Studie: Verzerrt der Journalismus die Realität und wie wirkt sich das aus?

30. Oktober 2014 um 14:13 | Veröffentlicht in Kapitel_3, Kapitel_5, Kapitel_7 | 2 Kommentare

Niklas Dummer von der Wirtschaftswoche hat mich gerade zu einer interessanten Studie interviewt: Eine Befragung in 14 Ländern zeigte, dass die Menschen die Realität der Gesellschaft ganz anders einschätzen, als sie tatsächlich statistisch berechnet ist. So denken die Deutschen zum Beispiel, dass 23 Prozent der in Deutschland lebenden Menschen Migranten sind – tatsächlich sind es nur 13 Prozent. Oder nur 6 Prozent der Menschen in Deutschland sind Muslime – die Einschätzung liegt bei 19 Prozent. Diese Wahrnehmungsverzerrungen gehen offenbar auf die Berichterstattung der Medien und deren Wirkung zurück. Journalismus stellt die Realität nicht 1:1 dar, wie sie ist, sondern wählt aus und setzt Schwerpunkte, betont die Veränderungen und mögliche Gefahren (das „Neue“) und nicht das „Normale“. Im Beitrag der Wirtschaftswoche wird das noch näher erläutert: Einerseits können wir eine „Skandalisierung“ und einen „Negativismus“ beklagen, andererseits müssen wir uns bewusst sein, dass Journalismus – zu Recht – ein Frühwarnsystem ist und auf nötige Veränderungen besonders stark hinweist.

Deutschland liegt übrigens im Vergleich von 14 Ländern an zweiter Stelle: Nur in Schweden klaffen die Statistik und die Wahrnehmung der Bevölkerung noch weniger auseinander; besonders stark ist der Unterschied in Italien und den USA. Mögliche Gründe dafür? Wir haben hier einen hochwertigen öffentlich-rechtlichen Rundfunk und im Vergleich zu Südeuropa und anderen Erdteilen traditionell eine hohe Verbreitung von Tageszeitungen. Zudem ist auch der Boulevard-Anteil und im Vergleich zu anderen Ländern offenbar auch die Skandalisierung und ein übertriebener Negativismus herzulande relativ gering.

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2 Kommentare

  1. Woher stammen denn Ihre Zahlen? Der Link zu der Studie geht nicht (mehr). Die Zahl von 13% Migranten ist für jemanden, der sich mit der Materie auskennt, offensichtlich viel zu niedrig, die Bundeszentrale für politische Bildung gibt unter Verweis auf das Statistische Bundesamt 21% (http://www.bpb.de/nachschlagen/zahlen-und-fakten/soziale-situation-in-deutschland/61646/migrationshintergrund-i) an und das ist schon sehr viel glaubwürdiger. Insofern ist die Schätzung der Bevölkerung doch sehr nahe an der Realität und die ganze These löst sich in Luft auf. Auch Ihre Zahl der Muslime-Schätzung (19%) differiert von der der „Wirtschaftswoche“ (16%) – was stimmt denn nun? Korrekte und nachprüfbare Quellenangaben wären auf jeden Fall angebracht und man sollte auch Statistiken (13% Migranten) auf Plausibilität überprüfen, ehe man sie weiterverbreitet.

  2. Wie Sie am Datum meines Eintrags sehen können, stammt die Studie und es stammen alle Zahlen aus den Jahren 2013/2014. Die aktuelle Studie von 2017 finden Sie hier: https://perils.ipsos.com. Allerdings werden nicht in jedem Jahr die gleichen Fragen gestellt. Ihre zwei Punkte zum Anteil der Migranten und des Islam sind in dieser internationalen Studie dieses Mal z.B. nicht dabei (dafür viele andere Fragen).

    Der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund ist seit 2013 gestiegen, allerdings kommt es immer auch auf die Definition an, ob man z.B. die Nachkommen der Zugewanderten (ohne eigene Migrationserfahrung) mit zählt oder nur die Zugewanderten selbst. Der Anteil der Menschen mit eigener Migrationserfahrung beträgt Ende 2016 in Deutschland 15,5 Prozent (die Zahl 13 Prozent 2013/14 ist also durchaus sehr plausibel). Wenn man alle Menschen mit irgendwelcher Migrationserfahrung in der Familie (auch vor langer Zeit) dazu zählt, ist man in der Tat bei den von Ihnen genannten 21 Prozent. Mehr Infos dazu vom Statistischen Bundesamt unter https://www.destatis.de/DE/Publikationen/Thematisch/Bevoelkerung/MigrationIntegration/Migrationshintergrund2010220167004.pdf?__blob=publicationFile.

    Der Anteil des Islam ist aber ungefähr gleichbleibend: Ihre Zahl (16%) ist auf jeden Fall komplett falsch. Sie liegt 2017 bei 4,55 Mio., also bei 5,5 Prozent (vgl. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/76744/umfrage/anzahl-der-muslime-in-deutschland-nach-glaubensrichtung).

    Grundsätzlich bestätigen auch neuere Studien immer wieder, dass bei vielen Fragestellungen die Bevölkerungsmeinung von der tatsächlichen Statistik stark abweicht (vgl. z.B. den Beitrag in der FAZ: http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/neue-studie-deutsche-ueberschaetzen-anteil-muslimischer-bevoelkerung-enorm-14573677.html).

    In meiner Einschätzung von vor knapp vier Jahren muss ich mich wohl korrigieren: Deutschland ist im Auseinanderklaffen von Bevölkerungsmeinung und Statistik inzwischen deutlich im internationalen Vergleich abgerutscht. Das wird vermutlich auch sehr daran liegen, dass es inzwischen extrem viel Propaganda und Hetze von rechtsnationalen Parteien und Gruppierungen gibt: Dort wird bei Zahlen massiv gelogen – und bei Menschen, die vor allem solche Medienangebote nutzen, bleiben diese Zahlen dann hängen.


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