Trend „konstruktiver Journalismus“: Gegen den Nachrichten-Frust

14. September 2015 um 15:38 | Veröffentlicht in Ethik, Journalismusforschung, Kapitel_5, Qualität | 4 Kommentare

Das Bild, das der Journalismus von der Welt konstruiert, beruht auf den Nachrichtenfaktoren. Aggression, Konflikte & Gewalt, Kontroversen, Betroffenheit nehmen als Nachrichtenfaktoren offenbar überhand – zumindest nach dem Gefühl des Nachrichtenpublikums. Eine Forsa-Umfrage im Auftrag von RTL aktuell kommt zu dem Ergebnis, dass für 45 Prozent der Befragten die TV-News zu problembeladen sind. Gerade Fernsehzuschauer sind nach dem Nachrichtenkonsum frustriert und schlecht gelaunt. Im Kern trifft das aber auch auf die anderen Medien zu.

Die Umfrage kommt gerade in der Zeit, als der Chefredakteur des dänischen öffentlich-rechtlichen Fernsehens, Ulrik Haagerup, mit einer Website und einem Buch unter dem Titel „Constructive Journalism“ für Furore in der Branche sorgt – unterstützt vom Salzburger Verlag Oberauer, der das Buch auf Deutsch übersetzen ließ. Untertitel: „Warum bad news die Medien zerstören und wie Journalisten mit einem völlig neuen Ansatz wieder Menschen berühren“.

Ein Reihe von Redaktionen hat den Trend erkannt und springt auf den Zug auf. Einige Beispiele: Spiegel-online-Chefredakteur Florian Harms will vermehrt „konstruktiv über das Weltgeschehen berichten“. Beim „Tages-Anzeiger“ in Zürich soll unter der Rubrik „Die Lösung“ jeden Montag ein konstruktiver Artikel erscheinen. Chefredaktor Res Strehle kündigt den neuen Kurs an: „Wir wollen ein Umdenken in der Redaktion. Die negativen Berichte hat man so oder so. […] Dabei werden wir gleichsam kritisch und konstruktiv sein – und auch Widersprüche und Fallstricke eines Lösungsansatzes aufzeigen.“ Die Sendung „kulturplatz“ im schweizerischen SRF hat dazu einen bemerkenswerten Beitrag gesendet, in dem Ulrik Haagerup und Res Strehle den Ansatz anschaulich erklären.

Drei junge Gründer aus Münster haben sogar ein eigenes Online-Mazagin mit dem Titel „positive-daily.de“ gegründet. Motto: „Das lösungsorientierte Online-Medium für die Fragen unserer Zeit.“

Was ist „konstruktiver Journalismus“? Im Detail verstehen die Redaktionen alle etwas anderes darunter. Gemeinsam ist allerdings, dass Probleme und Missstände nicht nur thematisiert werden sollen, sondern dass immer auch Lösungsvorschläge recherchiert und präsentiert werden. Die Nachrichten sollen eine positive Wendung bekommen. Schluss mit frustig.

Aus wissenschaftlich-systematischer Sicht handelt es sich bei dem Konzept „Konstruktiver Journalismus“ um ein Berichterstattungsmuster (vgl. Journalistik-Lehrbuch, Kap. 5.2). Dem Konzept ähnlich ist der „Public Journalism“ (auch: „Civic Journalism“), der in den 1990er Jahren in den USA erfunden wurde (durch Mitwirkung des Journalistik-Professors Jay Rosen) und dort noch immer im Lokaljournalismus eingesetzt wird: Probleme in der Gemeinde sollen nicht nur thematisiert werden, sondern die Lokalredaktion soll auch Lösungen präsentieren und – falls diese noch nicht vorhanden sind – Dialoge dazu organisieren, interaktiv Foren anbieten und demokratische Prozesse anstoßen (vgl. z.B. diesen Aufsatz: „Take the initiative to report on major public problems in a way that advances public knowledge of possible solutions…“)

Zeitungsleser lieben auch lange Texte

4. Oktober 2013 um 17:50 | Veröffentlicht in Allgemein, Journalismusforschung, Kapitel_3, Zeitung | 2 Kommentare

Auch lange Texte werden gelesen: Das 3sat-Magazin „nano“ berichtet über ein Projekt der Sächsischen Zeitung in Dresden, bei dem Leser mit einem Scanner markieren, was sie in der Zeitung lesen  – ähnlich den „ReaderScan“-Projekten bei anderen Zeitungen. Mit spannenden Erkenntnissen.

Statistisch belegt: starke Pressefreiheit und geringes Vertrauen in die Medien hängen zusammen

17. Mai 2013 um 16:06 | Veröffentlicht in Allgemein, Journalismusforschung, Kapitel_2, Kapitel_3, Kommunikationsfreiheit | 2 Kommentare

Eine Frage, die bislang meines Wissens nicht wissenschaftlich untersucht ist, treibt mich schon länger um: Hängt das Vertrauen, das die Menschen in die Medien und den Journalismus haben, mit dem Grad der Pressefreiheit in ihrem Land zusammen? Mir ist schon länger aufgefallen, dass Bevölkerungsumfragen immer wieder ergeben, dass in einzelnen Ländern mit hoher Pressefreiheit – wie Schweden (Platz 1 im Freedomhouse-Ranking), Deutschland (Platz 19) oder den USA (Platz 23) – das Vertrauen in Medien ausgesprochen niedrig ist: Das „Edelman-Trust-Barometer“ zum Beispiel hat ergeben, dass in Deutschland nur 42 Prozent der Menschen den Medien vertrauen, in Schweden sind es 38 Prozent und in den USA 45 Prozent. In Italien dagegen wird die Pressefreiheit weniger stark eingeschätzt (Platz 68, nur „teilweise frei“) – das Vertrauen in die Medien ist dagegen recht hoch (57 Prozent). Ganz drastisch ist es in China und Indonesien, wo 79  bzw. 80 Prozent der Menschen den Medien vertrauen – es aber mit der Pressefreiheit nicht weit her ist (Plätze 179 und 96). Ähnliche Unterschiede hatten sich auch bei der Umfrage „Trust in the Media“ von BBC und Reuters im Jahr 2006 ergeben.

Nun habe ich einen statistischen Beleg dafür gefunden, dass es tatsächlich einen Zusammenhang geben könnte. Wenn man zwischen den aktuellen Werten des Edelman-Trust-Barometers und des Freedomhouse-Rankings die Korrelation berechnet, liegt der Zusammenhang beider Variablen bei 0,51 (berechnet nach Spearman). Das ist eine mittlere Korrelation – und sie ist auf dem Niveau von 0,01 sehr signifikant. Das heißt, die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns mit der Annahme eines Zusammenhangs irren, liegt hier bei unter einem Prozent. Auf den Punkt gebracht: In einem Land mit starker Kommunikationsfreiheit ist grundsätzlich bei der Bevölkerung ein geringes Vertrauen in den Journalismus zu erwarten.

Diagramm-Trust-Pressfreedom.001Man muss natürlich einwenden, dass beide Variablen aus unterschiedlichen Studien stammen, und dass die Werte aus nur 25 Ländern vorliegen. Aber immerhin gehen Länder aus vier Kontinenten in die Berechnung ein (Afrika ist nicht vertreten). Wie gesagt: Das sind nun erste harte Indizien, die weiter wissenschaftlich untersucht werden müssen.

Woran könnte der Zusammenhang liegen?

Zwei Erklärungen liegen auf der Hand: Sägen Journalisten in freien Ländern an dem Ast, auf dem sie sitzen, weil sie mit dem Privileg der Pressefreiheit in einer Weise umgehen, der ihre eigene Glaubwürdigkeit ruiniert? – Oder liegt es nicht vielmehr daran, dass das Publikum in einer offenen Gesellschaft nicht mit einer veröffentlichten Meinung, sondern mit einer vielschichtigen, sich oft widersprechenden öffentlichen Debatte umgehen muss? Wem soll man da vertrauen? Eine pluralistische Öffentlichkeit würde dann grundsätzlich nicht das Vertrauen in den Journalismus fördern.

Die Ergebnisse und Begründungen machen nachdenklich: Wenn der Journalismus in Deutschland eine einheitlichere, eher regierungsnahe Öffentlichkeit herstellen würde, könnte das seine Glaubwürdigkeit stärken. Oder anders formuliert: Ein Journalismus, der nach Vertrauen giert, ist nicht unbedingt ein besserer Journalismus. Diskussionen dazu sind erwünscht.

Nachtrag: Geradezu unglaublich, wie schnell soziale Netzwerke reagieren. Björn Buß hat mich sofort auf Facebook darauf hingewiesen, dass sich Jan Müller in seiner Dissertation mit dieser Frage beschäftigt hat (gerade erschienen am 18.4.2013). Vielen Dank für diesen wertvollen Hinweis! Jan Müller kommt zu dem Ergebnis, „dass zwar in westlichen Demokratien ein ausgeprägter Vertrauensverlust in die Medien zu verzeichnen ist, Nachrichtenmedien in autoritären Regimen dagegen von der Bevölkerung als wesentlich glaubwürdiger eingeschätzt werden. Dieser Befund erklärt sich mit dem sogenannten emanzipativen Wertewandel: Je höher die Bildungsressourcen eines Volkes sind, desto ausgeprägter ist das Maß der kritischen Distanzierung von staatlichen und politischen Institutionen.“

Neues Buch zur Journalismusforschung

14. Dezember 2012 um 13:51 | Veröffentlicht in Allgemein, Journalismusforschung, Journalistik | Hinterlasse einen Kommentar

Cover-Journalismusforschung

Den Stand und die Perspektiven der Journalismusforschung beschreibt und analysiert ein neues Buch, das ich zusammen mit Christoph Neuberger im Verlag Nomos herausgegeben habe. Das Buch mit Erscheinungsjahr 2013 ist bereits jetzt lieferbar. 15 Autorinnen und Autoren aus Deutschland und der Schweiz haben dazu beigetragen. Die meisten sind Professoren für Journalistik und Journalismusforschung. In der Buchbeschreibung heißt es:

Der Journalismus befindet sich in einer Phase des Umbruchs. Gewissheiten schwinden, und vieles, was bisher selbstverständlich war, wird in Frage gestellt. Die Journalismusforschung sucht fundierte Antworten auf komplexe Fragen – auf der Basis wissenschaftlicher Theorien und empirischer Belege. Dieser Band liefert als Auftakt der Buchreihe „Aktuell. Studien zum Journalismus“ eine Standortbestimmung für die Journalismusforschung.

Die Autorinnen und Autoren sind ausgewiesene Kenner der Forschungsbereiche, deren zentrale Fragen, Theorien und Ergebnisse sie kompakt präsentieren. Außerdem entwickeln sie Perspektiven für die künftige Forschung. Dabei haben sie den vielschichtigen Wandel des Journalismus in Gegenwart und Zukunft im Blick. Als Grundlagenwerk richtet sich der Band sowohl an Wissenschaftler und Studierende als auch an Journalisten, die Einblick in die Forschung gewinnen wollen.

Die neue Buchreihe „Aktuell. Studien zum Journalismus“ wird von Andrea Czepek (Wilhelmshaven), Ralf Hohlfeld (Passau), Frank Lobigs (Dortmund), Wiebke Loosen (Hamburg), Klaus Meier (Eichstätt) und Christoph Neuberger (München) herausgegeben. Demnächst werden einige interessante Dissertationen in den Buchreihe erscheinen: u.a. von Daniel Nölleke (Uni Münster) zu „Experten im Journalismus“ und von Annika Sehl (TU Dortmund) zu Partizipativem Journalismus in Tageszeitungen.

Wenn der Markt versagt: Wie Journalismus finanziert werden kann

23. November 2012 um 21:45 | Veröffentlicht in Internet, Journalismusforschung, Journalistik, Kapitel_7, Kommunikationsfreiheit, Qualität, Zeitung | 4 Kommentare

Nach dem Ende der Financial Times Deutschland (FTD), der Nürnberger Abendzeitung und der Insolvenz der Frankfurter Rundschau wird nun wieder mehr darüber diskutiert, wie tagesaktueller Journalismus – außerhalb der öffentlich-rechtlichen trimedialen Rundfunkanstalten – langfristig finanziell überleben kann (vgl. den Beitrag in der heutigen ARD-Web-Tagesschau mit einem Interview von mir). Dabei geht es auch um die Frage nach der Zukunft des lokalen und regionalen Journalismus. Der NRW-Medienstaatssekretär Marc Jan Eumann hat einen interessanten Diskussionsbeitrag gemacht, über den u.a. Spiegel online berichtet und den er selbst ausführlich darstellt („Wie wir in Zukunft Öffentlichkeit finanzieren“): Eine Stiftung zur Förderung von journalistischer Vielfalt könnte Recherche-Stipendien für Journalisten und Redaktionen vergeben.

Der Medienredakteur der F.A.Z., Michael Hanfeld, sieht das kritisch, aber er ist auch bekannt für seinen Konfrontationen gegen die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten und eine eher plumpe schwarz-weiß-Darstellung; er kann sich offenbar nur marktfinanzierten Journalismus vorstellen.

Der Schweizer Journalistik-Professor Vinzenz Wyss hat in einem Facebook-Beitrag auf verschiedene kommunikationswissenschaftliche Ansätze verwiesen. Diese Links möchte ich hier dokumentieren:

In der Medienwissenschaft hat Marie Luise Kiefer interessante Finanzierungsmodelle angetippt:  Das sollte man mal gelesen haben. In der Schweiz hat sich insbesondere Manuel Puppis vom IPMZ mit den Fragen beschäftigt. Seine Gedanken sind publiziert, z.B. in dem jüngst erschienenen Buch „Gehen den Leuchttürmen die Lichter aus?“  Und seine Gedanken wurden auch an einem Parlamentarieranlass vom Verein Medienkritik Schweiz diskutiert. Dazu das Papier hier. Man sollte bei der Diskussion wissen, dass keine – also auch keine medienwissenschaftlich ernst zu nehmende – Position vorschlägt, dass der Staat da irgendwas finanzieren soll. Staatsferne ist selbstverständlich gesetzt. Dennoch muss der Staat hier an der Organisation solcher Modell mitwirken. Es gibt hier also nicht plumpes Schwarz/Weiss.

Auf der Facebook-Seite von Vinzenz Wyss kommentiert Marc Jan Eumann:

Wir müssen streiten! Wieviel Vielfalt wollen wir? Wieviel Geld soll wer und warum in die Hand nehmen? Wie sichern wir Unabhängigkeit? Wie gelingt Transparenz? Fragen über Fragen. Es stellen sich noch mehr. Wichtig ist: Der Streit lohnt. Es geht um ein wichtiges Gut: Die Herstellung von Öffentlichkeit durch Journalistinnen und Journalisten, ohne die Demokratie nicht funktioniert. Nebenbei: Es gibt doch viele Beispiele, wo der Staat finanziert, aber die Unabhängigkeit gewährleistet ist: Die Deutsche Forschungsgemeinschaft, Max-Planck-Institute sind nur zwei. Lasst uns gute Argumente sammeln. Und klar ist auch: Es gibt keinen Königsweg…

Ich finde es wert, diese Punkte öffentlich zu diskutieren. Deshalb habe ich diese Aussagen, die ja bei Facebook nur einen begrenztes Publikum erreichen und vergänglich sind, hier dokumentiert. Aber natürlich ist das alles noch nicht zu Ende diskutiert. Unsere Gesellschaft ist erst am Anfang einer wertvollen Debatte, welchen Journalismus wir uns leisten wollen.

Nachtrag (24.11.): Die Schweizer Kommunikationswissenschaftler Cédric Wermuth und Kurt Imhof im Interview.

Korrektur (24.11. abends): Cédric Wermuth ist Politiker. Er sitzt für die SP im Schweizerischen Nationalrat (vgl. Kommentare). Prof. Dr. Kurt Imhof ist Professor für Publizistikwissenschaft und Soziologie an der Uni Zürich; er leitet den Forschungsbereich Öffentlichkeit und Gesellschaft, in dem regelmäßig das Jahrbuch „Qualität der Medien“ herausgegeben wird.

Neue Zeitschrift zur angewandten Journalismusforschung: Die Kluft zwischen Forschung und Praxis überwinden

14. Mai 2012 um 9:14 | Veröffentlicht in Journalismusforschung, Kapitel_1, Kapitel_7, Qualität | Hinterlasse einen Kommentar

Eine neue wissenschaftliche Fachzeitschrift möchte die Kluft zwischen journalistischer Praxis und Forschung überbrücken. Das internationale „Journal of Applied Journalism & Media Studies“ hat sich zum Ziel gesetzt, „to bridge the gap between media and communication research and actors with a say in media production, i.e. broadcasters, newspapers, radios, Internet-based media outlets, etc.“. Die erste Nummer ist kostenlos. Den Aufmacher-Beitrag hat Daniel Perrin von der Zürcher Hochschule Winterthur geschrieben. Es handelt sich um die erweiterte Fassung seiner Antrittsvorlesung. Er nutzt die Aktionsforschung als theoretischen Rahmen für ein Forschungsprojekt, das er mit der öffentlich-rechtlichen „Idée suisse“ durchgeführt hat. Einen ähnlichen Ansatz verfolge ich mit meinen angewandten Forschungsprojekten. Ich habe diese „interaktive Innovationsforschung“ in einem Beitrag im Buch „Methoden der Journalismusforschung“ beschrieben.

In einem weiteren Beitrag in dem neuen Journal werden zehn Regeln für Nachrichtenmedien zum Gebrauch von Twitter begründet und ausgeführt.

Statistisch berechnet: Im Jahr 2034 erscheint die letzte gedruckte Tageszeitung

6. März 2012 um 17:27 | Veröffentlicht in Journalismusforschung, Kapitel_4, Kapitel_7, Zeitung | 52 Kommentare

Für Vorträge in diesen Tagen habe ich die Auflagenzahlen der gedruckten Tageszeitungen in Deutschland der vergangenen 20 Jahre in eine einfache Trendberechnung geschickt. Das Ergebnis ist frappierend: Fast alle Werte liegen tatsächlich sehr genau auf einer Kurve, die sich langsam, aber immer stärker senkt. Im Jahr 1992 waren es noch 26 Millionen verkaufte Tageszeitungen, 2002 23,2 Millionen (minus 11%) und 2011 nur noch 18,8 Millionen (minus 19%). Die Statistik sagt uns voraus: 2022 werden noch ca. 11 Millionen Exemplare verkauft – und 2034 ist dann Schluss.

Statistiker mögen mich dafür steinigen, dass ich für diese schnelle Berechnung mit Excel gearbeitet habe. Mir geht es auch nicht darum, das Jahr des Untergangs exakt vorauszusagen. Denn wie immer bei Prognosen können sich die Randbedingungen massiv ändern. Wenn zum Beispiel ein neues elektronisches Trägermedium für tagesaktuellen, auf Text basierenden Journalismus billig produziert und massenhaft verkauft werden sollte – dann ist wohl früher Schluss mit der täglich gedruckten News und damit, dass wir jede Nacht Papier bedrucken, es mit Lastwägen durch die Gegend karren, von Austrägern in Briefkästen stecken lassen, es ca. 10 bis 40 Minuten zum Lesen benutzen, anschließend in die Tonne werfen, es wieder von Lastwägen abholen lassen, zu Altpapier verarbeiten, es wieder über Nacht…

Kurzum: Es lebe der Journalismus, aber wie lange noch täglich gedruckt – das wissen wir nicht.

Neue Studie zu Transparenz und Vertrauen im Journalismus

9. Mai 2011 um 11:35 | Veröffentlicht in Ethik, Internet, Journalismusforschung, Kapitel_1, Kapitel_5, Kapitel_7, Qualität, Redaktion | 3 Kommentare

Wie können Journalisten Transparenz gegenüber ihrem Publikum herstellen? Und: Schafft Transparenz tatsächlich mehr Vertrauen in Redaktionen und journalistische Produkte? – Transparenz ist zu einem neuen „Buzzword“ geworden und liegt im Trend der digitalen Öffentlichkeit, ist aber nicht eindeutig, sondern widersprüchlich und komplex zu bewerten. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die ich zusammen mit Julius Reimer und Studierenden am Institut für Journalistik der TU Dortmund zwischen Oktober 2009 und Juli 2010 durchgeführt habe. Die Forschungsergebnisse sind nun in einem Aufsatz in der Fachzeitschrift Publizistik erschienen. Der Beitrag ist an vielen Unis aus dem Campusnetz heraus kostenlos abrufbar (das Abstract für alle sichtbar).

Ich habe mich in diesem Blog schon häufig mit Transparenz beschäftigt und einige Möglichkeiten beschrieben, wie Journalisten transparenter mit ihren Nutzern umgehen können. Eine Möglichkeit ist z.B. die „Live-Reportage“, bei der Journalisten ihren gesamten Rechercheprozess offenlegen – noch vor der „eigentlichen“ Veröffentlichung (ein Beispiel). Für den Aufsatz haben wir nun systematisch zusammengetragen, welche Chancen und Risiken es dabei gibt. Vor allem muss man unterscheiden zwischen Produkt und Prozess: Bei der Produkt-Transparenz benennen Journalisten die Quellen und deren Interessen (z.B. durch Links zu Quellen). Die redaktionelle Transparenz oder Prozess-Transparenz lässt das Publikum in die redaktionellen Abläufe und Entscheidungen blicken (z.B. in Blogs und Foren zum redaktionellen Arbeiten wie z.B. im Tagesschau-Blog) – man berichtet in gewisser Weise über sich selbst, was nicht unproblematisch ist. In der Studie denken wir über Qualitätsmaßstäbe für diese Selbstberichterstattung nach: Das Ideal der „Objektivität“ wird ersetzt durch „offene Selbstreflexion“. In den Redaktionen ist ein Diskussionsprozess darüber nötig, was „gute“ und „schlechte“ Selbstberichterstattung ist.

Immer wieder wird behauptet, Transparenz führe zu mehr Vertrauen, weil sie Qualitätsbewertungen durch das Publikum ermöglicht. Dies haben wir in einer empirischen Studie erstmal überprüft. Es ist nicht möglich, hier alle Ergebnisse im Detail wiederzugeben, aber ein Ausschnitt aus dem Fazit soll die Erkenntnisse exemplarisch zeigen:

Bisher empirisch nicht belegte, aber vor allem in der Ratgeberliteratur immer wieder behauptete Annahmen müssen künftig deutlich vorsichtiger und differenzierter betrachtet werden: Links zu Quellen im Online-Journalismus zum Beispiel sind nicht grundsätzlich vertrauenswürdiger, sondern wirken vor allem in Kombination mit redaktioneller Offenheit. Im Print-Journalismus dagegen bringen Selbstdarstellung und die Nennung von Kontaktmöglichkeiten des Autors (vgl. Initiative Tageszeitung 2007) keinen Vertrauenszuwachs; vielmehr sollte in Beiträgen offen mit Quellen umgegangen werden.

Einschränkend ist allerdings zu sagen, dass die gefundenen Korrelationen in der Regel eher schwach ausgeprägt sind. Und es wurde auch nur der Effekt eines einmaligen Einsatzes von Transparenz-Elementen gemessen. Es ist jedoch plausibel anzunehmen, dass Vertrauen langsam über wiederholte positive Erfahrungen aufgebaut wird. Selbst-Transparenz von Redaktionen könnte so bei mehrfachem Gebrauch durchaus zu einem stärkeren Vertrauenszuwachs in ein journalistisches Produkt und in eine Redaktion führen – vor allem im Kontext eines umfassenden Qualitätsmanagements. Dafür haben wir erste Indizien gefunden; der Zusammenhang müsste indes mit einem anderen, eventuell längerfristigen Forschungsdesign nicht im Labor, sondern im Feld weiter untersucht werden.

Nachtrag (20. 3. 2012): Experimentelle Projekte zur transparenten Redaktion werden immer zahlreicher. Ein aktuelles Beispiel: Das ZEITmagazin startet die Aktion „Das Heft Ihrer Wahl“ und ruft seine Leserinnen und Leser in der kommenden Ausgabe Nr. 13 vom 22. März 2012 dazu auf, Themenvorschläge auf einer speziell entwickelten Website einzugeben, zu diskutieren und darüber abzustimmen. Die Redaktionskonferenz dazu am 7. Mai 2012 wird per Live-Stream übertragen. Das Heft erscheint am 21. Juni 2012.

Ansehen der Journalisten tatsächlich gestiegen?

29. April 2011 um 10:23 | Veröffentlicht in Journalismusforschung, Journalisten, Kapitel_3 | 2 Kommentare

Das Institut für Demoskopie Allensbach fragt alle paar Jahre in repräsentativen Bevölkerungsbefragungen nach dem Ansehen ausgewählter Berufe – dieses Mal mit einer überraschenden Erkenntnis: „Journalisten haben im Vergleich zur vorhergehenden Untersuchung deutlich an Ansehen gewonnen“, heißt es in einer Pressemitteilung vom April 2011. Die Resonanz? Das NDR-Medienmagazin ZAPP berichtet über die Studie, erwähnt das überraschende Ergebnis aber nicht, sondern stellt im Gegenteil fest: „… eigentlich haben Journalisten einen wirklich schlechten Ruf. Zu diesem niederschmetternden Ergebnis ist gerade wieder die Umfrage eines Meinungsforschungsinstituts gekommen.“

Können wir auf Grundlage dieser Studie tatsächlich etwas über den Wandel des Berufsprestige aussagen? – Vermutlich kaum, denn die Studie hat ein gravierendes methodisches Problem. Folgende Frage wird seit 1966 in einem Mehrjahresrhythmus an die Bevölkerung gerichtet: „Hier sind einige Berufe aufgeschrieben. Könnten Sie bitte die fünf davon heraussuchen, die Sie am meisten schätzen, vor denen Sie am meisten Achtung haben?“ Den Befragten wird dabei eine Liste mit Berufen vom Arzt über den Pfarrer, den Rechtsanwalt, den Ingenieur, den Politiker, den Studienrat bis zum Gewerkschaftsführer vorgelegt. Das Problem ist aber, dass die Liste jedes Mal anders aussieht: Manchmal sind es 22 Berufe (2005), manchmal 17 (2008) oder auch 18 (2011). Und die Berufsbezeichnungen sind auch unterschiedlich: So wandelt sich zum Beispiel der „Lehrer“ (2005) zum „Grundschullehrer“ und „Studienrat“ (2008) und dann wieder zum „Lehrer“ (2011). Es ist natürlich relevant, ob Journalisten zu den fünf Auserwählten gehören, wenn aus 22 oder aus 17 ausgewählt werden soll (und was die Konkurrenz ist). Ein konkreter Vergleich über Jahre hinweg – also eine Tendenz – ist also mit dieser Studie nicht möglich. Nur eine isolierte Momentaufnahme. In diesen Momentaufnahmen landen die Journalisten allerdings regelmäßig in der zweiten Hälfte. Das ist die einzige Konstante. Der Ruf ist zwar nicht der beste, aber auch nicht der schlechteste – schon gar nicht „niederschmetternd“. Interessant ist, dass im Gegensatz zum Journalisten der „Fernsehmoderator“ – wenn er denn auf der Liste steht (wie 2005 und 2011) – immer an letzter oder vorletzter Stelle landet. Und dabei sind wir wieder beim Definitionsproblem: Ist der „Fernsehmoderator“ Journalist?

Redaktionelle Transparenz und redaktionelle PR bei der NYTimes: Wie eine Redaktion mit Videos aus der Konferenz für sich selbst wirbt

24. März 2010 um 9:58 | Veröffentlicht in Ethik, Internet, Journalismusforschung, Kapitel_7, Qualität, Redaktion, Zeitung | 1 Kommentar

Über redaktionelle Transparenz habe ich hier schon oft gebloggt: über Video-Blattkritik bei der Bild-Zeitung, über offene Redaktionen mit Videos aus Konferenzen und internen Diskussionen in Schweden und den USA und über Transparenz durch Leseranwälte und Redaktionsblogs. Seit 22. März sendet die New York Times ein tägliches Video aus der Redaktion: Der so genante TimesCast ist – wie so häufig bei derartigen Formaten – eine Mischung aus einerseits Transparenz und Offenheit über redaktionelle Entscheidungen und andererseits redaktioneller Public Relations für die Arbeit der Redaktion und die Marke NYTimes. Man kann Ausschnitte aus der Redaktionskonferenz sehen oder bekommt Erklärungen von Journalisten über den speziellen Zugang zu einzelnen Geschichten. Im Gegensatz zu den Videos aus der Redaktion der Nachrichtensendung “Aktuellt” des schwedischen öffentlich-rechtlichen Senders SVT (Projekt 2007-2009 „Offene Redaktion“) hat man bei der NYTimes jedoch den Eindruck, dass es fast ausschließlich um PR geht – und weniger um Offenheit gegenüber den Nutzern über Debatten und Konfliktlinien in der Redaktion.

Es ist noch längst nicht geklärt, wie Redaktionen mit den neuen Möglichkeiten der Transparenz im Internet umgehen sollen – eine neue handwerkliche Frage, aber auch eine ethische Frage. Und eine Forschungsfrage: Führt Transparenz tatsächlich zu mehr Vertrauen? – In Vorträgen (vgl. z.B. 1, 2) und jüngst in einem Buchbeitrag habe ich auf diese neuen Chancen und Risiken hingewiesen (vgl. auch mein Interview im Deutschlandfunk zu diesem Thema).

Integrierter Newsroom: How to do? – Modelle, Konzepte und die richtigen Fragen

5. März 2010 um 10:39 | Veröffentlicht in Journalismusforschung, Kapitel_4, Newsroom, Redaktion, Zeitung | Hinterlasse einen Kommentar

Es gibt nicht das eine, beste und ideale Modell eines integrierten Newsrooms. Aber es gibt Modelle, Konzepte – und die richtigen Fragen, die sich jede Redaktion auf dem Weg zu ihrer eigenen optimalen Organisationsform stellen muss. Diese Punkte fasst Andy Kaltenbrunner in einem lesenswerten Interview zusammen. Andy Kaltenbrunner (Medienhaus Wien) hat zusammen mit spanischen Wissenschaftlern (u.a. José García Avilés) und mir in einem internationalen Forschungsprojekt alte und neue Newsroom-Modelle untersucht. Sein Interview zeigt, dass das Forschungsprojekt nicht nur wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn und Systematisierung gebracht hat, sondern auch konkrete Tipps und Hinweise für Redaktionen in unsicheren Zeiten. (Nachtrag: Auch der Standard, Wien, hat Andy Kaltenbrunner zu diesem Thema interviewt.)

Neue Studie zum Journalismus im Internet: Blogger erbringen punktuell journalistische Leistung und ergänzen den professionellen Journalismus

20. Mai 2009 um 11:43 | Veröffentlicht in Internet, Journalismusforschung, Journalisten, Kapitel_4, Kapitel_6, Kapitel_7 | 2 Kommentare

Zwischen bezahltem – also profesionellem – Journalismus, Bloggern und Nachrichten-Suchmaschinen besteht weniger ein Konkurrenzverhältnis, sondern vielmehr eine vielschichtige, sich gegenseitig ergänzende Beziehung. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie, welche die „Vermittlungsakteure, -strukturen und -leistungen der aktuellen Internetöffentlichkeit“ drei Jahre lang untersucht hat.  Die Autoren Christoph Neuberger, Christian Nuernbergk und Melanie Rischke haben dazu ein Buch veröffentlicht sowie einen kostenlos zugänglichen Beitrag für die Zeitschrift Media Perspektiven. Das Buch besteht aus mehreren Einzelbeiträgen, welche über die DFG-finanzierte empirische Studie hinaus gehen; so ist dort z.B. auch ein Beitrag des australischen Forschers Axel Bruns veröffentlicht („Vom Gatekeeping zum Gatewatching“).

Empirisches Kernstück der Studie war eine Befragung von 503 journalistischen Internet-Angeboten, der eine Vollerhebung vorausgegangen war. Blogger erbringen demnach punktuell journalistische Leistungen und sie sind für die journalistische Recherche wichtig geworden.

„Durch die wechselseitige Thematisierung und Kommentierung beeinflussen sich journalistisch-professionelle und partizipative Angebote. Die Nutzerbeteiligung auf journalistischen Websites erscheint allerdings noch als Experimentierfeld. Die eigentliche Bedrohung des Internets für den professionellen Journalismus wird  nicht auf dem Publikums-, sondern auf dem Werbemarkt gesehen: Neue Werbeträger im Internet stellen die Querfinanzierung des Journalismus durch Werbeerlöse infrage.“

Wie man sich eine Journalismus-Studie bastelt. Sieben Tipps anhand des Fallbeispiels „Journalismus 2009“

2. April 2009 um 16:02 | Veröffentlicht in Journalismusforschung, Kapitel_1 | 7 Kommentare

Eine Pressemitteilung (hier oder hier) der „Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation“ und des Marktforschungsinstituts „YouGovPsychonomics“ hat uns zu folgender Bastelanleitung inspiriert. Geeignet sind die Tipps vor allem für junge aufstrebende, privat-kommerzielle Hochschulen und Marktforschungsinstitute, die offenbar beide darunter leiden, dass man sie (noch) nicht genug kennt und schätzt. Auch wer sonst mal gerne zum Thema Journalismus forschen möchte, möge sich bitte hier ein paar Ratschläge holen:

  • (1) Man suche sich einen griffigen Titel: „Journalismus + Jahreszahl“ funktioniert vor allem in der ersten Jahreshälfte. Gut macht sich ein Untertitel, der Großes verspricht (einlösen muss man das Versprechen ja nicht). „Zum Status des deutschen Journalismus“ ist knackig und hat etwas Wichtiges, ja Staatstragendes.
  • (2) Man denke sich ein paar Fragen aus, die man in einen Online-Fragebogen gieße. Eine theoretische Basis ist dafür nicht nötig. Hauptsache es fallen Schlagwörter wie „Wahrheit“, „Unabhängigkeit“, „Glaubwürdigkeit“, „gesellschaftliches Ansehen“ oder noch besser: „Manipulation“.
  • (3) Mindestens 1000 Menschen sollten sich den Fragebogen antun. Damit man mit dem Adjektiv „repräsentativ“ prahlen kann, sollte die Zusammensetzung altersmäßig so sein, wie sich die Bevölkerung zusammensetzt. Das reicht. Andere Kriterien für Repräsentativität sind völlig irrelevant, z.B. dass ein Drittel der Bevölkerung mit einem Online-Fragebogen gar nicht erreicht werden kann. Die Zahl, wie viele Menschen man mit diesem Fragebogen belästigen musste und wie viele davon ihn letztlich ausfüllten, interessiert in der Veröffentlichung der Studie nicht (mit „Rücklauf“ beschäftigen sich nur wissenschaftliche Erbsenzähler).
  • (4) Ganz wichtig ist, dass man die Ergebnisse der Befragung nicht im wissenschaftlichen Kontext, wie z.B. einer Fachzeitschrift, veröffentlicht, sondern sofort per Pressemitteilung in die Welt bläst. Wer liest schon Fachzeitschriften, die obendrein noch auf wissenschaftliche Qualitätssicherung achten und an der „Studie“ herummosern könnten?
  • (5) In der Pressemitteilung werfe man mit Prozentzahlen um sich, die zwar für sich überhaupt keinen Sinn ergeben, aber in dramatischen Formulierungen mit Sicherheit von Journalisten zitiert werden (z.B. hier oder hier oder hier). Was will uns z.B. sagen, dass „lediglich 46 Prozent der Bundesbürger“ „glauben“, „dass Journalisten an einer wahrheitsgemäßen Berichterstattung interessiert sind“? Oder: „Dass Journalisten objektiv berichten, glauben immerhin 52 Prozent.“ – Was hat das Eine mit dem Anderen zu tun? Ist das viel oder wenig? Waren das früher mehr? Sind es in anderen Ländern mehr? – Oder: Wissen wir nun mehr, wenn wir durch die „Studie“ erfahren, dass – nach Meinung der Befragten – Ärzte einen stressigeren Beruf haben als Journalisten? (So ganz nebenbei: Glauben an Gott oder an andere Transzendenzen war gestern – heute glauben wir an den Journalismus. Zitat: „Lediglich die 20 bis 29-Jährigen glauben an Unabhängigkeit.“)
  • (6) Es ist auch völlig egal, wenn sich die Zahlen widersprechen – weil das ja nur daran liegt, dass die Fragestellungen zu pauschal sind und so nicht funktionieren. Ein Beispiel: Nur 16 Prozent geben an, dass sie „Online-Magazinen“ „vertrauen“. Konkret angegebene Websites wie Spiegel-online, Focus-online oder Zeit-online erhalten dagegen genauso hohe Vertrauenswerte (zwischen 67 und 75 Prozent) wie überregionale Tageszeitungen oder Nachrichtenmagazine (und sogar mehr als das Printmagazin „Stern“).
  • (7) Man überrasche in der Pressemitteilung. Das macht den Text spannend und weist keineswegs auf innere Widersprüche der Fragestellungen hin. Ein Beispiel: „Was nun die Recherchearbeit der Journalisten betrifft, zeigen sich die Befragten aber erstaunlicherweise zufrieden.“ Und: „Allerdings halten es 74 Prozent der Befragten für wahrscheinlich, dass Journalisten im Rahmen der Recherche auch „über Leichen gehen“.“

Erstaunlich, erstaunlich. Da wir jetzt wissen, wie es um den „Status des deutschen Journalismus“ bestellt ist, beschäftigen wir uns demnächst mit der Frage, was ein „Online-Ausleger“ ist. Am schönsten gefällt mir die Wikipedia-Beschreibung aus dem Bereich der Luftbetankung: „Der Ausleger ist ein langes, innerhalb enger Grenzen horizontal und vertikal bewegliches Rohr…“ Das lässt sich doch sicher auf den „Online-Ausleger des Magazins „Focus““ (vgl. Seite 3 der Pressemitteilung) übertragen.

Nachtrag (20.4.09): Einer der Autoren der Studie, Martin Welker, hat in seinem Blog die Methodik der Befragung erläutert („Repräsentativität“) und angekündigt, die Ergebnisse einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift zur Prüfung und Veröffentlichung anzubieten.

Journalismus in Zeiten der Wirtschaftskrise

31. März 2009 um 16:50 | Veröffentlicht in Internet, Journalismusforschung, Kapitel_4, Kapitel_7, Medienökonomie, Qualität, Zeitung | Hinterlasse einen Kommentar

Unter dem Titel „Journalismus und Wirtschaft“ ist gerade die Ausgabe  1/09 des „Journalistik Journal“ erschienen. Darin u.a. Beiträge von Horst Pöttker („Ökonomisierung des Journalismus?„), Susanne Fengler („Der Journalist als Homo oeconomicus„), Klaus Arnold („Mit Qualität aus der Krise?„) und mir („Journalismus in Zeiten der Wirtschaftskrise„). Es ist nicht leicht, zwischen der derzeitigen Wirtschafts- und Anzeigenkrise und dem langfristigen strukturellen Medienwandel zu unterscheiden – vor allem auch weil die aktuelle Krise den Strukturwandel beschleunigt. Die genannten Beiträge können bei dieser Unterscheidung helfen.

Nachtrag (2.4.): Bayern 2 Radio hat ein Dossier zu diesem Thema zusammengestellt: „Ende der vierten Gewalt?“ Und die Drehscheibe hat einen sehr guten Beitrag von Jeff Jarvis übersetzt, welcher Ideen und Visionen vor allem für den Lokaljournalismus zusammenfasst. Das ist eine prima Ergänzung zu meiner Krisenanalyse.

Umfassendes Gutachten zur Entwicklung der Medien in Deutschland

19. Dezember 2008 um 11:20 | Veröffentlicht in Journalismusforschung, Kapitel_4, Kapitel_7, Kommunikationsfreiheit, Medienökonomie, Qualität | 1 Kommentar

Die Bundesregierung hat in dieser Woche einen neuen Medien- und Kommunikationsbericht in Berlin vorgestellt. Der letzte Bericht stammt aus dem Jahr 1998. Ziel dieser Berichte, die an den Bundestag gehen und öffentlich zur Verfügung stehen, ist es in erster Linie, die Medienpolitik in Deutschland darzulegen. Das ist bei den Aspekten, die mit Journalismus zu tun haben, dann nicht so richtig befriedigend: Häufig werden „Defizite festgestellt“ und es wird schön formuliert, dass die Bundesregierung einen „erheblichen Handlungsbedarf“ sieht (z.B. zur Aus- und Fortbildung von Journalisten, S. 85f.) – aber die Standardantwort ist meist, dass die Bundesregierung nur beschränkte Handlungsmöglichkeiten hat und andere gefordert sind (z.B. die Medienunternehmen, was die praktische Ausbildung betrifft, oder die Bundesländer, was die Hochschulausbildung angeht). Das ist zwar richtig, nur wahnsinnig erhellend ist der Bericht dann in dieser Hinsicht nicht – und erst recht nicht lösungsorientiert. Dieses Geschwurbel hätte man sich schenken können (jetzt hat es halt die Bundesregierung auch mal gesagt).

Aber: Für ein wissenschaftliches Fachpublikum ist vor allem das umfassende Gutachten, das dem Bericht zu Grunde lag, lesenswert: Das Hans-Bredow-Institut der Universität Hamburg hat auf 380 Seiten die Entwicklung der Medien in den vergangenen zehn Jahren zusammengefasst und analysiert – auf Basis einer intensiven Recherche in zahlreichen wissenschaftlichen Studien. Das Gutachten stammt vom 4. Juni 2008 und steht jetzt ebenfalls als pdf-Datei zur Verfügung. Ich empfehle die pdf-Datei für Journalistik-Studierende als Basis für wissenschaftliche Recherchen in Seminaren und Abschlussarbeiten. Vielleicht kann man ja auch über die Feiertage mal reinlesen…

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