Zeitungsleser lieben auch lange Texte

4. Oktober 2013 um 17:50 | Veröffentlicht in Allgemein, Journalismusforschung, Kapitel_3, Zeitung | 2 Kommentare

Auch lange Texte werden gelesen: Das 3sat-Magazin „nano“ berichtet über ein Projekt der Sächsischen Zeitung in Dresden, bei dem Leser mit einem Scanner markieren, was sie in der Zeitung lesen  – ähnlich den „ReaderScan“-Projekten bei anderen Zeitungen. Mit spannenden Erkenntnissen.

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Zeitungsvielfalt nimmt weiter ab – weniger als 100 Vollredaktionen in Deutschland

4. Oktober 2013 um 17:27 | Veröffentlicht in Kapitel_4, Kapitel_7, Zeitung | 10 Kommentare

Die Mediengruppe Madsack, die am Montag erst die Harburger Anzeigen und Nachrichten einstellte, hat in dieser Woche eine Zentralredaktion für Regionalzeitungen angekündigt. Die drei bislang weitgehend eigenständigen Publizistischen Einheiten Märkische Allgemeine Zeitung (Potsdam), Leipziger Volkszeitung und Hannoversche Allgemeine Zeitung werden dann die überregionalen Inhalte aus einer Gemeinschaftsredaktion zugeliefert bekommen und selbst nur noch Regional- und Lokalberichterstattung machen.

Diese Entscheidung des Verlagsmanagements passt in den Trend zur Zeitungskonzentration. Beispiele für Zulieferungen aus Zentralredaktionen geben die Funke-Gruppe in Essen (für WAZ, NRZ, WP und die komplett ohne Redaktion produzierte WR) sowie die Südwestdeutsche Medien Holding, die für die ehemals eigenständigen Zeitungen Frankenpost, Freies Wort, Neue Presse und Südthüringer Zeitung einen gemeinsamen Mantel produzieren lässt, welcher von den ca. 300 Kilometer entfernten „Stuttgarter Nachrichten“ zugeliefert wird [Nachtrag 6.10.: Quelle] [Nachtrag 7.10.: meine Darstellung hier ist missverständlich – bitte die Kommentare der Chefredakteure Johann Pirthauer und Walter Hörmann unten beachten, die die Situation bei den vier Zeitungen detailliert darstellen. Auch die genannte Quelle ist offensichtlich nicht korrekt.].

Alle hier in diesem Beitrag genannten Zeitungstitel (bis auf Neue Presse und Südthüringer Zeitung) werden statistisch zu den 130  „Publizistische Einheiten“ gezählt. Es fehlt eine Statistik, welche die tatsächlich eigenständigen Vollredaktionen erhebt. Immerhin hat Walter J. Schütz, der in viel aufwändiger Kleinarbeit die Zeitungsstatistik über Jahrzehnte hinweg gemacht hat, in der vorerst letzten Statistik 2012 zwölf redaktionelle Kooperationen vermerkt, die insgesamt ca. 30 Publizistische Einheiten umfassten.

In der heute erschienenen dritten Auflage des Lehrbuchs „Journalistik“ schätze ich vorsichtig, dass es weniger als 100 Vollredaktionen in Deutschland gibt (S. 150).

Die nächste Publizistische Einheit ist gestorben

30. September 2013 um 13:01 | Veröffentlicht in Kapitel_4, Kapitel_7, Zeitung | 1 Kommentar

Und wieder stirbt eine Publizistische Einheit in Deutschland: Heute sind die Harburger Anzeigen und Nachrichten zum letzten Mal erschienen. Die Lokalzeitung im Süden von Hamburg hatte zuletzt eine Auflage von ca. 12.000 Exemplaren. Schon seit 2004 gibt es eine Kooperation mit dem Hamburger Abendblatt für den überregionalen Teil – dennoch hatte die Zeitungsstatistik von Walter J. Schütz die  Harburger Anzeigen und Nachrichten, die erstmals am 5. Oktober 1844 erschienen sind, bis zuletzt als eigene Publizistische Einheit ausgewiesen. Haupteigentümer sind die Madsack-Gruppe aus Hannover und zu knapp einem Viertel der Axel-Springer-Verlag. In Hamburg gibt es jetzt nur noch zwei Publizistische Einheiten – von noch vier im Jahr 2012 (die zweite gestorbene ist die Financial Times Deutschland).

Beim NDR-Radio wird das Thema heute mehrfach erwähnt und analysiert. Das NDR-Info-Mittagsecho (13 bis 14 Uhr) wird u.a. ein Interview mit mir senden.

Der Druck im Newsroom wächst

4. September 2013 um 16:59 | Veröffentlicht in Journalisten, Kapitel_4, Kapitel_7, Medienökonomie, Newsroom, Qualität, Redaktion, Zeitung | Hinterlasse einen Kommentar

Weil ich in diesem Blog häufig über Trends der Redaktionsorganisation und Redaktionsforschung berichte, verweise ich heute auf den Beitrag von Hans-Joachim Graubner, der vor ein paar Tagen von seiner Arbeit im Newsroom der Stuttgarter Zeitung erzählt hat. Der Druck sei stark gestiegen, immer mehr Seiten müssten von der gleichen Mannschaft betreut werden – plus neue Publikationskanäle wie Website, Facebook und Twitter. Ein eindrückliches Beispiel dafür, wie die Aufgaben am Newsdesk wachsen. Der Beitrag ist auf einem Streikblog erschienen, mit dem Redakteurinnen und Redakteure der Stuttgarter Zeitung und der Stuttgarter Nachrichten gegen Gehaltsabsenkung und für die Anerkennung journalistischer Arbeit durch die Arbeitgeber (also das Verlagsmanagement) kämpfen.

Innovativer Chefredakteur im Video-Porträt: Ralf Geisenhanslüke

25. April 2013 um 8:34 | Veröffentlicht in Kapitel_4, Kapitel_7, Qualität, Redaktion, Zeitung | 1 Kommentar

Sehr interessantes Video-Porträt eines innovativen Chefredakteurs: Ralf Geisenhanslüke von der Neuen Osnabrücker Zeitung. In dem Beitrag, den Roman Mischel produziert hat, wird das Idealbild eines Chefredakteurs gezeichnet: unaufgeregt, aber konsequent den Weg zum digitalen Journalismus aufzeigen und mit dem Team gehen. Chapeau!

Umfangreiches Dossier zum Lokaljournalismus

22. Februar 2013 um 11:02 | Veröffentlicht in Kapitel_4, Qualität, Redaktion, Zeitung | Hinterlasse einen Kommentar

Die Bundeszentrale für politische Bildung hat in Kooperation mit vielen Autoren ein umfassendes und empfehlenswertes Dossier zum Lokaljournalismus veröffentlicht. Analysen und Hintergrundinfos sind kombiniert mit Ratschlägen und Tipps für einen besseren Journalismus, der gerade im Lokalen so wichtig ist. Das Dossier ist aufwändig illustriert und in viele Unterbereiche gegliedert.

Ich durfte mit zwei Beiträgen beim Themenbereich Crossmedia mitwirken: „Crossmedial und lokal“ erklärt die Auswirkungen der Medienkonvergenz auf die Arbeit in der Lokalredaktion; „Unter Strom: Der Newsroom“ erläutert innovative Organisationsformen. Die bpb hat meine Texte in einer idealen Grafik visualisiert, die alle Anforderungen an den Newsdesk auf den Punkt bringt: das crossmediale Arbeiten, das ressortübergreifende Planen und die Integration des Leser-Feedbacks z.B. via Soziale Netzwerke.

Newsroom_bpb

Wenn der Markt versagt: Wie Journalismus finanziert werden kann

23. November 2012 um 21:45 | Veröffentlicht in Internet, Journalismusforschung, Journalistik, Kapitel_7, Kommunikationsfreiheit, Qualität, Zeitung | 4 Kommentare

Nach dem Ende der Financial Times Deutschland (FTD), der Nürnberger Abendzeitung und der Insolvenz der Frankfurter Rundschau wird nun wieder mehr darüber diskutiert, wie tagesaktueller Journalismus – außerhalb der öffentlich-rechtlichen trimedialen Rundfunkanstalten – langfristig finanziell überleben kann (vgl. den Beitrag in der heutigen ARD-Web-Tagesschau mit einem Interview von mir). Dabei geht es auch um die Frage nach der Zukunft des lokalen und regionalen Journalismus. Der NRW-Medienstaatssekretär Marc Jan Eumann hat einen interessanten Diskussionsbeitrag gemacht, über den u.a. Spiegel online berichtet und den er selbst ausführlich darstellt („Wie wir in Zukunft Öffentlichkeit finanzieren“): Eine Stiftung zur Förderung von journalistischer Vielfalt könnte Recherche-Stipendien für Journalisten und Redaktionen vergeben.

Der Medienredakteur der F.A.Z., Michael Hanfeld, sieht das kritisch, aber er ist auch bekannt für seinen Konfrontationen gegen die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten und eine eher plumpe schwarz-weiß-Darstellung; er kann sich offenbar nur marktfinanzierten Journalismus vorstellen.

Der Schweizer Journalistik-Professor Vinzenz Wyss hat in einem Facebook-Beitrag auf verschiedene kommunikationswissenschaftliche Ansätze verwiesen. Diese Links möchte ich hier dokumentieren:

In der Medienwissenschaft hat Marie Luise Kiefer interessante Finanzierungsmodelle angetippt:  Das sollte man mal gelesen haben. In der Schweiz hat sich insbesondere Manuel Puppis vom IPMZ mit den Fragen beschäftigt. Seine Gedanken sind publiziert, z.B. in dem jüngst erschienenen Buch „Gehen den Leuchttürmen die Lichter aus?“  Und seine Gedanken wurden auch an einem Parlamentarieranlass vom Verein Medienkritik Schweiz diskutiert. Dazu das Papier hier. Man sollte bei der Diskussion wissen, dass keine – also auch keine medienwissenschaftlich ernst zu nehmende – Position vorschlägt, dass der Staat da irgendwas finanzieren soll. Staatsferne ist selbstverständlich gesetzt. Dennoch muss der Staat hier an der Organisation solcher Modell mitwirken. Es gibt hier also nicht plumpes Schwarz/Weiss.

Auf der Facebook-Seite von Vinzenz Wyss kommentiert Marc Jan Eumann:

Wir müssen streiten! Wieviel Vielfalt wollen wir? Wieviel Geld soll wer und warum in die Hand nehmen? Wie sichern wir Unabhängigkeit? Wie gelingt Transparenz? Fragen über Fragen. Es stellen sich noch mehr. Wichtig ist: Der Streit lohnt. Es geht um ein wichtiges Gut: Die Herstellung von Öffentlichkeit durch Journalistinnen und Journalisten, ohne die Demokratie nicht funktioniert. Nebenbei: Es gibt doch viele Beispiele, wo der Staat finanziert, aber die Unabhängigkeit gewährleistet ist: Die Deutsche Forschungsgemeinschaft, Max-Planck-Institute sind nur zwei. Lasst uns gute Argumente sammeln. Und klar ist auch: Es gibt keinen Königsweg…

Ich finde es wert, diese Punkte öffentlich zu diskutieren. Deshalb habe ich diese Aussagen, die ja bei Facebook nur einen begrenztes Publikum erreichen und vergänglich sind, hier dokumentiert. Aber natürlich ist das alles noch nicht zu Ende diskutiert. Unsere Gesellschaft ist erst am Anfang einer wertvollen Debatte, welchen Journalismus wir uns leisten wollen.

Nachtrag (24.11.): Die Schweizer Kommunikationswissenschaftler Cédric Wermuth und Kurt Imhof im Interview.

Korrektur (24.11. abends): Cédric Wermuth ist Politiker. Er sitzt für die SP im Schweizerischen Nationalrat (vgl. Kommentare). Prof. Dr. Kurt Imhof ist Professor für Publizistikwissenschaft und Soziologie an der Uni Zürich; er leitet den Forschungsbereich Öffentlichkeit und Gesellschaft, in dem regelmäßig das Jahrbuch „Qualität der Medien“ herausgegeben wird.

Interview zum „Zeitungssterben“

22. November 2012 um 12:07 | Veröffentlicht in Kapitel_4, Kapitel_7, Qualität, Zeitung | Hinterlasse einen Kommentar

Heute ist ein Interview mit mir in der Main-Post, Würzburg, zum „Zeitungssterben“ erschienen: „Medienwissenschaftler Klaus Meier sieht keinesfalls schwarz für die Tageszeitung“, heißt es. Meier: „… Wenn der Markt hier versagt, für eine für die Demokratie so wichtige Institution wie den Journalismus, da müssen wir überlegen, wie der Staat eingreifen kann. Ich plädiere nicht dafür, die Verlage direkt zu unterstützen. Wir müssen aber Wege finden, wie wir qualitätsvollen Journalismus öffentlich unterstützen können – mit politischer Unabhängigkeit. In Nordrhein-Westfalen gibt es Pläne für eine NRW-Journalismus-Stiftung zur Förderung journalistischer Vielfalt, die an recherchierende Journalisten Stipendien vergibt oder Redaktionen eine Recherche ermöglicht, die andernfalls nicht finanzierbar wäre. Das ist natürlich noch Zukunftsmusik. Aber es wird das große Thema sein in den nächsten Jahren. Darüber muss unsere Gesellschaft sprechen.“ Der Leitartikel von Chefredakteur Michael Reinhard zum gleichen Thema ist lesenswert: „Die Tageszeitung ist gut und stark“.

Neue Nachrichten und Prognosen zur Krise der gedruckten Tageszeitung

1. Oktober 2012 um 11:33 | Veröffentlicht in Kapitel_4, Kapitel_7, Zeitung | 8 Kommentare

Der 1. Oktober 2012 markiert einen neuen Höhepunkt in der Seismographie der Krise der täglich gedruckten Nachrichten: Die Nürnberger „Abendzeitung“ ist gestorben und erscheint ab heute nicht mehr. Und die „Nürnberger Zeitung“ produziert keinen eigenen Lokalteil mehr, sondern übernimmt diesen ab heute von der Schwesterzeitung „Nürnberger Nachrichten“ Korrektur zur Situation bei der Nürnberger Zeitung (NZ) und den Nürnberger Nachrichten (NN) (Danke für den Hinweis an Klaus Schrage und sorry für den Fehler!): Es gibt in Nürnberg einen Zusatz-Lokalteil. Das waren bisher NZ Plus und NN Extra. Jetzt heißt es „Mehr Nürnberg“ – und wird unter der Federführung der NN-Redaktion produziert; die eigentlichen Lokalteile, die bei NN und NZ in der Gesamtausgabe durchlaufen, gibt es aber weiterhin (vgl. zu beiden voneinander unabhänigen Ereignissen die Nachricht bei Newsroom.de). Und in New Orleans ist ab heute die erste US-Metroploe ohne tägliche Zeitung: Die „Times Picayune“ erscheint nach 175 Jahren nur noch drei Mal in der Woche gedruckt – und permanent aktualisiert im Internet (vgl. die Nachricht im Deutschlandfunk oder bei onlinejournalismus.de).

In diesen Tagen habe ich mich für einen Buchbeitrag mit der Frage beschäftigt: „Wird es bald keine gedruckte Tageszeitung mehr geben?“ Mein Text hier für Interessierte zur Info – und gerne auch zum Kommentieren: Continue Reading Neue Nachrichten und Prognosen zur Krise der gedruckten Tageszeitung…

Katerstimmung nach der EM: Unterhaltungsindustrie und Party statt Sportjournalismus

2. Juli 2012 um 9:43 | Veröffentlicht in Öffentlich-rechtliche, Ethik, Kapitel_5, Kapitel_7, Qualität, Zeitung | 2 Kommentare

Was bleibt nach der Fußball-EM? – Vor allem eine riesige Katerstimmung nicht wegen der deutschen Mannschaft, sondern aufgrund der Berichterstattung, die man in weiten Teilen nicht mehr als Sportjournalismus bezeichnen kann, sondern als gigantische Unterhaltungsindustrie. Klassische journalistische Werte wie Fairness, Unparteilichkeit oder Transparenz gehen im Kult um „Reichweite durch Party“ unter. Es wurde in Blogs und Sozialen Netzwerken schon viel dazu geschrieben, weshalb ich mich hier darauf beschränke, die treffenden Analysen zu sammeln:

  • Arnd Zeigler bringt es in einem offenen Brief auf Facebook auf den Punkt: „Wer jetzt so tut als seien die deutschen Spieler nach der ersten Niederlage nach 16 Siegen hintereinander (oder wieviele waren es?) plötzlich alles Vollpfosten, Totalversager und Nullen und ihr Trainer ein Nichtskönner, der hat den Fußball nicht mal im Ansatz verstanden.“
  • Und Bildblog hat zusammengetragen, wie die „Bild“-Zeitung die deutschen Spieler zuerst wie Helden verehrt und dann in Grund und Boden geschrieben hat. Beides völlig maßlos, unmenschlich und ekelhaft.
  • Die Bilder, die wir im Fernsehen von den Spielen bekommen, werden nicht von journalistischen Redaktionen ausgewählt, sondern von den Veranstaltern selbst. Wir sehen unter dem Label von ARD und ZDF die PR-Unterhaltung der UEFA. Missliebige Szenen werden nicht gezeigt (Feuerwerke unter Zuschauern, Flitzer, leere Plätze), Bilder um der Unterhaltung Willen gefälscht (z.B. „Löw und der Balljunge“ oder „Tränen nach dem Tor“).
  • Die Berichterstattung hätte das ZDF nutzen können, um ein junges Publikum von der Qualität und Attraktivität seines Programms zu überzeugen. Statt dessen inszeniert man ein Strandstudio mit Liegestühlen an der Ostsee, für das die AOK Nordost exklusiver Partner war und das von der Süddeutschen Zeitung trefflich als „eine Art AOK-Kongress“ bezeichnet wurde. Nur noch peinlich war der Versuch, Twitter in die Sendung einzubinden – mit einem hilflosen Oliver Kahn.

Am Tag 1 nach der EM fassen wir uns an den Kopf – und können es inzwischen nur zu gut verstehen, wenn im Freundeskreis „über die Medien“ geschimpft wird. Normalerweise versuche ich, den Journalismus und die Journalisten zu verteidigen. Heute sind mir die Argumente ausgegangen.

Auch die Schweiz berechnet Sterbedatum der Tageszeitung: 2045

26. März 2012 um 18:23 | Veröffentlicht in Kapitel_4, Medienökonomie, Zeitung | Hinterlasse einen Kommentar

Na, wer sagt’s denn: Auch wenn die statistisch berechnete Todesanzeige als „unwissenschaftlich“ angesehen wird, bleibt sie spannend und herausfordernd. Die Schweizer „Werbewoche“ hat es mir nachgemacht und den Abwärtstrend der gedruckten Tageszeitungen bis zum Untergang hochgerechnet: Dort kommt man auf das Jahr 2045. Und man ist froh, damit näher an der Vorhersage des us-amerikanischen Journalistikprofessors Philip Meyer (im Buch „The Vanishing Newspaper“ hat er 2043 berechnet) zu liegen als am deutschen Journalistikprofessor Klaus Meier mit dem Ergebnis 2034 ;-):

„Wir sind bei 2045 geblieben, weil dies nicht nur in der Nähe des amerikanischen Professors liegt, sondern auch hinreichend weit weg ist, um eine Panik in der Schweizer Medienbranche zu vermeiden.“

Bild nicht mehr „größte Tageszeitung Europas“: Britische Sun hat jetzt mehr Auflage

8. März 2012 um 11:24 | Veröffentlicht in Kapitel_4, Medienökonomie, Zeitung | 7 Kommentare

Die Zeitung „Bild“ ist seit Jahrzehnten sehr stolz darauf, die „größte Tageszeitung Europas“ zu sein. Nicht nur in den Selbstdarstellungen der „Bild“ und des Axel-Springer-Verlags, auch in der ganzen Branche wird das immer wieder betont. So schrieb zum Beispiel das Handelsblatt noch im September 2011: „Bild ist mit täglich 2,9 Millionen verkauften Exemplaren die mit Abstand meistverkaufte Zeitung in Europa.“ Damit ist jetzt Schluss. Die aktuellen IVW-Zahlen für das viertel Quartal 2011 weisen die „Bild“ mit einer verkauften Auflage von 2.702.206 aus. Die britische „The Sun“ hat jetzt die „Bild“ überholt: Die aktuelle Auflagenstatistik listet die „Sun“ für den Januar mit 2.751.219 als „average sale“ aus.

Natürlich kann sich das wieder ändern. Die „Sun“ schwankt von Monat zu Monat relativ stark – zwischen August und Dezember 2011 zwischen 2,80 und 2,53 Mio. Und die „Bild“ hatte Ende 2011 schon ein ausgesprochen schlechtes Quartal (der Jahresschnitt 2011 dürfte bei ca. 2,84 Mio. liegen). Aber die „Bild“ verliert kontinuierlich 150.000 Exemplare im Jahr, lag vor zehn Jahren bei 4 Mio. – und es bleibt festzuhalten, dass die Aussage über die „größte Tageszeitung Europas“ künftig immer aktuell zu recherchieren ist und dass Lexikoneinträge umgeschrieben oder ergänzt werden sollten. Auch beim Infomaterial des Springer-Verlags unter dem Titel „Daten und Fakten zu Europas größter Tageszeitung“ stimmen die Fakten nicht mehr.

Statistisch berechnet: Im Jahr 2034 erscheint die letzte gedruckte Tageszeitung

6. März 2012 um 17:27 | Veröffentlicht in Journalismusforschung, Kapitel_4, Kapitel_7, Zeitung | 54 Kommentare

Für Vorträge in diesen Tagen habe ich die Auflagenzahlen der gedruckten Tageszeitungen in Deutschland der vergangenen 20 Jahre in eine einfache Trendberechnung geschickt. Das Ergebnis ist frappierend: Fast alle Werte liegen tatsächlich sehr genau auf einer Kurve, die sich langsam, aber immer stärker senkt. Im Jahr 1992 waren es noch 26 Millionen verkaufte Tageszeitungen, 2002 23,2 Millionen (minus 11%) und 2011 nur noch 18,8 Millionen (minus 19%). Die Statistik sagt uns voraus: 2022 werden noch ca. 11 Millionen Exemplare verkauft – und 2034 ist dann Schluss.

Statistiker mögen mich dafür steinigen, dass ich für diese schnelle Berechnung mit Excel gearbeitet habe. Mir geht es auch nicht darum, das Jahr des Untergangs exakt vorauszusagen. Denn wie immer bei Prognosen können sich die Randbedingungen massiv ändern. Wenn zum Beispiel ein neues elektronisches Trägermedium für tagesaktuellen, auf Text basierenden Journalismus billig produziert und massenhaft verkauft werden sollte – dann ist wohl früher Schluss mit der täglich gedruckten News und damit, dass wir jede Nacht Papier bedrucken, es mit Lastwägen durch die Gegend karren, von Austrägern in Briefkästen stecken lassen, es ca. 10 bis 40 Minuten zum Lesen benutzen, anschließend in die Tonne werfen, es wieder von Lastwägen abholen lassen, zu Altpapier verarbeiten, es wieder über Nacht…

Kurzum: Es lebe der Journalismus, aber wie lange noch täglich gedruckt – das wissen wir nicht.

Immer wieder: die Kampagnen der Verlagsredaktionen gegen ARD und ZDF

26. September 2011 um 9:03 | Veröffentlicht in Öffentlich-rechtliche, Kapitel_4, Medienökonomie, Qualität, Zeitung | Hinterlasse einen Kommentar

Stefan Niggemeier hat den gestrigen Sonntag genutzt, um auf ein wiederkehrendes Problem hinzuweisen: Die Medienredaktionen von Zeitungsverlagen berichten nicht unabhängig und fair über die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten. Dieses Mal geht es um eine völlig verzerrte Darstellung der Forderungen nach einer Gebührenerhöhung. ARD/ZDF wollen sparen und fordern weit weniger als die Inflationsrate. „Zeit“, „Bild“, „FAZ“ und viele andere sehen darin Maßlosigkeit und Gier. Das ist Kampagnenjournalismus, der nicht nachzuvollziehen ist. Niggemeier hat dies klar analysiert und dargelegt.

Redaktionelle Transparenz und redaktionelle PR bei der NYTimes: Wie eine Redaktion mit Videos aus der Konferenz für sich selbst wirbt

24. März 2010 um 9:58 | Veröffentlicht in Ethik, Internet, Journalismusforschung, Kapitel_7, Qualität, Redaktion, Zeitung | 1 Kommentar

Über redaktionelle Transparenz habe ich hier schon oft gebloggt: über Video-Blattkritik bei der Bild-Zeitung, über offene Redaktionen mit Videos aus Konferenzen und internen Diskussionen in Schweden und den USA und über Transparenz durch Leseranwälte und Redaktionsblogs. Seit 22. März sendet die New York Times ein tägliches Video aus der Redaktion: Der so genante TimesCast ist – wie so häufig bei derartigen Formaten – eine Mischung aus einerseits Transparenz und Offenheit über redaktionelle Entscheidungen und andererseits redaktioneller Public Relations für die Arbeit der Redaktion und die Marke NYTimes. Man kann Ausschnitte aus der Redaktionskonferenz sehen oder bekommt Erklärungen von Journalisten über den speziellen Zugang zu einzelnen Geschichten. Im Gegensatz zu den Videos aus der Redaktion der Nachrichtensendung “Aktuellt” des schwedischen öffentlich-rechtlichen Senders SVT (Projekt 2007-2009 „Offene Redaktion“) hat man bei der NYTimes jedoch den Eindruck, dass es fast ausschließlich um PR geht – und weniger um Offenheit gegenüber den Nutzern über Debatten und Konfliktlinien in der Redaktion.

Es ist noch längst nicht geklärt, wie Redaktionen mit den neuen Möglichkeiten der Transparenz im Internet umgehen sollen – eine neue handwerkliche Frage, aber auch eine ethische Frage. Und eine Forschungsfrage: Führt Transparenz tatsächlich zu mehr Vertrauen? – In Vorträgen (vgl. z.B. 1, 2) und jüngst in einem Buchbeitrag habe ich auf diese neuen Chancen und Risiken hingewiesen (vgl. auch mein Interview im Deutschlandfunk zu diesem Thema).

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