Statistisch berechnet: Im Jahr 2034 erscheint die letzte gedruckte Tageszeitung

6. März 2012 um 17:27 | Veröffentlicht in Journalismusforschung, Kapitel_4, Kapitel_7, Zeitung | 55 Kommentare

Für Vorträge in diesen Tagen habe ich die Auflagenzahlen der gedruckten Tageszeitungen in Deutschland der vergangenen 20 Jahre in eine einfache Trendberechnung geschickt. Das Ergebnis ist frappierend: Fast alle Werte liegen tatsächlich sehr genau auf einer Kurve, die sich langsam, aber immer stärker senkt. Im Jahr 1992 waren es noch 26 Millionen verkaufte Tageszeitungen, 2002 23,2 Millionen (minus 11%) und 2011 nur noch 18,8 Millionen (minus 19%). Die Statistik sagt uns voraus: 2022 werden noch ca. 11 Millionen Exemplare verkauft – und 2034 ist dann Schluss.

Statistiker mögen mich dafür steinigen, dass ich für diese schnelle Berechnung mit Excel gearbeitet habe. Mir geht es auch nicht darum, das Jahr des Untergangs exakt vorauszusagen. Denn wie immer bei Prognosen können sich die Randbedingungen massiv ändern. Wenn zum Beispiel ein neues elektronisches Trägermedium für tagesaktuellen, auf Text basierenden Journalismus billig produziert und massenhaft verkauft werden sollte – dann ist wohl früher Schluss mit der täglich gedruckten News und damit, dass wir jede Nacht Papier bedrucken, es mit Lastwägen durch die Gegend karren, von Austrägern in Briefkästen stecken lassen, es ca. 10 bis 40 Minuten zum Lesen benutzen, anschließend in die Tonne werfen, es wieder von Lastwägen abholen lassen, zu Altpapier verarbeiten, es wieder über Nacht…

Kurzum: Es lebe der Journalismus, aber wie lange noch täglich gedruckt – das wissen wir nicht.

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Journalismus 3.0: Trend Datenjournalismus

9. September 2011 um 10:36 | Veröffentlicht in Internet, Kapitel_5, Kapitel_7, Qualität | 5 Kommentare

Was kommt nach dem Web 2.0? – Seit Jahren gibt es etliche Spekulationen, wie sich das Internet und der Online-Journalismus weiter entwickeln werden. Ein Trend zeichnet sich immer deutlicher ab: ein Journalismus, der Datensätze anschaulich visualisiert – nicht nur in zweidimensionalen Infografiken, die in den 90er Jahren entwickelt wurden, sondern vor allem in interaktiven Grafiken, in denen die Nutzer navigieren und sich die Daten auf eigene Weise erschließen können.

Im Lehrbuch „Journalistik“ stelle ich die Berichterstattungsmuster des Journalismus vor. Der neue Datenjournalismus gehört zum Typus des Präzisionsjournalismus, der schon 1973 von Philip Meyer (University of North Carolina at Chapel Hill) im Buch „Precision Journalism“ beschrieben wurde: Der Journalist bedient sich (sozial-)wissenschaftlicher Methoden, um auf Basis wissenschaftlich erhärteter Faktizität präziser berichten zu können. Das Rollenbild ist dann nicht der „Vermittler“ (wie im „Objektiven Journalismus“) oder der „Wachhund“ (wie im Investigativen Journalismus), sondern der „Forscher“. Neue Methoden erweitern die Möglichkeiten und beziehen zum Beispiel die Nutzer in die Datensammlung mit ein (Stichwort „Crowdsourcing“).

Wer sich näher damit beschäftigen und lernen möchte, was einen guten Datenjournalismus ausmacht, der findet inzwischen viele Ankerpunkte im Internet. Einige Beispiele:

Nachtrag (26.9.): Zeit online hat mit einem Datenjournalismusprojekt einen der renommierten Online Journalism Awards gewonnen. Herzlichen Glückwunsch!

Henri-Nannen-Preis aberkannt – Begründung: mangelnde Transparenz

10. Mai 2011 um 9:44 | Veröffentlicht in Ethik, Kapitel_7, Qualität | Kommentare deaktiviert für Henri-Nannen-Preis aberkannt – Begründung: mangelnde Transparenz

Gestern noch habe ich von unserer neuen Studie zu „Transparenz und Vertrauen“ berichtet. Nun ist das Thema plötzlich im Medienjournalismus aktuell geworden: Die Jury des Henri-Nannen-Preises hat dem Spiegel-Redakteur René Pfister den Preis für die beste Reportage („Am Stellpult“) aberkannt. In der Einstiegspassage hatte der Autor eine szenische Rekonstruktion geschildert, die er selbst nicht beobachtet hat. Aus der Begründung der Jury:

„Nach der Jury-Entscheidung wurde durch eigene Bekundung Pfisters bekannt, dass die Eingangspassage der preisgekrönten Reportage, eine detaillierte Schilderung von Seehofers Umgang mit seiner Modelleisenbahn im Keller seines Ferienhauses, entgegen dem Eindruck der Leser und aller Juroren nicht auf der eigenen Wahrnehmung des Autors beruht. Die Glaubwürdigkeit einer Reportage erfordert aber, dass erkennbar ist, ob Schilderungen durch die eigene Beobachtung des Verfassers zustande gekommen sind, oder sich auf eine andere Quelle stützen, die dann benannt werden muss.“

Ein klarer Fall mangelnder Transparenz. Gerade im Print-Journalismus kann Quellentransparenz zu mehr Vertrauen und Glaubwürdigkeit führen – so das Ergebnis unserer Studie. Der Spiegel sieht das anders. Meedia fasst die Kritik in einer kommentierenden Analyse zusammen. Sollten der Spiegel – und im Grunde genommen alle Printmedien – das Jury-Urteil und die Ergebnisse unsere Studie ernst nehmen, dann muss künftig so manche szenische Schilderung, so mancher szenische Einstieg anders geschrieben werden. „Szenische Rekonstruktionen“ sollten offen gelegt oder ganz vermieden werden. In unserer Studie verweisen wir z.B. darauf, dass ein Feature-Autor in einem „Methods Block“ oder in Fußnoten seinen Rechercheprozess erklären und die Quellenlage kritisch einordnen kann. Auch in Zeitung oder Zeitschrift können dafür Fußnoten verwendet werden – wie etwa bei der Serie „Enrique’s Journey“ der Los Angeles Times, die 2002 einen Pulitzer-Preis gewann.

Im Übrigen gibt es immer mehr Journalisten, die mehr Transparenz im Journalismus fordern – zum Beispiel neuerdings die Medienjournalistin Ulrike Langer in Ihren „5 Thesen zur Zukunft des Journalismus“, die sie bei der 20-Jahre-Feier von „B5 aktuell“ als Keynote vorgetragen hat und bei denen sie sich stark auf Jeff Jarvis bezieht (vgl. z.B. (1) oder (2)).

Nachtrag I (13.5.): Eine Studie eines Forscherteams um Michael Haller (Uni Leipzig) bestätigt unsere Thesen: Sie legten 45 Lesern den betreffenden Spiegel-Artikel vor und fragten überwiegend nach der Glaubwürdigkeit der Geschichte. Michael Haller:

„[…] Rund vier von fünf Testlesern (38 von 45) gaben an, dass sie beim Lesen gern gewusst hätten, woher der Verfasser seine Informationen hat (»im Text sollte genannt werden, woher die Informationen stammen«); nur ein Viertel fand, dass der Verfasser vom Quellenschutz Gebrauch machen darf.

Fazit: Für die meisten Leser ist das Problem der vorgespielten Authentizität nicht entscheidend; wichtiger ist ihnen die Quellentransparenz: Sie wollen dem Autor nicht blind vertrauen.[…]“

Nachtrag II (13.5.): Der Autor René Pfister hat in einem Interview Stellung genommen und verteidigt den Spiegel-Standard, den man in vielen Spiegel-Texten findet: „Dass man aus Erfragtem, Erzähltem und Gelesenem eine Schilderung macht, ist absolut übliches journalistisches Handwerk.“ Und er gibt zwar zu, dass man diskutieren kann, ob man im Einstieg mit einem Satz noch deutlicher hätte machen können, dass die Schilderung auf Recherche beruht. Er geht aber nicht so weit zu fordern, dass man alle Quellen offen legen sollte, aus denen die Informationen stammen. Es ist eben das alte Spiegel-Problem (und Problem auch anderer Medien), dem Publikum vorzuspielen, man wisse ja alles und habe auch alles überprüft – die siebte W-Frage „Woher?“ wird dabei bewusst ignoriert. Dabei will es das Publikum wissen, sonst glaubt es der Geschichte weniger.

Mir scheint, es ist ein Problem der Systems. Der Autor hat sich konform verhalten und wird jetzt stellvertretend abgewatscht. Dass er das ungerecht findet, ist nachvollziehbar.

Neue Studie zu Transparenz und Vertrauen im Journalismus

9. Mai 2011 um 11:35 | Veröffentlicht in Ethik, Internet, Journalismusforschung, Kapitel_1, Kapitel_5, Kapitel_7, Qualität, Redaktion | 3 Kommentare

Wie können Journalisten Transparenz gegenüber ihrem Publikum herstellen? Und: Schafft Transparenz tatsächlich mehr Vertrauen in Redaktionen und journalistische Produkte? – Transparenz ist zu einem neuen „Buzzword“ geworden und liegt im Trend der digitalen Öffentlichkeit, ist aber nicht eindeutig, sondern widersprüchlich und komplex zu bewerten. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die ich zusammen mit Julius Reimer und Studierenden am Institut für Journalistik der TU Dortmund zwischen Oktober 2009 und Juli 2010 durchgeführt habe. Die Forschungsergebnisse sind nun in einem Aufsatz in der Fachzeitschrift Publizistik erschienen. Der Beitrag ist an vielen Unis aus dem Campusnetz heraus kostenlos abrufbar (das Abstract für alle sichtbar).

Ich habe mich in diesem Blog schon häufig mit Transparenz beschäftigt und einige Möglichkeiten beschrieben, wie Journalisten transparenter mit ihren Nutzern umgehen können. Eine Möglichkeit ist z.B. die „Live-Reportage“, bei der Journalisten ihren gesamten Rechercheprozess offenlegen – noch vor der „eigentlichen“ Veröffentlichung (ein Beispiel). Für den Aufsatz haben wir nun systematisch zusammengetragen, welche Chancen und Risiken es dabei gibt. Vor allem muss man unterscheiden zwischen Produkt und Prozess: Bei der Produkt-Transparenz benennen Journalisten die Quellen und deren Interessen (z.B. durch Links zu Quellen). Die redaktionelle Transparenz oder Prozess-Transparenz lässt das Publikum in die redaktionellen Abläufe und Entscheidungen blicken (z.B. in Blogs und Foren zum redaktionellen Arbeiten wie z.B. im Tagesschau-Blog) – man berichtet in gewisser Weise über sich selbst, was nicht unproblematisch ist. In der Studie denken wir über Qualitätsmaßstäbe für diese Selbstberichterstattung nach: Das Ideal der „Objektivität“ wird ersetzt durch „offene Selbstreflexion“. In den Redaktionen ist ein Diskussionsprozess darüber nötig, was „gute“ und „schlechte“ Selbstberichterstattung ist.

Immer wieder wird behauptet, Transparenz führe zu mehr Vertrauen, weil sie Qualitätsbewertungen durch das Publikum ermöglicht. Dies haben wir in einer empirischen Studie erstmal überprüft. Es ist nicht möglich, hier alle Ergebnisse im Detail wiederzugeben, aber ein Ausschnitt aus dem Fazit soll die Erkenntnisse exemplarisch zeigen:

Bisher empirisch nicht belegte, aber vor allem in der Ratgeberliteratur immer wieder behauptete Annahmen müssen künftig deutlich vorsichtiger und differenzierter betrachtet werden: Links zu Quellen im Online-Journalismus zum Beispiel sind nicht grundsätzlich vertrauenswürdiger, sondern wirken vor allem in Kombination mit redaktioneller Offenheit. Im Print-Journalismus dagegen bringen Selbstdarstellung und die Nennung von Kontaktmöglichkeiten des Autors (vgl. Initiative Tageszeitung 2007) keinen Vertrauenszuwachs; vielmehr sollte in Beiträgen offen mit Quellen umgegangen werden.

Einschränkend ist allerdings zu sagen, dass die gefundenen Korrelationen in der Regel eher schwach ausgeprägt sind. Und es wurde auch nur der Effekt eines einmaligen Einsatzes von Transparenz-Elementen gemessen. Es ist jedoch plausibel anzunehmen, dass Vertrauen langsam über wiederholte positive Erfahrungen aufgebaut wird. Selbst-Transparenz von Redaktionen könnte so bei mehrfachem Gebrauch durchaus zu einem stärkeren Vertrauenszuwachs in ein journalistisches Produkt und in eine Redaktion führen – vor allem im Kontext eines umfassenden Qualitätsmanagements. Dafür haben wir erste Indizien gefunden; der Zusammenhang müsste indes mit einem anderen, eventuell längerfristigen Forschungsdesign nicht im Labor, sondern im Feld weiter untersucht werden.

Nachtrag (20. 3. 2012): Experimentelle Projekte zur transparenten Redaktion werden immer zahlreicher. Ein aktuelles Beispiel: Das ZEITmagazin startet die Aktion „Das Heft Ihrer Wahl“ und ruft seine Leserinnen und Leser in der kommenden Ausgabe Nr. 13 vom 22. März 2012 dazu auf, Themenvorschläge auf einer speziell entwickelten Website einzugeben, zu diskutieren und darüber abzustimmen. Die Redaktionskonferenz dazu am 7. Mai 2012 wird per Live-Stream übertragen. Das Heft erscheint am 21. Juni 2012.

Wolfgang Blau: „Dem Journalismus geht es erstaunlich gut”

17. Mai 2010 um 20:57 | Veröffentlicht in Internet, Journalisten, Kapitel_7 | Kommentare deaktiviert für Wolfgang Blau: „Dem Journalismus geht es erstaunlich gut”

Heute nur ein Hinweis auf eine erstaunlich gute Analyse von Wolfgang Blau, Chefredakteur von Zeit online. Er schlägt in die gleichen Kerben wie immer wieder auch Alan Rusbridger (Guardian). „Man muss kein Idealist sein, um dem Journalismus ein goldenes Zeitalter vorauszusagen.”

Redaktionelle Transparenz und redaktionelle PR bei der NYTimes: Wie eine Redaktion mit Videos aus der Konferenz für sich selbst wirbt

24. März 2010 um 9:58 | Veröffentlicht in Ethik, Internet, Journalismusforschung, Kapitel_7, Qualität, Redaktion, Zeitung | 1 Kommentar

Über redaktionelle Transparenz habe ich hier schon oft gebloggt: über Video-Blattkritik bei der Bild-Zeitung, über offene Redaktionen mit Videos aus Konferenzen und internen Diskussionen in Schweden und den USA und über Transparenz durch Leseranwälte und Redaktionsblogs. Seit 22. März sendet die New York Times ein tägliches Video aus der Redaktion: Der so genante TimesCast ist – wie so häufig bei derartigen Formaten – eine Mischung aus einerseits Transparenz und Offenheit über redaktionelle Entscheidungen und andererseits redaktioneller Public Relations für die Arbeit der Redaktion und die Marke NYTimes. Man kann Ausschnitte aus der Redaktionskonferenz sehen oder bekommt Erklärungen von Journalisten über den speziellen Zugang zu einzelnen Geschichten. Im Gegensatz zu den Videos aus der Redaktion der Nachrichtensendung “Aktuellt” des schwedischen öffentlich-rechtlichen Senders SVT (Projekt 2007-2009 „Offene Redaktion“) hat man bei der NYTimes jedoch den Eindruck, dass es fast ausschließlich um PR geht – und weniger um Offenheit gegenüber den Nutzern über Debatten und Konfliktlinien in der Redaktion.

Es ist noch längst nicht geklärt, wie Redaktionen mit den neuen Möglichkeiten der Transparenz im Internet umgehen sollen – eine neue handwerkliche Frage, aber auch eine ethische Frage. Und eine Forschungsfrage: Führt Transparenz tatsächlich zu mehr Vertrauen? – In Vorträgen (vgl. z.B. 1, 2) und jüngst in einem Buchbeitrag habe ich auf diese neuen Chancen und Risiken hingewiesen (vgl. auch mein Interview im Deutschlandfunk zu diesem Thema).

Mehr über Journalismus nachdenken – nicht über Geschäftsmodelle. Und: Sich nicht hinter Paywalls einschließen

16. März 2010 um 11:07 | Veröffentlicht in Internet, Kapitel_7, Zeitung | Kommentare deaktiviert für Mehr über Journalismus nachdenken – nicht über Geschäftsmodelle. Und: Sich nicht hinter Paywalls einschließen

Der Chefredakteur des britischen Guardian, Alan Rusbridger, hat im Vorfeld zur Tagung „Journalism 2020“ in Wien zwei Interviews gegeben, die beide lesenswert sind: für diepresse.com und derstandard.at.  Er verteidigt noch einmal die Position, dass Paid Content im Internet den Journalismus zerstören würde: „Ich denke, die einzige Hoffnung für den Journalismus ist es, sich nicht hinter Bezahlmauern („Pay Walls“) einzuschließen. Dies zerstört genau jenes neue Potenzial, das der Journalismus heute hat.“ Und: „Es geht darum, mehr über den Journalismus nachzudenken als über Geschäftsmodelle.“ Viele deutsche Chefredakteure sehen das genau umgekehrt. Mein Eindruck von Tagungen und Diskussionen mit Chefredakteuren in den vergangenen Monaten: Der starre Blick auf Geschäftsmodelle blockiert das Nachdenken über Innovationen im Journalismus.

Neue Studie zum Journalismus im Internet: Blogger erbringen punktuell journalistische Leistung und ergänzen den professionellen Journalismus

20. Mai 2009 um 11:43 | Veröffentlicht in Internet, Journalismusforschung, Journalisten, Kapitel_4, Kapitel_6, Kapitel_7 | 2 Kommentare

Zwischen bezahltem – also profesionellem – Journalismus, Bloggern und Nachrichten-Suchmaschinen besteht weniger ein Konkurrenzverhältnis, sondern vielmehr eine vielschichtige, sich gegenseitig ergänzende Beziehung. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie, welche die „Vermittlungsakteure, -strukturen und -leistungen der aktuellen Internetöffentlichkeit“ drei Jahre lang untersucht hat.  Die Autoren Christoph Neuberger, Christian Nuernbergk und Melanie Rischke haben dazu ein Buch veröffentlicht sowie einen kostenlos zugänglichen Beitrag für die Zeitschrift Media Perspektiven. Das Buch besteht aus mehreren Einzelbeiträgen, welche über die DFG-finanzierte empirische Studie hinaus gehen; so ist dort z.B. auch ein Beitrag des australischen Forschers Axel Bruns veröffentlicht („Vom Gatekeeping zum Gatewatching“).

Empirisches Kernstück der Studie war eine Befragung von 503 journalistischen Internet-Angeboten, der eine Vollerhebung vorausgegangen war. Blogger erbringen demnach punktuell journalistische Leistungen und sie sind für die journalistische Recherche wichtig geworden.

„Durch die wechselseitige Thematisierung und Kommentierung beeinflussen sich journalistisch-professionelle und partizipative Angebote. Die Nutzerbeteiligung auf journalistischen Websites erscheint allerdings noch als Experimentierfeld. Die eigentliche Bedrohung des Internets für den professionellen Journalismus wird  nicht auf dem Publikums-, sondern auf dem Werbemarkt gesehen: Neue Werbeträger im Internet stellen die Querfinanzierung des Journalismus durch Werbeerlöse infrage.“

nachrichten.de geht im Juni online: eine Bündelung der News-Ströme im Web

20. Mai 2009 um 11:08 | Veröffentlicht in Internet, Kapitel_4, Kapitel_7 | 1 Kommentar

Im Juni will focus.de mit dem neuen Angebot nachrichten.de auf den Markt kommen. Zunächst hatte man mit einem Projektstart im April gerechnet (vgl. BDZV-Mitteilung). Chefredakteur Jochen Wegner erzählte am Samstag am Rande des Süddeutschen Journalistentags, dass zurzeit noch ein paar Dinge optimiert würden, und zeigte die aktuelle Version auf seinem iPhone in die Runde: nachrichten.de sieht ein wenig so aus wie focus.de – arbeitet aber ganz anders und bietet einen ganz anderen Service. Die Plattform wird ohne Journalisten auskommen: Eine Maschine bündelt aktuelle Nachrichten aus vielen journalitischen Websites – also ein wenig so wie news.google.de, aber noch viel mehr: Es werden z.B. auch Themendossiers gebündelt oder Themenkarrieren können verfolgt werden. Es ist – wie Jochen Wegner früher schon mal sagte – ein „Durchlauferhitzer für Journalismus, von dem alle Nachrichtenangebote gleichermaßen profitieren“. Die Beiträge selbst sind ja nur verlinkt. Traffic wird durch nachrichten.de also auf die ursprünglichen Websites gelenkt.

Focus.de hat sich bei der Entwicklung nicht nur von news.google.de inspirieren lassen, sondern auch von daylife.com. Ich bin sehr gespannt, wie der Algorithmus funktoniert, ob die Entwickler die Nachrichtenströme des Webs richtig eingeschätzt und die Relevanzkriterien sinnvoll definieren konnten (Wegner: „Wir haben beim Programmieren sehr viel über Nachrichten und Journalismus gelernt.“) Vielleicht wird man anhand des Angebots dann noch stärker transparent nachvollziehen können, wie Dutzende Redaktionen voneinander abschreiben und wie journalistische Hypes entstehen und vergehen (wie z.B. jüngst die Schweinegrippe).

Redaktionelle Konvergenz in der Schweiz

20. Mai 2009 um 10:24 | Veröffentlicht in Öffentlich-rechtliche, Internet, Kapitel_4, Kapitel_7, Newsroom, Qualität, Redaktion, Zeitung | Kommentare deaktiviert für Redaktionelle Konvergenz in der Schweiz

Redaktionen werden auch in der Schweiz immer mehr plattform-übergreifend organisiert. Ein Beispiel ist das „Bieler Taglatt“ (ein vergleichsweise kleines Medienhaus), das vor kurzem unter Chefredakteurin Catherine Duttweiler in einem Newsroom/an einem Newsdesk die Tageszeitungen „Bieler Tagblatt“ und „Journal du Jura“, das Lokalradio Canal3, das Regionalfernsehen Telebielingue sowie sechs Online-Plattformen zusammengeführt hat.

Der Verband Schweizer Presse hat die aktuellen Trends aufgegriffen und vor einer Woche das Dossier „Newsroom. Redaktionsorganisation im Wandel“ veröffentlicht, in dem neben grundsätzlichen Informationen z.B. von Dietmar Schantin (IFRA – Newsplex) und mir auch Daten und Fallbeispiele aus der Schweizer Medienlandschaft analysiert und vorgestellt werden.

Auch die öffentlich-rechtliche Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft SRG hat das Thema Medienkonvergenz ganz oben auf der Agenda, nachdem der nationale Verwaltungsrat der SRG im März die Zusammenlegung von Radio, Fersehen und Online beschlossen hat. Im Grundsatz aus ökonomischen Gründen, weil die Gebührengelder und Werbeeinnahmen die Kosten nicht mehr decken. Doch wie diese beschlossene Zusammenlegung im Detail in den Redaktionen verwirklicht werden soll – „darüber gibt es fast täglich Konferenzen“, erzählten SRG-Journalisten gestern beim Seminar „Medienkonvergenz: Schock oder Chance?“ in Zürich. Wir konnten die SRG-Multimedia-Redaktion besuchen, die gerade mit der TV-Tagesschau-Redaktion zusammengelegt wird. In den Gesprächen wurde wieder einmal deutlich, dass eben nicht nur ökonische Gründe und Sparzwang zu konvergenten Redaktionen führen – sondern auch und vor allem das geänderte Nutzungsverhalten: Hansjörg Wilhelm, Leiter der Tagesschau-Multimedia-Redaktion sagte: „Das lineare Fernsehen ist ein Auslaufmodell.“ Immer mehr Journalisten – und vor allem alle künftigen – müssten für die TV-Sendung Tagesschau und für das Web arbeiten. Nur so können Sie in Zukunft ein breites (und junges) Publikum erreichen.

Fehlerkorrektur im Journalismus: sueddeutsche.de zeigt, wie man’s nicht macht

18. Mai 2009 um 15:14 | Veröffentlicht in Ethik, Internet, Kapitel_7, Qualität, Redaktion, Zeitung | Kommentare deaktiviert für Fehlerkorrektur im Journalismus: sueddeutsche.de zeigt, wie man’s nicht macht

Fehler offensiv zu korrigieren und zu erklären – das müssen Redaktionen in Deutschland erst lernen. Im Gegensatz zum Journalismus in den USA und in Großbritannien. Weil immer wieder Fehler beim Korrigieren von Fehlern passieren, hier einmal eine kleine Studie, aus der man lernen kann, wie man’s nicht macht. SZ-Autor Willi Winkler hat am 13. Mai auf der Medienseite der Printausgabe darüber gelästert, dass beim Spiegel-Shop auch Nazi-Literatur bestellt werden kann. Dass auch die Süddeutsche Zeitung und andere Verlagshäuser Bücher verkaufen und damit alle in Deutschland gehandelte Literatur, war dem Autor entgangen. Der Beitrag wurde auch auf sueddeutsche.de veröffentlicht.

Was wir daraus lernen? Transparenz ist ein Qualitätskriterium des Journalismus, das gerade im Internet zunehmend wichtiger wird. Redaktionen sollten Fehler offensiv korrigieren, Nutzerkommentare dazu dankbar aufgreifen und auch auf Kritiker verlinken. Transparenz schafft Glaubwürdigkeit – nicht nur in Politik und Wirtschaft, sondern auch im Journalismus.

SZ-Magazin: Fackelzüge zur Zukunft der Zeitung

7. Mai 2009 um 13:27 | Veröffentlicht in Internet, Journalisten, Kapitel_4, Kapitel_7, Qualität, Zeitung | Kommentare deaktiviert für SZ-Magazin: Fackelzüge zur Zukunft der Zeitung

Querverweis auf meinen Beitrag im Journalismus-Darmstadt-Blog: Das aktuelle SZ-Magazin ruft unter der Schlagzeile „Wozu Zeitung?“ zu „Fackelzügen von Journalisten und Druckern“ auf. Das hat uns wieder einmal zu einer kleinen Bastelanleitung inspiriert, wie man journalistisch mit Fragen zur Zukunft des Journalismus umgeht. Mein Kollege Thomas Pleil betrachtet das Ganze unter dem PR-Aspekt, wünscht sich aber lieber guten Journalismus statt eine PR-Kampagne.

Bildblog will ab morgen alle Medien kritisieren

5. April 2009 um 18:43 | Veröffentlicht in Ethik, Kapitel_7, Qualität | Kommentare deaktiviert für Bildblog will ab morgen alle Medien kritisieren

Als „Bildblog für alle“ will das Team von Bildblog.de künftig antreten. Nach fast fünf Jahren Kritik an Europas größter Tageszeitung weitet sich nun der Fokus. „[…] es ging uns nie nur um die „Bild“-Zeitung, sondern um ihre Macht als viel gelesenes und für wichtig genommenes Leitmedium”, schreiben die Macher des Bildblog. „Es gibt viele Beispiele dafür, wie deutsche Medien ihrer Verantwortung nicht gerecht werden. Oft fehlt es schon an der schlichten Bereitschaft, eigene Fehler zu korrigieren. Sinkende Werbeerlöse und der Medienumbruch bedrohen gerade die Qualität.“ Nach dem Abschied von Bildblog-Mitbegründer Christoph Schultheis ergänzt der Ex-Zeitungs- und Fernsehjournalist Christian Jakubetz die beiden Medien-Kritiker Stefan Niggemeier und Lukas Heinser.

Journalismus in Zeiten der Wirtschaftskrise

31. März 2009 um 16:50 | Veröffentlicht in Internet, Journalismusforschung, Kapitel_4, Kapitel_7, Medienökonomie, Qualität, Zeitung | Kommentare deaktiviert für Journalismus in Zeiten der Wirtschaftskrise

Unter dem Titel „Journalismus und Wirtschaft“ ist gerade die Ausgabe  1/09 des „Journalistik Journal“ erschienen. Darin u.a. Beiträge von Horst Pöttker („Ökonomisierung des Journalismus?„), Susanne Fengler („Der Journalist als Homo oeconomicus„), Klaus Arnold („Mit Qualität aus der Krise?„) und mir („Journalismus in Zeiten der Wirtschaftskrise„). Es ist nicht leicht, zwischen der derzeitigen Wirtschafts- und Anzeigenkrise und dem langfristigen strukturellen Medienwandel zu unterscheiden – vor allem auch weil die aktuelle Krise den Strukturwandel beschleunigt. Die genannten Beiträge können bei dieser Unterscheidung helfen.

Nachtrag (2.4.): Bayern 2 Radio hat ein Dossier zu diesem Thema zusammengestellt: „Ende der vierten Gewalt?“ Und die Drehscheibe hat einen sehr guten Beitrag von Jeff Jarvis übersetzt, welcher Ideen und Visionen vor allem für den Lokaljournalismus zusammenfasst. Das ist eine prima Ergänzung zu meiner Krisenanalyse.

Nach dem Amoklauf: Massive Verstöße gegen die journalistische Ethik

30. März 2009 um 15:15 | Veröffentlicht in Ethik, Journalisten, Kapitel_7, Qualität | 2 Kommentare

Zu den „prekären Konstellationen bei der journalistischen Arbeit“ gehören Zeit- und Produktionsdruck, die individuelle Sehnsucht nach dem Scoop, der exklusiven Story, oder ein hoher Konkurrenzdruck – stellte Siegfried Weischenberg in seinem Buch „Journalistik“ schon Anfang der 1990er Jahre fest (S. 205). Hinzu kommen unausgereifte redaktionelle Konzepte im Umgang mit neuen technischen Möglichkeiten und schlicht Sensationsgeilheit. Man kann die schlimmsten journalistischen Verfehlungen immer wieder beobachten, reflektieren, im Medienjournalismus, in Blogs oder in Wissenschaft und Ausbildung thematisieren – und doch lassen sie sich nicht ausrotten.

Wer mit etwas Abstand die Berichterstattung über den Amoklauf in Winnenden reflektiert, blickt wütend und ratlos auf massive Verletzungen der journalistischen Ethik. Hier einige Beispiele mit Links zur Vertiefung und Diskussion (Dank vor allem an Stefan Niggemeier, der zusammen mit seiner Community auch hier wieder akribisch protokolliert und treffend kommentiert hat):

  • Zwei Mitarbeiter von Focus online scheiterten kläglich beim Versuch während der Anreise zum Tatort zu twitternaufgezeichnet von Stefan Niggemeier.
  • Live-Berichterstattung: Stundenlange Sondersendungen, wo doch über das schlimme Ereignis in drei Minuten berichtet wäre, erzeugen hilflose Reporter vor Ort. Wenn dann noch Erfahrungslosigkeit und Naivität hinzu kommen, dann wird das auf RTL gesendet. Reporterin Sarah Jovanovic: „…es ist Wahsinn. Hier blinken die Lichter um uns herum. … es ist Wahnsinn. Es heißt sogar, dass der Täter hier vor Ort noch um sich springen könnte … eine solche Größenordnung… ein Chaos vom Feinsten.“
  • Die Belagerung der Kleinstadt Winnenden in den Stunden und Tagen danach: Jugendliche werden vor die Kameras gezerrt. Wütende Botschaften von Schülern an Journalisten: „Lasst uns in Ruhe trauern“, „Keine Presse“. Die NDR-Sendung ZAPP dokumentiert das unfassbare Fehlverhalten von Journalisten aus aller Welt.
  • Die Heroisierung des Täters und der Tat: Tim K. wird zum Spiegel-Titel, Bild setzt den Amoklauf mit schwarzer Kampfuniform und Heldenpose in Szene. „Kurze Sachinformation hätte gereicht. Die Gefahr des Nachahmereffekts ist ein riesiges Problem“, sagt die Kriminologin Britta Bannenberg im Chat nach der Anne Will-Sendung.
  • In vielen Magazinen und Zeitungen – unter anderem Bild, Bild am Sonntag, Focus, Stern – sind Fotos von (jugendlichen) Opfern zu sehen. Zum einen wurde dabei eklatant gegen den Pressekodex verstoßen, der in der Richtlinie 8.1 fordert, dass weder Opfer noch Täter in Wort und Bild genannt und gezeigt werden. Zum anderen wurden die meisten dieser Fotos aus sozialen Netzwerken im Internet (u.a. Schüler VZ) einfach kopiert, ohne die Angehörigen der Opfer zu fragen. Die ARD-Sendung Panorama hat in einem Beitrag den Foto-Raubzug von Journalisten im Internet – auch zu anderen Themen – angeprangert (vgl. den Beitrag von Niggemeier dazu).
  • Wer ist schuld an der schmutzigen Berichterstattung? Findige Journalisten machen das Web 2.0 und die Möglichkeit, dass jetzt alle mitreden und mitdiskutieren können, dafür verantwortlich.  So zum Beispiel der Chefredakteur von Welt und Welt am Sonntag Thomas Schmid: „Letztlich aber sind es nicht einmal, wie die linke Kulturkritik meint, „die“ Medien, die dem Täter zum Ruhm verhelfen. Es sind Krethi und Plethi, die das (oft mit medialer Hilfestellung) besorgen. Und das ist, wenn man will, ein Demokratisierungserfolg. Konnten früher medial nur die Privilegierten, also die journalistischen Fachleute, mithalten, hat das weltweite Netz, das alle mit allen verbinden kann, im Prinzip jeden Einzelnen zum Wirklichkeitsdeuter und -bildner gemacht. Dass Tim K. heute eine populäre, in der ganzen Welt bekannte Gestalt ist, ist auch eine Folge von user generated content.“ Der Herr Chefredakteur übersieht dabei die Verfehlungen der eigenen Zunft, der eigenen Redaktion und des eigenen Verlags (Springer). Das große Aufmacherfoto, mit dem sein Beitrag in der Welt am Sonntag geschmückt war, zeigte einen namenlosen trauernden Jugendlichen – fotografiert bei der Trauerfeier. Direkt daneben die Überschrift: „Die Unsterblichkeit des Amok-Täters“. Es ist unglaublich, mit welcher Dreistigkeit angebliche Qualitätsmedien (hier: ein Chefredakteur!) agieren. Den treffenden Analysen von Stefan Niggemeier und Thomas Wanhoff ist nichts hinzuzufügen.

Das alles macht wütend und ratlos. Warum können Journalisten und Redaktionen so selten schweigen? Oder über das eigene Tun nachdenken?

Nachtrag (4.4.09): Der Sender RTL hat den TV-Ausschnitt aus seiner Nachrichtensendung bei You Tube sperren lassen. Stefan Niggemeier hat nachgehakt und das Video erneut bei Sevenload platziert. Sein Blogbeitrag und die Diskussionen der Nutzer dazu sind sehr interessant: Muss es sein, dass ein Watch-Blog so hartnäckig mit einer einzelnen journalistischen Fehlleistung umgeht und die junge unerfahrene Reporterin nochmals vorführt (deren journalistische Laufbahn damit vermutlich zerstört ist)? Oder ist es durchaus angemessen, darauf herumzureiten, weil die Dokumentation des Videos zeigt, dass ja eigentlich die RTL-Redaktion und die Redaktionsleitung für die desaströse Berichterstattung verantwortlich sind, weil sie auf keinen Fall ein junge, unerfahrene Kollegin mit dieser schwierigen Live-Berichterstattung hätten beauftragen sollen? – Dass „Sarah Jovanovic“ seit einigen Tagen dasjenige Suchwort ist, mit dem dieses Blog hier am häufigsten gefunden wurde, macht mich sehr nachdenklich. Offenbar machen sich viele Internet-Nutzer über die junge Reporterin lustig. Vielleicht sollten auch Medienkritiker manchmal innehalten und länger überlegen, was man wie kritisiert (ich nehme mich hier gar nicht aus). Denn die eigentlichen Verantwortlichen hinter den Kulissen (hier: die RTL-Redaktionsleitung, auch Chefredakteur Peter Kloeppel) trifft man mit platter Kritik an einer Reporterin nicht. Da muss man schon intensiver analysieren und auf redaktionelle Zwänge und Hierarchien hinweisen. RTL bemüht sich inzwischen um Schadensbegrenzung und hat ein Video unter dem Titel „RTL-Reporterin Sarah Jovanovic in Winnenden“ im eigenen Web-Angebot platziert. Dort ist die Reporterin in einem unverfänglichen TV-Ausschnitt zu sehen.

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