Nebenaspekt der CSU-Pressesprecher-Affäre: Kumpanei zwischen Bayerischem Rundfunk und CSU

24. Oktober 2012 um 21:02 | Veröffentlicht in Allgemein, Öffentlich-rechtliche, Ethik, Kapitel_7, Kommunikationsfreiheit, Qualität | 6 Kommentare

In der Berichterstattung heute über die Affäre um den Anruf des CSU-Pressesprechers Hans Michael Strepp beim ZDF gibt es einen Nebenaspekt, der ziemlich unterging, den ich aber für bedenklich halte, weil der den Umgang zwischen Journalisten des Bayerischen Rundfunks und der CSU offenlegt. Der Bayerische Rundfunk berichtet (Audio von Nikolaus Neumaier, Leiter der Redaktion Landespolitik im Hörfunk):

Strepp schickte dem BR-Korrespondenten Oliver Mayer-Rüth (ARD-Fernsehen) eine SMS und fragte: „Wissen Sie eigentlich, ob ARD heute was macht zu Ude in Nürnberg? Danke für Info“. Daraufhin bekam er als Antwort: Die ARD mache nichts, vielleicht mache der BR was.

Erstens: Dass ein Parteipressesprecher am Sonntag um 9.41 Uhr eine derartige SMS schreibt, zeugt davon, dass ein enges Verhältnis zwischen ihm und dem Fernsehjournalisten herrscht und solche Anfragen offenbar ganz normal sind.

Zweitens: Die einzige richtige Antwort des Journalisten müsste sein: „Das geht Sie gar nichts, aber schon rein gar nichts an.“

Stattdessen plaudert der Journalist redaktionsinterne Planungen über die Berichterstattung über den SPD-Parteitag an den CSU-Mann aus. Es gibt ganz offensichtlich eine Kumpanei zwischen dem BR-Fernsehen und der CSU – zumindest zwischen dem BR-Korrespondenten im ARD-Hauptstadtstudio und der CSU-Pressestelle.

Dies wird in der Berichterstattung über die ganze Affäre sonst nicht thematisiert (vgl. z.B. 1, 2, 3, 4, auch nicht im ARD-Tagesschau-Beitrag zur Affäre). Oder ist mir was entgangen?

Wenigstens stimmte dann die Berichterstattung am Ende (entgegen der Auskunft des BR-Journalisten): Beide öffentlich-rechtlichen Sender, ARD und ZDF, berichteten in ihren Nachrichtensendungen sowohl über den CSU- als auch über den SPD-Landesparteitag. Wer weiß: Vielleicht hat die Tagesschau-Redaktion in Hamburg ja am Ende anders entschieden, als die BR-Journalisten im ARD-Hauptstadtstudio wollten?

Nachtrag (26.10.2012): Ich habe heute mit dem BR-Korrespondenten Oliver Mayer-Rüth telefoniert. Er sagte, die SMS von Strepp an ihn sei „unüblich“ gewesen und seine sofortige Antwort eine „höfliche Geste“. Er wehrt sich gegen den Vorwurf der Kumpanei; schließlich habe er von sich aus dazu beigetragen, die Sache zu veröffentlichen und damit transparent zu machen (via den oben erwähnten Audio-Beitrag von B5-aktuell). Da gebe ich ihm Recht: Wenn er tatsächlich ein Kumpan des CSU-Pressesprechers wäre, hätte er geschwiegen.

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Neue Nachrichten und Prognosen zur Krise der gedruckten Tageszeitung

1. Oktober 2012 um 11:33 | Veröffentlicht in Kapitel_4, Kapitel_7, Zeitung | 8 Kommentare

Der 1. Oktober 2012 markiert einen neuen Höhepunkt in der Seismographie der Krise der täglich gedruckten Nachrichten: Die Nürnberger „Abendzeitung“ ist gestorben und erscheint ab heute nicht mehr. Und die „Nürnberger Zeitung“ produziert keinen eigenen Lokalteil mehr, sondern übernimmt diesen ab heute von der Schwesterzeitung „Nürnberger Nachrichten“ Korrektur zur Situation bei der Nürnberger Zeitung (NZ) und den Nürnberger Nachrichten (NN) (Danke für den Hinweis an Klaus Schrage und sorry für den Fehler!): Es gibt in Nürnberg einen Zusatz-Lokalteil. Das waren bisher NZ Plus und NN Extra. Jetzt heißt es „Mehr Nürnberg“ – und wird unter der Federführung der NN-Redaktion produziert; die eigentlichen Lokalteile, die bei NN und NZ in der Gesamtausgabe durchlaufen, gibt es aber weiterhin (vgl. zu beiden voneinander unabhänigen Ereignissen die Nachricht bei Newsroom.de). Und in New Orleans ist ab heute die erste US-Metroploe ohne tägliche Zeitung: Die „Times Picayune“ erscheint nach 175 Jahren nur noch drei Mal in der Woche gedruckt – und permanent aktualisiert im Internet (vgl. die Nachricht im Deutschlandfunk oder bei onlinejournalismus.de).

In diesen Tagen habe ich mich für einen Buchbeitrag mit der Frage beschäftigt: „Wird es bald keine gedruckte Tageszeitung mehr geben?“ Mein Text hier für Interessierte zur Info – und gerne auch zum Kommentieren: Continue Reading Neue Nachrichten und Prognosen zur Krise der gedruckten Tageszeitung…

Interview zum neuen Spiegelblog und zur Reaktion der Tagesschau auf einen Facebook-Shitstorm

1. Oktober 2012 um 10:55 | Veröffentlicht in Ethik, Internet, Kapitel_7, Qualität, Redaktion | Hinterlasse einen Kommentar

Der Spiegel hat ein neues Redaktionsblog, in dem zum Beispiel der hauseigene Medienjournalist Stefan Niggemeier bei Kollegen kritisch nachfragt – und die Tagesschau müht sich im Redaktionsblog um Schadensbegrenzung, weil Facebook-Nutzer sich massiv darüber beschwert haben, dass die Proteste in Madrid am Dienstag, 25.9., nicht in die 20 Uhr-Ausgabe gekommen waren. Das sind zwei Anlässe für die Redaktion der Sendung „Markt und Medien“ des Deutschlandfunk, das Thema Offenheit und Transparenz von Redaktionen und den Umgang mit einem kritischen Netz-Publikum zu thematisieren (Sendung vom 29.9.). Das Interview mit mir kann man hier nachhören.

Hintergrund: Das Thema begleitet mich schon länger, z.B.: Unsere Studie zu Transparenz und Vertrauen im Journalismus sowie weitere Infos zu Transparenz in anderen Redaktionen und ein früheres Interview 2009.

Katerstimmung nach der EM: Unterhaltungsindustrie und Party statt Sportjournalismus

2. Juli 2012 um 9:43 | Veröffentlicht in Öffentlich-rechtliche, Ethik, Kapitel_5, Kapitel_7, Qualität, Zeitung | 2 Kommentare

Was bleibt nach der Fußball-EM? – Vor allem eine riesige Katerstimmung nicht wegen der deutschen Mannschaft, sondern aufgrund der Berichterstattung, die man in weiten Teilen nicht mehr als Sportjournalismus bezeichnen kann, sondern als gigantische Unterhaltungsindustrie. Klassische journalistische Werte wie Fairness, Unparteilichkeit oder Transparenz gehen im Kult um „Reichweite durch Party“ unter. Es wurde in Blogs und Sozialen Netzwerken schon viel dazu geschrieben, weshalb ich mich hier darauf beschränke, die treffenden Analysen zu sammeln:

  • Arnd Zeigler bringt es in einem offenen Brief auf Facebook auf den Punkt: „Wer jetzt so tut als seien die deutschen Spieler nach der ersten Niederlage nach 16 Siegen hintereinander (oder wieviele waren es?) plötzlich alles Vollpfosten, Totalversager und Nullen und ihr Trainer ein Nichtskönner, der hat den Fußball nicht mal im Ansatz verstanden.“
  • Und Bildblog hat zusammengetragen, wie die „Bild“-Zeitung die deutschen Spieler zuerst wie Helden verehrt und dann in Grund und Boden geschrieben hat. Beides völlig maßlos, unmenschlich und ekelhaft.
  • Die Bilder, die wir im Fernsehen von den Spielen bekommen, werden nicht von journalistischen Redaktionen ausgewählt, sondern von den Veranstaltern selbst. Wir sehen unter dem Label von ARD und ZDF die PR-Unterhaltung der UEFA. Missliebige Szenen werden nicht gezeigt (Feuerwerke unter Zuschauern, Flitzer, leere Plätze), Bilder um der Unterhaltung Willen gefälscht (z.B. „Löw und der Balljunge“ oder „Tränen nach dem Tor“).
  • Die Berichterstattung hätte das ZDF nutzen können, um ein junges Publikum von der Qualität und Attraktivität seines Programms zu überzeugen. Statt dessen inszeniert man ein Strandstudio mit Liegestühlen an der Ostsee, für das die AOK Nordost exklusiver Partner war und das von der Süddeutschen Zeitung trefflich als „eine Art AOK-Kongress“ bezeichnet wurde. Nur noch peinlich war der Versuch, Twitter in die Sendung einzubinden – mit einem hilflosen Oliver Kahn.

Am Tag 1 nach der EM fassen wir uns an den Kopf – und können es inzwischen nur zu gut verstehen, wenn im Freundeskreis „über die Medien“ geschimpft wird. Normalerweise versuche ich, den Journalismus und die Journalisten zu verteidigen. Heute sind mir die Argumente ausgegangen.

Neue Zeitschrift zur angewandten Journalismusforschung: Die Kluft zwischen Forschung und Praxis überwinden

14. Mai 2012 um 9:14 | Veröffentlicht in Journalismusforschung, Kapitel_1, Kapitel_7, Qualität | Hinterlasse einen Kommentar

Eine neue wissenschaftliche Fachzeitschrift möchte die Kluft zwischen journalistischer Praxis und Forschung überbrücken. Das internationale „Journal of Applied Journalism & Media Studies“ hat sich zum Ziel gesetzt, „to bridge the gap between media and communication research and actors with a say in media production, i.e. broadcasters, newspapers, radios, Internet-based media outlets, etc.“. Die erste Nummer ist kostenlos. Den Aufmacher-Beitrag hat Daniel Perrin von der Zürcher Hochschule Winterthur geschrieben. Es handelt sich um die erweiterte Fassung seiner Antrittsvorlesung. Er nutzt die Aktionsforschung als theoretischen Rahmen für ein Forschungsprojekt, das er mit der öffentlich-rechtlichen „Idée suisse“ durchgeführt hat. Einen ähnlichen Ansatz verfolge ich mit meinen angewandten Forschungsprojekten. Ich habe diese „interaktive Innovationsforschung“ in einem Beitrag im Buch „Methoden der Journalismusforschung“ beschrieben.

In einem weiteren Beitrag in dem neuen Journal werden zehn Regeln für Nachrichtenmedien zum Gebrauch von Twitter begründet und ausgeführt.

Social TV: „rundshow“-Experiment des Bayerischen Rundfunks

4. Mai 2012 um 9:30 | Veröffentlicht in Internet, Kapitel_4, Kapitel_7, Qualität | Hinterlasse einen Kommentar

Über dieses Projekt ist schon viel gebloggt und erzählt worden (zuletzt zum Beispiel bei den Netzpiloten oder beim Organisator und Macher Richard Gutjahr selbst oder als Pressemitteilung des BR oder vor allem im rundshow-Blog). Ich möchte hier kurz darauf hinweisen, weil ich es für ein spannendes Experiment halte: Ab 14. Mai wird der Bayerische Rundfunk vier Wochen lang testen, wie das interaktive Internet mit dem linearen Fernsehen kombiniert werden kann. Die „rundshow“ will täglich 30 Minuten Live-Interaktion ausprobieren: von Montag bis Donnerstag um 23.15 Uhr.

Mitten in der heißen Vorbereitungsphase gibt Gutjahr am Dienstag, den 8. Mai, in einem 75minütigen Webinar des Forums für Journalismus und Medien Wien (Fjum) Einblick in das Innovationsprojekt. An dem Webinar kann jeder mitmachen und Fragen stellen (ab 17.30 Uhr) – mit vorheriger Anmeldung.

Auch die Schweiz berechnet Sterbedatum der Tageszeitung: 2045

26. März 2012 um 18:23 | Veröffentlicht in Kapitel_4, Medienökonomie, Zeitung | Hinterlasse einen Kommentar

Na, wer sagt’s denn: Auch wenn die statistisch berechnete Todesanzeige als „unwissenschaftlich“ angesehen wird, bleibt sie spannend und herausfordernd. Die Schweizer „Werbewoche“ hat es mir nachgemacht und den Abwärtstrend der gedruckten Tageszeitungen bis zum Untergang hochgerechnet: Dort kommt man auf das Jahr 2045. Und man ist froh, damit näher an der Vorhersage des us-amerikanischen Journalistikprofessors Philip Meyer (im Buch „The Vanishing Newspaper“ hat er 2043 berechnet) zu liegen als am deutschen Journalistikprofessor Klaus Meier mit dem Ergebnis 2034 ;-):

„Wir sind bei 2045 geblieben, weil dies nicht nur in der Nähe des amerikanischen Professors liegt, sondern auch hinreichend weit weg ist, um eine Panik in der Schweizer Medienbranche zu vermeiden.“

Projekt zum Datenjournalismus

20. März 2012 um 9:54 | Veröffentlicht in Internet, Journalistik, Kapitel_5 | Hinterlasse einen Kommentar

Stecken auch in einer kleinen Stadt journalistische Themen in Daten? Kann man auch in einer kleinen Stadt Daten bekommen, auswerten und journalistisch präsentieren? – Ja man kann. Eichstätter Journalistik-Studierende haben ein Projekt zum Datenjournalismus unter der Leitung von Jörg Pfeiffer abgeschlossen. Herausgekommen ist zum Beispiel ein interaktiver Szeneguide (mit z.B. Flirtfaktor, Bierpreis und Musikstil), eine Grafik zu den Studentenstädten in Deutschland oder eine Textwolke aus allen Reden und Predikten des Bischofs (das Wort „Kirche“ wird neben „Gott“ bzw. „Gottes“ am häufigsten verwendet, danach kommen erst „Menschen“, „Liebe“ und „Christus“). Der „Trend Datenjournalismus“ ist vorbildlich umgesetzt. Es finden sich viele Beispiele, die man so oder ähnlich in jeder Lokalredaktion umsetzen könnte.

Und wieder ein massiver Verstoß gegen die Ethik: Zeitungen veröffentlichen Fotos von toten Kindern

16. März 2012 um 19:09 | Veröffentlicht in Ethik, Kapitel_7 | 6 Kommentare

Es ist drei Jahre her: Nach dem Amoklauf von Winnenden gab es einen Aufschrei über die massiven Verstöße gegen die journalistische Ethik. U.a. wurde angeprangert, dass in vielen Zeitungen und Zeitschriften Fotos von jugendlichen Opfern abgebildet wurden – oft gestohlen aus sozialen Netzwerken. Was haben wir daraus gelernt? – Nichts. Wieder werden Fotos von Kindern, die bei einem schrecklichen Unfall ums Leben kamen, auf der Titelseite ganz groß veröffentlicht (Text: „Die toten Kinder aus dem Reisebus“). Doch halt – eines hat zumindest „Bild” gelernt: Man will einen „Shitstorm” vermeiden. Laut turi2 versichert ganz schnell „Bild”-Sprecher Tobias Fröhlich,

die Redaktion habe die Bilder nicht von einer Website geklaut und „definitiv die Genehmigung zum Abdruck der Bilder gehabt“. Jedoch will Fröhlich nicht sagen, von wem „Bild“ die Genehmigung hatte – das seien „Redaktionsinterna“.

Bei „Bild” steht auf der Titelseite: „Auf Wunsch der Eltern bleiben die Namen der Kinder ungenannt.” Was für eine Heuchelei. Ich kann mir keine Eltern vorstellen, die nicht auch und noch viel mehr folgenden Satz unterschreiben würden: „Auf Wunsch der Eltern bleiben die Fotos der Kinder ungedruckt.”

Welchen Informationswert haben die Fotos? Wodurch ist es zu rechtfertigen, sie auf der Titelseite abzudrucken? Es geht einzig und allein um die Sensationsgeilheit von Redakteuren und Lesen. Warum solche Fotos nicht veröffentlicht werden dürfen, steht im Pressekodex, wird bei Unglücken immer wieder diskutiert und ist auch jetzt wieder Thema (vgl. z.B. die ausführliche Darlegung bei der NZZ).

Just heute schickte der Deutsche Presserat eine Pressemitteilung ins Land: „Opfer genießen besonderen Schutz – Drei Rügen wegen Verstößen gegen Persönlichkeitsrechte“. Es geht um die „Identifizierende Darstellungen von Opfern“ – u.a. in „B.Z.“, „Bild” und „Dresdner Morgenpost” in den vergangenen Monaten. Effekt? – Null. Es ist so traurig.

Unwissenschaftlich? Ein Interview zu den Reaktionen auf meine umstrittenen Blog-Beiträge

16. März 2012 um 10:10 | Veröffentlicht in Allgemein | 1 Kommentar

Eine Eichstätter Journalistik-Studentin hat mich für das Eichstaett-Blog zur Resonanz meiner Blogeinträge in Blogosphäre, Twitter und Facebook und in der anderen Medienwelt gefragt. Vor allem geht es um die Kritik von meedia-Autor Jens Schröder, der sich „Mr. Analyzer“ nennt, an meiner Auflagenkurve der Tageszeitung und den Vergleich zwischen „Bild“ und „Sun“. Ist das alles ein Lehrstück, wie Journalismus funktioniert? – Ich denke schon.  Der Schweizer Kollege Vinzenz Wyss hat mir geschrieben: „Da sieht man mal, wie konkrete Zahlen und binäre Entscheidungen (Tod/Leben) Aufmerksamkeit generieren.“ Die alten Aufmerksamkeitsregeln des Journalismus gelten auch für die neuen Medienwelt – dort vielleicht sogar noch mehr.

Von der Schröder-Kritik gibt es seltsamer Weise mindestens zwei Versionen, die auch unterschiedlich kommentiert werden: Version 1 und Version 2.

Bild nicht mehr „größte Tageszeitung Europas“: Britische Sun hat jetzt mehr Auflage

8. März 2012 um 11:24 | Veröffentlicht in Kapitel_4, Medienökonomie, Zeitung | 7 Kommentare

Die Zeitung „Bild“ ist seit Jahrzehnten sehr stolz darauf, die „größte Tageszeitung Europas“ zu sein. Nicht nur in den Selbstdarstellungen der „Bild“ und des Axel-Springer-Verlags, auch in der ganzen Branche wird das immer wieder betont. So schrieb zum Beispiel das Handelsblatt noch im September 2011: „Bild ist mit täglich 2,9 Millionen verkauften Exemplaren die mit Abstand meistverkaufte Zeitung in Europa.“ Damit ist jetzt Schluss. Die aktuellen IVW-Zahlen für das viertel Quartal 2011 weisen die „Bild“ mit einer verkauften Auflage von 2.702.206 aus. Die britische „The Sun“ hat jetzt die „Bild“ überholt: Die aktuelle Auflagenstatistik listet die „Sun“ für den Januar mit 2.751.219 als „average sale“ aus.

Natürlich kann sich das wieder ändern. Die „Sun“ schwankt von Monat zu Monat relativ stark – zwischen August und Dezember 2011 zwischen 2,80 und 2,53 Mio. Und die „Bild“ hatte Ende 2011 schon ein ausgesprochen schlechtes Quartal (der Jahresschnitt 2011 dürfte bei ca. 2,84 Mio. liegen). Aber die „Bild“ verliert kontinuierlich 150.000 Exemplare im Jahr, lag vor zehn Jahren bei 4 Mio. – und es bleibt festzuhalten, dass die Aussage über die „größte Tageszeitung Europas“ künftig immer aktuell zu recherchieren ist und dass Lexikoneinträge umgeschrieben oder ergänzt werden sollten. Auch beim Infomaterial des Springer-Verlags unter dem Titel „Daten und Fakten zu Europas größter Tageszeitung“ stimmen die Fakten nicht mehr.

Statistisch berechnet: Im Jahr 2034 erscheint die letzte gedruckte Tageszeitung

6. März 2012 um 17:27 | Veröffentlicht in Journalismusforschung, Kapitel_4, Kapitel_7, Zeitung | 54 Kommentare

Für Vorträge in diesen Tagen habe ich die Auflagenzahlen der gedruckten Tageszeitungen in Deutschland der vergangenen 20 Jahre in eine einfache Trendberechnung geschickt. Das Ergebnis ist frappierend: Fast alle Werte liegen tatsächlich sehr genau auf einer Kurve, die sich langsam, aber immer stärker senkt. Im Jahr 1992 waren es noch 26 Millionen verkaufte Tageszeitungen, 2002 23,2 Millionen (minus 11%) und 2011 nur noch 18,8 Millionen (minus 19%). Die Statistik sagt uns voraus: 2022 werden noch ca. 11 Millionen Exemplare verkauft – und 2034 ist dann Schluss.

Statistiker mögen mich dafür steinigen, dass ich für diese schnelle Berechnung mit Excel gearbeitet habe. Mir geht es auch nicht darum, das Jahr des Untergangs exakt vorauszusagen. Denn wie immer bei Prognosen können sich die Randbedingungen massiv ändern. Wenn zum Beispiel ein neues elektronisches Trägermedium für tagesaktuellen, auf Text basierenden Journalismus billig produziert und massenhaft verkauft werden sollte – dann ist wohl früher Schluss mit der täglich gedruckten News und damit, dass wir jede Nacht Papier bedrucken, es mit Lastwägen durch die Gegend karren, von Austrägern in Briefkästen stecken lassen, es ca. 10 bis 40 Minuten zum Lesen benutzen, anschließend in die Tonne werfen, es wieder von Lastwägen abholen lassen, zu Altpapier verarbeiten, es wieder über Nacht…

Kurzum: Es lebe der Journalismus, aber wie lange noch täglich gedruckt – das wissen wir nicht.

Tipps zum Interview von Marietta Slomka: Das Geheimnis des Gesprächs.

29. Februar 2012 um 19:21 | Veröffentlicht in Kapitel_5, Qualität | 1 Kommentar

Die ZDF-Heute Journal-Moderatorin Marietta Slomka ist bekannt für ihre klugen, hartnäckigen und unterhaltsamen Interviews mit Politikern. In einem ZDF-Video bei YouTube erklärt sie charmant und anschaulich, wie sie das macht: „Das Geheimnis des Gesprächs“ liegt in der Vorbereitung. Liebe Jung-Journalisten: Bitte beherzigt diese Tipps.

Immer wieder: die Kampagnen der Verlagsredaktionen gegen ARD und ZDF

26. September 2011 um 9:03 | Veröffentlicht in Öffentlich-rechtliche, Kapitel_4, Medienökonomie, Qualität, Zeitung | Hinterlasse einen Kommentar

Stefan Niggemeier hat den gestrigen Sonntag genutzt, um auf ein wiederkehrendes Problem hinzuweisen: Die Medienredaktionen von Zeitungsverlagen berichten nicht unabhängig und fair über die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten. Dieses Mal geht es um eine völlig verzerrte Darstellung der Forderungen nach einer Gebührenerhöhung. ARD/ZDF wollen sparen und fordern weit weniger als die Inflationsrate. „Zeit“, „Bild“, „FAZ“ und viele andere sehen darin Maßlosigkeit und Gier. Das ist Kampagnenjournalismus, der nicht nachzuvollziehen ist. Niggemeier hat dies klar analysiert und dargelegt.

Journalismus 3.0: Trend Datenjournalismus

9. September 2011 um 10:36 | Veröffentlicht in Internet, Kapitel_5, Kapitel_7, Qualität | 5 Kommentare

Was kommt nach dem Web 2.0? – Seit Jahren gibt es etliche Spekulationen, wie sich das Internet und der Online-Journalismus weiter entwickeln werden. Ein Trend zeichnet sich immer deutlicher ab: ein Journalismus, der Datensätze anschaulich visualisiert – nicht nur in zweidimensionalen Infografiken, die in den 90er Jahren entwickelt wurden, sondern vor allem in interaktiven Grafiken, in denen die Nutzer navigieren und sich die Daten auf eigene Weise erschließen können.

Im Lehrbuch „Journalistik“ stelle ich die Berichterstattungsmuster des Journalismus vor. Der neue Datenjournalismus gehört zum Typus des Präzisionsjournalismus, der schon 1973 von Philip Meyer (University of North Carolina at Chapel Hill) im Buch „Precision Journalism“ beschrieben wurde: Der Journalist bedient sich (sozial-)wissenschaftlicher Methoden, um auf Basis wissenschaftlich erhärteter Faktizität präziser berichten zu können. Das Rollenbild ist dann nicht der „Vermittler“ (wie im „Objektiven Journalismus“) oder der „Wachhund“ (wie im Investigativen Journalismus), sondern der „Forscher“. Neue Methoden erweitern die Möglichkeiten und beziehen zum Beispiel die Nutzer in die Datensammlung mit ein (Stichwort „Crowdsourcing“).

Wer sich näher damit beschäftigen und lernen möchte, was einen guten Datenjournalismus ausmacht, der findet inzwischen viele Ankerpunkte im Internet. Einige Beispiele:

Nachtrag (26.9.): Zeit online hat mit einem Datenjournalismusprojekt einen der renommierten Online Journalism Awards gewonnen. Herzlichen Glückwunsch!

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