) auf (S. 31 unten).
      Was mich in den letzten Jahren immer wieder zum Nachdenken gebracht hat: Tageszeitungen, die sehr viel in inhaltliche Qualität gesteckt haben (von Readerscan bis zu super Geschichten und Konzepten, für die sie Preise bekommen haben), verlieren massiv an Auflage – andere dagegen, die kaum merklich an der Veränderung inhaltlicher Qualität arbeiten, bleiben in der Auflage konstant oder verlieren nur wenig. Der Grund liegt hier ganz einfach darin, dass erstere in schwächelnden Regionen beheimatet sind und letztere in Boomregionen (vgl. meine Aussagen dazu in einem Beitrag http://www.medien-monitor.com/UEberlebenskampf-der-Tageszeit.1846.0.html). Schauen Sie sich z.B. die Süddeutsche Zeitung oder den Donaukurier in Ingolstadt an: boomende Regionen mit massivem Zuzug und Arbeitslosigkeit um die 1%. Da geht es der Zeitungsauflage im Vergleich zur Entwicklung in Gesamtdeutschland blendend. Der Donaukurier hat seit 1998 bis heute etwa die gleiche Auflage. Ich wage die These, dass die Redaktion in diesen 14 Jahren machen konnte, was sie wollte: Es ist schlicht egal, ob man da etwas verbessert oder dort an Qualität verliert. Diese These wird durch die Schönbach-Studie gestützt – aber man müsste weiter daran empirisch arbeiten. Ich bleibe dran.

      • Mein schnell hingeschriebener Kommentar vom 3.10. ist leider missverständlich formuliert. Vor allem die Passage zum Donaukurier kann falsch verstanden werden. Der Donaukurier hat vor allem in jüngerer Zeit viel in journalistische Qualität investiert. Zum Beispiel: Für den Mantel arbeiten mehr Redakteure und Reporter; es finden sich deutlich mehr eigene Kommentare, Reportagen und Hintergrundstücke. Auch die Fehlerkorrektur sowie die Aus- und Weiterbildung wurden systematisch verbessert. Mir ging es in den letzten sechs Zeilen des Kommentars nicht darum, diese Initiative um Qualität zu diskreditieren. Sondern im Gegenteil eher darum, die oben genannten Studien zu veranschaulichen, die besagen, dass Qualität und Auflage nicht in direktem Verhältnis zueinander stehen. Es gibt auch andere Zeitungen, die genauso in Qualität investieren, die aber an Auflage verlieren. Und es gab auch Jahre, in denen der Donaukurier nicht ganz so viel in Qualität investiert hat – und dennoch ist die Auflage seit 14 Jahren stabil.

  3. Zitat: „Die Veränderung des inhaltlichen Angebots fand in der Studie nur 9 % Erklärungskraft für die Veränderung der verkauften Auflage.“ Ich schließe daraus, dass wir „Ergebnisse“, auf die aufgrund einer Reader-Scan-Analyse geschlossen wird, skeptisch betrachten müssen.

    • Ja, das sehe ich genauso. Readerscan alleine dafür einzusetzen, kurzfristig die Auflage zu steigern, wird eigentlich nicht funktionieren (ich lasse mich aber gerne vom Gegenteil überzeugen). Eventuell kann man mittelfristig die Bindung der Leser erhöhen, wenn man an der inhaltlichen Qualität immer wieder arbeitet (mit verschiedenen Methoden).

  4. […] gibt es nach wie vor zwei Lokalteile, es wurden nur zwei Sonderbeilagen zusammengelegt, wie ich hier aufgeklärt […]


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