Wenn der Markt versagt: Wie Journalismus finanziert werden kann

23. November 2012 um 21:45 | Veröffentlicht in Internet, Journalismusforschung, Journalistik, Kapitel_7, Kommunikationsfreiheit, Qualität, Zeitung | 4 Kommentare

Nach dem Ende der Financial Times Deutschland (FTD), der Nürnberger Abendzeitung und der Insolvenz der Frankfurter Rundschau wird nun wieder mehr darüber diskutiert, wie tagesaktueller Journalismus – außerhalb der öffentlich-rechtlichen trimedialen Rundfunkanstalten – langfristig finanziell überleben kann (vgl. den Beitrag in der heutigen ARD-Web-Tagesschau mit einem Interview von mir). Dabei geht es auch um die Frage nach der Zukunft des lokalen und regionalen Journalismus. Der NRW-Medienstaatssekretär Marc Jan Eumann hat einen interessanten Diskussionsbeitrag gemacht, über den u.a. Spiegel online berichtet und den er selbst ausführlich darstellt („Wie wir in Zukunft Öffentlichkeit finanzieren“): Eine Stiftung zur Förderung von journalistischer Vielfalt könnte Recherche-Stipendien für Journalisten und Redaktionen vergeben.

Der Medienredakteur der F.A.Z., Michael Hanfeld, sieht das kritisch, aber er ist auch bekannt für seinen Konfrontationen gegen die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten und eine eher plumpe schwarz-weiß-Darstellung; er kann sich offenbar nur marktfinanzierten Journalismus vorstellen.

Der Schweizer Journalistik-Professor Vinzenz Wyss hat in einem Facebook-Beitrag auf verschiedene kommunikationswissenschaftliche Ansätze verwiesen. Diese Links möchte ich hier dokumentieren:

In der Medienwissenschaft hat Marie Luise Kiefer interessante Finanzierungsmodelle angetippt:  Das sollte man mal gelesen haben. In der Schweiz hat sich insbesondere Manuel Puppis vom IPMZ mit den Fragen beschäftigt. Seine Gedanken sind publiziert, z.B. in dem jüngst erschienenen Buch „Gehen den Leuchttürmen die Lichter aus?“  Und seine Gedanken wurden auch an einem Parlamentarieranlass vom Verein Medienkritik Schweiz diskutiert. Dazu das Papier hier. Man sollte bei der Diskussion wissen, dass keine – also auch keine medienwissenschaftlich ernst zu nehmende – Position vorschlägt, dass der Staat da irgendwas finanzieren soll. Staatsferne ist selbstverständlich gesetzt. Dennoch muss der Staat hier an der Organisation solcher Modell mitwirken. Es gibt hier also nicht plumpes Schwarz/Weiss.

Auf der Facebook-Seite von Vinzenz Wyss kommentiert Marc Jan Eumann:

Wir müssen streiten! Wieviel Vielfalt wollen wir? Wieviel Geld soll wer und warum in die Hand nehmen? Wie sichern wir Unabhängigkeit? Wie gelingt Transparenz? Fragen über Fragen. Es stellen sich noch mehr. Wichtig ist: Der Streit lohnt. Es geht um ein wichtiges Gut: Die Herstellung von Öffentlichkeit durch Journalistinnen und Journalisten, ohne die Demokratie nicht funktioniert. Nebenbei: Es gibt doch viele Beispiele, wo der Staat finanziert, aber die Unabhängigkeit gewährleistet ist: Die Deutsche Forschungsgemeinschaft, Max-Planck-Institute sind nur zwei. Lasst uns gute Argumente sammeln. Und klar ist auch: Es gibt keinen Königsweg…

Ich finde es wert, diese Punkte öffentlich zu diskutieren. Deshalb habe ich diese Aussagen, die ja bei Facebook nur einen begrenztes Publikum erreichen und vergänglich sind, hier dokumentiert. Aber natürlich ist das alles noch nicht zu Ende diskutiert. Unsere Gesellschaft ist erst am Anfang einer wertvollen Debatte, welchen Journalismus wir uns leisten wollen.

Nachtrag (24.11.): Die Schweizer Kommunikationswissenschaftler Cédric Wermuth und Kurt Imhof im Interview.

Korrektur (24.11. abends): Cédric Wermuth ist Politiker. Er sitzt für die SP im Schweizerischen Nationalrat (vgl. Kommentare). Prof. Dr. Kurt Imhof ist Professor für Publizistikwissenschaft und Soziologie an der Uni Zürich; er leitet den Forschungsbereich Öffentlichkeit und Gesellschaft, in dem regelmäßig das Jahrbuch „Qualität der Medien“ herausgegeben wird.

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4 Kommentare »

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  1. Das Interview ist geradezu entlarvend. Cédric Wermuth ist kein „Kommunikationswissenschafter“, wie beim Link angekündigt, sondern ein strammer Sozialist. Verkürzt fordert er, dass der Staat eingreifen soll weil die tumben Journalisten missliebige politische Konkurrenz nicht hart genug anfassen.

  2. Upps, Philipp Landmark, mea culpa. Ich habe Klaus Meier auf dieses Interview in persönlich.com aufmerksam gemacht, selbstverständlich auch mit dem Ziel, die in deutschen Bundesländern aktive Medienpolitik auf entsprechende Konzepte aufmerksam zu machen. Man kann natürlich nicht erwarten, dass man in Deutschland den Politiker Cédric Wermuth kennt. Also nix „entlarvend“, es geht hier um die Sache und um innovative Vorschläge, wie der für die Demokratie wichtige Journalismus langfristig zu retten ist, wenn mal keine Suventionen aus der Werbewirtschaft mehr fliessen.

    • Mit „entlarvend“ meinte ich nicht die falsche Bezeichnung, sondern die Aussagen. Die Demokratie retten heisst für Wermuth die Medienqualität so zurechtzubiegen, dass es seinen politischen Ansichten nützt.

      • Aber wie sollte das denn möglich sein, Medienqualität so zurechtzubiegen, dass sie/es bestimmten politischen Ansichten nützen würde. Das ist für mich eine schauerliche Vorstellung und das kann man – da gebe ich Ihnen recht – aus demokratietheoretischer Sicht eigentlich nicht ernsthaft wollen, weil Journalismus ja nach einer eigenen, unabhängigen Logik operieren können soll. Ich sehe aber noch nicht, worin sich die bisher von Wermuth geäusserten Qualitätsbegriffe so stark von der Eigenlogik des Journalismus unterscheiden sollen. Qualitätsbegriffe wie Unabhängigkeit, gesellschaftliche Relevanz, Aktualität, Faktizität bzw. Richtigkeit, Perspektivenvielfalt, Transparenz und genre- bzw. publikumsadäquate Vermittlung/Narrativität sind doch eigentlich längst konsensual als Qualitätsstandards akzeptiert. Und Journalisus müsste mit diesen Erwartungen an ihn eigentlich auch gut leben können.


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