„Offene Redaktion“ und „Transparent newsroom“

8. September 2008 um 13:29 | Veröffentlicht in Ethik, Kapitel_7, Qualität, Redaktion | 3 Kommentare

Leider kann ich nicht schwedisch. Leider können die meisten Redakteure und Redaktionsleiter in Deutschland nicht schwedisch. Sonst könnten sie sich das Projekt „Öppen redaktion“ (Offene Redaktion) einmal näher ansehen: In der Redaktion der Nachrichtensendung „Aktuellt“ des schwedischen öffentlich-rechtlichen Senders SVT sind permament zwei Videoreporter unterwegs und filmen Konferenzen und Gespräche; die Videoclips werden sofort ins Web gestellt. Cristina Elia vom Schweizer European Journalism Observatory (EJO) hat in einem Beitrag für die NZZ die „Offene Redaktion“ beschrieben und Vor- und Nachteile herausgearbeitet. Die Redaktion will Transparenz herstellen und damit das Vertrauen und Verständnis des Fernsehpublikums (zurück)gewinnen.

In Zeiten des rapiden medialen Glaubwürdigkeitsverlusts ist das Projekt vorbildlich. Jede einzelne Redaktion muss um Vertrauen beim Publikum werben, um das diffuse Misstrauen zu durchbrechen, das sich auf alle Medienanbieter gelegt hat. Nur noch 31 Prozent der Deutschen vertrauen nach einer Studie der GfK der Berufsgruppe der Journalisten. Vertrauensbildung durch Transparenz: In einem Blogeintrag im November 2007 habe ich bereits auf Leseranwälte und Redaktionsblogs verwiesen. Das Redaktionsblog der Tagesschau z.B. geht ähnliche Wege wie „Aktuellt“ – aber bei weitem nicht so weit.

Ein weiteres Beispiel ist die Initiative „Transparent Newsroom“, welche die us-amerikanischen Tageszeitung „The Spokesman-Review“ schon 2005 ins Leben gerufen hat: Auf der „Spokesman“-Website werden nicht nur Blogger und andere Leser eingeladen, die Zeitung zu kritisieren, der Chefredakteur fasst zudem täglich die Ergebnisse der Redaktionskonferenz im Blog „Daily Briefing“ zusammen, redaktionelle Entscheidungen werden begründet und mit den Lesern diskutiert – und die beiden täglichen Redaktionskonferenzen werden um 10 Uhr und um 16.30 Uhr live per Webcast im Internet übertragen. Das Projekt „Transparent Newsroom“ solle die „Festung Redaktion“ („fortress newsroom“) niederreißen, meint Chefredakteur Steven A. Smith im Blog Pressthink. Im folgenden Videobeitrag – produziert vom „Spokesman“-multimedia producer Colin Mulvany – erklären Chefredakteur und Redakteure ihren „Transparent Newsroom“:

In einem Beitrag für das von Christian Schicha und Carsten Brosda herausgegebene Handbuch Medienethik fasse ich zurzeit ähnliche Initiativen zusammen, welche die Redaktion als Institution der Medienethik stärken. Das Handbuch soll im Sommer 2009 im VS-Verlag Wiesbaden erscheinen.

Nachtrag: Gerade erreicht mich eine Mail meines Kollegen Prof. Dr. José A. García Avilés. Er ist Professor für Journalistik an der Universidad Miguel Hernández in Elche (bei Alicante in Spanien). Ich kenne ihn aus einem gemeinsamen Forschungsprojekt zu „Newsroom Convergence“. Ab heute schreibt er das Blog „El Nautilus“ auf der Website des spanischen TV-Senders Telecinco. Er will Tendenzen im Fernsehen analysieren – und kann so vielleicht auch ein wenig zu Transparenz im Mediengeschäft beitragen. Beteiligt sich eigentlich ein deutscher Journalistik-Professor an einem Transparenz-Blog auf einer redaktionellen Website? – Ich weiß von keinem.

 

Werbeanzeigen

Der Multimedia Newsroom der BBC

17. April 2008 um 10:38 | Veröffentlicht in Öffentlich-rechtliche, Internet, Kapitel_4, Kapitel_7, Newsroom, Redaktion | 1 Kommentar

Beim Thema „crossmediale Redaktionen“ reden wir zurzeit häufig über die Verbindung von Print und Online – vor allem bei Tageszeitungen. Doch auch bei den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten in Deutschland werden Strategie-Papiere erarbeitet, einzelne Projekte umgesetzt oder sogar Newsrooms und Rundfunkhäuser komplett neu strukturiert (wie z.B. beim ZDF, beim Saarländischen Rundfunk oder bei Radio Bremen).

Dass die deutschen Rundfunkanstalten erst am Anfang stehen, zeigt das Beispiel der BBC: Mit dem Programm „Creative Future“ hat die traditionsreiche britische Anstalt vor etwa einem Jahr der on demand-Strategie und den Online-Diensten (24/7-Diensten) den Vorrang eingeräumt. Im neuen Multimedia Newsroom sitzen nun alle drei Plattformen Internet, Fernsehen und Radio um den „editorial hotspot“. Reporter und Korrespondenten kommen mit ihren Themen besser durch, wenn sie mindestens für zwei Plattformen arbeiten. Die Ressorts und Themengebiete sind schon organisatorisch weitgehend integriert. Es gibt zum Beispiel nur noch ein Wirtschaftsressort, das die Online-Wirtschaft genauso macht wie die Radio- und Fernseh-Sendungen zu Wirtschaftsthemen.

Über dieses „360 degree commissioning & cross trailing“ berichtet zurzeit der leitende BBC-Wirtschaftsredakteur Dr. Tim Weber auf vielen Tagungen in Deutschland – unter anderem am 8. April in der Akademie für politischen Bildung in Tutzing (er ist Deutscher und hat in München studiert und beim BR gearbeitet). Webers Folien sind auf dem apb-tutzing-Server dokumentiert – und sicher empfehlenswert für alle, die sich mit dem Thema crossmedialer Journalismus beschäftigen.

Continue Reading Der Multimedia Newsroom der BBC…

Videovortrag: Multimediale Newsrooms in Europa

12. März 2008 um 16:26 | Veröffentlicht in Öffentlich-rechtliche, Internet, Kapitel_4, Newsroom, Redaktion, Zeitung | 1 Kommentar

Der Hessische Rundfunk hat die Vorträge auf dem „Frankfurter Tag des Online-Journalismus“ (6. März) als Videos aufgezeichnet und komplett in guter Qualität ins Netz gestellt. Mit dabei ist mein Vortrag zum Thema „Multimediale Newsrooms in Europa“ (35 Min.) und der Vortrag „Audio-Bilder-Galerien – Video für Arme oder neuer Standard?“ (22 Min.) von Fabian Schweyher, dessen spannende Diplomarbeit zu diesem Thema ich im letzten Sommer betreuen durfte.

Transparenz im Journalismus durch Leseranwälte und Redaktionsblogs

16. November 2007 um 16:12 | Veröffentlicht in Ethik, Kapitel_7, Qualität, Redaktion | 7 Kommentare

„Transparenz“ ist ein Qualitätskriterium des Journalismus, das hierzulande noch nicht lange diskutiert wird und noch keinen großen Stellenwert hat. Es geht darum, dem „Publikum reinen Wein einzuschenken“ – wie es Stephan Ruß-Mohl einmal formuliert hat. Journalisten und Redaktionen sollen die Berichterstattungsbedingungen offenlegen und offensiv Fehler eingestehen und korrigieren – was letztlich der Glaubwürdigkeit dient und die Vertrauensbasis zwischen Journalismus und Publikum erweitert. Vor dem Hintergrund der Kommunikationsexplosion durch Internet und digitale Medien kommt dem Qualitätskriterium der Transparenz wachsende Bedeutung zu: „Ist wirklich dort (guter) Journalismus drin, wo Journalismus draufsteht?“, fragt sich das geneigte Publikum.

Aus den vielen Möglichkeiten, die Transparenz zu verbessern (vgl. z.B. die in Deutschland häufig vernachlässigte Correction Corner), möchte ich hier zwei herausgreifen bzw. verlinken, die durch Online-Kommunikation profitieren oder erst ermöglicht wurden: das Modell der Leseranwälte und das der Redaktionsblogs.

Continue Reading Transparenz im Journalismus durch Leseranwälte und Redaktionsblogs…

Redaktion im digitalen Journalismus

15. Oktober 2007 um 12:46 | Veröffentlicht in Kapitel_4, Redaktion | Kommentare deaktiviert für Redaktion im digitalen Journalismus

„Newsroom“ und „Newsdesk“ sind seit einigen Jahren die Schlagworte bei der Re-Organisation von journalistischen Redaktionen. In einem kurzen Überblicksbeitrag für die Zeitschrift „Medienwirtschaft“ (Heft 3/07) habe ich versucht, aktuelle Entwicklungen einzuordnen. Der Beitrag ist online archiviert beim European Journalism Observatory.

« Vorherige Seite

Bloggen auf WordPress.com.
Entries und Kommentare feeds.