Trend „konstruktiver Journalismus“: Gegen den Nachrichten-Frust

14. September 2015 um 15:38 | Veröffentlicht in Ethik, Journalismusforschung, Kapitel_5, Qualität | 4 Kommentare

Das Bild, das der Journalismus von der Welt konstruiert, beruht auf den Nachrichtenfaktoren. Aggression, Konflikte & Gewalt, Kontroversen, Betroffenheit nehmen als Nachrichtenfaktoren offenbar überhand – zumindest nach dem Gefühl des Nachrichtenpublikums. Eine Forsa-Umfrage im Auftrag von RTL aktuell kommt zu dem Ergebnis, dass für 45 Prozent der Befragten die TV-News zu problembeladen sind. Gerade Fernsehzuschauer sind nach dem Nachrichtenkonsum frustriert und schlecht gelaunt. Im Kern trifft das aber auch auf die anderen Medien zu.

Die Umfrage kommt gerade in der Zeit, als der Chefredakteur des dänischen öffentlich-rechtlichen Fernsehens, Ulrik Haagerup, mit einer Website und einem Buch unter dem Titel „Constructive Journalism“ für Furore in der Branche sorgt – unterstützt vom Salzburger Verlag Oberauer, der das Buch auf Deutsch übersetzen ließ. Untertitel: „Warum bad news die Medien zerstören und wie Journalisten mit einem völlig neuen Ansatz wieder Menschen berühren“.

Ein Reihe von Redaktionen hat den Trend erkannt und springt auf den Zug auf. Einige Beispiele: Spiegel-online-Chefredakteur Florian Harms will vermehrt „konstruktiv über das Weltgeschehen berichten“. Beim „Tages-Anzeiger“ in Zürich soll unter der Rubrik „Die Lösung“ jeden Montag ein konstruktiver Artikel erscheinen. Chefredaktor Res Strehle kündigt den neuen Kurs an: „Wir wollen ein Umdenken in der Redaktion. Die negativen Berichte hat man so oder so. […] Dabei werden wir gleichsam kritisch und konstruktiv sein – und auch Widersprüche und Fallstricke eines Lösungsansatzes aufzeigen.“ Die Sendung „kulturplatz“ im schweizerischen SRF hat dazu einen bemerkenswerten Beitrag gesendet, in dem Ulrik Haagerup und Res Strehle den Ansatz anschaulich erklären.

Drei junge Gründer aus Münster haben sogar ein eigenes Online-Mazagin mit dem Titel „positive-daily.de“ gegründet. Motto: „Das lösungsorientierte Online-Medium für die Fragen unserer Zeit.“

Was ist „konstruktiver Journalismus“? Im Detail verstehen die Redaktionen alle etwas anderes darunter. Gemeinsam ist allerdings, dass Probleme und Missstände nicht nur thematisiert werden sollen, sondern dass immer auch Lösungsvorschläge recherchiert und präsentiert werden. Die Nachrichten sollen eine positive Wendung bekommen. Schluss mit frustig.

Aus wissenschaftlich-systematischer Sicht handelt es sich bei dem Konzept „Konstruktiver Journalismus“ um ein Berichterstattungsmuster (vgl. Journalistik-Lehrbuch, Kap. 5.2). Dem Konzept ähnlich ist der „Public Journalism“ (auch: „Civic Journalism“), der in den 1990er Jahren in den USA erfunden wurde (durch Mitwirkung des Journalistik-Professors Jay Rosen) und dort noch immer im Lokaljournalismus eingesetzt wird: Probleme in der Gemeinde sollen nicht nur thematisiert werden, sondern die Lokalredaktion soll auch Lösungen präsentieren und – falls diese noch nicht vorhanden sind – Dialoge dazu organisieren, interaktiv Foren anbieten und demokratische Prozesse anstoßen (vgl. z.B. diesen Aufsatz: „Take the initiative to report on major public problems in a way that advances public knowledge of possible solutions…“)

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4 Kommentare »

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  1. Ein 10-Punkte Kriterienkatalog für solche „positiveren“ Nachrichten findet sich auch im Büchlein „Medienverantwortung durch Nachrichtenauswahl“ von Peter F. Jedlicka.

    H. Greske

  2. .. auf http://www.constructivenews.org scheint ein Portal zu dem Thema zu entstehen ..

    Lutz Hensel

  3. Im vierten Absatz hat sich versehentlich ein Fehlerteufel eingeschlichen. Es ist von dem Online-Magazin „positive-daily“ die Rede, tatsächlich heißt das Online-Magazin „Perspective Daily“. Die Verlinkung zu deren Webseite ist ja richtig. LG MLS

    • Danke für den Hinweis. Das ist inzwischen in der Tat missverständlich. Die Gründer aus Münster sind im Sommer 2015 tatsächlich unter dem Titel „positive-daily“ gestartet und haben sich nachher in „Perspective Daily“ umbenannt. Diese Umbenennung zeigt den Diskussionsprozess und die Profilschärfung des neuen Portals.


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