nachrichten.de geht im Juni online: eine Bündelung der News-Ströme im Web

20. Mai 2009 um 11:08 | Veröffentlicht in Internet, Kapitel_4, Kapitel_7 | 1 Kommentar

Im Juni will focus.de mit dem neuen Angebot nachrichten.de auf den Markt kommen. Zunächst hatte man mit einem Projektstart im April gerechnet (vgl. BDZV-Mitteilung). Chefredakteur Jochen Wegner erzählte am Samstag am Rande des Süddeutschen Journalistentags, dass zurzeit noch ein paar Dinge optimiert würden, und zeigte die aktuelle Version auf seinem iPhone in die Runde: nachrichten.de sieht ein wenig so aus wie focus.de – arbeitet aber ganz anders und bietet einen ganz anderen Service. Die Plattform wird ohne Journalisten auskommen: Eine Maschine bündelt aktuelle Nachrichten aus vielen journalitischen Websites – also ein wenig so wie news.google.de, aber noch viel mehr: Es werden z.B. auch Themendossiers gebündelt oder Themenkarrieren können verfolgt werden. Es ist – wie Jochen Wegner früher schon mal sagte – ein „Durchlauferhitzer für Journalismus, von dem alle Nachrichtenangebote gleichermaßen profitieren“. Die Beiträge selbst sind ja nur verlinkt. Traffic wird durch nachrichten.de also auf die ursprünglichen Websites gelenkt.

Focus.de hat sich bei der Entwicklung nicht nur von news.google.de inspirieren lassen, sondern auch von daylife.com. Ich bin sehr gespannt, wie der Algorithmus funktoniert, ob die Entwickler die Nachrichtenströme des Webs richtig eingeschätzt und die Relevanzkriterien sinnvoll definieren konnten (Wegner: „Wir haben beim Programmieren sehr viel über Nachrichten und Journalismus gelernt.“) Vielleicht wird man anhand des Angebots dann noch stärker transparent nachvollziehen können, wie Dutzende Redaktionen voneinander abschreiben und wie journalistische Hypes entstehen und vergehen (wie z.B. jüngst die Schweinegrippe).

Redaktionelle Konvergenz in der Schweiz

20. Mai 2009 um 10:24 | Veröffentlicht in Öffentlich-rechtliche, Internet, Kapitel_4, Kapitel_7, Newsroom, Qualität, Redaktion, Zeitung | Kommentare deaktiviert für Redaktionelle Konvergenz in der Schweiz

Redaktionen werden auch in der Schweiz immer mehr plattform-übergreifend organisiert. Ein Beispiel ist das „Bieler Taglatt“ (ein vergleichsweise kleines Medienhaus), das vor kurzem unter Chefredakteurin Catherine Duttweiler in einem Newsroom/an einem Newsdesk die Tageszeitungen „Bieler Tagblatt“ und „Journal du Jura“, das Lokalradio Canal3, das Regionalfernsehen Telebielingue sowie sechs Online-Plattformen zusammengeführt hat.

Der Verband Schweizer Presse hat die aktuellen Trends aufgegriffen und vor einer Woche das Dossier „Newsroom. Redaktionsorganisation im Wandel“ veröffentlicht, in dem neben grundsätzlichen Informationen z.B. von Dietmar Schantin (IFRA – Newsplex) und mir auch Daten und Fallbeispiele aus der Schweizer Medienlandschaft analysiert und vorgestellt werden.

Auch die öffentlich-rechtliche Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft SRG hat das Thema Medienkonvergenz ganz oben auf der Agenda, nachdem der nationale Verwaltungsrat der SRG im März die Zusammenlegung von Radio, Fersehen und Online beschlossen hat. Im Grundsatz aus ökonomischen Gründen, weil die Gebührengelder und Werbeeinnahmen die Kosten nicht mehr decken. Doch wie diese beschlossene Zusammenlegung im Detail in den Redaktionen verwirklicht werden soll – „darüber gibt es fast täglich Konferenzen“, erzählten SRG-Journalisten gestern beim Seminar „Medienkonvergenz: Schock oder Chance?“ in Zürich. Wir konnten die SRG-Multimedia-Redaktion besuchen, die gerade mit der TV-Tagesschau-Redaktion zusammengelegt wird. In den Gesprächen wurde wieder einmal deutlich, dass eben nicht nur ökonische Gründe und Sparzwang zu konvergenten Redaktionen führen – sondern auch und vor allem das geänderte Nutzungsverhalten: Hansjörg Wilhelm, Leiter der Tagesschau-Multimedia-Redaktion sagte: „Das lineare Fernsehen ist ein Auslaufmodell.“ Immer mehr Journalisten – und vor allem alle künftigen – müssten für die TV-Sendung Tagesschau und für das Web arbeiten. Nur so können Sie in Zukunft ein breites (und junges) Publikum erreichen.

Fehlerkorrektur im Journalismus: sueddeutsche.de zeigt, wie man’s nicht macht

18. Mai 2009 um 15:14 | Veröffentlicht in Ethik, Internet, Kapitel_7, Qualität, Redaktion, Zeitung | Kommentare deaktiviert für Fehlerkorrektur im Journalismus: sueddeutsche.de zeigt, wie man’s nicht macht

Fehler offensiv zu korrigieren und zu erklären – das müssen Redaktionen in Deutschland erst lernen. Im Gegensatz zum Journalismus in den USA und in Großbritannien. Weil immer wieder Fehler beim Korrigieren von Fehlern passieren, hier einmal eine kleine Studie, aus der man lernen kann, wie man’s nicht macht. SZ-Autor Willi Winkler hat am 13. Mai auf der Medienseite der Printausgabe darüber gelästert, dass beim Spiegel-Shop auch Nazi-Literatur bestellt werden kann. Dass auch die Süddeutsche Zeitung und andere Verlagshäuser Bücher verkaufen und damit alle in Deutschland gehandelte Literatur, war dem Autor entgangen. Der Beitrag wurde auch auf sueddeutsche.de veröffentlicht.

Was wir daraus lernen? Transparenz ist ein Qualitätskriterium des Journalismus, das gerade im Internet zunehmend wichtiger wird. Redaktionen sollten Fehler offensiv korrigieren, Nutzerkommentare dazu dankbar aufgreifen und auch auf Kritiker verlinken. Transparenz schafft Glaubwürdigkeit – nicht nur in Politik und Wirtschaft, sondern auch im Journalismus.

SZ-Magazin: Fackelzüge zur Zukunft der Zeitung

7. Mai 2009 um 13:27 | Veröffentlicht in Internet, Journalisten, Kapitel_4, Kapitel_7, Qualität, Zeitung | Kommentare deaktiviert für SZ-Magazin: Fackelzüge zur Zukunft der Zeitung

Querverweis auf meinen Beitrag im Journalismus-Darmstadt-Blog: Das aktuelle SZ-Magazin ruft unter der Schlagzeile „Wozu Zeitung?“ zu „Fackelzügen von Journalisten und Druckern“ auf. Das hat uns wieder einmal zu einer kleinen Bastelanleitung inspiriert, wie man journalistisch mit Fragen zur Zukunft des Journalismus umgeht. Mein Kollege Thomas Pleil betrachtet das Ganze unter dem PR-Aspekt, wünscht sich aber lieber guten Journalismus statt eine PR-Kampagne.

30 Jahre „taz“: Erinnerungen an Haschischduft aus der Dunkelkammer und dilettantische Amateur-Journalisten

16. April 2009 um 9:54 | Veröffentlicht in Kapitel_4, Medienökonomie, Zeitung | Kommentare deaktiviert für 30 Jahre „taz“: Erinnerungen an Haschischduft aus der Dunkelkammer und dilettantische Amateur-Journalisten

Es gibt in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten nur zwei Zeitungsgründungen, die längerfristig überlebten: die „taz“ (1979) und die „FTD“ (2000). Beide nutzten den Zeitgeist der Gründungsphase: die „FTD“ den Börsenboom der Jahrtausendwende und die „taz“ die links-alternative Szene der späten 70er Jahre, aus der auch die Grünen hervorgegangen sind. Am 17. April 1979 ist die erste Ausgabe der „taz“ erschienen. Was vor genau 30 Jahren begann, wird heute als Zukunftsmodell der Tageszeitung im Internet-Zeitalter beschrieben: Die „taz“ gehört keinem Verleger oder Medienkonzern, sondern einer Genossenschaft aus Leserinnen und Lesern. Und sie wurde damals von politisch motivierten Amateuren gemacht – heute würde man sie wohl „Blogger“ nennen.

Michael Sontheimer war mit dabei. Er erinnert sich an die ersten Tage, an den Haschischduft aus der Dunkelkammer und die Selbstausbeutung der Laien, die sich als Journalisten versuchten, und dabei „genial dilettantisch“ arbeiteten:

„Es hat funktioniert. Es hat deshalb funktioniert, weil wir keine Journalisten waren, sondern politisch motivierte Amateure. Die „taz“ wandelte sich, ganz anders als wir uns das gedacht hatten, von einem radikalen Szeneblatt zum Medium des neuen alternativen Bürgertums – ihr Weg ähnelte dem der Grünen. Die „taz“ wurde auch zur erfolgreichsten Journalistenschule der Nation – keine wichtige Redaktion ohne ehemalige „taz“-Redakteure.“

Inzwischen hat sich die „taz“ – mit Ausnahme einzelner Provokationen, die man auch als ethische Entgleisungen bezeichnen kann – der Berliner Medienszene angepasst: Den 30. feiert man mit einer Gala und einem Kongress und ab Samstag mit neuem Layout (von der Agentur KircherBurckhardt, die seit einigen Jahren das Erscheinungsbild der deutschen Tageszeitungen prägt und vereinheitlicht).

Bildblog will ab morgen alle Medien kritisieren

5. April 2009 um 18:43 | Veröffentlicht in Ethik, Kapitel_7, Qualität | Kommentare deaktiviert für Bildblog will ab morgen alle Medien kritisieren

Als „Bildblog für alle“ will das Team von Bildblog.de künftig antreten. Nach fast fünf Jahren Kritik an Europas größter Tageszeitung weitet sich nun der Fokus. „[…] es ging uns nie nur um die „Bild“-Zeitung, sondern um ihre Macht als viel gelesenes und für wichtig genommenes Leitmedium”, schreiben die Macher des Bildblog. „Es gibt viele Beispiele dafür, wie deutsche Medien ihrer Verantwortung nicht gerecht werden. Oft fehlt es schon an der schlichten Bereitschaft, eigene Fehler zu korrigieren. Sinkende Werbeerlöse und der Medienumbruch bedrohen gerade die Qualität.“ Nach dem Abschied von Bildblog-Mitbegründer Christoph Schultheis ergänzt der Ex-Zeitungs- und Fernsehjournalist Christian Jakubetz die beiden Medien-Kritiker Stefan Niggemeier und Lukas Heinser.

Wie man sich eine Journalismus-Studie bastelt. Sieben Tipps anhand des Fallbeispiels „Journalismus 2009“

2. April 2009 um 16:02 | Veröffentlicht in Journalismusforschung, Kapitel_1 | 7 Kommentare

Eine Pressemitteilung (hier oder hier) der „Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation“ und des Marktforschungsinstituts „YouGovPsychonomics“ hat uns zu folgender Bastelanleitung inspiriert. Geeignet sind die Tipps vor allem für junge aufstrebende, privat-kommerzielle Hochschulen und Marktforschungsinstitute, die offenbar beide darunter leiden, dass man sie (noch) nicht genug kennt und schätzt. Auch wer sonst mal gerne zum Thema Journalismus forschen möchte, möge sich bitte hier ein paar Ratschläge holen:

  • (1) Man suche sich einen griffigen Titel: „Journalismus + Jahreszahl“ funktioniert vor allem in der ersten Jahreshälfte. Gut macht sich ein Untertitel, der Großes verspricht (einlösen muss man das Versprechen ja nicht). „Zum Status des deutschen Journalismus“ ist knackig und hat etwas Wichtiges, ja Staatstragendes.
  • (2) Man denke sich ein paar Fragen aus, die man in einen Online-Fragebogen gieße. Eine theoretische Basis ist dafür nicht nötig. Hauptsache es fallen Schlagwörter wie „Wahrheit“, „Unabhängigkeit“, „Glaubwürdigkeit“, „gesellschaftliches Ansehen“ oder noch besser: „Manipulation“.
  • (3) Mindestens 1000 Menschen sollten sich den Fragebogen antun. Damit man mit dem Adjektiv „repräsentativ“ prahlen kann, sollte die Zusammensetzung altersmäßig so sein, wie sich die Bevölkerung zusammensetzt. Das reicht. Andere Kriterien für Repräsentativität sind völlig irrelevant, z.B. dass ein Drittel der Bevölkerung mit einem Online-Fragebogen gar nicht erreicht werden kann. Die Zahl, wie viele Menschen man mit diesem Fragebogen belästigen musste und wie viele davon ihn letztlich ausfüllten, interessiert in der Veröffentlichung der Studie nicht (mit „Rücklauf“ beschäftigen sich nur wissenschaftliche Erbsenzähler).
  • (4) Ganz wichtig ist, dass man die Ergebnisse der Befragung nicht im wissenschaftlichen Kontext, wie z.B. einer Fachzeitschrift, veröffentlicht, sondern sofort per Pressemitteilung in die Welt bläst. Wer liest schon Fachzeitschriften, die obendrein noch auf wissenschaftliche Qualitätssicherung achten und an der „Studie“ herummosern könnten?
  • (5) In der Pressemitteilung werfe man mit Prozentzahlen um sich, die zwar für sich überhaupt keinen Sinn ergeben, aber in dramatischen Formulierungen mit Sicherheit von Journalisten zitiert werden (z.B. hier oder hier oder hier). Was will uns z.B. sagen, dass „lediglich 46 Prozent der Bundesbürger“ „glauben“, „dass Journalisten an einer wahrheitsgemäßen Berichterstattung interessiert sind“? Oder: „Dass Journalisten objektiv berichten, glauben immerhin 52 Prozent.“ – Was hat das Eine mit dem Anderen zu tun? Ist das viel oder wenig? Waren das früher mehr? Sind es in anderen Ländern mehr? – Oder: Wissen wir nun mehr, wenn wir durch die „Studie“ erfahren, dass – nach Meinung der Befragten – Ärzte einen stressigeren Beruf haben als Journalisten? (So ganz nebenbei: Glauben an Gott oder an andere Transzendenzen war gestern – heute glauben wir an den Journalismus. Zitat: „Lediglich die 20 bis 29-Jährigen glauben an Unabhängigkeit.“)
  • (6) Es ist auch völlig egal, wenn sich die Zahlen widersprechen – weil das ja nur daran liegt, dass die Fragestellungen zu pauschal sind und so nicht funktionieren. Ein Beispiel: Nur 16 Prozent geben an, dass sie „Online-Magazinen“ „vertrauen“. Konkret angegebene Websites wie Spiegel-online, Focus-online oder Zeit-online erhalten dagegen genauso hohe Vertrauenswerte (zwischen 67 und 75 Prozent) wie überregionale Tageszeitungen oder Nachrichtenmagazine (und sogar mehr als das Printmagazin „Stern“).
  • (7) Man überrasche in der Pressemitteilung. Das macht den Text spannend und weist keineswegs auf innere Widersprüche der Fragestellungen hin. Ein Beispiel: „Was nun die Recherchearbeit der Journalisten betrifft, zeigen sich die Befragten aber erstaunlicherweise zufrieden.“ Und: „Allerdings halten es 74 Prozent der Befragten für wahrscheinlich, dass Journalisten im Rahmen der Recherche auch „über Leichen gehen“.“

Erstaunlich, erstaunlich. Da wir jetzt wissen, wie es um den „Status des deutschen Journalismus“ bestellt ist, beschäftigen wir uns demnächst mit der Frage, was ein „Online-Ausleger“ ist. Am schönsten gefällt mir die Wikipedia-Beschreibung aus dem Bereich der Luftbetankung: „Der Ausleger ist ein langes, innerhalb enger Grenzen horizontal und vertikal bewegliches Rohr…“ Das lässt sich doch sicher auf den „Online-Ausleger des Magazins „Focus““ (vgl. Seite 3 der Pressemitteilung) übertragen.

Nachtrag (20.4.09): Einer der Autoren der Studie, Martin Welker, hat in seinem Blog die Methodik der Befragung erläutert („Repräsentativität“) und angekündigt, die Ergebnisse einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift zur Prüfung und Veröffentlichung anzubieten.

Journalismus in Zeiten der Wirtschaftskrise

31. März 2009 um 16:50 | Veröffentlicht in Internet, Journalismusforschung, Kapitel_4, Kapitel_7, Medienökonomie, Qualität, Zeitung | Kommentare deaktiviert für Journalismus in Zeiten der Wirtschaftskrise

Unter dem Titel „Journalismus und Wirtschaft“ ist gerade die Ausgabe  1/09 des „Journalistik Journal“ erschienen. Darin u.a. Beiträge von Horst Pöttker („Ökonomisierung des Journalismus?„), Susanne Fengler („Der Journalist als Homo oeconomicus„), Klaus Arnold („Mit Qualität aus der Krise?„) und mir („Journalismus in Zeiten der Wirtschaftskrise„). Es ist nicht leicht, zwischen der derzeitigen Wirtschafts- und Anzeigenkrise und dem langfristigen strukturellen Medienwandel zu unterscheiden – vor allem auch weil die aktuelle Krise den Strukturwandel beschleunigt. Die genannten Beiträge können bei dieser Unterscheidung helfen.

Nachtrag (2.4.): Bayern 2 Radio hat ein Dossier zu diesem Thema zusammengestellt: „Ende der vierten Gewalt?“ Und die Drehscheibe hat einen sehr guten Beitrag von Jeff Jarvis übersetzt, welcher Ideen und Visionen vor allem für den Lokaljournalismus zusammenfasst. Das ist eine prima Ergänzung zu meiner Krisenanalyse.

Nach dem Amoklauf: Massive Verstöße gegen die journalistische Ethik

30. März 2009 um 15:15 | Veröffentlicht in Ethik, Journalisten, Kapitel_7, Qualität | 2 Kommentare

Zu den „prekären Konstellationen bei der journalistischen Arbeit“ gehören Zeit- und Produktionsdruck, die individuelle Sehnsucht nach dem Scoop, der exklusiven Story, oder ein hoher Konkurrenzdruck – stellte Siegfried Weischenberg in seinem Buch „Journalistik“ schon Anfang der 1990er Jahre fest (S. 205). Hinzu kommen unausgereifte redaktionelle Konzepte im Umgang mit neuen technischen Möglichkeiten und schlicht Sensationsgeilheit. Man kann die schlimmsten journalistischen Verfehlungen immer wieder beobachten, reflektieren, im Medienjournalismus, in Blogs oder in Wissenschaft und Ausbildung thematisieren – und doch lassen sie sich nicht ausrotten.

Wer mit etwas Abstand die Berichterstattung über den Amoklauf in Winnenden reflektiert, blickt wütend und ratlos auf massive Verletzungen der journalistischen Ethik. Hier einige Beispiele mit Links zur Vertiefung und Diskussion (Dank vor allem an Stefan Niggemeier, der zusammen mit seiner Community auch hier wieder akribisch protokolliert und treffend kommentiert hat):

  • Zwei Mitarbeiter von Focus online scheiterten kläglich beim Versuch während der Anreise zum Tatort zu twitternaufgezeichnet von Stefan Niggemeier.
  • Live-Berichterstattung: Stundenlange Sondersendungen, wo doch über das schlimme Ereignis in drei Minuten berichtet wäre, erzeugen hilflose Reporter vor Ort. Wenn dann noch Erfahrungslosigkeit und Naivität hinzu kommen, dann wird das auf RTL gesendet. Reporterin Sarah Jovanovic: „…es ist Wahsinn. Hier blinken die Lichter um uns herum. … es ist Wahnsinn. Es heißt sogar, dass der Täter hier vor Ort noch um sich springen könnte … eine solche Größenordnung… ein Chaos vom Feinsten.“
  • Die Belagerung der Kleinstadt Winnenden in den Stunden und Tagen danach: Jugendliche werden vor die Kameras gezerrt. Wütende Botschaften von Schülern an Journalisten: „Lasst uns in Ruhe trauern“, „Keine Presse“. Die NDR-Sendung ZAPP dokumentiert das unfassbare Fehlverhalten von Journalisten aus aller Welt.
  • Die Heroisierung des Täters und der Tat: Tim K. wird zum Spiegel-Titel, Bild setzt den Amoklauf mit schwarzer Kampfuniform und Heldenpose in Szene. „Kurze Sachinformation hätte gereicht. Die Gefahr des Nachahmereffekts ist ein riesiges Problem“, sagt die Kriminologin Britta Bannenberg im Chat nach der Anne Will-Sendung.
  • In vielen Magazinen und Zeitungen – unter anderem Bild, Bild am Sonntag, Focus, Stern – sind Fotos von (jugendlichen) Opfern zu sehen. Zum einen wurde dabei eklatant gegen den Pressekodex verstoßen, der in der Richtlinie 8.1 fordert, dass weder Opfer noch Täter in Wort und Bild genannt und gezeigt werden. Zum anderen wurden die meisten dieser Fotos aus sozialen Netzwerken im Internet (u.a. Schüler VZ) einfach kopiert, ohne die Angehörigen der Opfer zu fragen. Die ARD-Sendung Panorama hat in einem Beitrag den Foto-Raubzug von Journalisten im Internet – auch zu anderen Themen – angeprangert (vgl. den Beitrag von Niggemeier dazu).
  • Wer ist schuld an der schmutzigen Berichterstattung? Findige Journalisten machen das Web 2.0 und die Möglichkeit, dass jetzt alle mitreden und mitdiskutieren können, dafür verantwortlich.  So zum Beispiel der Chefredakteur von Welt und Welt am Sonntag Thomas Schmid: „Letztlich aber sind es nicht einmal, wie die linke Kulturkritik meint, „die“ Medien, die dem Täter zum Ruhm verhelfen. Es sind Krethi und Plethi, die das (oft mit medialer Hilfestellung) besorgen. Und das ist, wenn man will, ein Demokratisierungserfolg. Konnten früher medial nur die Privilegierten, also die journalistischen Fachleute, mithalten, hat das weltweite Netz, das alle mit allen verbinden kann, im Prinzip jeden Einzelnen zum Wirklichkeitsdeuter und -bildner gemacht. Dass Tim K. heute eine populäre, in der ganzen Welt bekannte Gestalt ist, ist auch eine Folge von user generated content.“ Der Herr Chefredakteur übersieht dabei die Verfehlungen der eigenen Zunft, der eigenen Redaktion und des eigenen Verlags (Springer). Das große Aufmacherfoto, mit dem sein Beitrag in der Welt am Sonntag geschmückt war, zeigte einen namenlosen trauernden Jugendlichen – fotografiert bei der Trauerfeier. Direkt daneben die Überschrift: „Die Unsterblichkeit des Amok-Täters“. Es ist unglaublich, mit welcher Dreistigkeit angebliche Qualitätsmedien (hier: ein Chefredakteur!) agieren. Den treffenden Analysen von Stefan Niggemeier und Thomas Wanhoff ist nichts hinzuzufügen.

Das alles macht wütend und ratlos. Warum können Journalisten und Redaktionen so selten schweigen? Oder über das eigene Tun nachdenken?

Nachtrag (4.4.09): Der Sender RTL hat den TV-Ausschnitt aus seiner Nachrichtensendung bei You Tube sperren lassen. Stefan Niggemeier hat nachgehakt und das Video erneut bei Sevenload platziert. Sein Blogbeitrag und die Diskussionen der Nutzer dazu sind sehr interessant: Muss es sein, dass ein Watch-Blog so hartnäckig mit einer einzelnen journalistischen Fehlleistung umgeht und die junge unerfahrene Reporterin nochmals vorführt (deren journalistische Laufbahn damit vermutlich zerstört ist)? Oder ist es durchaus angemessen, darauf herumzureiten, weil die Dokumentation des Videos zeigt, dass ja eigentlich die RTL-Redaktion und die Redaktionsleitung für die desaströse Berichterstattung verantwortlich sind, weil sie auf keinen Fall ein junge, unerfahrene Kollegin mit dieser schwierigen Live-Berichterstattung hätten beauftragen sollen? – Dass „Sarah Jovanovic“ seit einigen Tagen dasjenige Suchwort ist, mit dem dieses Blog hier am häufigsten gefunden wurde, macht mich sehr nachdenklich. Offenbar machen sich viele Internet-Nutzer über die junge Reporterin lustig. Vielleicht sollten auch Medienkritiker manchmal innehalten und länger überlegen, was man wie kritisiert (ich nehme mich hier gar nicht aus). Denn die eigentlichen Verantwortlichen hinter den Kulissen (hier: die RTL-Redaktionsleitung, auch Chefredakteur Peter Kloeppel) trifft man mit platter Kritik an einer Reporterin nicht. Da muss man schon intensiver analysieren und auf redaktionelle Zwänge und Hierarchien hinweisen. RTL bemüht sich inzwischen um Schadensbegrenzung und hat ein Video unter dem Titel „RTL-Reporterin Sarah Jovanovic in Winnenden“ im eigenen Web-Angebot platziert. Dort ist die Reporterin in einem unverfänglichen TV-Ausschnitt zu sehen.

Die Politik mischt sich wieder stärker in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ein

20. März 2009 um 21:33 | Veröffentlicht in Öffentlich-rechtliche, Kapitel_4, Kommunikationsfreiheit | Kommentare deaktiviert für Die Politik mischt sich wieder stärker in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ein

Über die wirtschaftliche Abhängigkeit des privat-kommerziell organisierten Journalismus habe ich im Buch „Journalistik“ und in diesem Blog öfter geschrieben. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat ein ganz anderes Problem: Er ist von der Politik – vor allem von den Landesregierungen – abhängig. Der ehemalige ZDF-Chefredakteur Klaus Bresser hat das vor kurzem im Rückblick ungewöhnlich offen beschrieben:

„Dass eine Partei unbequeme Journalisten im öffentlich-rechtlichen Fernsehen kaltzustellen sucht und sich dafür Kollegen auswählt, die ihr besser in den Kram passen. […] Gerade weil die Parteien auf das Kommerzfernsehen keinen Einfluss haben, versuchen sie bei ARD und ZDF um so entschiedener durchzugreifen. Erst recht dann, wenn wie in diesem Jahr Bundestagswahlen bevorstehen. Es geht 2009 für die CDU/CSU um viel, beinahe um alles – um die Frage, wie die Union an der Macht bleibt, mit der FDP regieren kann oder weiterregieren muss mit der SPD […].“

Vor allem der hessische Ministerpräsident Roland Koch greift über die CDU-Rundfunkräte und die Räte, welche der CDU nahe stehen, in das ZDF und in den Hessischen Rundfunk ein. Die Anstalt in Frankfurt hat er schon weitgehend gefügig gemacht. Die Süddeutsche Zeitung beschreibt heute die Historie dieses Eingriffs in den HR („Roland Kochs Spielwiese„). In meinen Lehrveranstaltungen verweise ich des öfteren auf die völlig veraltete Zusammensetzung des HR-Rundfunkrats (27 Männer, 3 Frauen). Dabei ist es wichtig zu wissen, dass das Hessische Parlament unter Roland Koch 2000 und nochmals 2003 das Gesetz über die Zusammensetzung des Rundfunkrats geändert hat – mit der Begründung: Die in dem Gremium vertretenen Gruppen seien „nicht mehr als repräsentatives Abbild der Gesellschaft einzustufen“. Sicher sehr sinnvoll war es deshalb, zum Beispiel den Bund der Vertriebenen oder die Europa-Union in den Rundfunkrat zu holen. Die einzige Modernisierung dieses Gremiums bestand in der Ausweitung des parteipolitischen, konservativen Einflusses.

Die Koch-Strategie ist mit dem in der Zwischenzeit berufenen konservativen Intendanten Helmut Reitze (seit 2002) und dem konservativen Chefredakteur Alois Theisen (seit 2005) voll aufgegangen. Jetzt probiert es Koch mit dem ZDF: Er sägt am Stuhl des Chefredakteurs Nikolaus Brender (ohne Parteibuch). Noch ist ihm seine Abberufung nicht gelungen – der Gegenwind ist beim ZDF weitaus stärker als beim HR. Eine Unterschriftenliste gegen die Koch-Aktion wurde u.a. von Claus Kleber, Maybrit Illner, Marietta Slomka und Guido Knopp unterzeichnet. Wer mitmachen will: www.brender-muss-bleiben.de.

Neue Impressionen und Fakten zum Untergang der gedruckten Tageszeitung in den USA

20. März 2009 um 20:50 | Veröffentlicht in Internet, Kapitel_4, Kapitel_7, Zeitung | 3 Kommentare

Die Meldungen und Analysen aus den USA zum Untergang der gedruckten Tageszeitung verdichten sich immer mehr. „Newspaper death watch“ listet aktuell zwölf Großstadtzeitungen auf, welche die Printausgabe eingestellt haben. Beim 1863 gegründeten Seattle Post-Intelligencer zum Beispiel verloren mit der letzten Ausgabe am 17. März 150 von 170 Mitarbeitern ihren Job – nun will der Verlag „fully online“ weitermachen (hier eine Slideshow vom letzten Print-Arbeitstag). Die Redaktion der Rocky Mountain News (Denver) hat ein anrührendes Video zum Tod der gedruckten Ausgabe am 27. Februar (die letzte Frontpage) produziert – zwei Monate vor dem 150. Geburtstag der Zeitung. Das Video gibt auch allgemein anschauliche Einblicke in den Zustand des Zeitungsjournalismus in den USA.

Von amerikanischen Zeitungsjournalisten lernen – das heißt ab jetzt lernen, die Zeitung würdevoll zu Grabe zu tragen.

Fakten und Hintergründe über den Zustand der Nachrichtenmedien in den USA liefert der jährliche Bericht „state of the media“ des „Projects for Excellence in Journalism“ (finanziert vom Pew Research Center). Der sechste Bericht liegt seit dieser Woche vor. Demnach haben seit 2001 20 Prozent der Zeitungsjournalisten ihren Job verloren. Das Nachrichten-Publikum wandert zum Internet ab:

„[…] the audience migration to the Internet is now accelerating. The number of Americans who regularly go online for news, by one survey, jumped 19% in the last two years; in 2008 alone traffic to the top 50 news sites rose 27%.“

Mit dem Publikum sind allerdings nicht die Anzeigenerlöse zu den Online-News-Angeboten gewandert:

„Online advertising over all began to slow down, and display advertising in particular, the primary ad-revenue source for news, appeared to actually decline.“

Hinter der Finanzierung des Journalismus steht im 21. Jahrhundert ein ganz großes Fragezeichen – zumindest in den USA.

Zeitungssterben auch in Deutschland?

Kann man die US-Situation auf die ganze Welt und auch auf Deutschland übertragen? Ist die USA ein Vorreiter in Sachen Zeitungssterben? –

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Neuer Newsroom: Auch der Guardian arbeitet jetzt „integrated“

9. März 2009 um 13:17 | Veröffentlicht in Internet, Kapitel_4, Newsroom, Redaktion | Kommentare deaktiviert für Neuer Newsroom: Auch der Guardian arbeitet jetzt „integrated“

„We are organised by subject rather than by platform“, sagt Chefredakteur Alan Rusbridger über den neuen „integrated newsroom“ des Guardian. Und: „We have multimedia facilities that are as good as anything that the BBC has.“ London hat seit einigen Wochen zwei moderne Vorzeige-Redaktionen: Nach dem Vorreiter Daily Telegraph im Januar 2007 ist jetzt auch der Konkurrent Guardian mit 730 Journalisten in ein völlig neues Redaktionsgebäude gezogen. Die Fachzeitschrift „Press Gazette“ zeigt die neuen Räume und das redaktionelle Konzept des Guardian in einer Audio-Slideshow – in der gedruckten „Press Gazette“ (Feb. 2009) ist ein Interview mit Rusbridger zu lesen (leider noch nicht online, aber schon im Mai hat er sein neues Konzept vorgestellt: „pods in a matrix“). Integriert ist nicht nur print und online der Tageszeitung, sondern auch der Sonntagszeitung Observer: Die Thementeams (Ressortteams) bedienen also drei Plattformen mit jeweils ganz unterschiedlichen Anforderungen.

Der neue integrierte Newsroom der Frankfurter Rundschau

20. Februar 2009 um 17:06 | Veröffentlicht in Internet, Kapitel_4, Newsroom, Redaktion, Zeitung | Kommentare deaktiviert für Der neue integrierte Newsroom der Frankfurter Rundschau

Es gibt einen neuen „modernsten Newsroom“ in Deutschland: Dieses Mal nicht in Berlin oder München, sondern in Frankfurt: Die „Frankfurter Rundschau“ ist am Wochenende in ein ehemaliges Straßenbahn-Depot in Sachsenhausen gezogen. Kernstück des neuen Gebäudes ist ein Newsroom mit 90 Arbeitsplätzen und einem großen runden Tisch in der Mitte. Chefredakteur Uwe Vorkötter erklärt stolz die strategischen Ziele der völlig neuen redaktionellen Strukturen – Redakteure sind im FR-Video mal begeistert, mal skeptisch. Typisch FR :-). Vorkötter: „Es gibt dort keine Trennung zwischen Print und Online mehr. Es gibt nur noch eine Redaktion. Aus ihrem Material wird die Doppelseite in der Zeitung gestaltet, ebenso wie die Kurznachricht auf dem Handy. Es ist eine Redaktion, die multimedial denkt und arbeitet. Und die sich dafür neu organisieren muss.“ 

Der Newsdesk (man nennt ihn übrigens „Brücke“) ist rund – sieht fast so aus wie beim „Daily Telegraph“ in London oder wie bei der Tageszeitung „Österreich“ in Wien. An ihm sitzen neben den Chefredakteuren die Ressortleiter, die gleichzeitig für Print und für online zuständig sind. Die Redaktionsstrukturen sind stark angelehnt an den Telegraph; die FR wurde ebenso wie das Vorbild in London von der IFRA in Darmstadt beraten (Joachim Blum).

Morgen (Samstag) wird eine Print-Beilage zum neuen Newsroom erscheinen. Einen Vorgeschmack mit Text von Vorkötter und prima Video-Interviews gibt’s online.

Heftige Diskussion um Nachdruck von Nazi-Zeitungen

26. Januar 2009 um 12:10 | Veröffentlicht in Ethik, Journalistik, Kapitel_2, Kommunikationsfreiheit, Zeitung | Kommentare deaktiviert für Heftige Diskussion um Nachdruck von Nazi-Zeitungen

Muss der Staat seine Bürger vor dem Nachdruck von NS-Dokumenten schützen? Oder haben wir 60 Jahre nach Kriegsende nahezu ausschließlich mündige Bürger, die sich offen mit diesen Dokumenten auseinandersetzen sollten? – Das Projekt „Zeitungszeugen“ hat die Diskussion um NS-Propagandamaterial erneut entflammt. Seit Anfang Januar werden Zeitungen aus der NS-Zeit nachgedruckt und in einem Umschlag mit kritischer Einordnung durch Historiker am Kiosk verkauft. Die bayerische Staatsregierung hat jetzt die Beschlagnahmung aller im Handel befindlichen Faksimiles desVölkischen Beobachters angeordnet. Wer sich noch ein Exemplar sichern will, muss schnell sein. Es gibt inzwischen viele Medienbeiträge und -diskussionen zu diesem Streit. Ich empfehle vor allem zwei Beiträge: Der westen.de berichtet über eine Diskussion am Institut für Journalistik in Dortmund, wo Professor Horst Pöttker das Projekt verteidigt (er ist im wissenschaftlichen Beirat der „Zeitungszeugen“). Ich kann seine Argumentation sehr nachvollziehen: „60 Jahre nach Kriegsende brauchen wir keinen pädagogischen oder paternalistischen Umgang mit dem NS-Propaganda-Material mehr“, meint Pöttker. Gerade in der Journalistenausbildung sollte Nazi-Propagandamaterial nicht tabuisiert werden. In der Süddeutschen Zeitung hat der Autor Marc Felix Serrao Stimmen aus dem In- und Ausland zur Frage gesammelt, ob sich die Deutschen noch vor ihrer Vergangenheit beschützen müssen.

Umfassendes Gutachten zur Entwicklung der Medien in Deutschland

19. Dezember 2008 um 11:20 | Veröffentlicht in Journalismusforschung, Kapitel_4, Kapitel_7, Kommunikationsfreiheit, Medienökonomie, Qualität | 1 Kommentar

Die Bundesregierung hat in dieser Woche einen neuen Medien- und Kommunikationsbericht in Berlin vorgestellt. Der letzte Bericht stammt aus dem Jahr 1998. Ziel dieser Berichte, die an den Bundestag gehen und öffentlich zur Verfügung stehen, ist es in erster Linie, die Medienpolitik in Deutschland darzulegen. Das ist bei den Aspekten, die mit Journalismus zu tun haben, dann nicht so richtig befriedigend: Häufig werden „Defizite festgestellt“ und es wird schön formuliert, dass die Bundesregierung einen „erheblichen Handlungsbedarf“ sieht (z.B. zur Aus- und Fortbildung von Journalisten, S. 85f.) – aber die Standardantwort ist meist, dass die Bundesregierung nur beschränkte Handlungsmöglichkeiten hat und andere gefordert sind (z.B. die Medienunternehmen, was die praktische Ausbildung betrifft, oder die Bundesländer, was die Hochschulausbildung angeht). Das ist zwar richtig, nur wahnsinnig erhellend ist der Bericht dann in dieser Hinsicht nicht – und erst recht nicht lösungsorientiert. Dieses Geschwurbel hätte man sich schenken können (jetzt hat es halt die Bundesregierung auch mal gesagt).

Aber: Für ein wissenschaftliches Fachpublikum ist vor allem das umfassende Gutachten, das dem Bericht zu Grunde lag, lesenswert: Das Hans-Bredow-Institut der Universität Hamburg hat auf 380 Seiten die Entwicklung der Medien in den vergangenen zehn Jahren zusammengefasst und analysiert – auf Basis einer intensiven Recherche in zahlreichen wissenschaftlichen Studien. Das Gutachten stammt vom 4. Juni 2008 und steht jetzt ebenfalls als pdf-Datei zur Verfügung. Ich empfehle die pdf-Datei für Journalistik-Studierende als Basis für wissenschaftliche Recherchen in Seminaren und Abschlussarbeiten. Vielleicht kann man ja auch über die Feiertage mal reinlesen…

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